Kirchliche Biodiversität

Kirchliche Biodiversität, so lautet das Stichwort von Sabrina Müller, um neuen Formen des Kirche-Seins Platz einzuräumen und das Zusammenspiel mit den traditionellen Gestalten von Kirche zu beschreiben.

In der Schweiz war es lange Zeit üblich, dass man über weite Landstriche Monokulturwälder aus Rottannen angepflanzt hat. Rottannen wachsen gut, sind anspruchslos und liefern rasch Holz. Je länger je mehr kommt man aber davon weg und versucht wieder eine Biodiversität in den Wäldern herzustellen, denn gerade Waldwespen, Wildbienen, Singvögel wurden durch die Monokultur gefährdet und auch die einheimische Vegetation verarmte völlig. Die Wälder bieten nun wieder mehr Raum und Schutz für ganz unterschiedliche Pflanzen- und Tierarten, Insekten und Pilze.

Rottannen-Monokultur oder Biodiversität?

Monokultur und Biodiversität sind hilfreiche Metaphern, um die gegenwärtige Situation der Kirchen in Europa zu analysieren und zu beschreiben. Das vorherrschende Modell für Kirche war und ist immer noch das einer kirchlichen Monokultur. Egal in welchem Schweizer Grossraum (oder Deutschland / Österreich / usw.) ich die Kirche besuche: überall wird mir das gleiche Menü serviert: Zürcher Geschnetzeltes mit Rösti. Was nun aber, wenn ich schon lange Vegetarierin bin, vegan lebe, allergisch auf Sahne reagiere, Pilze nicht mag – oder noch besser, viel lieber selber koche? Alle diese Wahlmöglichkeiten, und noch viele mehr, gehören zur Selbstverständlichkeit einer individualisierten und pluralisierten Welt. Nicht nur die Essgewohnheiten und der Lebensstil haben sich individualisiert, fragmentiert und pluralisiert, sondern auch die religiösen und spirituellen Bedürfnisse.

 Überall das gleiche Menü: Zürcher Geschnetzeltes mit Rösti

So stellt sich für die Kirche ganz neu die Frage, wie sie die „Kommunikation des Evangeliums“[1] um des „Reich Gottes“ Willen in den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen institutionell, organisatorisch und individuell weiter und erneut wahrnehmen kann? Die Anglikanische Kirche in England bietet dazu eine Perspektive, welche auch für Kontinentaleuropa spannend sein dürfte.

Die Church of England, ist die Mutterkirche der anglikanischen Weltgemeinschaft und arbeitet schon seit längerem an den atmosphärischen Anforderungen einer kirchlichen Biodiversität. Der dafür verwendete Begriff heisst mixed economy. Der Begriff economy wird gemäss den Anglikanern nicht als Wirtschaftsmetapher verstanden, sondern im biblischen Kontext eingebettet. So wird economy an das griechische Ursprungswort οἰκονομία zurückgebunden. Verwiesen wird dabei auf den in Epheser 1-3 beschriebenen Heilsplan Gottes in und durch Christus. Die Kirche trägt so die Verantwortung für Gottes Heilsplan mit, sie ist Haushalt Gottes. So verstanden wird die mixed economy zu einem theologischen und relationalen Konzept, welches das ekklesiale Selbstverständnis herausfordert und verändert.[2]

Ein anderes Kirchenmodell:
mixed economy in der Church of England

Durch die mixed economy werden in der Church of England sowohl traditionelle parochiale Kirchen als auch fresh expressions of Church gefördert.[3] Dadurch kann die Church of England mittlerweile als eine mixed economy of Church bezeichnet werden. Die mixed economy ist ein ekklesiales System, das auf partnerschaftlichen Beziehungen basiert und nicht auf innerkirchlicher Konkurrenz. Sowohl der 2004 erschienene Bericht «Mission-shaped Church»[4] wie auch der im gleichen Jahr erschienene Bericht «A Measure for Measures»[5] kam zum Schluss, dass das parochiale System mit dem Grundsatz «one-size-fits-all» als einziges Modell in einer pluralen Gesellschaft den Anforderungen nicht mehr genügt. Das parochiale System ist gemäss beiden Berichten nicht mehr ausreichend, um den inkarnatorischen Auftrag der Kirche zu erfüllen. Es bedarf der Ergänzung. In der individualisierten, fragmentierten und pluralistischen Gesellschaft ist eine mixed economy aus traditionellen Ortsgemeinden, Netzwerkgemeinden, Hauskirchen, Interessensgemeinden und anderen kontextuellen Ausdrucksformen von Kirche, die partnerschaftlich zusammenarbeiten, angezeigt.[6]

Das parochiale System ist nicht mehr ausreichend, um den inkarnatorischen Auftrag der Kirche zu erfüllen.

Die mixed economy wurde in den letzten zehn Jahren zu einem entscheidenden Prinzip in der Church of England, denn dadurch werden sowohl traditionelle parochiale Kirchen als auch kontextuelle Ausdrucksformen von Kirche gefördert. Diese ganz vielfältigen und pluralen Ausdrucksformen werden als fresh expressions of Church[7] bezeichnet. Die Church of England hat 42 Diözesen und darin zwischen 2000-3000 kontextuelle Kirchen. Die Mitglieder in den fresh expressions of Church machen 2,5 mittelgrosse Diözesen aus. Die Church of England versucht als eine mixed economy of Church zu leben und hat so auch die fresh expressions of Church strukturell integriert. So wurde sichergestellt, dass die fresh expressions of Church keine Parallelstruktur innerhalb der Church of England bilden, sondern einen legitimierten Platz darin bekommen. Die Umsetzung dieser gleichwertigen ekklesialen Partnerschaft wird den Diözesen nahegelegt.[8] Die mixed economy wird strukturell häufig auch durch den Bischof oder die Bischöfin zusammengehalten. Die Beziehung innerhalb der mixed economy von Ortsgemeinden und fresh expressions of Church wird grösstenteils als gleichwertig und einander ergänzend erfahren.

Die Beziehung innerhalb der mixed economy von Ortsgemeinden und fresh expressions of Church wird grösstenteils als gleichwertig und einander ergänzend erfahren.

Kirchliche Biodiversität mit ihrem Sowohl-als-auch-Prinzip erweist sich mittlerweile sowohl für junge, innovative und kontextuelle Ausdrucksformen von Kirche, wie auch für traditionelle Ortsgemeinden als Schutz und Plausibilitätsprinzip. So haben sowohl traditionelle, als auch frische Ausdrucksformen von Kirche ihre Legitimität. Ziel ist eine gleichwertige und ergänzende Beziehung innerhalb der ganz verschiedenen Kirchen und kirchlichen Aktivitäten. Hinter einer gut funktionierenden kirchlichen Biodiversität steckt jedoch intensive Beziehungsarbeit, ein grosszügiges Ekklesiologieverständnis und eine ausserordentliche gegenseitige Akzeptanz.

Traditionelle, aber auch frische Ausdrucksformen von Kirche haben ihre Legitimität!

Das parochiale System als einzige Struktur zeigt sich auch in Kontinentaleuropa als nicht mehr zureichend um den inkarnatorischen Auftrag der Kirche zu erfüllen. Es bedarf der Ergänzung. In der individualisierten, fragmentierten und pluralistischen Gesellschaft ist eine kirchliche Biodiversität aus traditionellen Ortsgemeinden, Netzwerkgemeinden, Hauskirchen, Interessensgemeinden und anderen kontextuellen Ausdrucksformen von Kirche, welche partnerschaftlich zusammenarbeiten, angebracht. Nur so kann eine Volkskirche ihrem eigentlichen Auftrag, die Liebe Gottes und das Reich Gottes, zumindest stückweise, erlebbar zu machen und mit den Menschen des Landes im Dialog über Gott zu sein und sich ihnen einladend zuzuwenden, gerecht werden.

Doch die mixed economy ist ein Ideal und nur erreichbar, wo viel Wohlwollen vorhanden ist. Damit kirchliche Biodiversität gelebt werden kann, braucht es nebst einem grosszügigen Ekklesiologieverständnis Menschen, welche als Beziehungsdrehscheibe fungieren und denen beide Ausdrucksformen von Kirche in gleicher Weise ein Anliegen sind.

Damit kirchliche Biodiversität gelebt werden kann, braucht es neben einem grosszügigen Ekklesiologieverständnis Menschen, die als Beziehungsdrehscheibe fungieren.

Unabhängig davon ob sich eine mixed economy auf parochialer oder diözesaner Ebene entwickelt, immer verlangt sie nach einer engen partnerschaftlichen Zusammenarbeit von Pfarrpersonen und Freiwilligen. Dies bedingt metaphorisch gesprochen, dass bei den ordinierten Personen die Bereitschaft vorhanden sein muss, von der Kanzel hinunterzusteigen und den Freiwilligen auf Augenhöhe zu begegnen. Pfarrpersonen und kirchliche Angestellte werden zu Ermöglicherinnen und Ermöglichern, welche Freiwillige und deren Erfahrungen und ekklesiale Vorstellungen hören wollen und welche Laien als theologisches Gegenüber ernst nehmen. Dies setzt eine Mentalitätsveränderung der Pfarrpersonen, Angestellten und institutionalisierten Gremien voraus. Es bedingt, dass sich Amtsträgerinnen und Amtsträger auf die Perspektive der Freiwilligen einlassen. Zudem erfordert es die innere Einsicht, dass auch Dinge ihre Berechtigung haben, die der Pfarrperson oder den leitenden Gremien nicht entsprechen – und dass diese Andersartigkeit als Ergänzung verstanden wird und nicht als Konkurrenz.

Pfarrpersonen und kirchliche Angestellte werden zu Ermöglicherinnen und Ermöglichern.

Durch diesen theologischen, strukturellen und atmosphärischen Wandel können neue ekklesiale Pflanzen und Lebensräume entstehen. Solche für die Wildbienen der Pop-Kultur, für die Waldwespen der KünstlerInnen-Szene, für die Singvögel der Familien in der Nachbarschaft, solche für unterschiedliche Milieutypen, spirituell Suchende, Kirchennahe und -ferne.

 

[1] Vgl. zur Terminologie «Kommunikation des Evangeliums» z.B. Christian Grethlein, Praktische Theologie (Berlin; Boston: De Gruyter, 2012).

[2] Vgl. Sabrina Müller, Fresh Expressions of Church – Beobachtungen und Interpretationen einer neuen kirchlichen Bewegung (Zürich: Theologischer Verlag Zürich, 2016).

[3] Vgl. Ian Cundy u.a., The Future of the Parish System. Shaping the Church of England in the 21st Century Steven Croft (Hg.), (London 2006), 178.

[4] Vgl. Graham Cray u.a., Mission-shaped church, London 2004.

[5] Vgl. Peter Toney, A Measure for Measures, in: Mission and Ministry. Report of the Review of the Dioceses, Pastoral and Related Measures, London 2004.

[6] Vgl. Cray, Mission-shaped church, Seite xi.

[7] Im Ordinationsgelübde der Church of England heisst es, die Kirche habe den Auftrag, jeder Generation neu das Evangelium „afresh“ zu verkünden. Beim Nachdenken darüber, was das heute bedeutet, entstand die Bezeichnung «fresh expression of Church». Fresh expressions of Church werden seit 2004 offiziell als eigenständige anglikanische Kirchen anerkannt und seither von der Kirche von England gefördert, obwohl dadurch bestehende parochiale Strukturen gelockert werden mussten. Der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, schrieb zu diesem Thema, es gäbe viele Formen und Wege, in denen die Realität „Kirche“ existieren könne. Das territoriale Prinzip sei eines davon, das sehr wertvoll sei. Doch es sei falsch, alle Formen von Kirche in das gleiche Schema zu pressen: „What makes the situation interesting is that we are going to have to live with variety”. (Mission-shaped Church, 2004). Aus dieser Überzeugung sind mittlerweile, alleine in der Church of England, über 2000 verschiedene fresh expressions of Church entstanden: Skaterkirchen, Schulkirchen, Kirche im Pub oder Zuhause, Tanzkirchen, Obdachlosenkirchen, usw.

[8] «What Archbishop Rowan has called the mixed economy, the positive partnership of an on-going inherited ministry in the parishes and the planting of fxC is the official policy of the Church of England as agreed by its Synod. So we have the: ‹this is what we do›. Yes, we have some people who haven’t quite realised yet, that’s what we do, and yes, we have people who are waiting for those in fxC to come to what they call ‘real church’, but we have committed ourselves to this, we have approved it through our national Synod three times, we’ve had a formal ‹faith and order› report written on it, jointly with the Methodists, and the General Synod, and the National Conference of the Methodist church have both unanimously approved it, so it’s our policy.» Müller, Fresh Expressions of Church – Beobachtungen und Interpretationen einer neuen kirchlichen Bewegung.

 

(Bild: Martin Genter / pixelio.de)

Print Friendly, PDF & Email