Jael Bartholet und Julie Mattey geben Einblick in ihre Forschung zur Praxis des Miteinanders in der kulturell diversen katholischen Kirche in der Schweiz. Eva Baumann-Neuhaus hat mit ihnen gesprochen.
Kulturelle Diversität gehört zur DNA der weltumspannenden katholischen Kirche. Was lange Zeit vor allem über Länder und Kontinente hinweg Realität war, ist in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend im unmittelbaren Lebensumfeld angekommen. In einer von Globalisierung und Migration geprägten Gegenwart sind soziale Räume entstanden, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Prägung aufeinandertreffen und den Alltag gemeinsam gestalten müssen.
Nebeneinander existieren reicht nicht
Die katholische Kirche in der Schweiz ist so vielfältig wie die Gesellschaft selbst. Unterschiedliche Sprachen, kulturelle Hintergründe und Traditionen prägen das kirchliche Leben. Diese Vielfalt stellt die Kirche jedoch auch vor Herausforderungen: Was heisst es, gemeinsam Kirche zu sein? Wie gestaltet sich das Miteinander im kirchlichen Alltag? Und unter welchen Bedingungen ist ein solches Miteinander möglich und tragfähig?
Zunehmend wird deutlich, dass es nicht mehr ausreicht, wenn lokale Pfarreien und migrantisch geprägte Sprachgemeinschaften[1] lediglich nebeneinander existieren. Gefragt ist eine interkulturelle Kirche – eine Kirche, die sich nicht mit der blossen Akzeptanz kultureller Vielfalt zufriedengibt, sondern verstärkt auf Zusammenarbeit, gegenseitiges Lernen und geteilte Verantwortung setzt.[2]
Zusammenleben täglich neu aushandeln
Doch wo Parallelstrukturen aufgebrochen werden, entstehen Kontaktzonen, in denen die Beteiligten das Zusammenleben täglich neu aushandeln müssen. Wie dies konkret aussieht, wird derzeit im Rahmen einer vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Studie in urbanen Kontexten der Diözesen Basel und Lausanne-Genf-Freiburg untersucht: «Miteinander: Genese, Praxis und Prozesse multikultureller katholischer Gemeinschaften»[3]. Dabei lassen sich unterschiedliche Formen und Grade des Miteinanders beobachten.
Die Doktorandinnen Julie Matthey und Jael Bartholet haben sich bereit erklärt, erste Einblicke in ihre Beobachtungen in der Deutschschweiz und in der Romandie zu geben. Das Interview führte Eva Baumann-Neuhaus (Projektleitung).[4]
Ganz unterschiedliche Formen des Miteinanders
Die Vision einer interkulturellen Kirche, wie sie die Schweizer Bischofskonferenz und die Römisch-katholische Zentralkonferenz in ihrem Konzept «Auf dem Weg zu einer interkulturellen Pastoral» [5] skizzieren, sieht vor, dass lokale Pfarreien und Sprachgemeinschaften enger zusammenrücken. Nimmt diese Vision in der Praxis Gestalt an?
Julie Matthey: Ja. In der Diözese Lausanne-Genf-Freiburg wird dieses Miteinander vielerorts bereits sehr konkret sichtbar – besonders in Renens, einem kulturell sehr vielfältigen Vorort von Lausanne. Es zeigt sich beispielsweise in mehrsprachigen Gottesdiensten oder in der Musik, wenn gemischte Chöre Menschen verschiedenster Herkunft zusammenbringen. Auch karitative Initiativen werden regelmässig gemeinsam von Pfarreien und Sprachgemeinschaften organisiert, und an «dimanches solidaires» kann es vorkommen, dass eine Gruppe kocht und die andere für die Logistik zuständig ist – ein arbeitsteiliges Miteinander.
Voneinander zu lernen und sich dabei selbst verändern
Besonders spannend ist, wenn kulturelle Bräuche oder rituelle Eigenheiten einer Sprachgemeinschaft Eingang in eine gemeinsame Praxis finden, an der alle teilhaben. In einer Waadtländer Pfarrei wurde beispielsweise das typisch italienische «Brotteilen» am Karfreitag zu einer Tradition für alle. Das zeigt: Gemeinsames Handeln bedeutet nicht nur, den anderen gegenüber offen zu sein, sondern auch voneinander zu lernen und sich dabei selbst zu verändern. Die Formen des Miteinanders sind vielfältig.
Jael Bartholet: Auch ich beobachte in meiner Forschung im Bistum Basel ganz unterschiedliche Formen des Miteinanders. Während etwa an einem Ort vor allem institutionalisierte, punktuelle Anlässe mehrmals im Jahr stattfinden – wie der Gottesdienst zum «Tag der Migrantinnen und Migranten», ein jährlicher Austausch oder das Pfarreifest –, ist das Miteinander an einem anderen Ort im Bistum vielfältiger und stärker im Alltag verankert: Im Verlaufe des Jahres führen die Ortspfarrei und die Sprachgemeinschaften mehrere Gottesdienste zusammen durch, sie treffen sich für gemeinsame Planungstreffen und organisieren Kinderanlässe, welche von Kindern der Ortspfarrei und einer Sprachgemeinschaft besucht werden. Die Priester der Ortspfarrei und der Sprachgemeinschaften treffen sich regelmässig zum Austausch, und die Kirche wird gemeinsam geputzt – um nur einige Beispiele zu nennen. Neben dieser Vielfalt ist auch eine Veränderbarkeit des Miteinanders zu beobachten. Neue Formen des Miteinanders werden ausprobiert, was Anklang findet, wird beibehalten. Zudem geht die Entstehung eines Teils dieser gemeinsamen Anlässe auf die Initiative von Sprachgemeinschaften zurück.
Von einer reinen «Gastgeber»-Identität hin zu einer partnerschaftlichen Orientierung
Stimmt es, dass die Beziehungen zwischen lokalen Pfarreien und Sprachgemeinschaften oft von einem «Gastgeber-Gast»-Narrativ geprägt sind, das aus der Zeit der Gastarbeiterbewegung stammt? Oder gibt es andere Modelle von Zugehörigkeit und Zusammenarbeit, die ihr Zusammenwirken beeinflussen?
Julie Matthey: Ja, dieses Modell ist nach wie vor wirksam, aber nicht mehr überall. Dort, wo Sprachgemeinschaften wie «Mieter» behandelt werden, die Räume nutzen, die eigentlich der Ortspfarrei gehören. Dort bleibt die territoriale Pfarrei als Referenzrahmen vorherrschend, innerhalb dessen die Sprachgemeinschaft ihren Platz finden muss – zu den Bedingungen der Pfarrei. Die Beziehung basiert dann eher auf einer Logik des Empfangens als auf Mitverantwortung und Partnerschaft.
Es gibt aber auch andere Modelle, in denen die Sprachgemeinschaften am Pfarreileben teilhaben. Beispielweise bieten die sogenannten «unités pastorales» oder «Seelsorgeräume», entstanden durch Zusammenschlüsse von Pfarreien, neue Möglichkeiten für mehr Zusammenarbeit – nicht nur zwischen Pfarreien, sondern auch zwischen Pfarreien und Sprachgemeinschaften. Diese grossen pastoralen Räume bieten förderliche Rahmenbedingungen für eine Praxis des Miteinanders, d. h. auch für eine stärkere Einbindung der Gemeinschaften in einen gemeinsamen Rahmen. Das stärkt nicht nur Zugehörigkeitsgefühl, sondern verändert in manchen Fällen auch das Selbstverständnis der Pfarrei – weg von einer reinen «Gastgeber»-Identität hin zu einer partnerschaftlichen Orientierung. In der Romandie lässt sich diese Entwicklung durchaus beobachten.
Das Narrativ von «Gastgebern» und «Gästen» ist weiterhin wirkmächtig
Jael Bartholet: Ich kann Julies Beobachtung bestätigen. Auch im Bistum Basel gibt es Orte, an denen Sprachgemeinschaften, welche die Kirchenräume der Pfarrei für ihre Gottesdienste nutzen, von dieser als „Gastgruppen“ bezeichnet werden. Die Offenheit gegenüber kultureller Vielfalt ist hier Ausgangspunkt und Rahmen des Zusammenlebens. Anderswo bildet der gemeinsame „Seelsorgeraum“ den Rahmen des Miteinanders, der gemeinsame katholische Glaube wird dabei betont. Wie bereits beschrieben, ist dabei die Praxis des Miteinanders sehr vielfältig und dynamisch. Es lässt sich jedoch beobachten, dass die Entscheidungsmacht an beiden Orten letztendlich bei den Ortspfarreien liegt. Nach aktuellem Stand meiner Forschung würde ich deshalb bestätigen, dass das historisch bedingte Narrativ von «Gastgebern» und «Gästen» in beiden Modellen weiterhin wirkmächtig ist.
Für eine gleichberechtigte Partizipation fehlt eine formale Rolle der Sprachgemeinschaften in Entscheidungsprozessen.
Wenn wir von «Miteinander» sprechen, geht es letztlich auch um Partizipation. Wie steht es um die gleichberechtigte Teilhabe der Sprachgemeinschaften in der katholischen Kirche in der Schweiz?
Jael Bartholet: Im Hinblick auf ökonomischen Strukturen gibt es im Bistum Basel Orte, wo die Sprachgemeinschaften das Kirchengebäude und das Pfarreizentrum unentgeltlich nutzen können. Eine gleichberechtigte Zusammenarbeit ist jedoch in Bezug auf die Anzahl der bezahlten Mitarbeitenden nicht gegeben, denn Sprachgemeinschaften leisten neben ihrem Engagement für die eigene Gemeinschaft auch bei gemeinsamen Veranstaltungen mit Ortspfarreien mehr Freiwilligenarbeit als diese. Letztere haben dafür (zusätzlich zu ihren Freiwilligen, die jedoch aufgrund des Mitgliederrückgangs und der höheren Altersstruktur immer weniger werden,) ein entlöhntes Team zur Verfügung. Bezogen auf die Mitsprachemöglichkeit beobachte ich, dass an verschiedenen Orten die Sprachgemeinschaften in Entscheidungsprozesse eingebunden sind, ein wichtiger Aspekt auf dem Weg hin zu einer gleichberechtigten Zusammenarbeit. Dennoch fehlt für eine gleichberechtigte Partizipation, trotz allem Wohlwollen der Ortspfarreien, eine formale, verbindliche Rolle der Sprachgemeinschaften in Entscheidungsprozessen.
Strukturen garantieren noch keine gelebte Partizipation – aber sie schaffen die Voraussetzungen
Julie Matthey: In der Waadt lassen sich partizipative Ansätze und Strukturen beobachten: In einigen «unités pastorales» sind Sprachgemeinschaften fest in den Pastoralräten vertreten. Das Miteinander geht dort über punktuelle Absprachen hinaus und prägt die Entscheidungsprozesse und Gestaltung des gesamten kirchlichen Lebens. Verantwortung wird geteilt und auch der Zugang zu finanziellen Ressourcen wird mancherorts über eine gemeinsame Kasse geregelt. Damit nimmt die Zusammenarbeit eine sehr konkrete und alltägliche Form an. Natürlich garantieren Strukturen noch keine gelebte Partizipation – aber sie schaffen die Voraussetzungen dafür, dass sich diese über ein blosses und punktuelles «Dazubitten» hinaus institutionell verankern kann. Es ist ein komplexer Prozess. Doch die Beispiele zeigen ein ernsthaftes Bestreben, Machtverhältnisse neu zu justieren. Dabei spielen der jeweilige Kontext und bereits gemachte Erfahrungen eine wichtige Rolle. Die Romandie kann bereits auf eine längere Entwicklung zurückblicken.
Vielen Dank für diese ersten Einblicke in euer Forschungsfeld. Sie machen neugierig auf mehr. Das Projekt läuft noch bis Mai 2027.
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Dr. Eva Baumann-Neuhaus, Religionswissenschaftlerin und Ethnologin, ist wissenschaftliche Projektleiterin am Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut in St. Gallen. Sie forscht, publiziert und lehrt zu religiösem Wandel, Religion und Biografie, Religion und Migration, Religion und Tradierung, interkulturellen religiösen Gemeinschaften.
[1]Bezeichnung für die nach Sprachen und teilweise auch nach Nationalitäten organisierten migrantischen katholischen Gemeinschaften, frühere Begriffe dafür waren «Missionen» oder «anderssprachige Gemeinschaften».
[2]Für einen vertieften Einblick in die Geschichte und Praxis der kulturell diversen katholischen Kirche in der Schweiz, siehe feinschwarz-Artikel vom 10. Juni 2025., https://www.feinschwarz.net/kirche-kulturell-divers-und-jetzt/.
[3]https://data.snf.ch/grants/grant/212645.
[4]Siehe: https://spi-sg.ch/der-kulturellen-vielfalt-auf-der-spur-feldforschung-in-katholischen-gemeinschaften-in-der-schweiz/.
[5]Schweizerische Bischofskonferenz, Römisch-Katholische Zentralkonferenz: Auf dem Weg zu einer interkulturellen Pastoral. Gesamtkonzept für die Migrationspastoral in der Schweiz. Freiburg & Zürich, 2020.
Beitragsbild: Scott Webb auf unsplash.com.


