Unter dem Pseudonym Michael Schäffler veröffentlichte der katholische Philosoph Alois Dempf 1934 eine kleine Schrift unter dem Titel «Die Glaubensnot der deutschen Katholiken». Eine Erinnerung aus gegebenem Anlass von Thomas Staubli.
Dempfs Schrift wurde von Bonn, wo Dempf lehrte, von keinem Geringeren als Karl Barth, seinem Dozentenkollegen, in die Schweiz geschmuggelt, wo sie in Lachen gedruckt und in Zürich-Altstetten im Roland-Verlag herausgebracht wurde.[1] Dempf stellt seine Ausführungen unter das Motto der damaligen Karfreitagsfürbitte für die Kirche: «Lasset uns beten, Geliebteste, für die heilige Kirche Gottes: Gott, unser Herr, möge ihr seinen Frieden, Einmütigkeit, Schutz und Schirm gewähren auf dem ganzen Erdkreis. Er unterwerfe ihr alle Führenden und Gewalthaber, und er beschere uns, dass wir in einem Leben des Friedens und der Ruhe Ihn verherrlichen: Gott, den Vater, den Allmächtigen.» Das Motto dient uns heute als hermeneutischer Schlüssel für die Lektüre des Textes.
«…. in einem Leben des Friedens und der Ruhe Ihn verherrlichen»
So können wir uns zwar dem Wunsch nach Einmütigkeit und Schutz der Kirche ebenso bedenkenlos anschließen wie dem nach einem Leben in Ruhe und Frieden, zugleich aber wirkt die Vorstellung einer Kirche, der alle Führenden und Gewalthaber unterworfen sind wie ein archaischer, peinlicher Größenwahn und die Anrufung Gottes als Herr, Vater und Allmächtiger als patriarchale Vereinnahmung.
Das Motto wappnet uns auf seine Weise für einen Text, der aus einer verflossenen, triumphalistischen, mittelalterlichen Welt zu kommen scheint und zugleich geleitet ist von einem Herzen in Sorge um die Menschen im Schoß einer Kirche, die von einer totalitären Ideologie aufgesogen zu werden drohte.
Dempf war bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs Medizinstudent im siebten Semester, diente während des Krieges an der Ostfront und fand dort viel Zeit für philosophische Lektüre. Nach dem Krieg studierte er Philosophie und bewirtschaftete zugleich den elterlichen Hof in Oberbayern. Er widmete sich der Erschließung der mittelalterlichen Weltanschauung und gilt als Begründer der Wissenssoziologie des Mittelalters. Dempfs Sensibilität für die Umbrüche, Gefahren und Nöte in seiner eigenen Gesellschaft war geschult worden an der ungewöhnlichen Kombination bäuerlicher Bodenhaftung gepaart mit wissenschaftlicher Analyse einer weit zurückliegenden Gesellschaft.
Begründer der Wissenssoziologie des Mittelalters
So verstand er es, die Zeichen der Zeit zu lesen und die von vielen wohl nur gefühlte Not in Worte zu fassen: «Wie, wenn unsere Prüfungszeit, die wir doch nur halb schuldig schon seit 20 Jahren mit allen nur auszudenkenden Schrecknissen durchmachen, vorüber und das verheißene dritte Reich nun wirklich schon angebrochen wäre? Haben wir nicht schon genug gebüßt und gesühnt und sind wir nicht schon genug gedemütigt durch den Krieg und die Kriegsfolgen? Und ist es unausweichlich, dass dem Terror des Bolschewismus, der sich offen als Antichrist bekennt, der Terror eines durch Massensuggestion zusammengeschweißten Gegenkollektivs entgegengestellt werden muss, da er nicht anders überwältigt werden kann?»
Ein ungeschminkter Blick auf den totalen Staat
Dempf alias Schäffler zeigt ungeschminkt auf, dass die Kirche durch einen totalen Staat mit einer totalen Weltanschauung die Glaubensfreiheit verliert, dass es nicht nur um einen Kulturkampf geht, sondern um einen Glaubenskampf, wenn nicht mehr öffentlich gegen die Rasseideologie Stellung bezogen werden kann. Ja, er sieht noch tiefer und weiter, nämlich, die «furchtbare Wirklichkeit des modernen totalen Industriestaates» und dem mit ihm einhergehenden «bis zum letzten durchgreifenden bürokratischen Apparat».
Ahnt er schon die grauenhafte Gewalt, die dieser Apparat gegen die erklärten Feinde des totalitären Rassenstaates entfalten wird? Er sieht, wie die Umschulung der Kinder geplant ist, die Hitler den Eltern entreißen will, die durchorganisierte Schaffung der Partei als Ersatzreligion, begleitet von Alfred Rosenbergs «Mythus des 20. Jahrhunderts» als Ersatzevangelium. Dempf mahnt, den Kern des Glaubens, das Reich Gottes, nicht zu vergessen, er warnt vor katholischer Mittelmäßigkeit, und er ruft dazu auf, «zur vollen Mündigkeit in Christo zu reifen». Er leitet auf katholische Art zu einer bekennenden Kirche an.
Nicht zum Mitläufertum verdammt
Aus heutiger Perspektive ist Dempfs Weckruf an die deutschen Katholiken und Katholikinnen ein wertvolles Dokument, das belegt, dass man sich auch in der sehr unübersichtlichen Zeit von 1934 einen Durchblick verschaffen konnte und nicht zum Mitläufertum verdammt war[2].
Deckblatt von Dempfs Weckschrift aus dem Jahre 1934.[3]
Nach dem Krieg lehrte Dempf in München. Eine seiner Schülerinnen war die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, die eine bei Dempf geplante Dissertation allerdings abbrach, einer seiner Schüler der Maler Max Rüedi, der die kantige Gestalt des Lehrers während einer Vorlesung skizzierte.
Skizze des Lehrers Alois Dempf seines Schülers Max Rüedi aus dem Semester 1949/50.[4]
Dempf gehörte damals im deutschsprachigen Europa zu den wenigen überlebenden, wertkonservativen Katholiken, von denen man etwas zu lernen erhoffte. Bei künstlerischen Menschen wie Bachmann und Rüedi hat er offenbar einen Blick schärfen helfen, der das Symbolische im Alltäglichen zu finden wusste.
Aus heutiger Perspektive freilich überwiegt das Gefühl der Distanz. Wie eingangs am Beispiel des Mottos verdeutlicht, scheint Dempfs Text – obzwar aus der Not geboren – aus einer anderen Welt zu stammen. Und dennoch sind die darin angesprochenen Themen hochbrisant. Die Gefahr des Cäsaropapismus, gegen die er anschrieb, ist in Russland Realität und in den USA groß. Dazwischen liegt ein säkularisiertes Europa, dessen Katholiken und Katholikinnen nicht nur mittelmäßig sind, sondern die sich vielerorts mit einer weniger als mittelmäßigen Kirchenleitung abplagen müssen.
Themen bis heute brisant
Die Not der Katholiken und Katholikinnen Europas ist die innere Not, nämlich für die Konservativen, die Verbindung mit der Gesellschaft in der sie leben nicht zu verlieren und, für die Liberalen, die Verbindung mit den überlieferten Formen nicht zu verlieren. Ein Beispiel für ersteres ist die Heiligsprechung von Carlo Acutis, der im Internet seine Sammlung der weltweiten Hostienblutwunder propagierte, ein Beispiel für letzteres der Fastenkalender der deutschsprachigen Katholiken in der Schweiz mit seinen traditionsentleerten entwicklungspolitischen Marketingfloskeln.
In verborgenen Winkeln
Im Rückblick scheint es fast, dass die Kirche im Widerstand gegen die gewalttätigen Ideologen des Faschismus ein letztes Mal wachsen konnten, während sie im Widerstand gegen die Gefahr des totalen Merkantilismus zu versagen und zu verschwinden droht. Aber vielleicht ist es wie bei einer großen Dürre, in der Samen in verborgenen Winkeln auf den nächsten Regen warten. In persönlichen Gesprächen jedenfalls lassen sich manchmal solche Samen in den Herzen von Menschen entdecken, die bereit sind, unter besseren Bedingungen aufzublühen. Diese Bedingungen allerdings sind nicht nur schicksalsgegeben, sondern teilweise zumindest auch das Resultat unseres Engagements als Citoyens.
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[1] Die Schrift war, obwohl seit Langem gemeinfrei, im WWW merkwürdigerweise nicht greifbar. Ich habe sie in der Kantonsbibliothek Freiburg ausgeliehen, gescannt und über meine academia.edu-Seite zugänglich gemacht: Michael Schäffler [Alois Dempf], Die Glaubensnot der deutschen Katholiken, Zürich-Altstetten 1934.
[2] Vgl. dazu Kurt Flasch, Katholische Wegbereiter des Nationalsozialismus. Michael Schmaus, Joseph Lortz, Josef Pieper, Frankfurt 2021, 15.
[3] Scan des Autors des Exemplars in der Kantonsbibliothek Freiburg (Schweiz).
[4] Thomas Staubli & Mathias Tanner (Hg.) Max Rüedi. Werkschau, Freiburg Schweiz 2008, Abb. XIV.
Thomas Staubli (*1962), PD Dr. theol., unterrichtet und erforscht das Alte Testament an der Universität Fribourg.




