Jugendsynode: Impulse für die Jugend oder für die Kirche?

Mitbestimmung Jugendlicher als Zeichen ihrer Subjektwerdung - auch in der Kirche

Zwei Jahre nach ihrer Ankündigung steht sie nun vor der Tür: Die Bischofssynode zum Thema «Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsunterscheidung» – oder kurz: «Jugendsynode». Eine Einschätzung von Valentin Beck.

Wie sind die Vorzeichen zu deuten?

  • erfreulich, dass die Jugend im Fokus steht.
  • erstaunlich, wie zielgruppenorientiert vorgegangen wurde.
  • realistisch, wie jugendliche Lebenswelten abgebildet werden.
  • fraglich, wie partizipativ der Befragungs- und Entscheidungsprozess ist.
  • bedauerlich, wie klein der konkrete Handlungsspielraum scheint.
  • möglich, dass mehr Impulse von der Jugend an die Kirche kommen, als umgekehrt.
  • wichtig, die Erwartungen hoch anzusetzen und zu hoffen.

 

Die Vorgeschichte

Eingeläutet wurde die Jugendsynode mit einem Brief des Papstes an die Jugendlichen und einem thesenartigen Vorbereitungsdokument. Beides liess aufhorchen: Zum einen, weil Papst Franziskus gläubige und nicht gläubige Jugendliche und junge Erwachsene (es geht um 16- bis 29-Jährige) auffordert, ihre Lebenswelten und Meinungen unverblümt in die Synode hineinzutragen. Zwar ist Lebensweltorientierung in der Jugendarbeit keineswegs neu[1], aber als Ausgangspunkt für eine globale Bischofssynode auch nach den beiden Familiensynoden noch ungewohnt.

Denk- und Handlungsimpulse aus der jungen Generation

Bemerkenswert ist ausserdem die Balance des Vorbereitungsdokumentes zwischen der Bedürftigkeit junger Menschen und den entsprechenden «Heilsmitteln» der Kirche einerseits und der Bedürftigkeit der Kirche und möglichen Denk- und Handlungsimpulsen aus der jungen Generation andererseits.

Was können wir wissen («Sehen»)?

Der Brief des Papstes und das Vorbereitungsdokument lösten weltweit mehr oder weniger koordinierte Befragungsaktionen bei Jugendlichen und ihren Begleitpersonen aus. Auch in der Schweiz machten sich kirchliche Jugendverbände, Jugendarbeitende, Religionslehrpersonen und weitere kirchliche Player aller Ebenen auf, ihre Zielgruppen zu befragen «wer sie sind», «was sie beschäftigt», «was sie suchen» und «welche Art von Kirche sie wollen».

Zielgruppen befragen

Wie geeignet die Befragungsmethoden und wie repräsentativ die Lebenswelt- und Kirchenbild-Befragungen tatsächlich sind, ist schwer abschätzbar und nur teilweise transparent. Die Ergebnisse jedoch zeigen klare Tendenzen, die nicht nur wissenschaftliche Analysen, frühere Umfragen[2] und Praxis-Erfahrungen aus der kirchlichen Jugendarbeit bestätigen, sondern trotz kultureller Diversität auch zentrale Überschneidungen mit anderen Ländern zeigen. An der Vorsynode im März wurden die Ergebnisse global zusammengezogen in einem Abschlussdokument, das als Grundlage des Synoden-Arbeitsinstrumentes dient.

Da wären etwa die Einblicke in jugendliche Lebenswelten:

  • Bedeutung neuer Technologien und sozialer Medien
  • Herausforderungen und Chancen von Globalisierung, Multikulturalität und (religiöser) Pluralisierung
  • Zunehmende Leistungsorientierung, Mobilität, Säkularisierung, Desinstitutionalisierung und Individualisierung
  • Bedürfnis nach Zugehörigkeit, verlässlichen Begleitpersonen und Stabilität

Dass diese – für Jugendvertraute nicht sehr überraschenden – Phänomene nicht (nur) als Gefährdung und Dekadenz, sondern auch als Chance bewertet werden, beweist, dass reale Jugendliche bei der Interpretation mitgewirkt haben.

Phänomene werden nicht (nur) als Gefährdung und Dekadenz, sondern auch als Chance bewertet.

Im Weiteren zeigt das Synoden-Arbeitsinstrument den Wandel auf bezüglich individuellen spirituellen Zugängen und institutioneller Zugehörigkeit. In einem (kaum von Jugendstimmen initierten) Rückfall in Defizitorientierung werden Kirchenaustritte, mangelnde religiöse Sprachfähigkeit, Ablehnung moralischer Leitlinien und Orientierungslosigkeit in Glaubensfragen diagnostiziert – und dabei ausgeklammert, dass es sich hierbei nur bedingt um ein Generationenphänomen handelt.

Forderungskatalog

Spannender als diese Analyse des Ist-Zustandes ist der daraus resultierende Forderungskatalog. Wird er ernst genommen, stellt er für Theologie und kirchliche Institutionen aller Ebenen grosse Herausforderungen dar:

  • Aktivere Mitbestimmung Jugendlicher in der Kirche
  • Vereinfachung der Sprache und Formen – ohne Angst, deshalb den Kern der biblischen Botschaft zu verlieren
  • Neubeurteilung der Rolle der Frau in der Kirche
  • Vermehrte Präsenz an «kirchlichen Rändern» und dort, wo sich das Leben effektiv abspielt: Fitnessstudios, Cafés, Parks usw., vor allem aber im digitalen Raum

Fast unsichtbar bleiben jedoch die gewaltigen kulturellen und sozialen Unterschiede, die die Lebenswelten junger Menschen weltweit trotz digitaler Vernetzung und Globalisierung nach wie vor trennen: Chancen, Herausforderungen, Bedürfnisse und kulturelle Massstäbe in den Philippinen sind andere als in der Schweiz. Unweigerlich stellt sich die Frage, wie derart unterschiedliche Lebenswelten als Datengrundlage für eine bedürfnisgerechte Ausrichtung kirchlicher Angebote dienen können. Wie tragfähig sind (u.a. kirchenrechtliche) globale Lösungen für derart plurale Einzel-Kontexte? Papst Franziskus‘ Ruf nach Subsidiarität ist leider (noch) nicht durchgedrungen.

Fast unsichtbar bleiben jedoch die gewaltigen kulturellen und sozialen Unterschiede.

Wirklich transparent wird die Meinungspluralität bzw. das Konfliktpotenzial lediglich bei «heissen Eisen» wie Verhütung, Abtreibung oder Homosexualität. Gefordert wird hier entweder eine Änderung der gültigen Lehren oder aber eine verständlichere Erklärung derselben. Beides dürfte – freilich aus unterschiedlichen Gründen – höchst anspruchsvoll werden…

Was sollen wir tun («Urteilen» und «Handeln»)?

Mit dem Aufruf und Sammeln jugendlicher Stimmen ist zwar ein wichtiger Schritt getan – einer jedoch, der ohne Folgeschritte verpuffen und zu Enttäuschungen führen kann. Was die Schweiz betrifft, wurden die Resultate teilweise publiziert, diskutiert und unter Einbezug der Jugendlichen vertieft. Der neue Jugendbischof, Alain de Raemy, hat ihren O-Ton an zahlreichen Begegnungsanlässen aufmerksam mitgeschnitten. Er wird versuchen, sie in die Synode hineinzutragen und den Schweizer Realitäten eine Stimme zu geben.

In Rom war die Vorsynode übrigens die letzte aktive Partizipationsmöglichkeit der Jugendlichen: Bei der Synode selbst sind sie nicht dabei – die Mitbestimmung steht noch auf wackligen Füssen.[3] Obwohl die mediale Begleitung und damit die Einflussnahme auf Bischöfe noch zunehmen wird, haben die Jugendlichen ihre Meinungen, Anfragen und Anliegen nun also in deren Hände gelegt. An der Synode wird es keine Veröffentlichung einzelner Statements geben. Dies soll ermöglichen, frei von diplomatischer Zurückhaltung «laut zu denken». Je nach Perspektive wird dies als Intransparenz oder Voraussetzung für mutigen Wandel interpretiert.

Werden die Stimmen dieser Generation ernst genommen, muss dies neue Blickwinkel und Handlungsansätze eröffnen.

Wenn der Jugend bewusst Gehör geschenkt wird, darf dies nicht bloss aus Freundlichkeit, Symbolik oder professioneller seelsorgerlicher Bedarfsausrichtung geschehen. Werden die Stimmen dieser Generation ernst genommen, muss dies neue Blickwinkel und Handlungsansätze eröffnen. Ein Beispiel: Dass Pfarreien und der Papst von Jugendlichen gelernt haben, «Twitter» zu nutzen, reicht nicht: Es muss erkannt werden, dass die Sprache selbst veränderungsbedürftig und der eigentliche Witz sozialer Medien nicht ihre Digitalität, sondern ihre Interaktivität ist: Die Überwindung der Einwegkommunikation.

Was dürfen wir hoffen?

Am Vorabend der Jugendsynode wäre es naiv, die erwähnten Fragezeichen und Ernüchterungen zu ignorieren. Ebenso naiv bzw. im theologischen Sinne «geisttötend» wäre es aber, eine positive Eigendynamik vorgängig für unmöglich zu erklären.
Klar: die Interpretation der Ergebnisse und der Beschluss von Massnahmen werden anspruchsvoller und diskursiver sein als das Erfassen des status quo. Und eine noch grössere Herausforderung bildet deren Umsetzung unter Einbezug der Jugendlichen selbst. Diesen Aspekt sollte das Stichwort «Berufung» im Synodentitel aber einschliessen: Jugendliche haben nicht nur zu fordern, sondern sie sollen Verantwortung erhalten bzw. übernehmen und sich aktiv eingeben.

vom Objekt der Glaubensverkündigung bzw. Diakonie zum selbstbestimmten Glaubenssubjekt

Der Perspektivenwechsel, der die Jugendlichen vom Objekt der Glaubensverkündigung bzw. Diakonie zum selbstbestimmten Glaubenssubjekt[4] macht, wäre die grösstmögliche Revolution der Jugendsynode: Vergleichbar mit dem prickelnden Moment, wenn ein/e (vermeintliche/r) Fahrschüler/in zum ersten Mal das Steuer in die Hand nimmt – und dann überraschend mit angeborenem Talent das schwerfällige Gefährt in bisher unbekannte Gassen lenkt, in denen sich lang ersehnte Tankstellen, Waschanlagen und Reifenwechselstationen befinden.

zu einem heilsam-prophetischen Jungbrunnen werden

Vielleicht sind in kurzfristigen (Missbrauchsskandale) und langfristigen (Bedeutungs- und Frequenzverlust) Krisenzeiten Demut und Offenheit grösser als sonst. Vielleicht dreht sich deswegen der Spiess der Hilfsbedürftigkeit weg von der Jugend hin zur Kirche, indem erkannt wird, dass die vielen jungen Menschen, die sich mal mehr und mal weniger mit ihr verbunden fühlen, zu einem heilsam-prophetischen Jungbrunnen werden können: «Durch die Jugendlichen kann die Kirche die Stimme des Herrn vernehmen, der auch heute noch spricht.»[5]

Was ist die Jugend?

So wenig es «die Alten», «die Frauen» oder «die Katholiken» gibt, so wenig gibt es «die Jugend». Deshalb müssen Lebenswelten und Bedürfnisse der unter 30-Jährigen in ihrer Vielfalt ernst genommen werden. Vor allem aber soll diese Generation ihr gemeinsames Privileg ausspielen dürfen: Die unbändige Kraft eines unverdorbenen Idealismus, der feste Glauben an die Veränderbarkeit der Welt und an das Reich Gottes als mögliches Szenario.

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Text:
Valentin Beck, MTh und M Religionslehre, ist seit 2014 Bundespräses beim katholischen Kinder- und Jugendverband Jungwacht Blauring. Vorher war er als Oberstufen-Religionslehrer und Assistent in Kirchengeschichte an der Universität Luzern tätig.

Zum Beitragsbild (© Jungwacht Blauring Schweiz):
Mehr Mitbestimmung (hier eine Bundesversammlung von Jungwacht Blauring) ist eine Hauptforderung an die Jugendsynode – und eine Grundvoraussetzung, um Jugendliche und junge Erwachsene vom Objekt der Glaubensverkündigung und Diakonie zum Glaubenssubjekt zu machen.»

 

[1] Lebensweltorientierung ist eines der Grundprinzipien der «Magna Charta der kirchlichen Jugendarbeit in der Deutschschweiz», an der sich sowohl die offene, als auch die verbandliche und verbandsähnliche kirchliche Jugendarbeit orientiert: http://www.jugendarbeit.ch/download/kir_magnacharta.pdf

[2] Z.B. Umfrage «Was willst du?» des Projekts «Chance Kirchenberufe», Online-Umfragen und Workshops mit Leitungspersonen von Jungwacht Blauring Kontext der Leitbildüberarbeitung oder das SPI-Forschungsprojekt «Kirchenreputation».

[3] Vgl. dazu auch den Feinschwarz-Beitrag «Macht die Türen auf!» von Simon Lindner: https://www.feinschwarz.net/macht-die-tueren-auf/

[4] Die «Subjektwerdung vor Gott» ist ein weiteres Grundprinzip der «Magna Charta der kirchlichen Jugendarbeit in der Deutschschweiz»

[5] Vorbereitungsdokument zur Jugendsynode: http://www.vatican.va/roman_curia/synod/documents/rc_synod_doc_20170113_documento-preparatorio-xv_ge.html

 

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