Gott weiß, ich will kein Engel sein! Er selber ja auch nicht…

Aus dem Musikvideo der Single "Columbo" der Band Wanda

Gedankenexperiment: Würden Sie Ihr Menschsein eintauschen wollen? Wim Wenders, Wanda, Mia und Rammstein wohl nicht. Gerrit Spallek mit dem zweiten Teil seiner Engelreihe.

Bei einer Onlinerecherche traf ich einen Engel (oder traf er mich?), bevor ich überhaupt angefangen hatte nach Engeln zu suchen. Unter seinen Flügeln trug er eine abgewetzte Lederjacke und rauchte tanzend eine Zigarette. Manchmal schlägt mir YouTube Videos vor, die mir gefallen dürften – auch wenn ich sie noch gar nicht kenne. So war es auch an diesem Abend, als mir das Musikvideo der aktuellen Single der Wiener Band Wanda vorgeschlagen wurde: Columbo (Link zum YouTube-Video).

Ohne Lied und Musikvideo ausschöpfend interpretieren zu wollen, es handelt sich um eine Hommage an das menschliche Dasein. Das Video kann spontan Lust auf das Leben machen, obwohl mir hier keine verklärte Blümchenwelt begegnet, in der alles glatt läuft. Die ins Bild gesetzten Menschen sind verletzbar und die Beziehungen zerbrechlich. Auf die Sterblichkeit des Menschen wird omnipräsent durch Kreidezeichnungen seiner Umrisse hingewiesen, wie man sie aus Krimiserien kennt.

Menschen, die in aller Verletzbar- und Zerbrechlichkeit einander und dem Leben trauen.

Wenn Frontmann Marco Michael Wanda nicht mit Engelsflügeln bekleidet durch das Bild tanzt, begegnen uns vor allem aber Menschen, die in aller Verletzbar- und Zerbrechlichkeit einander und dem Leben trauen. Das Leben erscheint lebenswert – nicht obwohl, vielmehr weil es ist, wie es ist.

Die inszenierte Lebenslust auf meinem Bildschirm verbindet sich gleichzeitig mit einer Aufbruchsstimmung. Gewöhnlich motiviert mich ein YouTube-Clip dazu, gleich den nächsten anzuklicken. Bei diesem ist es anders. Ich möchte mich jetzt nicht weiter ins Netz des digitalen und virtuellen Lebens verstricken. „Ich bin schließlich lang genug draußen gewesen, lang genug abwesend, lang genug aus der Welt! Hinein in die Weltgeschichte! (…) Weg mit der Welt hinter der Welt.“[1]

Himmel über Berlin: Hinein ins Getümmel menschlicher Endlichkeit und Verletzbarkeit.

Das Zitat stammt aus Der Himmel über Berlin, dem Kultfilm von 1987, in dem ein Engel seine Unendlichkeit und himmlischen Kräfte aufgibt, weil er sich nicht nur in einen Menschen, sondern generell in das menschliche Leben verliebt. Damiel will raus aus der Rolle des gottgleichen Voyeurs und hinein ins Getümmel menschlicher Endlichkeit und Verletzbarkeit. Er will wissen, was kein Engel trotz ihrer Allwissenheit wissen kann. Er will sinnlich erfahren, wie es sein wird, einmal gelebt zu haben.

Im Gegenüber der Seiltänzerin Marion entdeckt der Engel Damiel, dass er nichts anders sein will als ein endlicher, leiblicher, verletzbarer Mensch. Des Motiv ist bekannt, der Kontrast könnte aber nicht größer sein: Am Seiltänzer lehrt Nietzsches Zarathustra erstmalig öffentlich vom Übermenschen, der überwunden haben wird, was Damiel ersehnt.

Ein Engel entscheidet sich aus freien Stücken dazu, Mensch zu sein.

Kommissar Columbo, dem die Band Wanda die erwähnte Single gewidmet hat, kommt bei diesem Film ebenso eine Schlüsselrolle zu. Genauer geht es um den Columbo-Darsteller Peter Falk, der in dem Drama eine Mischung aus sich selbst und seiner bekanntesten Rolle spielt. Falk spielt ebenfalls einen Engel, der sich bewusst und aus freien Stücken dazu entschieden hat, Mensch zu sein – mit allem, was dazugehört. Er bereut es nicht, wird nicht nur ein gefragter Filmstar, sondern versucht sich mit Leidenschaft, wenn auch talentfrei, am Portraitzeichnen und wirbt für die lässlichen aber lebensverkürzenden Sünden wie den Genuss von Zigaretten und Kaffee.

Es fällt auf, dass die Frage nach einer tatsächlichen Existenz von Engeln für das bisher gesagte völlig irrelevant ist. Als Bildmotiv ermöglichen Engel hier ganz unabhängig davon die Inszenierung einer eigentlich unmöglichen Entscheidung. Niemand hat den Menschen gefragt, ob er in dieser Welt, so wie sie ist, und unter den Bedingungen menschlicher Verletzbarkeit überhaupt leben möchten. Er wurde einfach in sein Dasein hineingeworfen.

Würden Sie im Gegenzug gerne Ihr Menschsein eintauschen wollen? Rammstein und Mia. nicht.

Im Modus der Fiktion gelingt es über die Inszenierung von Engel nun eine alternativ denkbare Existenzweise zum Schein anzubieten. Diese Engel laden zu einem Gedankenexperiment ein: Würden Sie im Gegenzug gerne Ihr Menschsein eintauschen wollen? Im Angebot steht eine übermenschliche, nicht sterbliche, unverletzbare, immaterielle Existenz als Engel. Sie wüssten alles, was die Engel wüssten. Gleichzeitig wüssten Sie nichts, was die Engel gerade nicht wissen oder erfahren könnten – weil sie nicht wären, was sie nicht sind: Mensch.

Beinahe im exakten Zehnjahresrythmus zwischen Wandas Columbo und Wenders Der Himmel über Berlin lassen sich popkulturelle Antworten auf diese Frage finden. 2006 veröffentlichte die Berliner Pop-Gruppe Mia. den Song Engel (Link zum YouTube-Video). Der Ton ist gewohnt hoffnungsvoll und weltzugewandt. Der Refrain gibt eine eindeutige Antwort: „Wenn ich ein Engel wär, gäbe ich meine Flügel her, und ließ mich fallen“. Knapp zehn Jahre zuvor klang dieselbe Antwort wesentlich härter. 1997 bekannte die Rockband Rammstein unmissverständlich: „Gott weiß, ich will kein Engel sein!“ (Link zum YouTube-Video).

„endlich endlich“ statt „endlich unsterblich“

Die Brachial-Rocker lehnen nicht nur die Bedingungen einer transmortalen Existenz als Engel ab, mit denen sich Lebensgenüsse nur noch zum Schein genießen ließen. Auch sie schließen an die filmische Darstellung von Wim Wenders an, indem sie Engel als isolierte und vereinsamte Individuen darstellen, denen eine interpersonale und authentische Kommunikation unmöglich ist.

Die hier zusammengestellte Ablehnungshaltung gegenüber einer engelsgleichen Existenzsweise lässt sich zugleich als Protest gegenüber einer omnipräsenten Weltflucht ins Virtuelle und Digitale lesen. „Weg mit der Welt hinter der Welt!“, heißt es in Der Himmel über Berlin. Statt „endlich unsterblich“[2] lautet die Losung für Damiel und Columbo: „endlich endlich“!

Till Lindemann und Gott: Sie wollen beide keine Engel sein.

Eine hier ansetzende Engellehre steht nicht wirklich auf biblischen Füßen. Es lassen sich aber sehr wohl inkarnationstheologische und anthropologische Überlegungen anschließen. Denn Till Lindemann, der Sänger von Rammstein, und Gott scheinen zumindest diese eine Gemeinsamkeit zu teilen: Sie wollen beide keine Engel sein! Auch Gott hatte niemals vor, als Engel zu leben. Er selbst hat sich aus größtmöglicher Freiheit dazu entschieden, Mensch zu werden.

Das unterscheidet Gott noch einmal radikal von uns Menschen. Uns hat niemand gefragt, ob wir unter diesen Bedingungen existieren wollen. Gott wollte es – mit allem, was dazugehört. So betrachtet deutet sich gewissermaßen eine Umformulierung des Stellvertretungsmotivs an: Kann Gott für uns mitsprechen, was uns nicht möglich war? Ich will Mensch sein.

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Gerrit Spallek ist Redaktionsmitglied von feinschwarz.net. Gerade arbeitet er an einer kleinen Reihe zu Engeln. Bereits erschienen ist der Auftakt:

Die Engel sind flügge geworden – und für die Theologie bedeutungslos?

Bild: Ausschnitt aus dem Musikvideo der Band Wanda, Single: Columbo (2017)

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[1] Aus: „Der Himmel über Berlin“ (Wim Wenders, 1987), zitiert nach Uwe Wolf, Die Wiederkehr der Engel. Boten zwischen New Age, Dichtung und Theologie (EZW-Impulse 32), Stuttgart 1991, 21f.

[2] So der Titel von: Klaus Müller, Endlich unsterblich. Zwischen Körperkult und Cyberworld, Kevelaer 2011.

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