Gegen den Hass: eine Auseinandersetzung mit dem Buch von Carolin Emcke

Carolin Emckes Buch „Gegen den Hass“ ist ein Bestseller und trifft einen Nerv. Aber reichen ihre Analysen für die heute notwendige Auseinandersetzung mit dem Hass? Das fragt Francesco Papagni.

Die Philosophin und Journalistin Carolin Emcke ist spätestens seit der Verleihung des prestigeträchtigsten Preises des deutschen Sprachraums, des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, zu einer öffentlichen Figur geworden. Ihr Buch „Gegen den Hass“ hat wesentlich zu ihrer Bekanntheit beigetragen. Der folgende Text will mehr als eine Rezension sein, er will zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den Thesen Emckes beitragen.

Emcke ist eine genaue Beobachterin.

Zuerst zu den Stärken. Emcke ist eine genaue Beobachterin und das zeigt sich an der Beschreibung eines Vorfalls in einer sächsischen Kleinstadt, wo ein Bus voll mit Flüchtlingen – Männer, Frauen und Kinder – von einem wütenden Mob attackiert und an der Weiterfahrt gehindert wurde. Die Flüchtlinge mussten stundenlang verängstigt im Bus ausharren, obwohl ein Polizeiaufgebot die Protestierenden vom Bus trennte. Die empathische Schilderung der Vorgänge in Clausnitz lässt uns mitfühlen und gleichsam mit dabei sein – es ist eine hochmoralische Parteinahme für diejenigen, die im Bus die verbale und nonverbale Gewaltandrohung der Fremdenfeinde erleiden mussten. Allerdings fehlt jede Einbettung dieses Ereignisses in einen grösseren historisch-politischen Zusammenhang. Wieso gerade Clausnitz? Ist es Zufall, dass Pegida und AfD gerade in Sachsen entstanden sind bzw. dort ihre Hochburgen haben?

Wenn mehr als ein Gefühl der Indignation bewirkt werden soll, ist eine historisch-politische Kontextualisierung notwendig.

Wenn mehr als ein Gefühl der Indignation bewirkt werden soll, ist eine historisch-politische Kontextualisierung notwendig. In diesem Fall muss das Erbe von zwei Diktaturen zur Sprache kommen, es muss die offiziell internationalistische, subkutan aber nationalistische Politik der DDR gegenüber Fremden – vietnamesische Arbeiterinnen und Arbeiter wurden z.B. streng abgesondert gehalten – diskutiert werden. Und es muss die Enttäuschung Vieler nach 1989 erwähnt werden, die sich in einer Aussage der Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley kristallisiert: „Wir haben Gerechtigkeit erwartet und den Rechtsstaat bekommen“.

Erklären tut solches Kontextualisieren das Einzelereignis nicht erschöpfend. Es geht auch nicht um eine Ursachenforschung; Hass hat wie Gewalt viele Ursachen. Der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski plädiert in seinem Essay „Räume der Gewalt“ dafür, die Ursachenforschung zugunsten einer Analyse der Dynamiken solcher Prozesse fallen zu lassen, zumal die Gründe, welche die Täter selbst im Nachhinein für ihr Handeln angeben, ein Resultat von Rationalisierungen darstellen. Die fehlende Verinnerlichung der Rechtsstaatsidee, wie sie im Bohley-Zitat zu Tage tritt, wie auch die Selbstsicht als eines Opfers, die im Zitat ebenfalls angelegt ist, sagt aber einiges über die dortige sozialpsychologische Situation aus.

Emcke arbeitet mit Methoden der Diskursanalyse. Ihr gelingen bedenkenswerte Einsichten, z.B. zur Formel der „besorgten Bürger“.

Solche historisch-politische Zusammenhänge sind Emckes Sache nicht, vielmehr arbeitet sie mit den Methoden der Diskursanalyse. Und es gelingen ihr Einsichten, die bedenkenswert sind, so zum Beispiel der Gebrauch der Formel der „besorgten Bürger“ , die in der Politik gerne verwendet wird, um Handlungen wie auch Unterlassungen zu legitimieren. Emckes Antwort auf diese politische Instrumentalisierung der Sorgen vieler Bürgerinnen und Bürger lautet, diese doch einem rationalen Diskurs zu unterwerfen. Dem Diskurs von Rechts muss, so die Autorin, mit einem „Gegendiskurs“ begegnet werden, der Gegendiskurs wird aber nur dann Erfolge zeitigen, wenn dieser auch von einer Politik getragen wird. Hier verlassen wir Emckes Argumentation, die auf die „Mikrophysik der Macht“ (Michel Foucault) konzentriert ist.

Ohne Zuversicht gelingt keine erfolgreiche Politik gegen den Neonationalismus.

Eine Politik gegen den Neonationalismus wäre zuerst eine Politik der Zuversicht. Zuversicht wiederum ist das säkulare Pendant zur emphatischen Hoffnung, die in der westlichen Welt christlich konnotiert ist. In „Gegen den Hass“ gibt es ein – erratisches – Kapitel, das mit „Hoffnung“ überschrieben ist, dessen Fazit lautet, dass Hoffnung sich meistens als falsche Hoffnung entpuppt. Keine erfolgreiche Politik gegen den Neonationalismus kam jedoch ohne Zuversicht als politischer Botschaft aus. Paradigma aller Politik der Zuversicht ist und bleibt Franklin Delano Roosevelts „New Deal“, der in Zeiten tiefster Verzweiflung den Menschen eine bessere Perspektive eröffnete. Die demonstrative Zuversicht, welche Präsident Roosevelt selbst ausstrahlte, hat nicht wenig zum Gelingen jener Politik beigetragen.

Mehr als nur ein Gegendiskurs gegen den Hass: gebraucht wird eine Gegenstrategie.

Freilich ist es eine offene Frage, wie jene unter Bedingungen eines klassischen Nationalstaates realisierte Strategie für eine digitalisierte, globalisierte Zeit neu erfunden werden kann. Eines lässt sich aber vorab sagen: wir müssen den Blick auf das Kleine, Partikulare richten und gleichzeitig die grossen Zusammenhänge von Wirtschaft, Politik und Kultur präsent haben. Sonst riskiert unsere Empathie lediglich Betroffenheitsprosa zu produzieren. Wir können dann ausdrücken, wie verstört wir durch den Hass sind, wir werden aber keine Gegenstrategie entwickeln können.

Legitime oder illegitime Sorgen der „angry white men“

Eine Gegenstrategie wiederum ist mehr als ein Gegendiskurs – die Software funktioniert nur mit einer Hardware. Diese Hardware kann nichts anderes liefern als eine Politik der Zuversicht, die durchaus auch populistisch sein soll, denn nur wenn die Emotionen in eine konstruktive Richtung gewendet werden können, hat diese Politik eine Chance. Es nützt politisch nichts, die Sorgen in legitime und illegitime zu klassifizieren. In einer Demokratie gehen die Bürgerinnen und Bürger wählen und dann zählt nicht, ob ihre Sorgen legitim oder illegitim sind.

Welche Folgen ein solch verengter Blick hat, zeigt der eben vergangene amerikanische Wahlkampf. Während die Demokraten im Allgemeinen die universalistischen Werte hochhielten und sich im Besonderen um Latinos, Homo- und Transsexuelle – in Emckes Buch beschäftigt sich ein ganzes Kapitel mit der Not der Transsexuellen mit geschlechtergetrennten Toiletten – und um urbane, gutausgebildete Frauen bemühten, sprach der republikanische Herausforderer ein Wort aus, das die Demokraten vergessen zu haben schienen: Jobs. In den Analysen war plötzlich von „angry white men“ die Rede, manchmal mit dem Zusatz „non college educated“, wobei es wohl auch viele Frauen in dieser Gruppe geben muss. Valentin Lustig hat dazu bemerkt, dass es früher einen weniger umständlichen Begriff gab: Proletarier.

Trump hat die US-Wahl gewonnen, weil er u.a. den einstigen Industriearbeitern des „rust belt“ Arbeitsplätze versprach. Der Milliardär hat instinktsicher ein traditionell linkes Thema aufgegriffen. Die Demokraten hatten anscheinend keine Botschaft für diese Wählerinnen und Wähler – keine Botschaft für ihre alte Stammwählerschaft! Es wäre eine bittere Ironie, wenn Trump sein angekündigtes grosses Infrastrukturprogramm realisieren und damit ein Vorhaben in die Tat umsetzen könnte, mit dem Obama am republikanisch dominierten Kongress gescheitert ist.

Wer Hass bekämpfen will, muss sich mit Zukunftsängsten befassen.

Wenn wir wirklich den Hass bekämpfen wollen, müssen wir aus den Ereignissen der letzten Jahrzehnte lernen. Wir müssen erkennen, dass viele Menschen in westlichen Staaten und zwar auch solche, denen es objektiv gut geht, Angst vor der Zukunft haben. Wir werden ihnen diese Angst nicht nehmen, indem wir sie darauf hinweisen, wie gut es ihnen doch im Verhältnis zu den Unterprivilegierten geht. Im schlimmsten Fall generiert diese Angst Wut und Ablehnung gegenüber Minderheiten. Diese Menschen argumentieren im Gegensatz zu den diesbezüglichen Einschätzungen Emckes manchmal rational. Zum Beispiel argumentieren sie meritokratisch, wenn sie nicht verstehen können, wieso Menschen die Jahrzehnte ins Sozialsystem einbezahlt haben mit Menschen, die eben erst ins Land gekommen sind, gleichgestellt werden. Die „besorgten Bürger“, von denen Carolin Emcke eher als diskursiver Formel spricht, haben den Eindruck, dass der Staat, der ihnen soziale Sicherheit und Sicherheit vor Verbrechern garantierte, an seine Kapazitätsgrenzen stösst. Arbeitsplatzsicherheit gibt es sowieso nicht mehr. Der Impuls, sich hinter die geschlossenen Grenzen des alten Nationalstaates zurückzuziehen, mag irrational sein – es ist eine verquere Antwort auf reale Probleme.

Sich hinter die geschlossenen Grenzen des alten Nationalstaates zurückzuziehen, mag irrational sein. Es bleibt aber eine verquere Antwort auf reale Probleme.

Fazit: Carolin Emckes Buch „Gegen den Hass“ sensibilisiert für die vielen Zurücksetzungen und Verletzungen, die Angehörige von Minderheiten auch in westlichen Ländern zu erdulden haben. Es hilft nicht eine Politik zu finden, die den Hass wirksam bekämpft.


Francesco Papagni hat Theologie studiert und arbeitet als freier Journalist.

Angaben zum Buch:
Carolin Emcke: Gegen den Hass. Frankfurt a.M. 2016.
Bild: Peter Hebgen / pixelio.de

 

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