Die leeren Versprechungen der neuen Patriarchen

Das Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung verleitet viele zur Unterstützung patriarchaler Politiker und zum Besuch patriarchaler Gotteshäuser. Auch viele Frauen. Katharina von Kellenbach erinnert an einen Gegenentwurf: Mary Dalys radikale, biblisch-fundierte feministische Theologie. Denn die Macht der Liebe ist weder patriarchal, pompös noch  prachtvoll.

Wo die Grundfesten zu fließen beginnen, bekommen wir Angst. Wenn Ordnungen ins Wanken geraten, suchen wir nach dem starken Mann. In der Furcht vor dem Chaos liegt das Geheimnis der Langlebigkeit des Patriarchats. Das hat die katholisch-feministische Theologin Mary Daly schon 1973 in Jenseits von Gottvater, Sohn & Co herausgearbeitet. Damals bestand noch Hoffnung auf eine bevorstehende Revolution. Die globale Frauenbefreiung, das Ende von Kolonialherrschaft und Rassendiskriminierung, weltweiter Frieden und Gerechtigkeit schienen ganz nahe, geradezu in Reichweite zu sein. Heute warten wir eigentlich nur noch darauf, welche Katastrophe uns früher ereilt: Klimawandel oder Müllkatastrophe, Völkerwanderung oder Artensterben, Atomkrieg oder Internetangriff.

Ein weltweiter Patriarchalisierungsschub.

Es ist nicht so, dass den demokratischen Wählern die korrupte Amoral eines Donald Trumps, Vladimir Putins, Tayyip Erdogans, Narendra Modis, Jair Bolsonaros, Viktor Orbans, Rodrigo Dutertes, Benjamin Netanjahus, oder Mohammed Bin Salmans [die monarchische Ausnahme] nicht bewusst wären. Aber das Bedürfnis nach väterlicher Autorität und mannhaftem Schutz bezwingt alle Zweifel. Und die neuen Herren sind sich der Unterstützung ihrer Religionsgemeinschaften gewiss: weiße, evangelikale Christen stehen ungebrochen hinter Präsident Trump, die Orthodoxe Kirche hinter Putin, und der Islamverband Ditib hinter Erdogan. Der weltweite Patriarchalisierungsschub in Politik und Religion wird gerade von Frauen getragen, die kulturelles Chaos und politische Wirren besonders fürchten. Frauen wählen patriarchale Politiker und frequentieren patriarchale Gotteshäuser, weil sie sich davon Sicherheit und Ordnung für ihre Familien versprechen.

Doch Gott ist kein Vater im Himmel, der stabile Ordnungen garantiert.

Dagegen setzte Mary Daly eine radikale, biblisch-fundierte feministische Theologie. Gott ist kein Vater im Himmel, der stabile Ordnungen garantiert, noch eine allmächtige Mutter, die uns beschützen könnte, sondern Anruf und Verheißung in die Fülle des Lebens und damit Grund alles Seienden. Gott, so argumentierte Mary Daly, ist keine sedimentierte Seinsgestalt [being] in männlicher oder weiblicher Form, sondern aktives Verbum [being], ein Sein, an dem wir teilhaben und mit dem wir die unbestimmte, offene Zukunft erschaffen. Diese Gottesvorstellung offenbart sich Moses im brennenden Dornbusch unter dem Namen „Ich bin, der ich bin“ oder „Ich werde sein, die ich sein werde“. Diese unfassbare und unbestimmbare Gottheit verlangt  Bereitschaft, sich auf den Weg zu begeben, die Fleischtöpfe Ägyptens zu verlassen, und sich auf eine Wüstenwanderung mit unsicherem Ausgang einzulassen.

Sondern Anruf und Verheißung.

Dalys feministische Theologie spricht in unsere Situation, die ja gerade davon gezeichnet ist, dass niemand sich genau vorstellen kann, wo das verheißene Land liegen und wie es aussehen möge. Uns sind die Utopien verloren gegangen. Wie sollen wir auf diesem Planeten überleben? Ist es überhaupt möglich, eine zehn Milliarden starke Menschheit politisch, gesetzlich, wirtschaftlich und religiös so zu organisieren, dass wir alle in den Genuss von Milch und Honig kommen? Oder können wir unser Überleben und unseren Wohlstand nur sichern, in dem wir die Grenzen schließen? Auf welche Frage gibt der weltweit erstarkende Nationalismus die Antwort?

Wer oder was soll an den Mauern und Grenzen aufgehalten werden? Nicht das Kapital, das weiter global fließt, noch der Handel, oder die Produktion, die Wissenschaft, das Klima oder die Umweltprobleme. Jeden Tag  wälzen sich mobile Menschenmassen mit den richtigen Pässen durch die Flughäfen der Welt, während gleichzeitig andere Menschen im Mittelmeer in Schlauchbooten ertrinken oder zu Fuß  in Karawanen durch Mexiko marschieren, um an der U.S.-Grenze verhaftet zu werden.

Die imperiale Macht schreibt sich in die Landschaft ein.

Donald Trump verkörpert diesen Widerspruch: Sein Name steht auf Hotels in Mexiko, Indonesien, Indien, Dubai, Schottland, der Türkei und Kanada. Seine Geschäftsbeziehungen sind international. Er verdankt seine Wahl der Unterstützung russischer Hacker (während er einen Deal für ein Hotel in Moskau verhandelte) und den globalen sozialen Netzwerken, Facebook und Twitter. Aber er bezeichnet sich als stolzen Nationalisten und hat jetzt die Regierungsgeschäfte lahmgelegt, um fünf Milliarden Dollar Steuergelder für den Bau einer Mauer entlang der über 3000 Kilometer langen Grenze zu Mexiko zu erpressen. Nicht Mexiko, wie versprochen, sondern der amerikanische Steuerzahler wird zur Kasse gebeten. Um das durchzusetzen, sitzen jetzt 800.000 Staatsbeamte wochenlang ohne Gehalt zu Hause.

Donald Trump wird unter seinen christlichen Anhängern als König Cyrus gefeiert (Christianity Today, 29. 11. 2018, New York Times, 31. 12. 2018). Befehlsgewalt, Prestige, Autorität und Rücksichtslosigkeit sind die gefeierten Tugenden einer patriarchaler Männlichkeit, mit der sich imperiale Macht in die Landschaft einschreibt. Könige, Pharaonen, Kaiser und Kalifen haben sich in monumentalen Palästen, Tempeln, Pyramiden und Mauern ihres Namens in der Weltgeschichte gesichert. Die Sprache der Macht und der Gewalt, die Ordnung schafft, Gehorsam fordert, Strafen verhängt und Belohnungen verteilt, bedroht die Zukunft der Menschheit auf diesem Planeten. Dagegen sind wir gefordert, eine andere Macht zu setzen.

Die andere Macht: offenbart in einem brennenden Dornbusch.

Mahatma Gandhi wurde einst gefragt, ob Gewaltfreiheit stärker sei als Waffengewalt. Er antwortete mit der folgenden Geschichte: Wenn sich zwei Brüder miteinander streiten, und den Streit friedlich beilegen, ist nichts passiert. Wenn sie vor Gericht ziehen oder sich umbringen, dann steht es in der Zeitung. Presse und Geschichtsschreibung berichten vom Ausnahmezustand, vom Krieg, Zusammenbruch und Katastrophe. Normal ist, dass jeden Tag Millionen Probleme unspektakulär gelöst und Konflikte friedlich beseitigt werden. In Wirklichkeit ist Liebe extrem effizient und wirkungsmächtig, während Gewalt ein Symptom außergewöhnlichen Versagens und der Schwäche ist.

Die Macht der Liebe ist nicht patriarchal, pompös und prachtvoll. Es ist die Macht, die sich in einem brennenden Dornbusch offenbart hat, in einem armseligen Stall zu Fleisch wurde, und von stammelnden Propheten und schäbigen Wanderpredigern verkündet wurde. Diese Macht ist unteilbar. Sie ist allen Menschen gleichermaßen zugänglich, egal welchen Geschlechts, Hautfarbe, Nationalität oder Religion sie angehören mögen. Ihr kann keine Mauer standhalten.

Katharina von Kellenbach, Ph. D., ist Professor of Religious Studies am St. Mary’s College of Maryland, USA.

Photo: pexels

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