Cordula Kollotschek plädiert aus ihrer langjährigen Praxis für die Wichtigkeit des Religionsunterrichts.
Die Landschaft der religiösen Bildung steht in Deutschland erneut vor einer entscheidenden Weichenstellung. Die kontinuierlich sinkende Mitgliederzahl der großen Kirchen – aktuell gehört erstmals weniger als die Hälfte der Deutschen einer der beiden großen Konfessionen an – stellt die Legitimation des konfessionellen Religionsunterrichts in seiner tradierten Form fundamental in Frage. Während Fächer wie Mathematik oder Deutsch fest im Bildungskanon verankert sind, muss der Religionsunterricht seine Existenzberechtigung immer wieder neu begründen.
Besonders in säkularen Großstädten wie Berlin – wo die kirchliche Bindung extrem niedrig ist, im Falle der katholischen Kirche bei unter 10 % – zeigt sich die Dringlichkeit, neue, zukunftsfähige Konzepte zu entwickeln und zu erproben. Ausgehend von meiner jahrzehntelangen praktischen Erfahrung im interkonfessionell-kooperativen Religionsunterricht an einem Gymnasium in Berlin-Charlottenburg-Nord möchte ich darlegen, warum gerade in einer zunehmend religionsfernen Schülerschaft die religiöse Bildung unverzichtbar ist und wie sie als „Raum für Große Fragen“ allen Schülerinnen und Schülern zugänglich gemacht werden kann.
Der Mensch als Homo Religiosus: Eine anthropologische Notwendigkeit
Die Begründung für die Notwendigkeit religiöser Bildung liegt tief in der anthropologischen Konstitution des Menschen verwurzelt. Wir sehen den Menschen als homo religiosus, als ein Wesen, dem die Suche nach Sinn, Orientierung und Ursprung existenziell eingeschrieben ist. Schon in der Frühgeschichte des homo sapiens – der bereits vor rund 120.000 Jahren Toten besondere Grabstätten gab – manifestiert sich eine kultische Handlung, die über das rein Natürliche hinausweist. Der Mensch sucht Bindung, akzeptiert die Existenz eines „höheren Wesens“ und empfindet sich als Teil eines größeren Ganzen. Der Ulmer Löwenmensch (ca. 40.000 v. Chr.) zeugt von der immensen Bedeutung kultischer Verehrung für die frühe Gemeinschaft.
Der Weg des homo religiosus ist die Erkenntnis, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist, sondern ein Mächtigeres, Höheres existiert. Diese Verantwortung vor einem Göttlichen oder einer übergeordneten moralischen Instanz bildet das historische Fundament unserer Ethik und Moral. Das humanistische Welt- und Menschenbild mit der Vorstellung von der unantastbaren Würde jedes Menschen ist historisch im Gottes- und Verantwortungsbezug begründet. Im Religionsunterricht geht es darum, die verschiedenen Ansätze der Welterklärung und der Begründung unserer Existenz in aller Ernsthaftigkeit aufzuzeigen, kritisch zu würdigen und zur Selbstpositionierung anzuregen.
Warum Ethikunterricht allein nicht ausreicht
In Berlin ist Ethik seit 2006/07 ein verpflichtendes Fach für die Klassen 7 bis 10. Religionsunterricht wird von den Kirchen oder Weltanschauungsgemeinschaften organisiert und freiwillig zusätzlich besucht. Der staatliche Ethikunterricht berichtet neutral über verschiedene Weltanschauungen und Religionen. Dies ist wichtig, aber nicht ausreichend. Die Kernaufgabe des Religionsunterrichts ist jedoch eine andere: Er muss den individuellen Zugang zum Glauben und zur Weltanschauung unterstützen und Raum für die authentische Auseinandersetzung mit den existenziellen Fragen des Lebens bieten.
Unsere Schülerinnen und Schüler haben in einer Umfrage – angelehnt an die vier Kant’schen Fragen (Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?) – ihre ganz eigenen existenziellen Fragen formuliert. Diese sind in der Form eines gotischen Eingangsbogens an die Wand zu unserem Religionsraum geschrieben worden. Sie sind die bildliche Einladung: Hier ist Raum für deine existenziellen Fragen.
Durch Authentizität und Dialog liegt im konfessionell verantworteten Religionsunterricht ein deutlicher Mehrwert. Der Religionsunterricht kann aufgrund seines konfessionellen Auftrags und der freiwilligen Teilnahme zwei unverzichtbare Elemente bieten:
- Quellenanalyse und Handwerk: Wir vermitteln die Fähigkeit, sich quellenanalytisch mit Primärtexten (Bibel, Koran, philosophische Schriften) auseinanderzusetzen. Dialogfähigkeit, Kritik und das Hinterfragen der eigenen Existenz stehen im Mittelpunkt. Es geht darum, auskunftsfähig über die eigene und fremde Weltanschauungen zu werden.
- Authentizität der Lehrkräfte: Die Auseinandersetzung wird von Lehrkräften begleitet, die als authentische Vertreterinnen und Vertreter ihrer Konfession (katholisch, evangelisch, muslimisch) aufgrund ihrer Ausbildung als Wissensspeicher dienen, aber auch ihre gefestigten Überzeugungen offen in den Diskurs einbringen. Dies löst die Glaubens- und Überzeugungsfrage aus dem sonst innewohnenden absolutistischen Anspruch des Schulwesens und eröffnet einen dialogischen Raum auf Augenhöhe. Es geht nicht nur um das Sprechen über Religionen – wie im Ethikunterricht – sondern um die Selbstreflektion und Vergewisserung der eigenen Position in der Begegnung mit anderen.
Eine multireligiöse Gesellschaft setzt Wissen übereinander und die Authentizität der eigenen Position voraus.
Interkonfessionell-kooperativer Unterricht als ‚Best-Practice‘
Unser Modell an einem Ganztagsgymnasium in Charlottenburg-Nord soll als „best-practice“-Beispiel zeigen, wie ein zukunftsfähiger, interkonfessionell-kooperativer Religionsunterricht in einer multireligiösen Schülerschaft (ca. 850 Schülerinnen und Schüler aus 25 Nationen) erfolgreich realisiert werden kann. Wir sind ein Team aus zwei katholischen Kolleginnen, drei evangelischen und zwei muslimischen Kollegen und Kolleginnen. Wir haben für die Klassen 7-12 einen von uns gestalteten Religionsraum mit Couch und Küchenzeile – eine „Pädagogik des Raumes“, die Wohlfühlatmosphäre und Gastfreundschaft (philoxenia) vermittelt.
Unser Angebot ist in das sogenannte Mittagsband (60 Minuten Mittagspause in Klasse 7-10) integriert. In der Oberstufe ermöglicht eine gemeinsame Freistunde den jahrgangsübergreifenden Unterricht.
| Jahrgangsstufe | Unterrichtsform | Besonderheiten und Erlebnispädagogik |
| 7-10 | Zwei Stunden, oft im Team-Teaching (dialogisches Lernen) | Modulare Themen, erhöhte Diskurskultur, Lese-Nacht (Kl. 7), zweitägige Fahrt nach Wittenberg (Kl. 8), Tage religiöser Orientierung (ab Kl. 9). |
| Oberstufe (11/12) | Einstündiger Unterricht im Team-Teaching (Dialog/Diskurs) | Vertiefte Diskussionen (Schuld/Sünde, Theodizee, Tod), Primärliteratur (Bibel, Koran), Fahrt nach Rom/Griechenland (Spurensuche Paulus). |
| Jahrgang 11 | Dreistündiger Seminarkurs „Weltreligionen“ | Propädeutik wissenschaftlicher Methoden, ins Abitur einbringbar (5. Prüfungskomponente). |
World-Cafés und gelebte Ökumene
Ein Highlight ist das zweimal jährlich organisierte World-Café des Seminarkurses für die gesamte Oberstufe. So wurden z.B. bei einem World-Café zum Thema „Du sollst nicht diskriminieren – Religionen auf dem Prüfstand“ kühne Thesen diskutiert, die Konventionen kritisch hinterfragten. Das Format fördert eine Diskussionskultur in Offenheit, Akzeptanz und bei gegenseitigem Zuhören – Kompetenzen, die in unserer polarisierten Gesellschaft von unschätzbarem Wert sind.
Zum Erfahren religiösen Lebens gehören auch die Feste. Unsere gemeinsame Weihnachtsfeier und die Pfingstfeier („Viele Sprachen – ein Geist“) gestalten alle Jahrgänge mit eigenen Beiträgen. So zeigt z.B. die Maryam-Sure zur Geburt Jesu, vorgetragen von muslimischen Schülerinnen und Schülern auf der Weihnachtsfeier, Verbindungen zwischen den Religionen auf. Dies ist mehr als nur Unterricht; es ist ein gemeinschaftsstiftendes Erleben.
Unser Fazit: Schola Semper Reformanda
Das Modell des interkonfessionell-kooperativen Religionsunterrichts ist für unsere Schule tragfähig und fest in der Schulgemeinschaft verortet. Es setzt die Unterstützung durch die Schulleitung und eine Akzeptanz durch das Lehrerkollegium und die Schülerschaft voraus, die wir umfassend erfahren haben. Die Kooperation mit anderen Fächern ist förderlich und führt zu mehr Toleranz, Akzeptanz, Verständnis und Wissen über die eigene und andere religiöse Positionen. Gerade weil die Schülerinnen und Schüler das Fach freiwillig wählen können, können wir individuellere Bedürfnisse stärker berücksichtigen und die Jugendlichen in ihrer Selbstvergewisserung optimal begleiten.
Die Attraktivität dieses Ansatzes lässt sich konkret an den Zahlen ablesen: Der vor fünf Jahren eingeführte Seminarkurs „Weltreligionen“ verzeichnet stetig steigende Schülerzahlen und wird als ein Abitur-relevantes Fach aktiv nachgefragt. Im Schuljahr 2025/26 haben sich 57 der rund 90 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 11 dafür entschieden. Diese hohe Akzeptanzquote (fast 65 %) belegt eindrücklich, dass das Konzept einen Nerv bei der religionsmündigen Schülerschaft trifft.
Der Religionsunterricht in dieser Form ist kein nostalgisches Festhalten am Alten, sondern ein zeitgemäßer und unverzichtbarer Beitrag zur Persönlichkeitsbildung und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer diversen Gesellschaft. Im Sinne des II. Vatikanischen Konzils gilt: „Schola semper reformanda“. Möge dieses Beispiel andere Schulen anregen, ihren eigenen kreativen Weg zu einem zukunftsfähigen Religionsunterricht zu gehen.
___
Codula Kollotschek hat bis zum Sommer 2025 viele Jahrzehnte an einem Berliner Gymnasium u.a Religionsunterricht erteilt und dort ein Modell zum überkonfessionellen-kooperativen Unterricht gemeinsam mit den Kollegen entwickelt. Sie setzte sich als Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses schon in den 90er-Jahren für die Einführung eines Wahlpflichtfachs Ethik oder Religion ein und war auch 2006 bei dem Bürgerbegehren ProReli eine der Hauptakteurinnen.
Bild: privat
Bild: privat


