Ein KI-Jesus im Beichtstuhl? Das Forschungsprojekt Deus in Machina ist mehr als eine technische Kuriosität und hat hohe Aufmerksamkeit in internationalen Medien erregt, weil es eine zugespitzte Frage unserer Gegenwart berührt: Was geschieht, wenn Menschen sich mit ihren Hoffnungen, Ängsten und Sinnfragen an eine KI-Maschine wenden, die als Jesus auftritt? Ein Beitrag von Marco Schmid, zusammen mit Ingo Gächter, Philipp Haslbauer und Aljosa Smolic.
Wer zwischen August und Oktober 2024 die Peterskapelle in Luzern betrat, konnte dort eine ungewöhnliche Begegnung machen. Einheimische ebenso wie Tourist:innen aus aller Welt waren eingeladen, einen Beichtstuhl zu betreten und in dieser besonderen Intimität ein Gespräch mit einem KI-generierten Avatar zu führen, der auf einem Monitor hinter der Gittertrennung als Jesus erschien.
Erfahrbar machen, welche Möglichkeiten künstliche Intelligenz im religiösen Kontext heute besitzt.
Das experimentelle Kunstprojekt Deus in Machina, realisiert von der Peterskapelle gemeinsam mit dem Immersive Realities Research Lab der Hochschule Luzern, wollte erfahrbar machen, welche Möglichkeiten künstliche Intelligenz im religiösen Kontext heute besitzt, und zugleich eine breitere Diskussion über das Verhältnis von Technologie und Religion anstossen. Das Pionierprojekt, das bald unter dem Namen «KI-Jesus» bekannt wurde, fand rasch internationale Beachtung und wurde weltweit medial aufgegriffen.
Die Technik hinter dem KI-Jesus
Deus in Machina ist kein gewöhnlicher Chatbot. Im Zentrum steht das Sprachmodell ChatGPT, das mit weiteren KI-Systemen kombiniert wurde. Ein Spracherkennungssystem, das mehr als hundert Sprachen versteht, erfasst die Worte der Besucher:innen und übermittelt sie transkribiert an das Sprachmodell. Die generierten Antworten werden anschliessend über ein audiovisuelles System wiedergegeben, so dass die Stimme zur Mimik des Jesus-Gesichtes passte.
Ganz frei antwortet die KI dabei nicht. In den Systemanweisungen wurde festgelegt, dass sich die Antworten am Neuen Testament orientieren und eine empathische, seelsorgliche Haltung einnehmen sollen. Angelehnt an pastoralpsychologische Modelle sollte der KI-Jesus zudem mit Gegenfragen arbeiten und das Gespräch nach einer bestimmten Zeit mit einem Gebet oder Segen abschliessen.
Lichtsignale zeigten an, wann gesprochen werden konnte und wann das System gerade eine Antwort generierte.
Die technische Struktur blieb für die Nutzer:innen nicht verborgen. Lichtsignale zeigten an, wann gesprochen werden konnte und wann das System gerade eine Antwort generierte. Türsensoren registrierten, ob sich überhaupt jemand im Beichtstuhl befand, und beendeten den Dialog automatisch, sobald eine Person den Raum verliess. Ein zusätzlicher Knopfmechanismus holte ausdrücklich die Zustimmung der Besucher:innen ein, sodass aus Datenschutzgründen festgehalten werden konnte, dass sie dem Gespräch zustimmten und die Dialogdaten für eine spätere interne Analyse gespeichert werden durften.
Über 900 Gespräche
Insgesamt fanden über 900 Gespräche mit dem KI-Jesus statt. Etwas mehr als die Hälfte wurde auf Deutsch geführt.
Die Themen, mit denen sich Menschen an die Maschine wandten, waren häufig ernsthaft, manchmal existenziell. Sie kreisten um Liebe und Beziehungen, Sexualität, Kirche, Gott, Glauben, Schuld, Einsamkeit, Krankheit, Krieg oder Tod. Nur wenige versuchten, das System zu provozieren oder auf seine Grenzen zu testen.
Auffällig war vielmehr das Gegenteil. Die Maschine schien Hemmungen abzubauen. In der geschützten Situation des Beichtstuhls fiel es vielen leicht, offen zu sprechen.
Der KI-Jesus funktionierte weniger als Autorität denn als Resonanzraum.

Die Antworten des KI-Jesus waren selten eindeutig. Oft stellte er Gegenfragen, um den Dialog zu fördern. Wer moralische Urteile erwartete, wurde eher enttäuscht. Der KI-Jesus funktionierte weniger als Autorität denn als Resonanzraum. Thematisch kreisten seine Antworten dabei häufig um Motive des Friedens, der christlichen Liebe und des Gebets. Immer wieder griff er zentrale Elemente der Lehre Jesu auf und verwies auf biblische Passagen, häufig auch auf Gedanken aus den Briefen des Paulus.
Bemerkenswert war, wie schnell eine dialogische Beziehung entstand. Viele Besucher:innen erlebten die Maschine tatsächlich als ein Gegenüber, und nicht wenige bedankten sich am Ende des Gesprächs.
Von berührt bis empört
Nach dem Gespräch konnten Besucher:innen ihre Eindrücke in einem Fragebogen festhalten. Die Rückmeldungen fielen mehrheitlich positiv aus. Viele beschrieben die Erfahrung als überraschend intim und wohltuend. Für fast zwei Drittel war das Gespräch sogar ein spiritueller Moment.
Interessanterweise wurden auch die technischen Pausen während der Antwortgenerierung positiv wahrgenommen. Sie boten Zeit zum Nachdenken. Die Gegenfragen des KI-Jesus wurden als Zeichen ernsthafter Zuwendung verstanden.
Manche empfanden die Sprache der KI als zu banal oder zu salbungsvoll.
Kritische Stimmen gab es dennoch. Manche empfanden die Sprache der KI als zu banal oder zu salbungsvoll, andere vermissten mehr Alltagsnähe. Technische Störungen, wie etwa Sprachverwechslungen oder abrupt endende Gespräche, führten ebenfalls zu Irritationen.
Und schliesslich gab es grundsätzliche Einwände. Einige Besucher:innen lehnten es prinzipiell ab, dass eine künstliche Intelligenz als Jesus auftreten darf. Dass eine kirchliche Institution ein solches Experiment ermögliche, wurde von manchen als theologische Grenzüberschreitung wahrgenommen.
Konfessionelle Unterschiede wurden sichtbar.
Christlich sozialisierte Besucher:innen reagierten häufig emotionaler, sowohl ablehnend als auch positiv. Konfessionelle Unterschiede wurden dabei sichtbar. Während reformierte Gläubige eher Mühe mit der Verbindung von Jesusbild und den generierten Bibelhinweisen hatten, störten sich katholische Christ:innen stärker an der Wahl des Beichtstuhls als Ort des Gesprächs.
Unterschied zwischen persönlicher Erfahrung und öffentlicher Debatte
Atheistische, agnostische oder muslimische Besucher:innen hingegen zeigten sich oft neugierig und offen. Bemerkenswert ist zudem ein Unterschied zwischen persönlicher Erfahrung und öffentlicher Debatte. Während die Besucher:innen vor Ort überwiegend positiv reagierten, fielen die Kommentare in den sozialen Medien mehrheitlich deutlich kritischer aus, insbesondere aus christlichen Kreisen aus dem englischen Sprachraum. Dies hing unter anderem damit zusammen, dass in den Medien fälschlicherweise berichtet wurde, der KI-Jesus nehme Beichten ab.
Die Technik provoziert viele Fragen
Die neuen Technologien werfen eine Vielzahl theologischer, philosophischer und ethischer Fragen auf. Deus in Machina macht diese besonders anschaulich.

Welches Gottes- und Christusbild wird hier vermittelt? Kann ein auf Algorithmen basierendes Sprachmodell der Freiheit und Transzendenz Gottes überhaupt gerecht werden? Und wenn Christus in der christlichen Tradition ganz Mensch ist, was bedeutet es dann, ihm in einer rein digitalen Form zu begegnen?
Wer entscheidet darüber, welche theologischen Perspektiven in die Modelle einfliessen?
Auch grundlegende Fragen nach Autorität und Verantwortung stellen sich. Auf welchen Quellen beruhen die Antworten solcher Systeme? Wer entscheidet darüber, welche theologischen Perspektiven in die Modelle einfliessen? Und wer trägt letztlich Verantwortung für ihre Aussagen?
Darüber hinaus berührt das Projekt Fragen der Anthropologie und der seelsorglichen Praxis. Welche Rolle spielen Körperlichkeit, persönliche Erfahrung und gelebter Glaube in religiösen Gesprächen? Und was macht es mit den Menschen und ihrer Religiosität, wenn Antworten jederzeit «auf Knopfdruck» verfügbar sind? Besteht so die Gefahr, dass sich religiöse Praxis immer stärker individualisiert und damit die gemeinschaftliche Dimension des Glaubens an Bedeutung verliert?
Neue Technologien verlangen nach einer wachen und kritischen Auseinandersetzung.
Deus in Machina wirft diese und viele andere Fragen auf. Das experimentelle Kunstprojekt hat gezeigt, dass neue Technologien durchaus hilfreiche Werkzeuge sein können und positiv auf Menschen und ihre Religiosität wirken können. Gleichzeitig verlangen sie nach einer wachen und kritischen Auseinandersetzung. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Chance von solchen Experimenten, dass sie Menschen dazu anregen, neu über das nachzudenken, was ihr Leben, ihr Menschsein und ihren Glauben trägt.
Ingo Gächter ist Forscher für Kommunikation und KI. Er erforscht an der Hochschule Luzern, wie menschenzentrierte Künstliche Intelligenz (KI) Wert schaffen kann. Als Co-Leiter des Master-Studium AI Business Leadership entwickelt er KI-Innovationen mit Studierenden weiter: unter anderem digitales Wohlergehen, Spiritualität, persönliche Finanzen oder die Zukunft der Medien.
Als langjähriger Google-Partner in Zürich geniesst er das Vertrauen von KMU und globalen Marken. Gächter hat in den USA, China und Europa geforscht und gelehrt.
Philipp Haslbauer Software-Entwickler, Data Scientist und Künstler, hat eine Leidenschaft für kreative, intelligente und interaktive Systeme. Seit 2023 arbeitet er am Immersive Realities Research Lab der Hochschule Luzern – Informatik. Zu seinen Schwerpunkten zählen generative KI-Systeme, 3D-Rekonstruktionsmethoden und interaktive KI-Avatare. 2024 entwickelte er das Projekt Deus in Machina – AI Jesus. Hierzu verfasste er seine Master-Arbeit «Prototype of a Conversational Agent for Spiritual Consultation».
Aljosa Smolic, Co-Leiter des Immersive Realities Research Labs der Hochschule Luzern – Informatik; dieses gehört zum Immersive Realities Center (IRC). Zuvor leitete er die Forschungsgruppe V-SENSE am Trinity College Dublin und arbeitete bei Disney Research Zürich sowie beim Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut.
Seine Expertise liegt in immersiven Technologien wie AR, VR und volumetrischem Video sowie der Integration von Deep Learning in Visual Computing.


