Tobit Nauheim, der selbst in Jerusalem tätig ist, formuliert Anfragen an den Beitrag von Friederike Eichhorn-Remmel und Daniel Remmel über die Frage, was es heißt, in Jerusalem Theologie zu studieren.
Wer für einen Studienort wirbt, greift gern zu starken Bildern. Eichhorn-Remmel und Remmel greifen zum stärksten, das Jerusalem derzeit bereithält: zum Krieg selbst. Alarme werden zu Momenten der Verbundenheit, Krise zur Lehrmeisterin, Unterbrechung zur Chance. Das ist rhetorisch elegant gelöst – und genau darin liegt das Problem, wenn die Argumentation nicht am realen Leid der Menschen vor Ort vorbeigehen soll. Denn was hier als Sinngewinn erzählt wird, ist für viele andere schlicht Bedrohung, Erschöpfung, Verlust.
Zentral ist die konsequente Überführung von Krisen- und Konfliktrealität in eine produktive Deutung. Verschiebungen, Unsicherheiten und Alarmmeldungen erscheinen nicht primär als Belastung, sondern als Öffnung, als Anlass zur Wachheit. Diese Bewegung verwandelt eine konflikthafte Realität in eine pädagogisch nutzbare Erfahrung.
Damit geht eine Ästhetisierung von Konflikt einher. Die politische Situation in Jerusalem – mit ihren Asymmetrien, Spannungen und Gewaltpotentialen – erscheint weniger als soziale Realität denn als Resonanzraum für Lernprozesse. Raketenalarm wird zum Moment gemeinschaftlicher Verbundenheit, Unterbrechung führt zu institutioneller Flexibilität. Diese Verschiebung ist nicht falsch, aber selektiv: Sie betont die Erfahrungsqualität des Ausnahmezustands und blendet seine destruktiven Dimensionen weitgehend aus. Problematisch wird dies dort, wo diese Deutung nicht als Perspektive erkennbar bleibt, sondern als implizite Logik des Ortes erscheint. Die Krise erhält einen epistemischen Mehrwert, als garantiere gerade die Unsicherheit besondere Erkenntniskraft. Die Frage nach Überforderung, Exklusion oder langfristiger Belastung bleibt randständig.
Ab wann wird die Beschreibung von Krise selbst zur ästhetischen Stabilisierung von Krise? Und welche Aspekte der Realität geraten beim Werben für das Programm aus dem Blick? Als Werbung für das Studienjahr überzeugt der Text in seiner Binnenlogik. Als Argument über die Besonderheit Jerusalems bleibt er selektiv. Glaubwürdiger wäre er, wenn er auch zeigt, was an dieser Erfahrung nicht integrierbar bleibt.
Dr. Tobit Nauheim, The Martin Buber Society of Fellows, The Hebrew University of Jerusalem, Israel, tobitnauheim@gmail.com , Jack, Josef and Morton Mandel School for Advanced Studies in the Humanities, 9190501 Jerusalem, Israel.

