Schriftbilder können Hass auslösen. Dieser Einsicht geht der Kunsthistoriker Gregor Meinecke anhand konkreter Ereignisse nach.
17. Oktober 2025, zwei Jahre und 10 Tage nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel, betritt ein deutsch-israelisches Pärchen den “K-Fetisch” in Berlin. Die Frau trägt ein T-Shirt mit dem dreisprachigen Schriftzug „Falafel“ auf Arabisch, Englisch und Hebräisch. Das Designerteam des Oberteils kommt aus dem Iran, Israel und Deutschland und erhoffte sich von der selbstredenden Idee Frieden und Verständnis zwischen Israel und Palästina zu vermitteln – kann sich die Region doch immerhin auf dasselbe Wort für eine Speise einigen. Doch die Kundin löste unwillentlich die entgegengesetzte Reaktion aus, nämlich Aggression und Unverständnis – und das nicht, weil im Kaffeehaus keine mediterrane Küche zu bekommen war. Wegen der hebräischen Zeile auf ihrem T-Shirt bezeichnete eine Café-Mitarbeiterin die potentielle Kundin als Zionistin, warf ihr vor, den Völkermord in Gaza zu unterstützen, da Hebräisch „die Sprache des Unterdrückers“ sei. Die Café-Mitarbeiterin forderte die Frau auf, das Geschäft sofort zu verlassen.[1]
Der israelische Journalist Oded Carmeli schrieb daraufhin einen Kommentar in HaAretz („We Used to Conceal Jewish Symbols. Now It’s Hebrew We’re Asked to Hide“)[2]. Darin fasst er das Ereignis in Berlin so zusammen: Egal, welche Intention dem T-Shirt zugrunde liege, Hebräisch selbst sei zu einem roten Tuch geworden. Sodann reflektiert der Autor die Position der hebräischen Sprache und mahnt, wie marginal die Präsenz der hebräischen Schrift außerhalb Israels ist. Hebräisch sei eben keine Weltsprache, sondern provinziell.
Hebräisch ist ein rotes Tuch
Doch während japanische, griechische, türkische Restaurants ihre Fassaden mit ihrem jeweiligen Schriftbild zieren, finde man in einem israelischen Restaurant im Ausland nicht ein Aleph, kein einziges Wort Hebräisch — aus reiner Angst, schreibt Carmeli. Es gebe höchstens ein paar wenige Doktorand:innen und ihre Lehrer:innen im akademischen Elfenbeinturm, die Hebräisch tatsächlich im Ausland lesen würden. Am Ende ihres Studiums hoffen sie dann auf einen Job an einer israelischen Universität und bleiben schließlich doch in derselben Blase. Carmeli trifft einen Nerv bei mir, denn ich gehöre zu eben jenen Wenigen.
Schließlich zeichnet der Autor eine Kurve, wie die israelische Identität zunehmend verheimlicht werde: beginnend mit Kippa und dem Davidstern, verstecke man nun als Höhepunkt die eigene Sprache — ob als Buch, als Schriftzug oder gesprochenes Wort. Carmeli erkenne zwar, wie Antisemitismus und Israel-Hass mit Anti-Zionismus entschuldigt werden, wie aber der Hass auf eine Sprache gerechtfertigt werden soll, das verstehe er nicht.
Historische Vergewisserung
Hebräisch – ein rotes Tuch? Eine Projektionsfläche für Judenhass? Keineswegs eine Neuerfindung. Blicken wir in die anti-jüdische Bildtradition der christlichen Kunst, so entdecken wir den roten Faden. Ob am Saum, am Kragen oder auf Judenhüten: (Pseudo-)Hebräisch wurde in Sarkalgemälden häufig in die gelbe Kleidung jüdischer Figuren eingewoben.[3] Während die Figuren mit grotesken Gesichtern, Warzen und großen Nasen zu sehen sind, ist die hebräische Schrift oft korrumpiert und nur als Kauderwelsch zu erkennen. Das Schriftbild wurde in Verbindung mit dem diffamierenden Aussehen als falsch und ketzerisch gekennzeichnet.
Schauen wir uns das Gemälde des Meisters der Kemptener Kreuzigung (tätig um 1460/70) im Germanischen Nationalmuseum an, erkennen wir darin nicht nur den Judenhut im Banner eines Fahnenträgers [s. links]. Im Tumult am rechten Bildrand trägt ein Spieler einen Hut, welcher seine Augen verdeckt und auf Blindheit anspielt. Auf seinem gelben Saum und Kragen sind Pseudo-hebräische Buchstaben zu sehen, während der gelbe Ring die visuelle Ausgrenzung und Markierung als Jude unterstreicht.
Wir finden hebräische Schriftbilder zudem in Gegenüberstellungen der triumphierenden Kirche, Ecclesia, und der blinden Synagoga, wie bei Konrad Witz. Aufgeladen mit der Substitutionstheologie, der Annahme, dass das Christentum das Judentum als Neuen Bund mit Gott ersetze, hält Synagoga – eine Augenbinde verrät ihre Blindheit – an den Schrifttafeln der 10 Gebote fest. Darauf sind Pseudo-hebräische Buchstaben zu sehen. Eine noch subtilere anti-jüdische Botschaft birgt Andrea Mantegnas Ecce Homo (ca. 1500). Darin wird der gefesselte Christus von einem Schriftgelehrten vorgeführt. Dieser Pharisäer trägt eine Papierkrone mit Pseudo-Hebräischem Schriftbild auf dem Kopf. Form und Inhalt erinnern an die Ketzerkrone, die in Höllendarstellungen etwa im Campo Santo in Pisa oder in der Collegiata in San Gimignano auf den Köpfen der Sünder zu sehen ist. Auch die Richental-Chronik berichtet, wie Jan Hus bei seiner Hinrichtung eine solche Teufelskrone aufgesetzt wurde. So erhält Mantegnas Schriftgelehrter einen wahrhaften Stirnzettel, der den Ankläger und den Schuldigen subtil vertauscht.
Wie der Rückblick zeigt, ist der „Kunstgriff“ Hebräisch als antijüdischen Marker umzudeuten schon vor 500 Jahren in Gebrauch gewesen.
Zurück in die Gegenwart
Wir springen nach Haifa ins Jahr 2016: Das palästinensisch-arabische Designerteam „Rock-Paper-Scissors“ entwirft einen Tote-Bag mit einem arabischen Schriftzug, der übersetzt lautet: „Dieser Text hat keinen anderen Zweck, als diejenigen zu erschrecken, die Angst vor der arabischen Sprache haben.“ Wie Saffiya Ansari in Alarabya schreibt, hatten die Designer bemerkt, wie die arabische Sprache zugunsten des Hebräischen schrittweise aus dem Stadtbild Haifas verschwand.[4] „Es ist unsere Sprache, ein Teil von uns, und wir denken, sie sollte Teil des öffentlichen Raumes sein,“ schreiben die Designer. Sie wollten Missverständnissen und Vorurteilen entgegenwirken. Wenngleich der Inhalt nur für jene lesbar ist, die des Arabischen mächtig sind, so ist ihr Tote-Bag eine Antwort auf vorausgeahnte Islamophobie, die durch das Schriftbild selbst erst geweckt würde. Das in drei Sprachen lesbare Falafel-T-Shirt wirbt ebenso für ein gegenseitiges Verständnis, das so grundliegend ist, wie es nur sein kann: Ernährung. Allerdings hat es den Antisemitismus, den es hervorgerufen hat, im Gegensatz zum Tote-Bag nicht vorausgeahnt.
Tote-Bag und T-Shirt (für wen sie auch lesbar sein mögen): Beide Kleidungsstücke eint die Präsenz der Schriftbilder als politische Botschaft. Beide Artikel (pun intended) positionieren sich gegen Diskriminierung und werben für Respekt im Umgang mit und durch Sprache. Beide Artikel wollen das Verschwinden der eigenen Sprache verhindern, weil sie als identitätsstiftend empfunden wird. Beide Artikel adressieren dieselbe Angst mit genau demselben Beispiel: Während Ansari die Angst beschreibt, in Frankreich oder Deutschland arabisch zu sprechen oder ein arabisches Buch in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu lesen, fragt Carmeli, wer sich noch traue, ein hebräisches Buch, etwa Israel Eliraz, auf der Sonnenallee zu lesen oder eine Übersetzung von Ilana Hammerman in der U-Bahn von Rom, London oder Paris.
Beide Kleidungsstücke eint die Präsenz der Schriftbilder als politische Botschaft.
Vor meiner Rückreise aus Israel habe ich mir zwei Tote-Bags gekauft: einen in der National Library in Jerusalem, mit einer Beschwörungsschale mit aramäischen Buchstaben, und einen anderen mit einem Wörterbucheintrag: “Schlep” in Hebräisch und Englisch. Ich hoffe, sie werden als das gesehen, was sie sind: als lesbare Zeichen von Sprache, dem einzigen Mittel für Verständnis.
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Gregor Meinecke ist Doktorand an der Universität Hamburg und der Scuola Normale Superiore di Pisa. Als assoziierter Wissenschaftler am Kunsthistorischen Institut in Florenz erforscht er „Heilige Schrift und ihre Träger im Bild der italienischen Renaissance.“ Er interessiert sich für Schriftbilder, ihre (Un)Lesbarkeit sowie ihre politischen und theologischen Implikationen. Die Inszenierung von hebräischer Schrift im Bild, insbesondere in Andrea Mantegnas anti-jüdischer Bildsprache, war Teil seiner jüngsten Fallstudie.
Foto: Gregor Meinecke
Beitragsbild: Kreuzigung Christi, Germanisches Nationalmuseum
[1] https://www.tagesspiegel.de/berlin/mal-nachgedacht-wie-es-sich-fur-juden-in-neukolln-anfuhlt-hebraisches-wort-auf-t-shirt–linkes-cafe-wirft-paar-raus-14607017.html ; https://www.instagram.com/reel/DQEWIpRjCaR/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=NTc4MTIwNjQ2YQ==
[2] https://www.haaretz.com/israel-news/2025-11-22/ty-article-magazine/.highlight/we-used-to-conceal-jewish-symbols-now-its-hebrew-were-asked-to-hide/0000019a-aaa3-dd6e-a5fa-fbe7e5340000#comments-section
[3] Gregor Christopher Meinecke, „Heretical Hebrew: On Pseudoscript and Christian Humanist „Truth“ in Andrea Mantegna’s Anti-Jewish Ecce Homo,“ in Qui Parle 33/2 (2024): 262-323.
[4] https://english.alarabiya.net/life-style/fashion-and-beauty/2016/08/24/How-an-Arabic-script-bag-is-riding-a-wave-of-politicized-fashion ; https://www.instagram.com/p/BMRxJUogsxs/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=MzRlODBiNWFlZA==



