Der Film LUISA thematisiert sexuellen und reproduktiven Missbrauch in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Eindringlich und sensibel zeigt er, wie selbstbestimmte Sexualität und körperliche Integrität genau von der Institution bedroht werden, die beides eigentlich garantieren sollte. Ute Leimgruber empfiehlt: unbedingt ansehen.
Es beginnt wie ein Feel-Good-Movie. Mit dem Song „A perfect rainy day“ wird man in den ersten Minuten hineingesogen in den Alltag einer Gruppe von Menschen mit Behinderung. Im Zentrum steht die 22-jährige Luisa (grandios verkörpert von Celina Scharff). Seit kurzem wohnt sie in der Wohngruppe einer Behinderteneinrichtung und arbeitet in einer Wäscherei. Sie flirtet und feiert gern – ihr Lachen ist unwiderstehlich einnehmend –, und sie hat eine Beziehung mit Anton (Dennis Seidel). Kurz: Luisa ist glücklich. Doch allmählich verändert sich die Stimmung. Luisa wird gereizt, stiller, sie zieht sich zurück. Als ans Licht kommt, dass sie schwanger ist, schweigt sie. Anton kann nicht der Vater sein, er ist zeugungsunfähig. Sexueller Missbrauch steht im Raum und die Polizei wird eingeschaltet. Die Ermittlungen werden zur Zerreißprobe für Luisa, für ihre Beziehung zu Anton, für ihre Eltern, ihre Mitbewohner:innen und das ganze Personal der Wohngruppe.
Es sind oft die Beliebten
Der Film LUISA verhandelt reproduktiven Missbrauch und sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung auf mehreren Ebenen gleichzeitig, und tut das mit bemerkenswerter Differenziertheit. Der Film zeigt all die Muster, die die Täter:innen schützen: der Vertrauensvorschuss für die Betreuer im Heim, Gelegenheiten, in denen sie sich unbeobachtet wissen, aber auch epistemische Glaubwürdigkeitsvorbehalte den Menschen mit Behinderung gegenüber. „Es sind oft die Beliebten“, sagt die Polizistin, als herauskommt, wer der Täter ist. Schon vor Jahren seien ihm übergriffige Situationen erzählt worden, aber „ich habe es nicht glauben können“, so der Heimleiter (Peter Lohmeyer).
Bewusst spielt die Geschichte in einem Heim, das die sexuelle Selbstbestimmung der Menschen mit Behinderung wertschätzt. Sex unter den Bewohner:innen ist bekannt und wird begleitet. Anton und Luisa sind verliebt, sie liegen miteinander im Bett, leben ihre Beziehung. Doch der Film zeigt auch, wie hoch die Vulneranz ist. (Achtung ab hier Spoiler!) Holger, der Busfahrer, der die Wohngruppe regelmäßig zur Wäscherei fährt, ist für Luisa wie ein Freund – sie lachen miteinander, singen, haben Spaß. Doch es ist genau dieser Raum der Zuneigung, in dem er die Grenzen überschreitet, die Luisa kaum benennen kann. Und dann ist da Daniel, Betreuer und Sympathieträger der Einrichtung, beliebt, erfahren, immer für die Kolleg:innen da, er übernimmt auch schon mal spontan ihre Nachtschicht. Er berührt die Bewohnerinnen im Rahmen seiner professionellen Tätigkeit, bürstet ihnen die Haare, hilft ihnen bei der Körperpflege – und geht nachts in ihre Zimmer und nötigt sie zum Sex. (Spoiler Ende)
wo sie besonders sicher sein sollten.
Der Film erzählt die bewegende Geschichte einer jungen Frau, die durch sexuellen Missbrauch schwanger wurde. Zugleich zeigt er, dass der Missbrauch von Menschen mit Behinderung kein Einzelfall ist, auch deswegen, weil sie genau da besonders gefährdet und in ihrer körperlichen Integrität bedroht sind, wo sie eigentlich besonders sicher sein sollten. Er spannt ein Spektrum auf von selbstbestimmter gelebter Intimität bis zum systemisch begünstigten Übergriff. Dabei ist die Position des Films klar: Menschen mit Behinderung sind Expert:innen für ihre Sexualität und ihre reproduktiven Rechte[1] – es ist schließlich Luisa, die sich entscheidet, die Schwangerschaft abzubrechen. Und sie wird aus eigenem Willen heraus über den Missbrauch sprechen und so den Täter überführen.
Besonders erwähnenswert ist der paritätische Cast, der aus zehn Schauspieler:innen mit und zehn ohne Behinderung besteht. Die Mitwirkung des Hamburger Ensembles MEINE DAMEN UND HERREN, das seit Jahren inklusive Theaterarbeit auf höchstem Niveau betreibt, ist herausragend.[2] Die Musik von Insa Rudolph begleitet das Leben von Luisa und den anderen Heimbewohner:innen mit feinem Gespür: mal beschwingt, mal melancholisch, mal kaum hörbar, und immer nah dran. In ihrem Drehbuch stellen Julia Roesler und Silke Merzhäuser die richtigen Fragen zum Alltag von Menschen mit Behinderung und den Raum ihrer Autonomie: Wie reagiert eine Institution, die körperliche Integrität und ein selbstbestimmtes Leben sichern soll und dann erkennt, dass genau das Gegenteil, die Verletzung körperlicher und sexueller Grenzen, in ihr geschehen ist? Was bedeutet sexuelle Selbstbestimmung bei Menschen mit Behinderung, und was reproduktive Selbstbestimmung? Was macht eine (ungewollte) Schwangerschaft mit der Beziehung zu den Eltern, die ohnehin schon zwischen Überbehütung und Loslassen changieren? Mit großer Feinfühligkeit erzählt der Film ganz nebenbei noch weitere Geschichten – schöne und traurige: etwa die von Tanja, einer Mitbewohnerin Luisas, und ihrer komplizierten Beziehung zu Kakteen und den eigenen Eltern.
Fazit: LUISA ist eine kluge und sensible Auseinandersetzung mit der Lebenswelt von Menschen mit Behinderung, mit sexuellem und reproduktivem Missbrauch und den vulneranten Strukturen der Heimunterbringung. Unbedingte Empfehlung!
LUISA, 2025, Regie: Julia Roesler; Drehbuch: Julia Roesler & Silke Merzhäuser; Kamera: Frank Amann. Mit: Celina Scharff, Katharina Bromka, Michael Schuhmacher, Dennis Seidel, Martin Schnippa, Hadi Khanjanpour, Trixi Strobel, Peter Lohmeyer u.a. 94 Min.
Kinostart am 23. April 2026
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Ute Leimgruber, Dr. theol. habil., Professorin für Pastoraltheologie und Homiletik an der Universität Regensburg. Forschungsschwerpunkt: sexueller und spiritueller Missbrauch in der Kirche, geschlechtsspezifische Gewalt in religiösen Gemeinschaften, Vulneranzhermeneutik in der Theologie. missbrauchsmuster.de
[1] Vgl. hierzu auch Jennessen, Sven/Ortland, Barbara/Römisch, Kathrin, ReWiKs-Grundlagen: Projektüberblick, Forschungs- und Entwicklungsprozess, Materialien. Erweiterung der sexuellen Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen. Qualifizierung von Mitarbeitenden und Bewohnerinnen und Bewohnern in Wohneinrichtungen, hg. v. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) 2020. https://www.sexualaufklaerung.de/fileadmin/user_upload/03_Rewiks/Grundlagen_schwSp/ReWiKs_Grundlagen_SchwSp.pdf.
[2] https://www.meinedamenundherren.net/.


