Ein neues Buch stellt Leben und Werk des sehr anregenden, im deutschsprachigen Raum zu wenig bekannten Westschweizer Theologen Maurice Zundel vor. Daniel Kosch stellt es vor.
Mit Maurice Zundel (1897-1975) ist im deutschen Sprachraum ein Theologe, Denker und Mystiker noch zu entdecken, der im französischen Sprachraum und insbesondere in der französischsprachigen Schweiz recht bekannt ist. Auch mehr als 50 Jahre nach seinem Tod gibt es eine Webseite und ein Begegnungszentrum, die seinen Namen tragen, vier Gesellschaften, die seinem Werk und Wirken verpflichtet sind, und eine neunbändige Gesamtausgabe seiner Werke.
Ein schmales, aber nahrhaftes Buch leistet nun einen wichtigen Beitrag zur Auseinandersetzung mit Maurice Zundel im deutschen Sprachraum. Herausgeber sind der Theologe Claude Bachmann (*1985), der über Maurice Zundel promoviert, und der Historiker und Theologe Alois Odermatt (*1936), der sich seit Jahrzehnten mit Zundel befasst.
Ich ist ein anderer

Zundel war breit interessiert und in vielen Gebieten bewandert: Philosophie, Naturwissenschaften, Psycho-Analyse, Literatur, Poesie und Theologie. Auch wenn viele seiner Texte nicht kompliziert oder fachtechnisch sind, sind seine Gedankengänge anspruchsvoll, ist er doch mit Nietzsche, Heidegger, Camus im Gespräch, greift auf Erkenntnisse Physik und Biologie zurück und verwebt die verschiedenen Fäden sehr eigenständig. Das Vorwort (7ff.) und die einleitenden Beiträge zu Leben und Werk (Alois Odermatt, 13ff.) und zum multiperspektivischen Denken von Maurice Zundel (Claude Bachmann, 31ff.) sind daher sehr hilfreich. Sie erleichtern den Zugang und machen auf zentrale Aspekte aufmerksam, denen man in den neun ausgewählten Texten von je etwa zehn Seiten wieder begegnet.
Welcher Mensch und welcher Gott?
Schon das Zitat, mit dem Bachmann seinen Text überschreibt, ist aus mehreren Gründen bezeichnend: «Welcher Mensch und welcher Gott?».
- Zum einen macht es auf den fragenden, suchenden Charakter von Zundels Denken aufmerksam. «Nur mit Mühe» habe er im Studium die Scholastik ertragen, sie «schien ihm das Göttliche in ein System einzukerkern» (18), während er selbst von Gott als «Begegnung» spricht, «die jeder Mensch in sich machen muss» (40) und das Göttliche häufig als «Présence» chiffriert (41).
- Zum zweiten benennt das Zitat zwei der drei zentralen Aspekte im Denken Zundels: «1. die Frage nach Gott, die er in seinen theologischen Reflexionen erörtert; 2. die Frage nach dem Menschen, die er in seinen philosophisch-anthropologischen Überlegungen reflektiert; 3. die sozialpolitische und gesellschaftskritische Analyse, die sich in seiner Auseinandersetzung mit den Herausforderungen seiner Zeit widerspiegelt» (31).
- Vor allem aber verweist die Doppelfrage auf die Zusammengehörigkeit der beiden Fragen. Fälschlicher Weise habe man «Gott im Aussen angesiedelt […] als einen Fremden», mit der Folge, dass die Welt «diesem lebensfremden Gott gegenüber ebenfalls indifferent, wenn nicht gar ablehnend [bleibt]» (84). Aber Gott sei «derjenige, dem wir begegnen, sobald wir uns wirklich selbst begegnen: als das Herz unseres Innersten. Und so nehmen wir in der Stille unserer selbst – wenn wir alle Geräusche zum Schweigen bringen – jene lautlose Musik wahr, die der lebendige Gott ist. […] In dieser Richtung müssen wir suchen; in dieser Richtung müssen wir Zeugnis ablegen. […] Die Menschen dürfen sich nicht unter der Kontrolle eines Despoten fühlen, sie dürfen niemals das Gefühl haben, dass ihr Leben willkürlich eingeschränkt wird und dass sie sich ständig einer von aussen auferlegten Regel unterwerfen müssen» (86).
Alles galt es zu ändern, alles infrage zu stellen
Der Versuch «Gott jenseits gängiger Vorstellungen zu denken» (7) und die Verbindung von «Begegnung mit sich und Begegnung mit Gott» (68) prägten schon das Denken des jungen Vikars. «Er dachte Gott vom Menschen her, als Geheimnis, als Wirklichkeit, die nicht herrscht, sondern allen und allem innewohnt» (7). Damit erschloss er Perspektiven, die bis heute hilfreich sind, aber damals bei traditionell Denkenden Anstoss erregten. Zusammen mit in jener Zeit unkonventionellen Methoden und Themen in der Katechese und in der Jugendarbeit hatte das zur Folge, dass sein Bischof Zundel 1925 in «ein Exil von 21 Jahren» (21) schickte, mit Stationen in Rom, Frankreich, London, Jerusalem und Kairo. Nach dem Tod des Bischofs kehrte er 1946 in die Schweiz zurück und wirkte bis zu seinem Tod von Lausanne aus als «Prediger, Vortragsredner, Schriftsteller und Exerzitienleiter im In- und Ausland» (24).
Über seine Erfahrungen Ende der 20er-Jahre schreibt Odermatt: «In der spirituellen Einöde Charentons meinte Zundel, vor innerer Austrocknung sterben zu müssen. Später wird er diese Momente als grausame Erfahrung preisen. Er erfuhr, dass er seinen eigenen Weg im Denken und Handeln finden musste. […] In dieser Zeit machte Maurice Zundel die spirituelle Grundentdeckung seines Lebens. Anhand der Gestalt des Franz von Assisi erlebte er die ‘Armut’ als Lebensimpuls von allem: das Loslassen, das Leer-Werden, die Sehnsucht über sich selbst hinaus. Auch das Göttliche sei Leere» (22).
Rückblickend sagte Zundel selbst: «Alles galt es zu ändern, alles infrage zu stellen: die gesamte Bibel, die gesamte Überlieferung, die gesamte Liturgie, die gesamte christliche Moral, die gesamte Philosophie, das gesamte Verständnis von Erkenntnis und Wissenschaft, von Eigentum und Recht, auch das gesamte Verständnis von Hierarchie» (22).
Der Mensch ist das einzige Geschöpf,
das sich weigert zu sein, was es ist (Camus).
Vor diesem Hintergrund wird vielleicht besser verständlich, weshalb Zundel wiederholt betont, dass der Mensch «sich nicht mit seinem vorgefertigten, vorbestimmten Leben zufriedengeben muss» und auch nicht zufriedengeben darf. «Auch wenn er zunächst vorgefertigt ist, muss er dennoch eine Wahl treffen und eine Verantwortung übernehmen. Er muss zu dem, was er von Geburt an ist, etwas hinzufügen, was er von Geburt an gerade noch nicht ist. Er muss ein anderer Mensch werden als der, der er ist. […] Spiritualität wird in dem Moment wahrnehmbar, erfahrbar und tragfähig, in dem wir uns bewusst werden, dass wir nicht in dem Zustand bleiben können, in dem wir von Geburt an sind» (57). Als wichtige Merkmale dieses «anderen Menschen» nennt Zundel immer wieder «Hingabe», «Liebe» und «Freiheit», die sich «in der Begegnung mit dem Anderen verwirklicht. Zundel spricht von der Grösse des Menschen, aber er spricht nicht so davon, als sei diese selbstverständlich gegeben, sondern versteht sie als Gabe, die sich dem selbstlosen Einsatz und der damit verbundenen Entdeckung Gottes im «Innersten unserer Seele» (157) verdankt.
Kult des eigenen Selbst
bei gleichzeitiger Verachtung der anderen
Dieses Menschenbild und die Praxis, die daraus resultiert, haben eine starke politische Dimension. Zundel versteht «Krieg, Lüge, Massenmord oder niederträchtige Verbrechen, Zwang, Ungerechtigkeit, Elend, Frauenhandel und die kommerzielle Ausbeutung von Sex» als Folgen eines «Kult[es] des eigenen Selbst bei gleichzeitiger Verachtung der anderen. […] Das ist das Schicksal der intelligenten Bestie, zu der wir werden, sobald wir aufhören, uns selbst zu übersteigen» (98). Entsprechend scharf prangerte er den «Skandal des Elends» (123) an.
«Aus diesem Grund, so Zundel, müsse der Mensch se faire homme – sich zum Menschen machen –, d.h. das ‘vorgefertigte’, ‘biologische’, ‘besitzergreifende, ‘instinktive Ich’ in einem Prozess der Humanisierung überwinden. […] Entscheidend ist nun, dass nach Zundels Verständnis jeder Mensch das Potenzial und die Fähigkeit zu dieser radikalen Umwandlung in sich trägt […]: Ich bin nicht, aber ich kann sein» (39). Zu diesem Prozess schreibt Bachmann in seiner Einleitung: «Der humanisierte Mensch, das ‘neue Ich’ ist für Zundel daher kein abgeschlossener Zustand, sondern ein fragiler, fortlaufender Prozess, auf den man sich immer wieder neu einlassen muss. Und dieser Prozess der Humanisierung führt für Zundel unweigerlich zur Frage nach Gott» (39).
Gott ist so zerbrechlich, wie er Liebe ist
Da Zundel überzeugt ist, dass Gott nicht im Aussen angesiedelt ist, betont er: «Gottes Gegenwart kann sich in unserer Geschichte nur durch unsere Vermittlung verwirklichen. Er erscheint nur in dem Masse, wie wir Ihn durchscheinen lassen. Es ist sinnlos, Ihn beweisen zu wollen: Es geht darum, Ihn sichtbar zu machen» (121), was wiederum bedingt, dass der Mensch nicht bleibt, der er ist, sondern der wird, der er sein kann.
Entsprechend spricht Zundel von einem Gott, der «arm», «zerbrechlich» und deshalb «wehrlos» ist, «denn er hat nichts, was ihn schützen könnte, er ist nichts als seine Liebe. Und es genügt, dass wir ihm unsere Liebe verweigern, damit sich nichts mehr erfüllen kann. […] So geht es nicht darum, uns vor einer Bedrohung durch Gott zu retten, sondern Gott vor der Bedrohung zu retten, die wir für ihn sind, vor unserer Finsternis, vor unserer Undurchsichtigkeit, vor unseren Begrenzungen, die ihn unaufhörlich zum Götzen machen. […] Gott ist so zerbrechlich, wie er Liebe ist. […] Es genügt, das Herz zu verschliessen, und die Liebe kann nichts mehr ausrichten» (154f).
Eine Botschaft, die an die existenziellen
Wurzeln der Fragen geht
Ich schliesse diesen Versuch, einige Grundlinien der vorliegenden Auswahl von Texten Maurice Zundels nachzuzeichnen, mit ein paar Hinweisen, weshalb ich die Einschätzung der Herausgeber teile, es sei «dringlich», die Person Zundel und sein Denken für den deutschsprachigen Raum zugänglich zu machen:
Zundel postuliert in einem seiner Texte: «Wenn der einfache Mensch von der Strasse eine Kirche betritt, soll er dort eine Botschaft hören, die an die Wurzeln seiner existenziellen Fragen geht» (58). Diesem Anspruch werden die vorliegenden Texte gerecht. Sie begnügen sich nicht damit, «die Menschen abzuholen, dort wo sie stehen» oder «Aktualitätsbezüge» des Evangeliums zu benennen, sondern nehmen die Leser:innen auf einen ebenso bereichernden, wie ungewohnten und anspruchsvollen Weg «an die Wurzeln der existenziellen Fragen» mit und haben auch den Mut zu Antwortversuchen.
Zundels Gottes- und das Menschenbild samt der engen Verknüpfung der Fragen «Welcher Mensch und welcher Gott» sind auch 50 Jahre nach seinem Tod noch bedenkenswert. Sie werden in einer dichten, an Texte der Mystiker:innen erinnernden, intellektuell aber auch emotional bewegenden, teils poetischen Sprache entfaltet, die ich für geeignet halte, in gleichzeitig post-christlichen und post-säkularen Zeiten von einem Gott zu sprechen, der zwar «nicht mehr notwendig» ist (Jan Loffeld), aberfür manche gerade deshalb existenziell wichtig wird.
Viele unserer Versuche, auf den gesellschaftlichen Bedeutungsverlust des Christentums und die zunehmende Irrelevanz von Religion für den Alltag vieler Menschen zu antworten, sind auf die Rolle und Krise der Institution Kirche und die ungünstigen soziologischen Rahmenbedingungen fokussiert. Von Gott und vom Menschen hingegen wird vielfach mit grösster Selbstverständlichkeit und «erschreckender Leichtigkeit» (51) gesprochen. Das war für Zundel «ein wesentlicher Grund für die Krise des christlichen Europas des 20. Jahrhundert». Daraus ergab sich für ihn das Desiderat, die Kirche müsse sich die Frage stellen «von welchem Gott sprechen wir – und von welchem Menschen?» (31).
Maurice Zundel, «Ich ist ein anderer». Ausgewählte Texte. Herausgegeben, eingeleitet und übersetzt von Claude Bachmann und Alois Odermatt, Theologischer Verlag: Zürich 2026, 165 Seiten.
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Daniel Kosch, Dr. theol., leitete von 1992-2001 die Bibelpastorale Arbeitsstelle SKB und war von 2001-2022 Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) . Seit 2023 ist er Präsident des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.
Jüngste Publikation: «Synodal und demokratisch. Katholische Kirchenreform in schweizerischen Kirchenstrukturen» (Edition Exodus, Luzern 2023).
Foto: Christoph Knoch
Beitragsbild: Maurice Zundel am Strand von Ostia


