Burka-Debatte: Anonymität, Kontrollkultur und Vertrauen

Politisch funktioniert die „Burka“ wie Brennstoff für viele gesellschaftliche Debatten. Zugleich stellt sich aber auch die grundsätzlichere Frage nach der Erlaubnis und nach den Räumen von Anonymität. Arnd Bünker greift die Burka-Debatte auf und reflektiert über Grundlagen und Erlaubnis zur Anonymität innerhalb unserer digitalen Kontroll- und Überwachungsgesellschaft.

Landauf, landab wird die Burka-Frage[1] gestellt. Parteien und Parlamente diskutieren und entscheiden über ein Burka-Verbot. Das Parlament der Schweiz hat jüngst zugunsten eines solchen Verbotes entschieden – und tatsächlich: nach der Entscheidung sah man keine Burka mehr auf den Strassen. Allerdings war das vor der Entscheidung auch nicht anders. Placebo-Politik von „VolksvertreterInnen“, von denen die allermeisten noch keine Burka-Trägerin in der Schweiz gesehen haben.

Burka-Frage, Burka-Verbot, Placebo-Politik

Diese absurde Situation lässt fragen, weshalb die Burka so prominent zum Aufregerthema in westlichen Gesellschaften geworden ist. Zwei Antworten mögen das Feld sortieren:

Zum einen eignet sich die Burka als Fetisch einer Symbolpolitik – gerade weil sie real in westlichen Gesellschaften so gut wie nie getragen wird. Eine solche Symbolpolitik erlaubt es unterschiedlichsten politischen Stimmen, die „Burka“ für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Was in der Realität nicht überprüfbar ist, kann im politischen Diskurs um so besser beliebig thematisiert, problematisiert und mit politischer Bedeutung aufgeladen werden. Inhaltlich geht es dann um altbekannte Fragen üblicher politischer Diskurse, die nun mit dem Stoff der real-inexistenten Burka geführt werden. Es geht um Identitätspolitik, Geschlechterpolitik und Religionspolitik.

Burka als Fetisch einer Symbolpolitik über Identität, Geschlecht und Religion

Die Identitätspolitik sucht in nationalistischen, westlichen, abendländischen oder neuerdings gar wieder „völkischen“ Kategorien und Symbolen nach einer einheitlichen Identität, die es so nie gab und wohl auch nie geben wird.
Die Geschlechterpolitik verhandelt die Rolle der Frau (und des Mannes, aber dies nur indirekt und meist unausgesprochen) und findet in der Burka einen neuen Kristallisationspunkt, an dem die üblichen Parteiungen entlang der Geschlechterfrage neu vermischt werden. Einzelne Stimmen aus dem feministischen Spektrum und solche konservativ-patriarchaler Konvenienz finden hier überraschend zusammen.
In der Religionspolitik lassen sich mit dem Streit um die Burka schliesslich die Religionen insgesamt und der Islam im Besonderen diskreditieren. Da spielt es auch keine Rolle, dass die kulturell vielfältigen „Islame“ in westlichen Gesellschaften in ihrer übergrossen Mehrheit der Vollverschleierung keinen Platz einräumen.

In der Sache kommen die Diskurse nicht weiter, da die zentralen Fragen nach Identität, Geschlechtergerechtigkeit und Religion auch durch die Burka-Debatten nirgendwo real bearbeitet werden. Die Debatten heizen sich an der bei uns de facto inexistenten Burka auf, aber die Probleme, die in westlichen Gesellschaften zu lösen wären, bleiben die alten.

Die Burka-Debatte löst die brennenden gesellschaftlichen Fragen nicht.

Es bietet sich jedoch noch eine zweite Sicht auf die Burka-Debatten an: Hier geht es nicht um Geschlecht, nicht um Identität und nicht um Religion. Es geht um die Frage, wieviel individuelle Anonymität unsere westlichen Gesellschaften zulassen wollen und welche Räume westliche Gesellschaften für Anonymität frei geben.

Die eigentliche und tiefere Zumutung der Burka liegt meines Erachtens in dem Beharren auf anonyme Präsenz im öffentlichen Raum, das mit dem Tragen einer Burka verbunden ist. Wie weit hält eine Gesellschaft diese offenbar provokante Anonymität aus? Im Kontext unserer Informations- und Überwachungskultur ist das Tragen einer Burka zum Zeichen eines öffentlichen Ausbruchs aus den kulturellen Selbstverständlichkeiten permanenter Ansichtigkeit und Selbstoffenbarung geworden.

Wieviel individuelle Anonymität lassen unsere westlichen Gesellschaften zu und welche Räume geben sie für Anonymität frei?

Google Maps und Street View zeigen uns die ganze Welt in Grossaufnahme – oft bis in Details. Kameras und Videoüberwachung im öffentlichen und privaten Raum potenzieren die Sichtbarkeit und Identifizierbarkeit von Menschen – und speichern die Daten für lange Zeiträume ab. Die digitalen Spuren, die beim Einkaufen kaum zu vermeiden sind, ermöglichen längst die Rekonstruktion von individuell identifizierbaren Persönlichkeiten. Mobile Kommunikationsgeräte verarbeiten und verbreiten viele Informationen über ihre BenutzerInnen, die den Umfang der beabsichtigten eigentlichen Kommunikation bei weitem überragen. Schliesslich sind die „intelligenten“ Uhren auf der Haut von Menschen zugleich der Ausdruck für die Erlaubnis zu einer umfassenden und intimen Kenntnisnahme und Kontrolle individueller und persönlich-identifizierbarer körperlicher Vollzüge und Abläufe.

Unsere „offene Gesellschaft“ ist gegenwärtig gerade dafür „offen“, dass sie Anonymität mehr denn je ausschliesst. Jedes noch so kleine Geheimnis von Menschen bringt sie längst digitalisiert zur öffentlichen Darstellbarkeit. Hier wird die Existenz unter einer analogen Burka zum Affront – zum Kulturbruch, der für sich genommen noch nichts mit den sogenannten westlichen Kulturwerten zu tun hat. Vielmehr wirft die pure Erwägung der Möglichkeit, eine Burka tragen zu dürfen, die westlich-durchsichtige Gesellschaft auf die Frage an sich selbst zurück, wieviel Anonymität sie ihren Mitgliedern erlaubt und wie sie die Räume dieser Anonymität definiert. Dabei geht es nicht zuletzt um den Umgang mit Angst (vor dem Fremden, vor dem Unbekannten, vor dem Anonymen) und um die Bedingungen für Vertrauen.

Die analoge Burka wird zum Affront in einer digitalen Überwachungsgesellschaft.

Der Frage nach Anonymität lässt sich auch mit einem Blick auf die Religion nachgehen. Die christliche Religion – und insbesondere ihre katholische Variante – kennt eigene Traditionen der Anonymisierung und ihrer Ambivalenzen:
Einzelne Frauenorden, wie die Dominikanerinnen von Bethanien, nahmen Frauen mit „schwieriger Vergangenheit“, z.B. haftentlassene Frauen, auf und ermöglichten ihnen eine Existenz im Orden, bei der ihr Vorleben vollständig ausgeblendet und verschwiegen wurde. Dieser „Neustart“ setzte eine vollständige Anonymisierung der Herkunft und bisherigen Identität voraus. Die Vergangenheit der einzelnen Frauen durfte auch im Kloster kein Thema mehr sein. Anonymisierung war hier ein Mittel zum Schutz vor den Nachteilen einer öffentlichen Existenz als „Sünderin“.

Religion und ihr kreativer Umgang mit Anonymität

Ebenso kann auch die Praxis der „Ohrenbeichte“ als Form bewusst praktizierter Anonymisierung gesehen werden. Die anonyme Beichtbeziehung zwischen Priester und PönitentIn lebt von der Voraussetzung, dass das eigentliche Geschehen der Versöhnung zwischen dem einzelnen Menschen und Gott stattfindet. Das Vertrauen auf diese ursprüngliche Unmittelbarkeit erlaubt es, im Akt der Vermittlung der Vergebung durch den Priester die Anonymität des Sünders oder der Sünderin aufrecht zu erhalten. Hier zeigt sich vielleicht am deutlichsten – zumindest im Ideal der Beichte – ein religiös verankerter und begründeter Respekt vor dem einzelnen Menschen und vor seinem Geheimnis.

Menschen sollen nämlich gerade nicht bis in den letzten Winkel ihrer Existenz kontrolliert und ausgeleuchtet werden. Das „eine Auge, das alles sieht“, ist und bleibt in religiöser Hinsicht das Auge Gottes. Dieser Glaube an das „eine Auge“ ermöglicht erst das Recht auf Anonymität.

Menschen sollen nicht bis in den letzten Winkel ihrer Existenz ausgeleuchtet werden.

Das „eine Auge, das alles sieht“, ermöglicht das Recht auf Anonymität.

Schon die Kirchen haben jedoch begonnen, die Funktion des „Auges Gottes“ selbst übernehmen zu wollen. Die Eingriffe in die Privatsphäre und die Versuche des Durchleuchtens der Geheimnisse jedes Menschen sind zahlreich. Die dabei zur Anwendung kommenden Methoden wurden mit der Modernisierung der lateinisch-westlich geprägten Gesellschaften immer ausgeklügelter: Wo die Gesellschaft Ansprüche auf Anonymität formulierte, stiegen zugleich die Anstrengungen zur Durchleuchtung der Menschen. Die privat-öffentliche Durchsetzung der Kirchendisziplin z.B. in den Städten der Reformation (z.B. das „Gardinenverbot“ in den Niederlanden) gehört ebenso dazu wie die Beichte, deren Ambivalenzen längst aufgedeckt wurden.

Kirchen und säkulare Gesellschaften tun sich mit Anonymität schwer.

Auch die säkulare Gesellschaft schwankt seit Beginn der Moderne zwischen dem Recht auf Anonymität einerseits und der Kontrolle ihrer Bürgerinnen und Bürger auf der anderen Seite. Anonymität setzt Vertrauen voraus – und gerade in Zeiten realer oder gefühlter Unsicherheit ist Vertrauen Mangelware. Die Grenzen der Räume für erlaubte Anonymität werden immer enger. Dies ist der Kontext der Burka-Debatte.

Anonymität setzt Vertrauen voraus – und gerade in Zeiten realer oder gefühlter Unsicherheit ist Vertrauen Mangelware.

Religion wäre hier ins Spiel zu bringen: Die Erlaubnis zur Anonymität braucht zwar einen gesetzlichen und institutionell verlässlichen Rahmen, sie braucht Gesetze, Menschenrechte und Institutionen, die diese Rechte schützen. Ebenso braucht eine Gesellschaft, die ein Recht auf Anonymität gewährleisten möchte, aber auch die Kraft oder den Mut zu einem Grundvertrauen in die Mitmenschen, um die eigene Kontroll- und Sicherheitswut zu bändigen.

Hier dürften die Religionen eine wesentliche Rolle einnehmen, wenn es darum geht, ein solches Grundvertrauen zu begründen, es im Leben einzuüben und gemeinschaftlich zu erfahren. Dabei geht es nicht um die „richtige“ Religionszugehörigkeit als „Beweis“ gemeinsamer Werte und Identität, die dann wiederum zur Abgrenzung gegen andere aktiviert werden kann. Es geht vielmehr darum, jenes zivilisatorische Potenzial unterschiedlicher Religionen zu heben, welches es uns ermöglicht, den Fremden und die Fremde zuerst zu schützen statt ihn oder sie zu kontrollieren. Religiös begründete Traditionen der Gastfreundschaft, des Schutzes der Fremden vor Willkür (auch vor Kontrollwillkür und Entblössungszwang) sind Zeugnisse für das vertrauensbegründende Potenzial der Religionen.

Religion als Schutz vor Kontrollwillkür und Entblössungszwang.

So bleibt es am Ende auch Glaubenssache, ob unsere Gesellschaft den zivilisatorischen Mut bewahrt, Recht und Raum für Anonymität zu gewährleisten.

 

PS: Eine Beobachtung am Rande. Die in westlichen Gesellschaften am häufigsten genutzte Form der Burka könnte digital in Form anonym gehaltener Internet-Profile vorliegen. Unter dieser Burka verbergen sich jedenfalls nach meiner Erfahrung überwiegend ältere Männer, die nicht selten allergrösste Probleme mit der Anonymität von Frauen unter der Burka im öffentlichen Raum haben.


Arnd Bünker ist Leiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts, SPI, in St. Gallen und Titularprofessor an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Fribourg.

Bild: Wikipedia (en.; Ausschnitt)

 

[1] Der Einfachheit halber nutze ich hier nur auf den Begriff „Burka“, auch wenn der arabische Niqab in der Regel in den politischen Debatten mitgemeint ist. Dass die öffentliche Debatte meistens unter dem Stichwort „Burka“ geführt wird, obwohl der Niqab – anders als die Burka – in der Schweiz ab und an anzutreffen ist, sagt schon etwas über die Fetischisierung der Burka in der politischen Debatte.

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