Johannes Sabel zeigt auf, welche Elemente verantwortlich sind für den zunehmenden Druck auf die Demokratie, und wie Schulen zu Praxisorten eschatologischer Hoffnung werden könnten.
Die Diagnose, dass Demokratie „unter Druck“ stehe oder „in der Krise“ sei, ist inzwischen allgegenwärtig. Gemeint sind mit diesem Diktum sinkendes Vertrauen in politische Institutionen, polarisierte Öffentlichkeiten, rechtspopulistische Mobilisierung und eine wachsendes Überforderungsgefühl angesichts globaler Polykrisen. Doch vielleicht erleben wir weniger den Zerfall demokratischer Ordnungen als eine Phase ihrer Transformation. Demokratie steht vor der Aufgabe, sich von einer überwiegend formalen Verfahrensordnung zu einer tatsächlich gelebten Lebensform zu entwickeln, vielleicht erst wirklich Demokratie zu werden – eine Entwicklung, die nicht ohne kulturelle, ethische und bildungsbezogene Grundlagen gelingen kann.
verschiedene, zum Teil hochproblematische Symptome
Zunächst: Dass unsere Demokratie sich in eine Phase der Veränderung und darin in einer Krisen- also Entscheidungszeit befindet, wird durch verschiedene, zum Teil hochproblematische Symptome deutlich.
Erstens werden zentrale Voraussetzungen demokratischen Zusammenlebens nicht mehr selbstverständlich geteilt. Dazu gehören etwa die Anerkennung der gleichen Würde aller Menschen, Solidarität mit gesellschaftlich Schwächeren, Akzeptanz von Mehrheitsentscheidungen sowie Ambiguitäts- und Pluralitätstoleranz.Ökonomische Leitbilder des Wettbewerbs, der Individualisierung und der Selbstoptimierung wirken diesen Haltungen entgegen. Ungleichheit, Nicht-Funktionieren, Brüche in Lebenswegen erscheinen zunehmend als individuelles Versagen statt als strukturell wesentlich (mit-)verursacht.
solch zeitaufwendige Prozesse stehen in einem Spannungsverhältnis zu den Logiken des Marktes
Zweitens ist Demokratie eine anspruchsvolle und zeitintensive Praxis. Sie beruht auf sorgfältiger Information, Abwägung, deliberativer Meinungsbildung und der Bereitschaft zur Korrektur. Solch zeitaufwendige Prozesse stehen in einem Spannungsverhältnis zu den Logiken des Marktes, der auf Beschleunigung, Effizienz und Wachstum ausgerichtet ist. Dieser Zielkonflikt wird in vielen Bereichen zugunsten von Geschwindigkeit entschieden – mit demokratiepolitisch hohen Kosten.
Drittens verband sich die Stabilität liberaler Demokratien lange mit dem Idealbild rationaler, informierter und dialogfähiger Bürger*innen. Tatsächlich jedoch trugen ökonomische Sicherheit und soziale Abfederung wesentlich zur demokratischen Stabilität bei. Da beide Faktoren heute erodieren, wird das Defizit an gemeinsam geteilten Orientierungen und an der tatsächlichen Demokratiefähigkeit der Bürger*innen sichtbarer.
einfache Schuldzuweisungen
Viertens nutzen rechtspopulistische Akteur*innen diese Lage gezielt aus. Sie verdichten komplexe Krisenlagen zu Verfallserzählungen und präsentieren einfache Schuldzuweisungen. Studien zur „demokratischen Regression“ zeigen, wie solche Narrative Ängste mobilisieren und Vertrauen in demokratische Verfahren untergraben[1] . Medienlogiken verstärken diese Effekte, indem Zuspitzung und Empörung Aufmerksamkeit generieren.
Fünftens ist die öffentliche Kommunikation zunehmend fragmentiert. Teilöffentlichkeiten werden durch algorithmisch gesteuerte soziale Medien voneinander abgeschottet und emotional aufgeladen. Bernhard Pörksen spricht in diesem Zusammenhang von einem „Aufmerksamkeits- und Empörungsmarkt“, der demokratische Tugenden wie Geduld, Sachlichkeit und Vertrauen systematisch unterläuft[2]. Kollektive Verständigungsprozesse werden dadurch erschwert, soziale Vereinzelung nimmt zu.
Übergang in ein „visuelles Zeitalter“
Sechstens vollzieht sich ein tiefgreifender medialer Wandel. Die „langsame“ Welt des Lesens und Schreibens wird von einer schnellen, bilddominierten Informationsumgebung verdrängt. Gerhard Paul beschreibt diesen Umbruch als Übergang in ein „visuelles Zeitalter“, das Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Urteilsbildung grundlegend verändert[3]. Damit gehen Fähigkeiten verloren, die für demokratische Urteilsbildung zentral sind: Konzentration, Reflexion und relationale Bewertung von Informationen.
Mit dem Bedeutungsverlust von Religion entstehen überhöhte Erwartungen an Politik und Gegenwart
All diese Beobachtungen verweisen auf eine grundlegende (und oft zitierte) Einsicht, die Ernst‑Wolfgang Böckenförde prägnant formuliert hat: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“[4] . Früher übernahmen religiöse Traditionen einen Teil dieser Voraussetzungen: Sinnstiftung, Zugehörigkeit, Kontingenzbewältigung und die Integration von Angst, Trauer oder Wut in Rituale und Erzählungen. Mit dem Bedeutungsverlust von Religion entstehen überhöhte Erwartungen an Politik und Gegenwart, die zwangsläufig enttäuscht werden.
Hoffnung ist eine Praxis, die Wirklichkeit als Raum von positiven Möglichkeiten wahrnimmt.
Hier gewinnt die jüdisch‑christliche Hoffnung neue Bedeutung, ja Verantwortung. Eschatologie meint dabei nicht Weltflucht oder Vertröstung, sondern ein gegenwartsbezogenes Weltverhältnis. Hoffnung ist eine Praxis, die Wirklichkeit als Raum von positiven Möglichkeiten wahrnimmt. Paulus versteht Glauben als ein Leben „in Christus“, in dem die Gegenwart bereits im Licht dessen gesehen wird, was zum Guten möglich ist (vgl. 1 Kor 13,13). Hartmut von Sass beschreibt diese Haltung als einen „modalen Glauben“, der Wirklichkeit im Horizont ihrer Veränderbarkeit liest[5].
Schule als politscher Ort eschatologischer Hoffnung
Solche Hoffnung braucht konkrete Praxisorte. Schule kann ein solcher Ort sein: ein demokratischer Erfahrungsraum, in dem Haltungen eingeübt werden, die gesellschaftlich unter Druck geraten oder als nicht mehr opportun, angemessen gelten. In diesem Sinn kann Schule – besonders in konfessioneller Trägerschaft – zu einer Gemeinschaft werden, die eschatologische Hoffnung praktisch übersetzt.
vier Praxisfelder
An vier Praxisfelder ist dabei zu denken (und sicherlich gibt es weitere):
Erstens: Diversität. Unterschiedlichkeit wird nicht nur toleriert, sondern als Ausdruck eines ethisch universalistischen Menschenbildes anerkannt. Die gleiche Würde aller Menschen begründet eine demokratische wie theologisch motivierte Pluralitätssensibilität.
Zweitens: Schöpfungsbewusstsein. Wenn die Welt als gute Schöpfung mit eigener Würde verstanden wird, entsteht ein planetarischer Horizont der Verantwortung. Ökologische Bildung wird so zur Ausdrucksform einer Hoffnung, die das Leben insgesamt umfasst.
Drittens: Pazifismus im schulischen Alltag. Gewaltfreie Kommunikation, Sensibilität für Machtverhältnisse und die bewusste Arbeit an Konflikten machen Frieden erfahrbar – nicht als bloßes Ideal, sondern als gelebte Praxis demokratischer Anerkennung.
Viertens: Zeiten bewusster Unterbrechung. Byung‑Chul Han spricht von „intensiver Untätigkeit“ als Voraussetzung gelingender Wahrnehmung[6]. Kontemplative Praktiken, Zeiten des Innehaltens und Nachdenkens sind keine pädagogischen Randphänomene, sondern Grundlagen demokratischer Mündigkeit. In dieser Perspektive wird Schule zu einem Ort der Hoffnung – und damit zu einem politisch relevanten Raum. Nicht spektakulär, aber wirksam. Demokratie braucht solche Orte, um zu einer Lebensform zu werden, die Zukunft hat.
Dr. Johannes Sabel, Studium der deutschen Literaturwissenschaften und katholischen Theologie in Münster, Promotion an der Universität Tübingen. Wissenschaftlich tätig am Leo Baeck Institute New York, der Eidgenössisch Technischen Hochschule Zürich und dem Jewish Theological Seminary in New York. Er ist Direktor der Katholisch-Sozialen Akademie Franz Hitze Haus in Münster und Beauftragter des Bistums Münster für die Beziehungen zum Judentum.
Beitragsbild: Jon Tyson auf Unsplash
[1] Vgl. Armin Schäfer / Michael Zürn, Die demokratische Regression, 2021.
[2] Die große Gereiztheit, 2018.
[3] Das visuelle Zeitalter, 2016, S. 9–26.
[4] Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation, 1967.
[5] Außer sich sein. Hoffnung und ein neues Format der Theologie, 2023.
[6] Vita contemplativa, 2022, S. 35–52.


