Die Orthodoxen Kirchen feiern Ostern in diesem Jahr am 12. April. Sergij Bortnyk aus Kyjiw schreibt über sein Erleben der Fastenzeit im fünften Jahr der russischen Vollinvasion.
Für uns Lehrende an der Theologischen Akademie in Kyjiw steht das gesamte Frühjahrssemester in enger Verbundenheit mit der Fastenzeit. Zwei Wochen der insgesamt 50-tägigen Fastenzeit sind regulär keine Unterrichtswochen, sondern Wochen, die vollständig dem Gottesdienst gewidmet sind. Es handelt sich um die erste und letzte Fastenwoche sowie um eine weitere angrenzende Woche – die „Lichte Woche“ unmittelbar nach Ostern. Der übliche Studienalltag wird in dieser Zeit unterbrochen, ähnlich wie der Alltag jenseits der Akademie durch die Fastenpraxis.
Zusätzlich zu diesen zwei Wochen in der vorösterlichen Zeit kommen weitere Unterbrechungen. So fehlten vor einigen Wochen viele Master-Studierende im zweiten Studienjahr zu meiner Vorlesung. Zwei Mitbrüder aus diesem Jahrgang empfingen die Mönchsweihe, die oft während der Fastenzeit stattfindet. In diesem Jahr konnten die Studierenden an der Weihe ihrer Kommilitonen im Höhlenkloster im Stadtzentrum teilnehmen, so dass der Hörsaal leer blieb.
Zeit der Unterbrechungen
Die Verbindung des Studienrhythmus mit verstärkten Gebeten während der Fastenzeit ist eine Tradition, an die ich mich noch aus meiner eigenen theologischen Ausbildung vor 30 Jahren erinnere. Diese Zeiten besonderer und intensiverer Gebete prägen das Leben auch für die regelmäßigen Gemeindemitglieder unserer Kirchen. Machen solche Gebetspausen das kirchliche Leben der Orthodoxen weniger intellektuell? Vielleicht. Aber gleichzeitig werden die Fastentraditionen Teil des aktuellen Alltags, wir widmen der Reflexion über kirchliche und biblische Themen viel Zeit, durchleben erhebliche Einschränkungen bei der Nahrungsaufnahme und durch körperliche Anstrengungen in Form von Gebeten, Verbeugungen und Knien.
Beten – und Hoffen?
Es ist der fünfte Frühling, den die Ukraine unter den Umständen des großen Angriffskrieges Russlands erlebt. Die Verbindung zwischen kirchlichem Leben und Krieg rückt in den Mittelpunkt der Fastenzeit. Im ersten Kriegsjahr war eine große Anstrengung verschiedener gesellschaftlicher Kräfte zu spüren, die russische Aggression abzuwehren. Damals war die große Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende auch die Hoffnung der Fastenzeit. Nun aber, im fünften Winter, haben wir eine viel größere Herausforderung durch den andauernden Beschuss der Energieinfrastruktur erlebt. Viele Häuser in den Großstädten waren bei starkem Frost von Strom und Heizung abgeschnitten, der ohnehin belastete Alltag wurde häufig unerträglich. Es gibt keine Gewissheit, dass sich dies im nächsten Winter nicht wiederholen wird. Die Vorzeichen der Fastenzeit haben sich durch den Krieg verändert.
Bleibt nur das Gebet?
Die Folgen der ständigen Angriffe auf die zivile Infrastruktur betreffen alle Gruppen der ukrainischen Bevölkerung, darunter zweifellos einen beträchtlichen Teil der Gläubigen der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK), der auch ich angehöre. Wir teilen die Herausforderungen des Kriegsalltags, und stehen zusätzlich vor dem ungelösten Konflikt mit unserem Staat. Formal gesehen untersteht die UOK weiterhin dem Moskauer Patriarchat und kann ihren Status nicht eigenständig ändern. Aus diesem Grund hat das ukrainische Parlament bereits im August 2024 ein Gesetz verabschiedet, das die Struktur der UOK faktisch verbietet, und dieses Gesetz wird schrittweise umgesetzt.
Die UOK kann aufgrund des Krieges mit Russland nicht länger Teil des Moskauer Patriarchats bleiben, sie steht vor einer ganz klaren Wahl: mit der Ukraine gegen Russland oder umgekehrt. Daneben aber steht der langjährige Konflikt mit einer anderen kirchlichen Jurisdiktion – der Orthodoxen Kirche der Ukraine. Aufgrund dieses Konfliktes ist keine einfache Lösung für eine Änderung ihres kanonischen Status innerhalb der Familie der lokalen orthodoxen Kirchen absehbar. Manchmal erscheint es wie eine Sackgasse kirchenpolitischer Strategien.
Wie geht die Kirche, wie gehen die Gläubigen damit um? Sie beten, nun in der Fastenzeit besonders intensiv. Manche werfen unserer Kirche vor, sie verhalte sich wie ein Strauß, der den Kopf in den Sand steckt und die aktuellen praktischen Probleme nicht lösen wolle. Aber gleichzeitig sehen wir, wie im politischen Bereich alle Bemühungen der Pragmatiker, die aktuellen militärisch-politischen Probleme zu lösen, ohne spürbare Ergebnisse bleiben. Eine andere Perspektive wird deutlich: Manchmal bleibt uns eben nur das Gebet.
Die Kirche ist dazu berufen, zu Gott zu beten. Dabei geht es weniger darum, momentane Aufgaben zu lösen – oder von Gott lösen zu lassen. Vielmehr geht es darum, unsere kirchliche Identität zu vertiefen, die Geister zu unterscheiden. Nicht aufgrund, sondern trotz der Kriegsumstände. Der Aufruf, „zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit zu trachten“ (Mt 6,33) gilt für alle Lebensumstände, umso mehr für Situationen, in denen das Leben in Gefahr ist.
Ein Fastentagebuch in heilsamer Distanz zur eigenen Tradition
Wie beschrieben ist die Einübung in das verstärkte Gebet eine Pflichtaufgabe der Studierenden während der Fastenzeit. Als Professor der Akademie habe ich mir in diesem Jahr für die Fastenzeit zusätzlich eine intellektuelle Beschäftigung ausgesucht. In diesem Jahr lese ich das „Fastentagebuch“ von Ilya Zabezhinsky. Er selbst ist bereits knapp 60 Jahre alt, wegen seiner Ablehnung des russischen Krieges musste er seine Heimatstadt St. Petersburg verlassen. Er lebt in Frankreich und schreibt in den sozialen Netzwerken häufig Beiträge zu verschiedenen theologischen Themen.
Ilya und mich verbindet, dass wir beide an der Theologischen Akademie in St. Petersburg studiert haben und dass wir beide in der akademischen Theologie geblieben sind, ohne die Priesterweihe anzunehmen, wie es die meisten Absolventen der Akademie tun. Diese Situation bedingt eine größere Distanz zur eigenen orthodoxen theologischen Tradition, die auch oft in seinen „Tagebüchern“ zu finden ist.
Antike Klosterregeln im 21. Jahrhundert?
Das Tagebuch beginnt mit einer Reflexion über den „Vergebungssonntag“, der erste Sonntag der orthodoxen Fastenzeit. An diesem Tag ist es in der orthodoxen Tradition üblich, die Nächsten um Vergebung zu bitten und ihnen selbst zu vergeben. Nun ist der Kreis dieser „Nächsten“ aber keineswegs klar definiert. Ilya fragt: „Muss ich Putin um Vergebung bitten? Und Angela Merkel? Und die Polizeibeamten?“ Die Antwort bleibt offen. Wer ist mein Nächster, der mir vergibt, meine Nächste, der ich vergebe?
Mich erinnerte der Text von Ilya und seine Frage daran, dass die Kyjiwer Rus‘ ihre kirchliche Tradition in fertiger Form durch einen abgeschlossenen Textkorpus aus dem Griechischen erhielt, der sich im Laufe von Jahrzehnten und Jahrhunderte herausgebildet hatten. Nicht alles davon lässt sich bruchlos in die Ukraine des 21. Jahrhunderts übertragen. Mehr noch: Vieles in unserer Tradition der Fastenzeit-Gottesdienste in den Gemeinden stammt aus den Klosterregeln der ersten zehn Jahrhunderte des östlichen Christentums. Wenn man damals seine Nächsten um Vergebung bat, war damit ein sehr begrenzter Kreis, nämlich der Kreis der Klosterbewohner gemeint.
Eine Möglichkeit, diese alte und monastische Tradition des „Vergebungssonntags“ heute zu verstehen, kann sein, dass die Betenden damals und heute versuchen, jenen zu vergeben, mit denen sie ihr Leben unmittelbar teilen – sei es direkt in der Gemeinde, sei es im Alltag. Es ist damit keineswegs notwendig, Politiker „vom Fernsehbildschirm“ um Vergebung zu bitten oder ihnen zu vergeben. Global gesehen werden wir die Welt mit einer solchen Vergebungsbitte nicht verändern. Allerdings ist ein solcher Tag eine Gelegenheit, Spannungen und Barrieren im engsten Kreis unserer Angehörigen und Bekannten abzubauen. Auch das kann ein Schritt sein, um in der aktuellen Hilf- und Hoffnungslosigkeit wirksam zu werden.
Vom Erdboden genommen und in die Ewigkeit gerichtet
Ich bin in Ilyas „Tagebuch“ auch an folgendem Zitat hängengeblieben: „Die Fastenzeit einzuhalten ist einfacher, wenn du daran denkst, dass Gott nahe ist und wartet, wann du deinen ewig beschäftigten Geist und Blick auf ihn richtest.“ Damit ist die Zerstreutheit des Geistes gemeint, die uns soziale Netzwerke bringen können. Aber die Konzentration auf das Irdische heißt in diesen Kriegstagen auch: sich um das Überleben zu kümmern, den Alltag meiner Familie zu gestalten, meinen Kindern ihre Kindheit zu ermöglichen. Diese weltlichen Angelegenheiten bringen Eile, Unruhe, aber sie sind keineswegs banal und primitiv. Viele Dinge in unserem Alltag sind für uns durchaus notwendig und unvermeidlich. Die Fastenzeit erinnert uns jedoch an das Ideal, dass der Mensch nicht nur, wie im Lateinischen, „vom Erdboden genommen“, sondern auch, wie im Griechischen, „in die Ewigkeit gerichtet“ ist. Auf beides lenkt die Fastenzeit meine Aufmerksamkeit.
Schließlich begleitet mich ein kritischer Gedanke aus Ilya Zabezhinskys Fastentagebuch: Für die Orthodoxen soll die Zeit der Großen Fastenzeit eine Zeit des Weinens über die eigenen Sünden sein, insbesondere in den ersten vier Tagen der Fastenzeit, wenn der Kanon des Heiligen Andreas von Kreta gelesen wird. Es ist ein ausführliches Beklagen der eigenen Sünden mit Rufen nach Erbarmen, in aller Länge wäre es ein stundenlanges Klagen und Niederwerfen. Und Ilya fragt: „Warum die ganze Zeit weinen? Ist Christus denn nicht auferstanden?“ Dabei erinnert er an die Worte des Apostels Paulus: „Freut euch allezeit“ (1 Thess 5).
In der Dialektik von Buße und Freude
Wir haben allen Grund, zu klagen, unsere Schuld zu spüren, zu verzweifeln. Wo ist Platz für die Freude?
Wir durchleben als Orthodoxe die Dialektik von Buße und Freude als wichtigen Topos der Fastenzeit im Jahreskreis der Gottesdienste. Wir ahmen Christus in seinen Prüfungen und seiner Selbsterniedrigung nach: die vierzig Wüstentage, der Hunger, die Verführung durch Satan. Wir bringen uns mit der Fastenzeit an die Grenze unserer Möglichkeiten. Doch diese Selbstbeschränkung ist kein Selbstzweck, sie hat ein Ziel: in jedem Jahr Ostern, und am Ende der Zeiten das eschatologische Ziel, das Reich Gottes. Die Orthodoxen zitieren in diesem Zusammenhang gerne die Worte aus dem Matthäusevangelium: „Das Himmelreich wird mit Gewalt genommen“ (Mt 11,12). Damit ist die Fastenzeit die Gelegenheit, aus dem Kreislauf der alltäglichen, gewohnten Abläufe auszubrechen und keine Mühen zu scheuen in der Gewissheit, dass der Herr antworten wird: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ (Mt 11,28).
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Sergij Bortnyk ist orthodoxer Theologe, Professor an der Geistlichen Akademie der Ukrainischen Orthodoxen Kirche in Kyjiw sowie Direktor der gemeinnützigen Stiftung „Akademische Initiative“.
Titelbild: (c) Regina Elsner

