Absalom und die Herzensverschwörung

Herzblüte

Das Locken der einfachen Erklärungen und Auswege. Anne Herzig erzählt von einer uneindeutigen biblischen Figur und dem in der Verschwörung gestohlenen Herzen – Sitz von Gefühl und Verstand.

Die „Verschwörung“ ist nichts Geheimnisvolles mehr. Täglich und mehrmals taucht sie ungefragt auf – in Artikeln, die erklären, warum gerade so viele Theorien über sie angespült werden, wie ich mich vor ihr schützen kann, ob wir bald alle geimpft werden, ob Gates Deutschland gekauft hat und warum Corona nicht aus dem Labor kommen kann.

Und zack, trifft man die Nachbarin, die es zumindest überlegt, den Freund, der auch zweifelt. Und dann lacht man verlegen, haha, ja, nee klar, ja, haha, wär schon krass, nee. Plötzlich ist sie da, gemacht aus Wut, geschürt mit Angst, verbreitet mit Gerede, Falschmeldungen und Grusel-Überschriften. Verschwörung als ontologische Größe.

„Verschwörung“ – kein bisschen gealtert

Dabei gibt es sie eigentlich schon ewig. Im Alten Testament steht eine Geschichte, die zeigt, dass „Verschwörung“ vor über 2500 Jahren schon fies war und seitdem kein bisschen gealtert ist. Die Geschichte erzählt von einem Krieger mit Namen Absalom, der „sich einen Wagen anschaffte und Rosse und fünfzig Mann, die seine Leibwache waren.“ Umringt von Beschützern schmiedet Absalom Schwerter und Pläne, voller Tatendrang das anzuzetteln, wofür man Pferde und 50 Männer braucht. Das 2. Buch Samuel erzählt in mehreren Kapiteln von Absaloms Aufstand, davon, wie einer um jeden Preis selbst König werden und damit seinen eigenen Vater David vom Thron verdrängen wollte. Und es erzählt von Absaloms Taktik.

„Auch machte sich Absalom des Morgens auf und trat an den Weg bei dem Tor. Und wenn jemand einen Rechtsstreit hatte und deshalb zum König vor Gericht gehen wollte, rief ihn Absalom zu sich und sprach: Aus welcher Stadt bist du? Wenn der dann sprach: Dein Knecht ist aus dem und dem Stamm Israels, so sprach Absalom zu ihm: Siehe, deine Sache ist gut und recht; aber du hast keinen beim König, der dich hört. Und Absalom sprach: Oh, wer setzt mich zum Richter im Lande, dass jedermann zu mir käme, der einen Streit oder eine Rechtssache hat, damit ich ihm zum Recht helfe!

Du hast keinen beim König, der dich hört!

Und wenn jemand ihm nahte und vor ihm niederfallen wollte, so streckte er seine Hand aus und ergriff ihn und küsste ihn. Auf diese Weise tat Absalom mit ganz Israel, wenn sie vor Gericht kamen zum König. So stahl Absalom das Herz der Männer Israels.“ (2. Sam 15,2-6)

Was die LeserIn hier erfährt, ist beinahe unglaublich: Mit einem simplen Trick schafft es Absalom, innerhalb von vier Versen vom no-name Krieger zum fancy Guru zu werden. Er setzt sich an das Stadttor, den Ort der altorientalischen Rechtssprechung, und erzählt den Leuten, dass ihr Anliegen berechtigt, das Interesse der Behörden aber gleich null wäre. Der Staat interessiert sich nicht für den kleinen Mann, die großen Konzerne auch nicht, alles Ausbeuterei, alles Bananen-Republik. Da ist sie doch, genau da taucht sie wieder auf, die erste Spur Trotz, der Funken Wut. So ist das also.

die erste Spur Trotz, der Funken Wut

Und dann ist da einer, der sagt, tja, wenn ihr mich nehmt, helfe ich allen. Da ist die Entscheidung leicht. „Warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben“, schreiben viele Zeitungen (und man braucht noch nicht einmal eine von ihnen konkret zitieren, denn die Begründungsmuster bleiben die gleichen): Weil Verschwörungstheorien leichte Antworten auf schwierige Fragen bieten, weil sie Emotionen kanalisieren, weil sie so lückenlos logisch sind.

Am liebsten würde ich mir nun einen reinen Bösewicht vorstellen. Absalom, der schon immer komisch war, widerliche Meinungen hatte, nach dem dritten Bier Unfug auf Familienfeiern verbreitet. Aber nur zwei Kapitel vorher hatte Absalom seine Halbschwester Tamar, die von ihrem Halbbruder vergewaltigt worden war, gerächt, war also in der Narration der Held der Geschichte. Und drei Kapitel später ist die angezettelte Schlacht zwischen den Heeren von Vater und Sohn vorbei und Absalom hängt an einer Baumkrone, durchbohrt mit drei Speeren. Sein Vater David, der einen Boten schickt um vom Zustand seines Sohnes zu erfahren, erhält die tragische Nachricht von Absaloms Tod und ist zutiefst betrübt. „So wurde der Tag der Rettung für das ganze Volk zu einem Trauertag; denn die Leute hörten an diesem Tag: Der König ist voll Schmerz wegen seines Sohnes.“ Absalom der Retter, der Verschwörer, der Hinterhältige, der Sohn.

Absalom: Retter – Verschwörer – geliebter Sohn

Der Aufstand ist für Absalom nicht gut ausgegangen, trotz des Komplotts am Stadttor, trotz seiner schlauen Marketingstrategie. „So stahl Absalom das Herz der Menschen Israels.“ Das vorläufige Resultat der Verschwörung kulminiert in diesem ergreifenden und schillernden Satz. Denn das Herz ist im Hebräischen nicht nur Sitz der Gefühle, sondern auch des Verstandes. Und so schaue ich noch einmal genau hin und frage mich, was Absalom da eigentlich gestohlen, ja auf seine Seite gezogen hat. Vielleicht des Menschen Angst vor Verlust, die Hoffnung auf Besserung, der Wunsch nach Normalität. Ihre persönlichen Gedanken, angefüllt mit seinem Ziel.

Welche Gedanken und Gefühle hat er auf seine Seite gezogen?

Die hebräische Wurzel für „Verschwörung“ trägt als Verb die Grundbedeutung „binden, verknoten, zusammenbinden“. Die Verschwörer sind die, die sich aneinander binden, zusammenrotten. Die, die ihr Netz ausspannen, einen einwickeln und ihre Fäden ziehen. Absalom hat sie alle an sich gebunden. Wer Herzen stiehlt, der fragt vorher nicht, denke ich. Umso wichtiger, gut auf sein hebräisches Herz aufzupassen.

Anne Herzig hat Semitistik in Leiden studiert und in ihrer Masterarbeit über die Gartenmetapher in der Hebräischen Bibel nachgedacht. Gerade beschäftigt sie sich mit der Vorbereitung auf ihr Examen in Ev. Theologie in Leipzig.

Bild: Prof. Dr. Dr. Andreas Schüle, Leipzig

Print Friendly, PDF & Email