Die Politikwissenschaftlerin Elham Manea entwickelt das Konzept des Kontextuellen Realismus als Alternative zu gängigen Erklärungen für die Konflikte im nahen Osten.
Zwischen den arabischen Aufständen von 2011 und dem Jahr 2026 hat sich die Weltordnung grundlegend verändert. Ein multipolares System zeichnet sich ab, in dem die Vereinigten Staaten nicht mehr die unangefochtene Supermacht sind – und auch kein verlässlicher Partner westlicher Demokratien mehr. Parallel dazu hat sich auch der Nahe Osten und Nordafrika (MENA[1]) tiefgreifend gewandelt. Eine Region, die einst vom Dominoeffekt der Aufstände in Tunesien und Ägypten geprägt war. Der Nahe Osten von heute ist nicht mehr der von 2011. Die innerstaatlichen, regionalen und internationalen Rahmenbedingungen haben sich verschoben – und mit ihnen die politische Landschaft.
Bedarf an Ansätzen, die Konflikt und Wandel in der MENA-Region erklären können
In diesem sich wandelnden Kontext, und angesichts anhaltender Konflikte, ist der Bedarf an Ansätzen, die Konflikt und Wandel in der MENA-Region erklären können, dringlicher denn je. Genau hier nahm meine eigene Forschung ihren Anfang.
Ich begann dieses Projekt aus Frustration.
Frustration über meine eigene Hilflosigkeit, als der Jemen – mein Heimatland – nach dem Huthi-Umsturz im September 2014 in einen Bürgerkrieg abrutschte. Und Frustration darüber, wie dieser Konflikt in vielen Medien dargestellt wurde: als einfacher Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und Iran. Eine Erklärung, die die inneren Dynamiken und die Komplexität des Jemen weitgehend ausblendete.
Die gängigen Ansätze zur Erklärung von Konflikten im Nahen Osten greifen oft zu kurz.
Frustration wurde zu Handlung. Ich wandte mich dem zu, was ich am besten kann: Forschung, gestützt auf umfangreiche Feldarbeit. Dabei wurde mir schnell klar, dass es nicht nur eine empirische Lücke gibt, sondern ein grundlegendes analytisches Problem. Die gängigen Ansätze zur Erklärung von Konflikten im Nahen Osten greifen oft zu kurz. Sie reduzieren komplexe Realitäten auf Machtkämpfe zwischen Staaten. Oder sie lösen sie in Narrative von Identität und Diskurs auf, die von materiellen und institutionellen Strukturen abgekoppelt sind. Manche gehen davon aus, dass Staaten als kohärente, rationale Akteure handeln.
Staaten im Nahen Osten unterscheiden sich stark in ihrer Staatlichkeit.
Diese Modelle orientieren sich häufig an konsolidierten westlichen Staatserfahrungen. Doch Staaten im Nahen Osten unterscheiden sich stark in ihrer Staatlichkeit. In vielen Konfliktkontexten sind sie fragmentierte Arenen konkurrierender Eliten und externer Einflüsse.
Andere Ansätze gewichten Narrative so stark, dass historische Realitäten und politische Strukturen aus dem Blick geraten. Und allzu oft greifen sowohl akademische als auch öffentliche Debatten zu einfachen Gegensätzen – Stellvertreterkriege, konfessionelle Spaltungen oder eine einzige „Ursünde“ im Kolonialismus. In solchen Deutungen werden vier Jahrhunderte osmanischer Herrschaft oft zur Randnotiz, obwohl sie entscheidend dafür waren, wie politische Autorität, soziale Strukturen und Konfliktmuster in der Region entstanden sind. Solche Perspektiven blenden die vielschichtigen historischen Entwicklungen ebenso aus wie die Rolle lokaler Akteure.
Kontextueller Realismus
Das Ergebnis sind analytische Werkzeuge, die in ihren ursprünglichen Kontexten zwar überzeugen, aber die Komplexität und Widersprüchlichkeit von Konflikten in der MENA-Region nur unzureichend erfassen. Um diese Lücke zu schließen, habe ich den Ansatz des Kontextuellen Realismus entwickelt.
Kontextueller Realismus setzt an einem anderen Punkt an. Er beginnt bei der Staatsbildung. Nicht nur in Ländern wie Jemen, Syrien, Sudan, Libyen oder Libanon, wo fragmentierte Autorität den Verlauf von Konflikten prägt, sondern auch in den Staaten, die intervenieren. Regionale Akteure wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, Iran oder Israel handeln nicht im luftleeren Raum. Ihre Außenpolitik ist geprägt von ihren eigenen historischen Erfahrungen, Herrschaftsstrukturen und Fragen der Legitimität. Das ist entscheidend. Denn Interventionen werden nicht einfach von außen aufgezwungen. Sie treffen auf bestehende Realitäten – und werden von ihnen geformt.
Er zeigt, dass Konflikte nicht verstanden werden können, ohne zu analysieren, wie Staatlichkeit entstanden ist.
Genau hier setzt der Kontextuelle Realismus an. Die meisten Ansätze beginnen beim internationalen System oder bei regionalen Rivalitäten und arbeiten sich nach innen vor. Dieser Ansatz kehrt die Perspektive um. Er beginnt bei historisch gewachsenen Staaten und arbeitet sich nach außen. Er zeigt, dass Konflikte nicht verstanden werden können, ohne zu analysieren, wie Staatlichkeit entstanden ist, wie sie umkämpft war und wie sie fragmentiert wurde. Externe Einflüsse treffen nicht auf neutralen Boden. Sie werden durch interne Strukturen gefiltert, die durch osmanische Herrschaft, koloniale Erfahrungen und postkoloniale Überlebensstrategien geprägt sind.
Regionale Politik lässt sich nicht von innerstaatlicher Politik trennen.
Der Ansatz arbeitet auf zwei Ebenen. Erstens auf der innerstaatlichen Ebene: Wie sind Staaten entstanden? Wie ist Autorität organisiert? Wie wird Legitimität hergestellt? Zweitens auf der regionalen Ebene: Wie interagieren diese unterschiedlich geformten Staaten miteinander? Wie konkurrieren sie, und wie greifen sie ein? Die zentrale Einsicht ist einfach: Regionale Politik lässt sich nicht von innerstaatlicher Politik trennen. Sie wird durch sie geprägt.
Warum Konflikte wie im Jemen nicht auf Stellvertreterkriege reduziert werden können.
Damit lässt sich etwas erklären, das bestehende Theorien nicht vollständig erfassen: Warum ähnliche Interventionen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen. Warum manche Staaten zerfallen, während andere bestehen bleiben. Und warum Konflikte ganz unterschiedliche territoriale Verläufe nehmen. Warum sich in manchen Fällen relativ stabile Machtzonen herausbilden, während in anderen Autorität fragmentiert und dauerhaft umkämpft bleibt. Und warum Konflikte wie im Jemen nicht auf Stellvertreterkriege reduziert werden können. Sie entstehen im Zusammenspiel von Staatsbildung und regionaler Konkurrenz – und genau in diesem Zusammenspiel entscheidet sich, wie sich Konflikte vor Ort entwickeln.
mehr als eine theoretische Perspektive – eine andere Art, die Region zu sehen
Am Ende ist dies mehr als eine theoretische Perspektive. Es ist eine andere Art, die Region zu sehen. Wer verstehen will, warum Kriege andauern, warum Interventionen scheitern oder warum Rivalitäten bestimmte Formen annehmen, muss bei den historischen und politischen Strukturen der beteiligten Staaten ansetzen. Erst dann lässt sich über vereinfachende Erklärungen hinausgehen – hin zu einem differenzierteren Verständnis von Konflikten im Nahen Osten.
Elham Manea, Prof. Dr., ist Adjunct Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Zürich und leitet den neu gegründeten Kompetenzbereich Middle Eastern and Gulf Studies am Institut für Politikwissenschaft. Sie ist Autorin und Menschenrechtaktivistin.
Beitragsbild: Wikimedia Commons: MENA according to the IMF 2003.svg
[1] MENA steht für“ Middle East & North Africa“.


