Der rechtskatholische US-Kardinal Burke feierte vor kurzem eine sogenannte ‚Alte Messe‘ im Petersdom. Der Liturgiewissenschaftler Florian Kluba ordnet kritisch ein.
Am Samstag, dem 25. Oktober 2025, feierte Kardinal Raymond Burke im Petersdom ein Pontifikalamt im usus antiquior, besser bekannt als Alte Messe. Sie war der Höhepunkt der jährlichen Rom-Wallfahrt der traditionalistischen Vereinigung Coetus Internationalis Summorum Pontificum. „Befreiungsschlag?“[1] fragte Domradio, während die FAZ in einem Kommentar gar von einer stillen und leisen Korrektur Franziskus’ durch Papst Leo sprach[2]. Kaum war das Ite, missa est gesungen und der bischöfliche Segen gespendet, überschwemmten Bilder und Videos hymnischer Begeisterung vor allem die konservativen und traditionalistischen Kanäle der sozialen Medien. Der vorliegende Beitrag vertieft durch eigene Analyse den in diesem Zusammenhang wichtigen Aspekt der Zelebrationsrichtung, der bereits in einem Interview von Andreas Odenthal sowie im Online-Artikel von Jan Hendrik Stens thematisiert wurde.
Die Feier der Alten Messe scheint eine besondere Faszination auf viele, vor allem auch auf jüngere Menschen, auszuüben. Viele erhoffen sich von ihr eine tiefgreifende Erfahrung des Göttlichen, eine Rückkehr zu Gottesfurcht und frommer Andacht – wie sich diese Erwartung mit der Vielzahl gezückter Smartphones und der Inszenierung in den sozialen Netzwerken verträgt, bleibt indes fraglich. Neben dem gregorianischen Choral, der lateinischen Sprache und den oftmals zumindest barock anmutenden Paramenten gilt die Zelebration mit dem ‚Rücken zum Volk‘ als charakteristisches Merkmal des usus antiquior. Doch gerade jenes Pontifikalamt im Petersdom hat die Anhänger der Alten Messe – vor allem aber die Verantwortlichen in der Liturgievorbereitung – im letzten Punkt entlarvt: Statt um die Ausrichtung des Betens scheint es mehr um eine Abgrenzung zu gehen.
„Christen beten nach Osten. Dieser Grundsatz war der gesamten Alten Kirche eine Selbstverständlichkeit.“[3]
Wie das Judentum und der Islam kennt auch das Christentum seit jeher eine gemeinsame Ausrichtung des Gebets: ad orientem, nach Osten – eine Gebetshaltung, die heutzutage zunehmend in Vergessenheit zu geraten scheint. Die Hinwendung nach Osten, zur aufgehenden Sonne, symbolisiert die erwartete Wiederkunft des gekreuzigten und auferstandenen Christus als endzeitlicher Richter und Retter.[4] Joseph Ratzinger beschreibt die Ausrichtung des Betens nach Osten als Verschmelzung einer „kosmische[n] und heilsgeschichtliche[n] Orientierung der Frömmigkeit.“[5] Da Kirchen im Normalfall geostet sind, entspricht bei der Alten Messe die charakteristische Zelebration ‚mit dem Rücken zum Volk‘ dieser Logik des Betens ad orientem.
Eine andere Situation ergibt sich jedoch mit Blick auf die Altaranlage des Petersdoms. Schon Alt-St. Peter wurde als eingangsgeostete Basilika erbaut: Die Apsis lag im Westen, der Eingang im Osten, zwischen beiden befand sich die Confessio mit dem Altar über dem Petrusgrab. So konnten die Pilger am Märtyrergrab beten, während darüber der Gottesdienst gefeiert wurde – und zwar nach Osten ausgerichtet. Dieses Bauprinzip findet sich in zahlreichen frühchristlichen Basiliken Roms: Eingang im Osten, die Kathedra in der Apsis im Westen – im Lateran als Kathedra des Papstes, in St. Peter als Kathedra Petri – und eine Confessio-Anlage und einem scheinbar versus populum ausgerichteten Altar.
Si altare sit ad orientem, versus populum[6]
Auch die Rubriken des alten Missale Romanum wissen um dieses topographische Phänomen: Wenn der Altar nach Osten zeigend steht, zelebriert der Priester versus populum – jedoch nicht, um das Volk anzusehen, sondern um gemeinsam mit ihm ad orientem zu beten. Die Rubrik des Ritus servandus bezieht sich zunächst auf die Ausrichtung des Zelebranten bei Akklamationen wie Dominus vobiscum oder dem Entlassungsruf Ite, missa est, also Elementen, in denen die Rubriken im Normalfall eine Hinwendung des Priesters zur Gemeinde fordern. In diesen Fällen zelebriert der Priester die Messe sowohl ad orientem als auch versus populum. Die Annahmen, der Priester würde beim Eucharistischen Hochgebet seine Position am Altar wechseln und dem Volk den Rücken zudrehen, wäre absurd. Auch der historische Befund bestätigt diese Ausrichtung der Zelebration: So zelebrierte der Papst die feierliche Papstmesse am Confessioaltar des Petersdoms stets versus populum, um so ad orientem zu beten zu können.
Kardinal Burke jedoch hatte nicht das Privileg erhalten, am Papstaltar zu zelebrieren. Das Pontifikalamt fand am bronzenen Kathedraaltar der Petersbasilika statt, der in den 1980er Jahren aufgestellt wurde und an dem ansonsten täglich Gottesdienste nach dem seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil geltenden Messbuch des römischen Ritus gefeiert werden: versus populum, und somit auch ad orientem. Doch statt dieser urchristlichen Gebetsausrichtung nach Osten zu folgen und den usus antiquior am Kathedraaltar versus populum und ad orientem zu feiern, entschieden sich Burke und die Verantwortlichen, ‚facie ad cathedram‘ zu zelebrieren – zur Kathedra und somit nach Westen hin. Das führte zur paradoxen Situation, dass Burke Hostie und Kelch nicht gen Osten, sondern zum hinter dem Kathedraaltar aufgestellten Chor erhob.
Liturgiepolitischer Kulturkampf
Die Frage der Zelebrationsrichtung ist keine Randnotiz. Gerade in traditionalistischen Kreisen scheint sie als Inbegriff des Widerstands gegen die Liturgiereform des 2. Vatikanums zu gelten. Das Pontifikalamt in St. Peter jedoch zeigt: Bei der gewählten Zelebrationsrichtung ging es nicht um eine fromme Hinwendung zu Gott – sonst wäre die ‚Messe aller Zeiten‘ dem urchristlichen Prinzip eines nach Osten gerichteten Gebets gefolgt, das Christus als „Sonne der Gerechtigkeit“ (Mal 3,20a) als Ziel des Betens hat. Vielmehr diente die Zelebrationsrichtung der Abgrenzung: der Abgrenzung von Klerus und Laien, vor allem aber der Abgrenzung von der römischen Liturgie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Somit ist die Zelebrationsrichtung nicht mehr Ausdruck einer gemeinsamen Gebetsausrichtung auf den erwarteten Messias hin, sondern ein Identitätsmarker. Anstatt ein Ort der Einheit im Glauben und im Beten zu sein, verkommt der Gottesdienst so zum Schauplatz eines liturgiepolitischen Kulturkampfes – und verliert damit jene geistliche, theologische und traditionsbewusste Tiefe, die seine Anhänger in ihm zu finden glauben.[7]
[1] Jan Hendrik Stens, War die Alte Messe im Petersdom ein Befreiungsschlag?, zit. nach: https://www.domradio.de/artikel/war-die-alte-messe-im-petersdom-ein-befreiungsschlag [letzter Aufruf: 03.11.2025].
[2] Vgl. Christian Geyer, Wo Leo still und leise Franziskus korrigiert, zit nach:: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/alte-messe-im-petersdom-wie-leo-still-und-leise-franziskus-korrigiert-110751867.html [letzter Aufruf: 03.11.2025].
[3] Martin Wallraff, Christus Verus Sol. Sonnenverehrung und Christentum in der Spätantike (Jahrbuch für Antike und Christentum. Ergänzungsband 32), Münster 2001, 60.
[4] Vgl. die alttestamentliche Verheißung hierzu in Mal 3,20a: „Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen und ihre Flügel bringen Heilung.“
[5] Joseph Ratzinger, Anmerkung zur Frage der Zelebrationsrichtung, in: Theologie der Liturgie. Die sakramentale Begründung christlicher Existenz, hg. von Gerhard Ludwig Müller (= JRGS 11), Freiburg i. Br., Basel, Wien 2008, 463–468, hier 466f.
[6] Ritus servandus in celebratione Missae, V. De Oratione, §3, in: Missale Romanum ex decreto SS. Concilii Tridentini restitutum summorum pontificum cura recognitum, Editio terita iuxta typicam, Regensburg 1964.
Der Wortlaut der gesamten Rubrik ist folgender: Si altare sit ad orientem, versus populum, celebrans versa facie ad populum, non vertit humeros ad altare, cum dictus est „Dominus vobiscum“,“ „Orate, fratres“, „Ite, missa est“ vel daturus benedictionem; sed osculato altari in medio, ibi expansis et junctis manibus, ut supra, salutat populum, et dat benedictionem (vgl. ebd.). Eine deutschsprachige Arbeitsübersetzung sei ergänzt: Wenn der Altar nach Osten gerichtet ist, dem Volk zugewandt, wendet der Zelebrant, der mit dem Gesicht dem Volk zugewandt ist, nicht die Schultern dem Altar zu, wenn er sagt: „Der Herr sei mit euch“, „Betet, Brüder“, „Geht hin in Frieden“, oder wenn er den Segen erteilen will; sondern nachdem er den Altar in der Mitte geküsst hat, grüßt er dort mit ausgebreiteten und wieder zusammengelegten Händen, wie oben angegeben, das Volk und erteilt den Segen.
[7] Andreas Odenthal, Traditionalisten: Warum der Streit um die Alte Messe so politisiert wird. Interview im Deutschlandfunk mit Ina Rottscheidt, zit. nach: https://www.deutschlandfunk.de/traditionalisten-warum-der-streit-um-die-alte-messe-so-politisiert-wird-100.html [letzter Aufruf: 03.11.2025].
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