Martin Ott (Potterhanworth / UK) ergänzt den Beitrag von Matthias G. Hagenhoff vom 3. Juli „Wenn Gott zum Siegel der Macht wird“ zum 250. Geburtstag der USA um einige historische Erklärungen.
Die Vereinigten Staaten wurden bei ihrer Gründung bewusst als säkularer Staat und nicht als christliche Nation konzipiert. Die Trennung von Religion und Staat gehörte zu den bedeutendsten Errungenschaften der amerikanischen Gründerväter, da sie sowohl die politische Freiheit als auch die Gewissens- und Religionsfreiheit schützen wollte.
Die Verfassung der Vereinigten Staaten enthält keinen Bezug auf Gott oder das Christentum als Grundlage der staatlichen Ordnung. Anders als viele europäische Verfassungen leitet sie die Legitimation des Staates nicht aus göttlicher Autorität, sondern aus dem Willen des Volkes ab. Dies kommt bereits in den einleitenden Worten „We the People“ zum Ausdruck. Artikel VI der Verfassung verbietet ausdrücklich religiöse Eignungstests für öffentliche Ämter, der Erste Verfassungszusatz von 1791 untersagt es dem Kongress, eine Staatsreligion einzuführen oder die freie Religionsausübung einzuschränken.
Viele der führenden Gründerväter – insbesondere Thomas Jefferson, James Madison, Benjamin Franklin und Thomas Paine – standen stärker unter dem Einfluss der Aufklärung als unter demjenigen einer orthodoxen christlichen Theologie. Diese waren zwar persönlich religiös, waren sich aber der Gefahren bewusst, die von einer engen Verbindung zwischen Kirche und Staat ausgehen. Deshalb schufen sie eine Verfassung, die keine Religion privilegierte.
In der Literatur wird häufig auf den Vertrag von Tripolis aus dem Jahr 1797 verwiesen, der vom Senat einstimmig ratifiziert und von Präsident John Adams unterzeichnet wurde. Dort heißt es in Artikel 11, dass „die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika in keiner Weise auf der christlichen Religion gegründet ist“. Von Thomas Jeffersons ist die Formulierung einer „Mauer der Trennung zwischen Kirche und Staat“ („wall of separation between Church and State“) überliefert.
Nichtsdestoweniger darf man den gesellschaftlichen Einfluss des Christentums im Amerika des späten 18. Jahrhunderts nicht unterschätzen. Mehrere Bundesstaaten verfügten noch Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit über etablierte Staatskirchen, und viele Gründerväter waren überzeugt, dass Religion einen wichtigen Beitrag zur moralischen Erziehung der Bürger leisten könne. Es ist wichtig, zwischen einer säkularen Bundesverfassung und einer Gesellschaft zu unterscheiden, die in erheblichem Maße christlich geprägt war.
Die Warnungen, die Hagenhoff bezüglich einer Instrumentalisierung der (christlichen) Religion in den gegenwärtigen USA erhebt, sind wichtig und berechtigt. Aber ein Blick auf die Geschichte hilft zu verstehen, dass die USA die eigene Tradition nutzen können, um diesem Trend entgegenzuwirken.
Es ist „amerikanisch“ sich auf eine Revolution zu berufen, die einen Staat hervorbrachte, dessen Legitimation nicht von Gott, sondern von der Zustimmung der Bürger ausging. Die bewusste Trennung von Religion und Staat ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für individuelle Freiheit und demokratische Selbstbestimmung sowie als eines der dauerhaftesten Vermächtnisse der amerikanischen Gründerväter. Das Siegel der Macht geht vom Volk aus – gerade in den USA!
Dr. Martin Ott
Potterhanworth / UK

