Felix Maier und Johanna Müller berichten von einer Lehrveranstaltung an der Universität Tübingen, die sich mit der Stuttgarter Neuinszenierung des Stücks „Dialogues des Carmélites“ von Francis Poulenc auseinandersetzte.
„Warum lieben alle jetzt Nonnen?“ fragte Ivana Sokola im vergangenen Dezember in der ZEIT.[1] An der Staatsoper Stuttgart stehen jedenfalls wieder Nonnen im Rampenlicht. Die Neuinszenierung der „Dialogues des Carmélites“ von Francis Poulenc in Stuttgart kommt nicht im Klosterlook daher, bewegt und fasziniert aber tief, indem sie den Stoff zeitgenössisch deutet und damit seine existenzielle Zugänglichkeit freilegt. Gerade deshalb lohnt sich der theologische Blick auf dieses Projekt.[2] Eine Lehrveranstaltung an der Universität Tübingen wagte das Experiment.
Sisterhood, Sterblichkeit, Stellvertretung
Die „Dialogues des Carmélites“ (dt. „Gespräche der Karmelitinnen) sind ein in mehrfacher Hinsicht besonderes Werk. Sie sind der Versuch des französischen Komponisten Francis Poulenc (1899–1963), nach der Katastrophe der Shoah eine neue musiktheatralische Sprache zu finden. Dabei unterscheidet sich Poulenc deutlich von Komponistenkollegen seiner Zeit. Im Auftrag der Mailänder Scala verfasste Poulenc, selbst überzeugter Katholik, ein Opernlibretto auf der literarischen Grundlage der Novelle „Die letzte am Schafott“ (1931) von Getrud von le Fort. Diese – ganz im Geist des Renouveau catholique und dessen literarisch-religiöser Innerlichkeit – verarbeitete das Schicksal der Karmelitinnen von Compiègne und ihr Sterben während der Französischen Revolution literarisch.
Die Schwestern von Compiègne gerieten in die Schusslinie des Revolutionstribunals.
Die streng klausurierten Ordensschwestern lebten nach der Regel der unerschrockenen spanischen Reformerin Teresa von Ávila (1515–1582). Das stellvertretende Gebet der Schwestern sollte nicht banalen Absichten, sondern den harten Bedrängnissen des Christentums und der Wohlfahrt von Staat und Volk gelten. Genau deshalb gerieten die Schwestern von Compiègne in die Schusslinie des Revolutionstribunals und wurden am 17. Juli 1794 mit der Guillotine öffentlich hingerichtet. Zum Schafott gingen sie unter den Gesängen von Salve Regina, Te Deum und Veni creator spiritus. Am Vortag hatten sie in Gefangenschaft zum letzten Mal ihr Patronatsfest „Unsere Liebe Frau auf dem Berge Karmel“ begangen. Ein mutiger Akt der Schwesternschaft in einer Welt von vergifteter Brüderlichkeit.[3]
Die Oper thematisiert im Kern das Ringen um die (eigene) Sterblichkeit und die Frage von Solidarität in dunkelsten existenziellen Bedrohungserfahrungen – 2026 gedeutet als Geschichte über nonkonforme Sisterhood: „Die für ihre feministischen Lesarten bekannte Regisseurin Ewelina Marciniak rückt in ihrer Inszenierung dieses Hybrids aus Thriller, Diskursoper und heiliger Messe die Dynamiken einer Frauengemeinschaft in den Fokus, die inmitten des Terrors um Kommunikation und Mitmenschlichkeit ringt.“[4]
ein „Andersraum“ inmitten einer atemlosen Kultur der Konformität
Das Kloster ohne Klostermauern ist hier gedeutet als verkörperte Heterotopie (Michel Foucault), als durch Körper erzeugter „Andersraum“ inmitten einer atemlosen Kultur der Konformität. Dabei verhilft das Stuttgarter Regieteam den im Stück reflektierten Dynamiken weiblicher Selbstbehauptung zu neuer Sichtbarkeit: dem Selbstopfer der Karmelitinnen und den Befreiungskämpfen der Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Olympe de Gouges (1748–1793).[5] Ewelina Marciniak und ihr Team gehen mutig an gegen die Tilgung weiblicher Sichtbarkeit, indem sie Olympe de Gouges als „Antithese patriarchaler Geschichtsschreibung“ (Hannelore Schröder/Theresia Sauter)[6] leibhaftig auf die Bühne bringen und in einen Empowerment-Dialog mit der Hauptfigur Blanche de la Force treten lassen.
Erfahrungen aus der Lehrveranstaltung
Die Neuinszenierung der „Carmélites“ war Anlass für eine Lehrveranstaltung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen. Im Januar traf sich eine Gruppe Studierender und Interessierter, um Poulencs Oper, ihre historischen Wurzeln und die in ihr verhandelten theologischen Fragen zu erkunden.
Der Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister setzt sich bei seinem Besuch im Tübinger Theologicum zuerst an den Flügel. Er spielt das Salve Regina. Meister taucht direkt in die Musik ein: „Hier an der Wand sehen Sie die Partitur, verfolgen Sie gerne die Noten – und wer mag, ist herzlich eingeladen mitzusingen!“ Poulencs Musik, die die Karmelitinnen singen, während sie zum Schafott gehen, wurde so lebendiger als es jeder Text hätte vermitteln können.
Kirchenpolitik während der Französischen Revolution
Bis dahin hatten sich die Studierenden schon intensiv mit dem Weg von der historischen Wirklichkeit bis zur Inszenierung auf der Bühne auseinandergesetzt. Dabei stand zunächst die Kirchenpolitik während der Französischen Revolution im Mittelpunkt.
In den Biogrammen, die die einzig überlebende Schwester, Josephine-Marie de l’Incarnation, über ihre Mitschwestern verfasst hatte, kamen komplexe religiöse Frauenpersönlichkeiten zum Vorschein.
Dramaturgin Carolin Müller-Dohle öffnete den Blick hinter die Kulissen der Inszenierung und verriet: „Wir können eine überwältigende und auch eine unvernünftige Kunstform sein.“ Im Gespräch mit ihr stellte sich die Frage, ob Stücke auch manchmal störrisch sein und sich der Idee einer Inszenierung gewissermaßen widersetzen können.
Wie lässt sich das Martyrium … in einer „feministischen Story“ inszenieren?
Auch gegenüber einer feministischen und auf traditionelle Klosterästhetik verzichtenden Inszenierung dieser Oper, wie sie in Stuttgart gezeigt wird, könnte sich das Stück störrisch zeigen, so die Diskussion in der Lehrveranstaltung. Nicht nur, dass Musik und Text, aber auch der historische Hintergrund, stark religiös geprägt sind: Wie lässt sich das Martyrium – eigentlich stellvertretende Sühne für die Zerstörung einer christlichen Weltordnung – in einer „feministischen Story“ inszenieren?
Die Diskussion ließ exemplarisch aufscheinen, welches Potenzial das interdisziplinäre Arbeiten von Kirchengeschichte und Systematischer Theologie birgt: Während die Kirchengeschichte den historischen Kontext reflektiert und das dafür nötige Quellenmaterial erschließt, bringt die Dogmatik die Methoden mit, um theologische Begriffe wie Stellvertretung, Martyrium oder Sühne zu analysieren – Schlüsselthemen der Oper. Ein solches „diachrone[s] Gespräch“[7] demonstriert, was zwar theoretisch postuliert werden kann, immer aber der Feuerprobe im konkreten ‚Feld‘ standhalten muss: Dass theologischer Kompetenz als Interpretament weit über kircheninterne Kontexte hinaus hermeneutische Relevanz zukommt.
Theologie als „kulturelles Laboratorium“
Vielleicht zeigt sich an der Begegnung von Theologie und Oper beispielhaft, was Papst Franziskus in seiner Apostolischen Konstitution „Veritatis Gaudium“ 2017 als anspruchsvolle Programmatik formulierte: Theologie fungiert als „kulturelles Laboratorium“, in dem sie eine „performative Interpretation der Wirklichkeit ausübt“ (Nr. 3). Ein Laboratorium ist „ein Ort des Experiments, des Ausprobierens, auch von Gedanken; hier wird gemessen und geprüft, hier werden Modelle und Theorien entwickelt“[8].
„Die Theologie soll im Gespräch mit ihrer Zeit gegenwartsnah arbeiten …“
Bei aller Kritikwürdigkeit der neuen Grundordnung für die kirchlichen Universitäten und Fakultäten[9] ist ein Aspekt für die Auseinandersetzung von Theologie und Kultur doch bedenkenswert: Franziskus forderte die Theologie auf, sich „radikal auf die Fragen der Gegenwart ein[zu]lassen“[10] und sich in einer vernetzten (akademischen) Welt als Diskurspartnerin einzubringen. Mit anderen Worten: „Die Theologie soll im Gespräch mit ihrer Zeit gegenwartsnah arbeiten und sich an der Suche nach Modellen zukünftigen Zusammenlebens beteiligen.“[11]
Transzendenz seitwärts
In der Stuttgarter Inszenierung sterben die Sisters letztlich für ihre Überzeugungen als Solidargemeinschaft. Die Stuttgarter Sisterhood demonstriert die Bereitschaft, für die Verteidigung der eigenen, integren Lebensweise, die niemandem Schaden zufügt, im Zweifelsfall auch mit dem Leben einzustehen. Transzendenz entsteht hier „seitwärts“ (Jochen Wagner): Eine mit einem transzendenten Gott rechnende Martyriumsidee wandelt sich in eine mehr politische Vorstellung von Martyrium.
theologische Auseinandersetzung mit der Oper als Kunstform
Ein Experiment war die theologische Auseinandersetzung mit der Oper als Kunstform sicher. Laboriert wurde an einem Opernstoff, der sich vom Mainstream des Musiktheaters stark abhebt und einer Operninszenierung, die Sehgewohnheiten radikal infragestellt, bisweilen auch bricht. Sieht so Kapitulation und Resignation vor den ‚großen‘ Fragen aus?[12] Beide, Theologie und Oper, tun gut daran, solchen Fragen mit mutigen Experimenten nachzugehen.
Beitragsbild: Presseservice der Staatsoper Stuttgart
[1] https://www.zeit.de/kultur/2025-12/rosal-a-nonnen-lebensmodell-sehnsucht, 15.12.25, Zugriff 26.03.26.
[2] Eine ausführlichere Besprechung der Inszenierung erscheint in Kürze: Felix Maier, Andreas Holzem, Anders leben. Die Theologie im Gespräch mit der Oper, in: Herder Korrespondenz 80 (5/2026), 31–33.
[3] Zum historischen Hintergrund sei verwiesen auf: Andreas Holzem, Felix Maier, Nonnen köpfen. Die Französische Revolution und die Karmelitinnen von Compiègne, in: Staatsoper Stuttgart (Hg.), Programmheft zur Neuproduktion von Francis Poulencs Dialogues des Carmélites, Stuttgart 2026, 41–45.
[4] https://www.staatsoper-stuttgart.de/spielplan/a-z/dialogues-des-carmelites/, Zugriff 26.03.26.
[5] Olympe de Gouges ist die Verfasserin der „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ („Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne“), in der sie die Ausweitung der gut zwei Jahre zuvor erklärten „Menschen- und Bürgerrechte“ auf alle Menschen entwarf: Der Text der Erklärung ist in der Übersetzung von Gisela Bock zu finden unter: https://www.europa.clio-online.de/quelle/id/q63-28390, Zugriff 26.03.26.
[6] Dies., Zur politischen Theorie des Feminismus. Die Deklaration der Rechte der Frau und Bürgerin von 1791, in: APuZ 48 (1977), online unter: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/archiv/530689/zur-politischen-theorie-des-feminismus-die-deklaration-der-rechte-der-frau-und-buergerin-von-1791/, Zugriff 26.03.26.
[7] Michael Seewald, Vernachlässigte Geschichte. Wie wandelbar Glaubenslehren sind, in: Herder Korrespondenz 79 (9/2025), 20–23, hier 21.
[8] Benedikt Kranemann, Forschung im kulturellen Laboratorium. Ein Leitbild für die theologischen Disziplinen, in: Georg Essen/Magnus Striet (Hg.), Nur begrenzt frei? Katholische Theologie zwischen Wissenschaftsanspruch und Lehramt (Katholizismus im Umbruch, Bd. 10), Freiburg i. Br. 2019, 30–41, hier 34.
[9] Exemplarisch Christian Bauer in seinem Nachruf auf Papst Franziskus: Papst Franziskus (1936-2025) – sehr viel und doch zu wenig? Erinnerungen an ein transformatives Pontifikat, 21.04.25, https://www.feinschwarz.net/papst-franziskus-sehr-viel-und-doch-zu-wenig-erinnerungen-an-ein-transformatives-pontifikat/, Zugriff 16.04.26.
[10] Benedikt Kranemann, Kulturelles Laboratorium. Die Apostolische Konstitution „Veritatis Gaudium“, in: Herder Korrespondenz 72 (3/2018), 25–28, hier 25.
[11] Benedikt Kranemann, Forschung im kulturellen Laboratorium. Ein Leitbild für die theologischen Disziplinen, in: Georg Essen/Magnus Striet (Hg.), Nur begrenzt frei? Katholische Theologie zwischen Wissenschaftsanspruch und Lehramt (Katholizismus im Umbruch, Bd. 10), Freiburg i. Br. 2019, 30–41, hier 34.
[12] Jan Brachmann, Der heilige Winnetou, den Vögeln predigend. Messiaen in Stuttgart, 14.06.23, https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/messiaens-saint-francois-d-assise-in-stuttgart-18958318.html, Zugriff 16.04.26.


