Mit dem vor kurzem erschienenen 4. Band sind die «Gesammelten Schriften» des Salzburger Theologen und Schriftstellers Gottfried Bachl vollständig. Franziska Loretan-Saladin unternimmt hier den Versuch, den Autor und sein Werk in aller Kürze vorzustellen.
Vor einigen Jahren, bei den Salzburger Hochschulwochen im Sommer 1999 zum Thema «Religiosität am Ende der Moderne», bin ich Gottfried Bachl zum ersten Mal begegnet.[1] Er war Vorsteher eines Morgengottesdienstes mit Predigt im Stift St. Peter. In meinem Notizheft habe ich damals dazu festgehalten: «Sehr ansprechende, meditative Gebete und Texte».
Der Theologe und Schriftsteller habe kürzlich ein Büchlein mit Gebeten geschrieben, erklärte mir am selben Tag der damalige Obmann der Salzburger Hochschulwochen, Professor Heinrich Schmidinger. Es trage den Titel «Mailuft und Eisgang». Schon bald hielt ich dieses kleine, feine Büchlein in meinen Händen. Hier eine Kostprobe daraus[2]:
Die Orakel
sind stumm geworden,
Propheten verweigern die Auskunft,
Engel fliegen
kaum noch
zwischen Himmel und Erde,
aber im kleinen Gras verstreut
liegen lesbar die Buchstaben
deiner Vermutung
Erwähnenswert ist für mich diese Begegnung mit dem Autor und der Band mit den Gebeten, weil sie meine Neugier auf dessen Werk geweckt hatten, die bis heute nie enttäuscht worden ist. Zudem gehört Heinrich Schmidinger zusammen mit Alois Halbmayr und Wilhelm Achleitner zu den Herausgebern der in diesem Frühjahr abgeschlossenen vierbändigen «Gesammelten Schriften»[3] Gottfried Bachls.
Zwei Erlebnisse in der Jugend
In Pregarten im österreichischen Mühlviertel aufgewachsen, nach seinem Theologiestudium an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und einer Zeit als Kaplan in Wels, lehrte Gottfried Bachl zunächst Dogmatik und Ökumenische Theologie an der Katholisch-Theologischen Hochschule in Linz. Von 1983 bis zu seiner Emeritierung 1998 war er Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universität Salzburg.
Diese wenigen Hinweise auf die Lebensstationen Bachls zeigen, was Theologie und Werk dieses – im besten Sinn des Wortes – eigensinnigen Autors geprägt hatte. Spezifischer noch erwähnt Heinrich Schmidinger in der Einleitung zu den «Gesammelten Schriften» zwei Erlebnisse in der Kindheit in Pregarten, die Bachls Suchen und Fragen geprägt haben müssen: [4]
«Du hast einen flüchtigen Buchstaben für Gott gesehen.»
Zum einen die Erfahrung gegen Ende der Gymnasialzeit an einem Wintermorgen, am Rand eines Waldes mit dem Blick auf eine Wiese mit hohem Schnee. «Damals erfüllte mich die Gewissheit: Du hast einen flüchtigen Buchstaben für Gott gesehen. Heute ist sie noch deutlicher in mir. Sie hält mich auf der Fährte.»[5]
Zum anderen zwei Bilder aus dem Winter 1944/45: «Die Leichen der KZ-Opfer auf der Wiese bei unserem Haus und die Sträflinge, die ich im Winter 1944/45 sah, wenn ich zur Schule nah Linz fuhr und der Zug in St. Georgen an der Gusen hielt. Ich bin leicht davongekommen, mir ist nichts passiert. Aber ich habe nun zu denken, soweit es an mir liegt (…). Schliesslich bin ich ein Christ, dem in der Bibel gesagt ist, Gott sei ewig aufmerksam, vor ihm sinke nichts in Vergessenheit. Wie könnte ich an diesen Gott glauben und zugleich dem ausweichen, was in diesem meinem Heimatland geschieht?»[6]
Mosaiksteine des theologischen Denkens
Was Bachl für seine theologische Forschung unter anderem in seiner Studienzeit in Rom gelernt hat, erwähnt er im Interview mit Ulrich Winkler, aus dem Schmidinger zitiert: «Gelernt habe ich von den Jesuiten, dass man auch in der Religion nach geistiger Unabhängigkeit streben sollte …»[7] Diese «geistige Unabhängigkeit» ist bei der Lektüre von Bachls Schriften immer wieder wahrzunehmen. Für mich macht dies auch die Frische der Theologie Bachls aus. Da ist nichts einfach nachgeplappert oder zum x-ten Mal zitiert. Da ringt ein Mensch mit dem Gott der Bibel, der sich vor allem in Jesus als den Menschen nahe gezeigt hat – und mit Blick auf jede menschliche Erfahrung.
Der Glaube an Gott rührt an die Tiefe der eigenen Existenz.
So kann Alois Halbmayr in der Einleitung zum Themenbereich «Gottesfrage – Theologie» schreiben, «dass der Glaube an Gott für Bachl nicht nur eine Herausforderung an das Denken darstellt, sondern in gleicher Weise an die Tiefe der eigenen Existenz rührt.»[8]
Dies führt zu einer Theologie, in der Gott nicht festgeschrieben werden kann, sondern unverfügbar, Geheimnis bleibt. Gleichzeitig aber ist es dem Menschen möglich, durch Fragen in der Spur Gottes zu bleiben und Gott auch mit dem Zweifel zu ehren.[9]
Durch Fragen in der Spur Gottes bleiben und Gott auch mit dem Zweifel ehren.
Blickkontakt mit Jesus
Bachls Theologie erweist ihre Unabhängigkeit und Originalität auch darin, dass er sich eine Unmittelbarkeit in der Beziehung zu Gott und zu Jesus bewahrt hat. Schmidinger schreibt: «Man darf annehmen, dass er [Bachl] den ersten ‚Blickkontakt‘ mit Jesus, den er anlässlich seiner ersten Christologie-Vorlesung in Salzburg (1983) beschrieb – ‚ich habe ihn angesehen, und er hat mich angesehen‘ –, schon früher, längst vor Rom, hatte. Er nannte ihn ‚das Grundwort meines Glaubens. Wenn dort kein Gesicht, dann kein Leben, keine Welt, keine Freude, keine Hoffnung.’»[10]
Ich sehe dich, so wie du bist, du siehst mich.
Wie entscheidend die Beziehung mit dem Blickkontakt mit Jesus verbunden ist, klingt bei Bachl so: «Ergibt sich der Sinn nicht erst, wenn wir die Kraft haben, uns zu erblicken, ehe wir aufeinander einfallen und uns gebrauchen? Ich sehe dich, so wie du bist, du siehst mich».[11]
Wenn Glauben vom Hören des Wortes kommt, gibt es doch kein Wort – und erst recht kein geschriebenes Wort, etwa der Heiligen Schrift – losgelöst von einer sprechenden Person, die das Wort erst «hörbar» macht. Damit gehört zum Hören die Begegnung und zur Begegnung der Blickkontakt. Für Heinrich Schmidinger bildet diese Einsicht «das zentrale Element des gesamten Bachl’schen Werkes und Schaffens – seiner Theologie, seiner Dichtung, seiner Spiritualität, ja seines Lebens als Theologe, als Schriftsteller, als Priester und wohl auch als Mensch in seinen mit-menschlichen Beziehungen.»[12]
Zum Hören gehört die Begegnung und zur Begegnung der Blickkontakt.
Gesammelte Schriften
Damit soll die kurze Vorstellung der Person Gottfried Bachls – so unvollständig diese auch bleibt, hier beendet und ein Überblick über die Gesammelten Schriften gegeben werden.
Wie in der Einleitung zur 4-bändigen Ausgabe erwähnt wird, finden sich darin jene Schriften, die zu Lebzeiten Bachls veröffentlicht wurden. Es handelt sich also nicht um eine «Gesamtausgabe», welche auch Nicht-Publiziertes wie Entwürfe, private Aufzeichnungen, Tagebücher, Briefe… umfassen würde.
Zuordnung gemäss inhaltlich-systematischer Gesichtspunkte, aber auch nach Kriterien der literarischen Form
Auf insgesamt über 3000 Seiten fanden 253 Publikationen des Autors Aufnahme in die Gesammelten Schriften, wobei deren Zuordnung zu den einzelnen Bänden «zum einen gemäss inhaltlich-systematischer Gesichtspunkte, zum anderen aber auch nach Kriterien der literarischen Form» vorgenommen wurde.[13] Für die ersten drei Bände gibt die Systematik der dogmatischen Theologie den Ton an, was die inhaltliche Gliederung betrifft – jedoch nicht ausschliesslich, wie die Themen «Mauthausen» in Band 1 oder «Eros und Liebe» in Band 3 zeigen. In Band 4 schliesslich erscheint «gesammelt das poetisch-literarische Werk, welches wiederum bei Bachl nicht allein in der literarischen Prosa und Lyrik greifbar ist, sondern ebenso in seinen Predigten, Gebeten, Psalmen und Reden (zu unterschiedlichsten Anlässen)».[14]
… sich über jegliche Grenzziehung systematischer, disziplinärer, methodologischer oder gattungsmässig-literarischer Art gezielt hinwegsetzt.
Was hier klar und logisch erscheint, war für die Herausgeber beim einen oder anderen Text nicht so einfach, wie Heinrich Schmidinger in der Einleitung schreibt: «So entspricht es dem theologischen Denken Bachls, das auf der einen Seite wohl inhaltliche Schwerpunkte enthält, die unmittelbar auf theologische Disziplinen verweisen, das sich auf der anderen Seite jedoch über jegliche Grenzziehung systematischer, disziplinärer, methodologischer oder gattungsmässig-literarischer Art gezielt hinwegsetzt – in der Überzeugung, nur auf diesem Wege dem Anspruch der Theologie als dem glaub-würdigen Reden von Gott, Genüge tun zu können.»[15]
Jedes der einzelnen Themen wird von einer Einleitung durch einen der drei Herausgeber begleitet.
Erwähnen möchte ich schliesslich, dass neben der Einführung in die Gesamtausgabe sowohl jeder Band der Schriften Bachls als auch jedes der einzelnen Themen von einer Einleitung durch einen der drei Herausgeber begleitet wird.
Schluss
Seit ein paar Jahren übertrage ich auf die erste Seite meiner papierenen Agenda zu meiner steten Erinnerung den folgenden Satz Gottfried Bachls: «Gott wohnt mehr in der Frage als in der Antwort.»[16]
«Gott wohnt mehr in der Frage als in der Antwort.»
In diesem Sinne möchte ich ein paar frei ausgewählte Sätze aus Bachls «Gottesfragebogen»[17] an den Schluss stellen:
-
- Warum duzen Sie Gott?
- Kann Gott sterben?
- Was hat Gott riskiert, als er Mensch wurde?
- Meinen Sie, dass Gott alles tun darf?
- Was macht nach Ihrer Ansicht einen Gott zum Gott?
- Kann man die Nähe Gottes messen?
- Möchten Sie Gott ins Gesicht schauen?
Franziska Loretan-Saladin, Dr. theol., war bis im Sommer 2023 Lehrbeauftragte für Homiletik an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. Sie gestaltet weiterhin Gottesdienste mit Predigt und ist u.a. Vorstandsmitglied eines Sozialprojekts. Seit 2015 gehört sie zum Redaktionsteam von feinschwarz.net.
[1] In meiner Besprechung des Bachl-Lesebuches «Das flüchtige Nu des Lebens“ erinnerte ich mich nicht mehr an den Gottesdienst während der Salzburger Hochschulwochen und setzte meine zweite Begegnung mit Bachl bei der Aschermittwochsfeier 2012 in Salzburg an den Beginn meiner Entdeckung des Autors.
[2] Gottfried Bachl, Mailuft und Eisgang. 100 Gebete, Innsbruck/Wien (Tyrolia) 1998, 25.
[3] Band 1: Gottesgeschichten. Gottesfrage – Theologie – Mauthausen – Christologie – Mariologie; Band 2: Hoffnung und Vollendung. Eschatologie – Soteriologie; Band 3: Christsein in Kirche und Welt. Ekklesiologie – Sakramente – Priestertum – Christsein – Eros und Liebe, alle drei Bände Freiburg i.Br. (Herder) 2025; Band 4/1: Lesestücke – Gebete – Reden. Frühe Texte – Theologische Prosa – Ästhetik; Band 4/2: Lesestücke – Gebete – Reden. Psalmen – Predigten – Gespräche, Freiburg i.Br. (Herder) 2026. Im Folgenden zitiert: Titel des jeweiligen Textes, Bachl GS, Bandnummer, Seitenzahl.
[4] Vgl. Heinrich Schmidinger, Bachl GS, Band 1, Einleitung, 7-24, 9.
[5] Gottfried Bachl, Gottesbeschreibung, Bachl GS, Band 1, 175-178, 176.
[6] Gottfried Bachl, Was tun mit der Vergangenheit? Zum 13. März 1938, als Hitler mit deutschen Soldaten in Österreich einmarschiert ist, Bachl GS, Band 1, 301-317, 305.
[7] Zitiert in: Heinrich Schmidinger, a.a.O., 10.
[8] Alois Halbmayr, Bachl GS, Band 1, Einleitung [Gottesfrage – Theologie], 27-28, 28.
[9] Vgl. den in Briefform geschriebener Text: «An Abraham wegen Isaaks Opferung“, Bachl GS, Band 1, 118-124, 124.
[10] Heinrich Schmidinger, a.a.O., 10f.
[11] Gottfried Bachl, Lass mich deine Leiden nicht singen, Bachl GS, Band 4/1, 77-79, 78.
[12] Heinrich Schmidinger, Der Theologe und Schriftsteller Gottfried Bachl. Vortrag anlässlich der Präsentation der Bände 1 und 2 der Gesammelten Schriften am 24.06.2025 in Salzburg. (Manuskript)
[13] Vgl. Heinrich Schmidinger, Bachl GS, Band 1, Einleitung, 7-24, 22.
[14] Ebd.
[15] A.a.O., 23.
[16] In: Gott bewegt, Hg. von Alois Halbmayr, Würzburg 2012, 22.
[17] Gottfried Bachl, Gottesfragebogen, Bachl GS, Band 4/1, 275-293


