Sag, Ingmar Bergman, wie hast Du’s mit der Religion?

Licht im Winter

Am 14. Juli 2018 wäre Ingmar Bergman 100 Jahre alt geworden. Matthias Helmer setzt sich mit dem Glaubensverlust des großen Regisseurs auseinander und plädiert für einen mündigen Glauben.

Als Theater- und Filmregisseur hat Bergman ein beeindruckendes Werk hinterlassen, mit dem sich eine Auseinandersetzung auch heute noch lohnt – vor allem aus theologischer Perspektive. Die Reflexion über den eigenen Glauben und der Abschied davon ist bei Bergman besonders in den Filmen der 1950er und 1960er Jahre zu verorten. Es ist die Zeit seiner großen internationalen Erfolge, in der sich der bereits gut etablierte Regisseur der Frage nach Gott in Filmen wie „Das siebente Siegel“ (1956), „Die Jungfrauenquelle“ (1959), „Das Teufelsauge“ (1960), „Wie in einem Spiegel“ (1961), „Licht im Winter“ (1962) und „Das Schweigen“ (1963) zuwendet.

„Unsere Erziehung beruhte auf Begriffen wie Sünde, Bekenntnis, Strafe, Vergebung und Gnade.“ (I. Bergman)

Eingeengte Kindheit – starres Gottesbild
Ingmar Bergman wird 1918 in Uppsala in einen evangelisch-lutherischen Pastorenhaushalt geboren, der seine Kindheit und Jugend stark prägt. In seiner Autobiographie schildert Bergman sie in dunklen Farben: „Unsere Erziehung beruhte hauptsächlich auf Begriffen wie Sünde, Bekenntnis, Strafe, Vergebung und Gnade – sie waren konkrete Faktoren in den Beziehungen von Eltern und Kindern zueinander und zu Gott. Darin war eine Logik, die wir akzeptierten und zu verstehen meinten. […] Strafen waren folglich etwas Selbstverständliches, das nie in Frage gestellt wurde.“[1] Diese Strafen wurden teils ritualisiert durchgeführt und beinhalteten Verhör und Geständnis, Schläge mit dem Teppichklopfer und Vergebung durch den Vater, dem nach der Züchtigung die Hand zu küssen war.[2] Vor der Bestrafung wurde der ‚Täter‘ von allen in der Familie gemieden und niemand sprach mit ihm. Gerade die Demütigung und das Schweigen, die mit der Bestrafung einhergingen, haben einen bleibenden negativen Eindruck bei Bergman hinterlassen. Da die Strafe der Eltern auch mit der Gottesbeziehung verbunden wurde, kann er darüber sagen: „Das war wirklich das Schweigen Gottes.“[3]

Dieses negative Erleben setzte sich im Kirchenraum fort, in dem Gott als Auge präsent war, das permanent beobachtet. Auch bei seinem Vater, dem Pastor Erik Bergman, erlebte der junge Ingmar zwei Gesichter, die seine religiöse Gespaltenheit noch verstärkten. Nach außen war der Vater ein beliebter Prediger, der mit seiner Familie ein untadeliges Bild abgab, während das Zusammenleben in der Familie von Konflikten geprägt war. Mit Beginn des Studiums bricht Bergman deshalb zeitweise ganz mit seinen Eltern. Die eingeengte Kindheit und das strenge Gottesbild werden Bergman einerseits Wurzel für sein künstlerisches Schaffen, andererseits begleiten sie ihn auch in seinem Leben, das von einem andauernden schlechten Gewissen, strengsten moralischen Maßstäben und einer negativen Selbsteinschätzung geprägt ist.

„Indem der religiöse Aspekt meines Daseins ausgelöscht wurde, konnte ich mein Leben leichter leben.“ (I. Bergman)

Filmische Auseinandersetzung mit dem Glauben
Auch wenn Bergman in seinen ersten Arbeiten die das Individuum unterdrückenden Institutionen anprangert, fällt es ihm selbst schwer, das auszuleben, was er in sich vorfindet.[4] Seine Religiosität hindert ihn daran. Eine vertiefte Auseinandersetzung gelingt ihm erst mit den Filmen „Wie in einem Spiegel“, „Licht im Winter“ und „Das Schweigen“. Er selbst sagt rückblickend dazu: „Indem der religiöse Aspekt meines Daseins ausgelöscht wurde, konnte ich mein Leben leichter leben.“[5] Bei der Publikation der Drehbücher bezeichnete Bergman diese drei Filme als eine Trilogie, die von Problemen mit oder der Absenz von Glauben handeln. Das verdeutlichen auch die den Filmtiteln beigegebenen Bemerkungen: „Wie in einem Spiegel – Gewissheit erreicht. Licht im Winter – Gewissheit demaskiert. Das Schweigen – Gottes Schweigen“[6]. Auch wenn Bergman diese Sicht später aufgab, zeigt sie doch, wie er sich in den 1960er Jahren am Thema Glauben abgearbeitet hat.

Gott:  Liebe oder schwarze Spinne?
Die erreichte Gewissheit aus „Wie in einem Spiegel“ wird im Schlussdialog der Filmfiguren David und Minus deutlich. David sagt darin zu seinem Sohn, dass man Gott in allen Arten von Liebe erfahren könne und verweist damit indirekt auf 1 Joh 4,16. Bergman ist für dieses Ende kritisiert worden, da es nicht zu der im Film vorkommenden ‚Vision‘ von Gott als schwarzer Spinne passe. Diese Diskrepanz lässt sich aus dem gedanklichen Prozess erklären, den Bergman während der Dreharbeiten zu diesem Film durchmachte, denn hier „setzten bei ihm erste Zweifel ein an der ‚Gott ist Liebe‘-These, das Drehbuch aber in der Konsequenz danach auszurichten, dazu war er (zu jenem Zeitpunkt) nicht bereit.“[7]

Vermögen Glaubensverlust und Unsicherheit ein besseres Gottesbild hervorzubringen?

Glaubenszweifel
Den Schritt, seine Zweifel offen zu thematisieren, geht Bergman mit „Licht im Winter“. Hier erzählt er die Geschichte des Pastors Tomas Ericsson (wobei Tomas eine Anspielung auf den ungläubigen Thomas ist und sich Ericsson wohl auf Bergman selbst bezieht, da er Pastor Erics Sohn ist), der nach Leiderfahrungen seinen Glauben an Gott verliert, da er sich von ihm verlassen und gedemütigt fühlt. Tomas ist dadurch sein heiles und überaus idealisiertes Gottes- und Weltbild abhanden gekommen, was ihn in eine Krise stürzt. Da Gott nicht so ist, wie Tomas sich ihn wünscht, wird er in dessen Augen zu etwas Negativem, von dem er sich verabschieden muss. Noch bei der Arbeit am Drehbuch von „Licht im Winter“ hat Bergman die Hoffnung geäußert, dass der Verlust des Glaubens und die damit einhergehende Unsicherheit ein besseres Gottesbild hervorzubringen vermögen.

Abkehr vom Glauben
Dann aber verabschiedete er sich während der Dreharbeiten zu „Licht im Winder“ erneut von diesem Gedanken, obwohl er im Script erhalten geblieben ist. Stattdessen wendet er sich einer anderen Lösung zu: Die Akzeptanz des Leidens und die Hoffnung auf rettende menschliche Beziehungen treten an die Stelle des Glaubens und der Gottesbeziehung. „Um in der Wirklichkeit bestehen zu können, braucht es für Bergman keinen Deus ex Machina, der von außen her eingreifen könnte, sondern die humane schöpferische Kraft, die tatsächlich glaubt, hofft und liebt, aber nicht fremdgesteuert sein darf, sondern aus einem eigenen integren Ursprung heraus handelt.“[8] Die gedankliche Entwicklung, die Bergman während des Drehs durchmacht und ihn von der ursprünglichen Idee des neuen Gottesbildes wegführt, gepaart mit einem offenen Ende, führt zur ein oder anderen Inkonsistenz des Films. Sie zeigt aber auch, dass Bergman mit sich gerungen hat. Das Drehbuch zu „Licht im Winter“ ist das letzte, das er mit soli deo gloria unterzeichnet hat.

„Das Schweigen“ schließlich spielt in einer Welt, in der die Möglichkeit auf Hoffnung nicht mehr vorhanden ist, auch wenn sie ersehnt wird. Das Schweigen Gottes ist eingetreten.

Was Bergman bewegt, bewegt auch Menschen heute
Ingmar Bergmans Glaube, sein negatives Gottesbild, die damit verbundene Enge und das Leiden an Gott führen ihn als erwachsenen Mann dazu, sich von seinem Glauben zu verabschieden. Eine Transformation der übernommenen negativen Gottesbilder in positive gelingt nicht. Vielleicht war das Verlassen des Glaubens in dieser Situation aber auch die einzige Möglichkeit, die blieb. Dass Bergman mit den Gedanken, die er in seinen Filmen über Glauben und Nicht-Glauben verhandelt, auch heute noch aktueller denn je ist, zeigt die Studie „Warum ich nicht mehr glaube“ von Tobias Faix, Martin Hofmann und Tobias Künkler[9]. Hier berichten acht junge Erwachsene, warum sie sich vom Glauben entfernt haben. Eingeengtsein, Zweifel, Zerrissenheit und die Frage nach dem schweigenden Gott spielen dabei eine Rolle; aber es geht auch um unbeantwortete Fragen sowie Enttäuschungen über Kirche und Christen. Ähnlich wie bei Bergman bricht der Glaube an den Mitmenschen oder einer dem Leben nicht adäquat empfundenen Gottesbeziehung.

Wie kann es gelingen, ein plausibles Gottes- und Kirchenbild zu vermitteln, das nicht einengt?

Plädoyer für einen mündigen Glauben
Die Frage, die Bergman und die Glaubensstudie für Theologie und Kirche aufwerfen, ist: Wie kann es gelingen, auch in einer als bedroht und heillos betrachteten Welt ein plausibles Gottes- und Kirchenbild zu vermitteln, das nicht einengt, nicht zerreißt, Zweifel aushält und den Menschen im Positiven wie im Negativen zu stützen weiß. Im Vergleich zu Bergman, der ein unmündiges Glaubensbild beschreibt, gilt es, den Glauben als etwas Dynamisches zu verstehen, das den Menschen in die Mündigkeit führt. Nach Faix, Hofmann und Künkler geht es darum, das in Sozialisation und Erfahrung gewonnene Gottesbild immer wieder zu prüfen. Es darf sich in der Beziehung zu Gott, den Menschen und sich selbst weiterentwickeln. Dazu benötigt es aber auch den Zweifel, der nicht als Zeichen des Unglaubens oder der Sünde missverstanden werden darf. Denn nur eigenständiges, kritisches und freies Denken führt zu mündigem Glauben. Nur in Freiheit kann er sich entfalten.[10] Ein mündiger Glaube braucht darüber hinaus ein Umfeld, das all dies zulässt; eine Gemeinschaft, die alle Wege und Umwege mitträgt, anstatt zu verurteilen. So lässt sich vielleicht für alle gläubigen Menschen erreichen, was Ingmar Bergman schon vor über 40 Jahren erhofft hat: „Ich hoffe, daß dies die letzten Generationen sein werden, die unter dem Druck einer religiösen Angst leben.“[11]

 

[1] Ingmar Bergman: Mein Leben, Reinbek bei Hamburg 1992, 15.
[2] Bergman: Mein Leben, 15-16.
[3] Vilgot Sjöman: L136 – Diary with Ingmar Bergman, Ann Arbor 1978, 162.
[4] Vgl. dazu ausführlicher Hans-Helmuth Schneider: Rollen und Räume. Anfragen an das Christentum in den Filmen Ingmar Bergmans (Forschungen zur praktischen Theologie 12), Frankfurt a.M. 1993, 129.
[5] Stig Björkman/Torsten Manns/Jonas Sima: Bergman über Bergman, München 1976, 240.
[6] Ingmar Bergman: A Film Trilogy: Through a Glass Darkly, The Communicants (Winter Light), The Silence, translated from Swedish by Paul Britten, Austin/New York 1967, 5.
[7] Ingmar Fernengel: Ängstlich und gottverlassen. Woody Allen und Ingmar Bergman auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, Frankfurt a.M. 2010, 147.
[8] Hanjo Sauer/Monika Leisch-Kiesl: Religion und Ästhetik bei Ingmar Bergman und Luis Buñuel. Eine interdisziplinäre Auseinandersetzung mit dem Medium Film (Linzer Philosophisch-Theologische Beiträge 12), Frankfurt a.M. 2005, 326.
[9] Tobias Faix/Martin Hofmann/Tobias Künkler: Warum ich nicht mehr glaube. Wenn junge Erwachsene den Glauben verlieren, Witten 2014.
[10] Vgl. Faix/Hofmann/Künkler: Warum, 210-212.
[11] Björkman/Manns/Sima: Bergman, 217.

Autor: AR Dr. Matthias Helmer, Wissenschaftlicher Assistent für alt- und neutestamentliche Exegese an der Theologischen Fakultät Fulda.

Bildquelle: Asoggetti / Unsplash.com

 

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