„Neu gründen“ statt „Fusionieren“? – Best practices gesucht

Alle packen ein, der letzte macht das Licht aus? Kirche kann auch anders – sogar im deutschen Katholizismus. Barbara Wieland berichtet über den Weg zur Gründung der neuen Großpfarrei St. Margareta in Frankfurt am Main.

„Großer Gott, wir loben dich …“ Der Gesang der Gemeinde und des Chores, der Klang der Orgel und der Schellen ist verhallt, das Pontifikalamt zur Gründung der Pfarrei St. Margareta in Frankfurt am Main am 28. Januar 2018 ist beendet – alles geschafft?

In der Predigt fasst es Bischof Dr. Georg Bätzing so ins Wort: „Wir haben im Bistum Limburg eine gute Begrifflichkeit: wir sprechen vom Werden, Gründen und Wachsen der neuen Pfarrei. Das Erste ist mit viel Arbeit, Mühe und Abschiedsschmerz verbunden. Heute ist das Fest der Gründung und nun geht es daran, darauf zu vertrauen, dass die neue Pfarrei durch unsere Kräfte und Gottes Hilfe wachsen wird“. Zwei Wegetappen liegen nun hinter den Katholiken im Frankfurter Westen, die dritte – damit spannendste und herausforderndste – liegt vor ihnen.

Kirchenentwicklung von oben – geht das?

Pfarreiwerdungsprozess, Kirchenentwicklung, pastorale Planung – sperrige und unattraktive Begriffe für Gremien und Gemeindemitglieder, wenn es darum geht, gemeinsam zu erkunden, wie das Evangelium heute verkündet und gelebt werden kann. Dass es sich dabei um eine vom Bistum Limburg vorgegebene Entscheidung handelte, machte die Aufgabe nicht einfacher.

Zum Hintergrund: Im Bistum Limburg hat Bischof Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst im Jahr 2009 den Startpunkt zur Neustrukturierung der Diözese gesetzt. Seine Grundidee der „Pfarrei neuen Typs“ liegt darin, bisher eigenständige kleinere Pfarreien zusammenzuführen und eine neue große Pfarrei zu gründen, in der die bestehenden Gemeinden, Orte kirchlichen Lebens und weitere Akteure in der Struktur eines Netzwerkes zusammenarbeiten. Es handelt sich nicht um Zentralpfarreien, obschon ein gemeinsames Pfarrbüro (mit Außenstellen) die administrativen Tätigkeiten zusammenführt. Theologisch liegt ein sakramentales Verständnis von Kirche zugrunde: „Kirche entsteht, wo sie sich zur Feier der Eucharistie versammelt. Die Kommunion mit dem Auferstandenen ist die Mitte unserer Versammlung“ [1] Diese Positionierung findet sich auch im Wort der deutschen Bischöfe „Gemeinsam Kirche sein“ zur „Erneuerung der Pastoral“ (2015) wieder. [2]

Schrittweise Intensivierung der Zusammenarbeit

In der Pfarrei St. Margareta mit ihren Gemeinden, den vormaligen Pfarreien St. Josef (Höchst), St. Dionysius – St. Kilian (Sindlingen), St. Michael (Sossenheim), St. Johannes Apostel (Unterliederbach) und St. Bartholomäus (Zeilsheim) leben derzeit rund 16.000 Katholiken, etwa 20 % der Bevölkerung, viele davon mit Migrationshintergrund. Ein katholisches Milieu gab es nie, wohl aber volkskirchliche Elemente.

Fremd waren sich die Gemeinden nicht, gehören sie doch seit den 1990er Jahren zu sogenannten „Pastoralen Räumen“. Deren Zahl reduzierte sich im Laufe der Jahre schrittweise von drei auf einen solchen Raum, zunächst mit fünf Pfarrern, ab dem Jahr 2010 mit nur noch einem einzigen, Pfarrer Martin Sauer. Die Zusammenarbeit basiert auf der Verfassung des Bistums Limburg, der Synodalordnung. [3] Sie wurde nach zähem Ringen zu Beginn immer vertrauensvoller und kooperativer, nicht zuletzt, weil gemeinsame Entscheidungen fallen mussten. Es wurde möglich, einvernehmlich eine neue Gottesdienstordnung zu konzipieren, die die Zahl der Zelebranten und die örtlichen liturgischen Besonderheiten in Einklang bringt.

Eine Grundskepsis gegenüber „Fusionsprozessen“ war nicht von der Hand zu weisen.

Solche Skepsis mag ihre Ursache auch in der Erfahrung im weltlichen Bereich haben. Alle fünf Stadtteile sind geprägt durch die Nähe zum heutigen Industriepark Höchst, der erst entstand, nachdem der Weltkonzern Hoechst AG nach zahlreichen Fusionen im Jahr 2005 zerschlagen worden war. Dieses Ereignis verbinden viele Gemeindemitglieder mit Verlusterfahrungen, sozialer Kälte und biografischen Brüchen.

Von den ersten Ideen zur Gründungsvereinbarung

Die Gründungsvereinbarung ist in einem partizipativen Prozess entstanden, in den alle synodalen Gremien, Ad-hoc-Arbeitsgruppen, ein Moderator der Stadtkirche Frankfurt, das Pastoralteam und viele Mitglieder der Gemeinden einbezogen waren, nicht zuletzt durch Pfarrversammlungen zur Vorstellung der Zwischenergebnisse. Am schwierigsten waren die Überlegungen zur Strukturierung, letztlich wurde eine Zweiteilung vorgenommen: ein erster Abschnitt mit allen rechtlichen Regelungen, ein zweiter mit der Überschrift „Die Grunddienste der Pfarrei St. Margareta Frankfurt am Main und ihr missionarischer Auftrag“. [4]

Innerhalb des Pfarreiwerdungsprozesses traten immer wieder retardierende Momente auf, besonders durch jene, die das Gesamtprojekt grundsätzlich kritisch sahen und immer wieder die Frage nach Sinn und Zweck der Mühen stellten. Anders formuliert: Einsprüche und Gegenpositionen haben zu Perspektivwechseln geführt und in derer Folge wurden Einzelfragen neu bedacht und Textentwürfe umgeschrieben. In den Gesprächen kam es zu Klärungen, welche Haltung vorrangig ist: Die Pfarrei ist weltzugewandt, ihre Mitglieder positionieren sich öffentlich zu gesellschaftlichen Fragen und sie begegnet „mit der Haltung der Achtsamkeit und Wertschätzung (…) allen Menschen in den Stadtteilen, unabhängig ihrer Lebenssituation, Religion und Herkunft“. Sie bietet „besonders jenen, die Halt, Orientierung und Sinn suchen (…) Begleitung an und versucht Wege gelingenden Lebens zu erschließen“. Aktionismus konnte weitgehend vermieden werden und die Frage, was das Kerngeschäft der Pfarrei mit ihren Gemeinden ist, was sie prägt und wo sie – und nur sie – innerhalb der Gesellschaft gefragt ist, erhielt mehr Raum.

Entscheidend wurde eine Haltung der Achtsamkeit und Wertschätzung – gegenüber allen Menschen in den verschiedenen Gemeindeteilen.

Besonders sensibel ist bis heute die Frage nach der Ausgewogenheit des Eigenen und des Gemeinsamen. Vereinbart wurde: „Die Zusammenarbeit soll nach dem Subsidiaritätsprinzip erfolgen: Die Pfarrei soll dann aktiv werden und helfend eingreifen, wenn eine Gemeinde oder Initiative in einer konkreten Situation Unterstützung benötigt. Hilfe zur Selbsthilfe hat dabei immer Vorrang. Grundlage für diese Form des Miteinanders ist, dass alle – ihren Möglichkeiten entsprechend – in eine Richtung gehen und Gemeinsames erreichen wollen.“

Kurz vor der endgültigen Beschlussfassung hat das Pastoralteam darauf hingewiesen, dass sich für das vorliegende Ergebnis ein biblisches Leitwort aus dem Galaterbrief in besonderer Weise nahelegt: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt. Es gibt nicht Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr seid alle «einer» in Christus Jesus“ (Gal 3,26-28)

Wachstum zulassen und fördern

Es gilt jetzt, ernsthaft am Netzwerk der Pfarrei St. Margareta zu knüpfen, das sich in den fünf Gemeinden, Initiativen, Einrichtungen und weiteren Orten kirchlichen Lebens (z.B. Einrichtungen der Caritas, Krankenhausseelsorge) inmitten des gesellschaftlichen Kontexts verwirklichen soll. „Nicht der kleinste gemeinsame Nenner untereinander ist angestrebt, sondern eine möglichst große verbindende christliche Communio, die die Einheit wahrt und gleichzeitig der Vielfalt kirchlichen Lebens bedarf.“ Alle, die sich am Prozess zur Gründung beteiligt haben, sind einander vertraut geworden. Nun geht es darum, möglichst viele Menschen einzubeziehen und miteinander in Kontakt zu bringen.

Nicht der kleinste gemeinsame Nenner zählt, sondern die möglichst große christliche communio, weil sie verbindet.

Verknüpfungen realisieren sich nur, wenn Menschen mit Charisma dafür einstehen, Hauptamtliche und Ehrenamtliche. Der Begriff des Ehrenamts ist nicht unumstritten, er wird in der Pfarrei St. Margareta eher im Sinne von „Freitätigkeit“ aufgefasst, da der herkömmliche Begriff oftmals mit mangelnder Professionalität und engem Gestaltungsspielraum verbunden wird. Das pauschale Urteil über Ehrenamtliche als „maximal Halbgebildete“ in Abgrenzung zu den Pastoralen Mitarbeitern durfte sich die Verfasserin erst kürzlich am Rand einer Konferenz zusprechen lassen. Solche Haltungen führen zu Entfremdungen, die unbedingt vermieden werden müssen.

Die Rolle des „Ehrenamtes“

Was äußern selbstbewusste Ehrenamtliche im Frankfurter Westen in Bezug auf ihren Dienst? Grundlegend ist für sie eine Kultur des gegenseitigen Vertrauens, der Wertschätzung und der Anerkennung. Sie wollen bereits in der Planungsphase mit ihren Ideen einbezogen werden, z.B. bei Katechesen, und nicht nur Arbeitsaufträge entgegennehmen. Da zunehmend höhere Verantwortung zu übernehmen ist, gibt es den Wunsch nach expliziter Beauftragung für konkrete Bereiche und vorherige Klärung gegenseitiger Erwartungen. Die Arbeit in Netzwerken erfordert Kreativität bei der Suche nach neuen Formen der Rückbindung untereinander und an das Pastoralteam. In Zusammenhang damit steht der Wunsch nach neuen Modellen der gemeinschaftlichen Leitung von Gemeinden innerhalb der Pfarrei.

Kirchlich Engagierte kennen aus ihrer Berufstätigkeit Voraussetzungen, die sie auch im Ehrenamt nicht missen möchten: eine Vorbereitung auf die jeweilige Aufgabe, die Möglichkeit regelmäßiger Fortbildung und Angebote der Supervision. Hinzu kommt, dass sie sich spirituelle Rückzugsorte z.B. in Exerzitienhäusern oder Klöstern wünschen, in denen sie in größeren zeitlichen Abständen Ruhe und spirituelle Anregung finden können. Immer mehr Ehrenamtliche wollen sprachfähiger werden in Sachen des eigenen Glaubens, um im Austausch mit anderen auf Fragen antworten und das Suchen nach Orientierung und Spiritualität begleiten zu können. Im Bistum Limburg gab es dafür das „Bischof-Blum-Kolleg“ (2011-2015), in dem sich Haupt- und Ehrenamtliche gemeinsam in Glauben, Gebet und Gemeinschaft einüben konnten. Einer solchen Einrichtung bedarf es mehr denn je.

In der Pfarrei St. Margareta möge das pastorale Wirken von einer Offenheit geprägt sein, die allen ermöglicht, ihren Glauben zu leben und darüber zu sprechen.

Ausdrücklich benannt werden drei von der gesamten Pfarrei getragene Initiativen zur Neuevangelisierung: Pilgern und Wallfahren als wiederentdeckte Form der Gottsuche, da die Pfarrei an der alten „Via Regia“ liegt, der Römerstraße, die die Bonifatiusroute, die Wallfahrt zum Grab der Hl. Elisabeth von Thüringen in Marburg und den Pilgerweg nach Santiago de Compostela (Spanien) verbindet. Mystagogische Kirchenführungen, in denen die sechs Gotteshäuser allen Interessierten als Sinnbilder des Glaubens neu erschlossen werden und das Projekt „Abenteuer Glaube – Kirche im Grünen“, das schon Bekanntheit erlangt hat. [5] Als gemeinsames Anliegen formuliert, bedeutet das: „In der Pfarrei St. Margareta möge das pastorale Wirken von einer Offenheit geprägt sein, die allen ermöglicht, ihren Glauben zu leben und darüber zu sprechen. So verwirklicht sich Kirche für alle.“

Eine solche Pfarrei, deren Mitglieder sich als Gesandte begreifen, benötigt einen zentralen Ort der Sammlung und es besteht die große Chance, dass mit der Justinuskirche – der Pfarrkirche St. Margareta – eine geistliche Mitte entsteht. [6] Die Justinuskirche wurde um das Jahr 850 von Rabanus Maurus geweiht, 350 Jahre war sie die Kirche des Benediktinerklosters, anschließend ebenso lange die des Antoniterkonvents. Hildegard von Bingen rastete an diesem Ort auf ihren Predigtreisen zu den Städten am Main, genauso wie die unzähligen Pilger. Mit dem Kirchenraum verbindet sich eine mehr als fünfzig Generationen währende Geschichte gelebten Glaubens in der Region am Main. Die Pfarrei St. Margareta fängt nicht neu an, sie darf sich ihres Fundaments vergewissern und die gelebte Glaubensgeschichte, deren Schätze vielfach noch zu heben sind, mit den Formen der Frömmigkeit, der Verehrung und des Gottesdienstes unserer Zeit verbinden und so auf neue Weise Menschen zu Gott führen.

Kehren wir noch einmal zur Predigt des Bischofs im Gründungsgottesdienst zurück: „Die Vielfalt und die Kulturen der fünf Gemeinden werden bleiben, um den Glauben zukunftsfähig zu machen“. Alle Beteiligten dürfen sich im „Wachstumsprozess“ gegenseitig anspornen, um zeitgemäße Wege der Glaubensverbreitung zu finden, „damit die Leute merken: Christen leben anders, sie stehen auf einem festeren Fundament“.

[1]         Bereitschaft zur Bewegung. Perspektiven für die Seelsorge im Bistum Limburg. Hirtenbrief von Bischof Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst Pfingsten 2008, 4.

[2]         Gemeinsam Kirche sein. Wort der deutschen Bischöfe zur Erneuerung der Pastoral v. 1. August 2015 (Die deutschen Bischöfe 100), Bonn 2015, 23-26. 51-53, vgl. https://www.dbk-shop.de/media/files_public/kimchmjkb/DBK_11100.pdf (Abruf 30.1.2018)

[3]         Synodalordnung für das Bistum Limburg, vgl. https://rechtssammlung.bistumlimburg.de/fileadmin/redaktion/Bereiche/rechtssammlung.bistumlimburg.de/downloads/MT_Synodale_Gremien_01.04.17/1_Synodalordnung.pdf (Abruf 30.1.2018)

[4]         Alle kursiv gesetzten Zitate sind der Gründungsvereinbarung entnommen, vgl. https://st-johannes-ap.de/wp-content/uploads/2017/12/Gründungsvereinbarung-St.-Margareta-Frankfurt-am-Main.pdf (Abruf 30.1.2018)

[5]         Vgl. https://www.feinschwarz.net/pastorales-hitzegewitter-statt-kaeltetod/ (Abruf 30.1.2018)

[6]                Zur Justinuskirche vgl. http://www.justinuskirche.de/ (Abruf 30.1.2018)

Barbara Wieland ist Mitglied des Pfarrgemeinderates der Pfarrei St. Margareta.

Bildnachweis: https://commons.wikimedia.org/wiki/Justinuskirche?uselang=de#/media/File:Justinuskirche_Nordfassade_2009.jpg (Abruf 30.1.2018)

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