Kruzifix! Zwischenruf eines Bayern

Früher schimpfte man in Bayern noch „Kruzifix!“ Dann verschwanden die Kreuze aus den Amts- und Schulstuben. Und heute? Florian Baab zur neuen ‚Kreuzpflicht‘ in Bayern.

Es war im Frühling des Jahres 1992: Ich besuchte die dritte Klasse in der Grundschule meiner kleinen, oberbayerischen Heimatstadt. Einem alten Brauch gemäß wurden wir während dieses Schuljahres vom Herrn Stadtpfarrer in Religion unterrichtet, denn die Erstkommunion nahte. Meine Erinnerung an diese Unterrichtsstunden ist heute – was kein Votum gegen die didaktischen Kompetenzen des Stadtpfarrers sein soll – nur noch schwach ausgeprägt. Eine Szene ist mir allerdings dauerhaft in Erinnerung geblieben; aus aktuellem Anlass musste ich auch in den letzten Tagen wieder verstärkt an sie denken.

„Herrgott!“ – „Kruzifix!“

Der Herr Stadtpfarrer behandelte die Zehn Gebote, und wir befassten uns gerade mit dem zweiten: Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen. Leider, so der Herr Stadtpfarrer, werde dieses Gebot wohl am allerwenigsten beachtet; leichtfertig benutzten viele in salopp dahingesprochenen Flüchen den Namen Gottes. Überhaupt werde, so seine Beobachtung, zu viel geflucht, insbesondere auch auf dem Schulhof. – Es meldete sich mein fast namensgleicher Klassenkamerad Florian B.: In kindlicher Fröhlichkeit teilte er dem Pfarrer mit, okay, „Herrgott!“ könne man sich ja womöglich abgewöhnen und einige andere deftige, womöglich auch nicht auf den Herrgott bezogene Flüche ebenfalls (er nannte, zur Freude aller, einige Beispiele); naja, aber es gebe doch noch andere, gewissermaßen harmlose Ausrufe, „Sakrament!“ zum Beispiel oder „Kruzifix!“ – Die Miene des Stadtpfarrers wurde plötzlich sehr, sehr traurig. „Das Kruzifix“, so sagte mit ernster Stimme, „ist das Kreuz“. Wir reagierten mit allgemeinem Staunen.

anderweitiges kindliches Geschimpfe anstelle sakraler Bezüge

Seither ist über ein Vierteljahrhundert vergangen. Ich weiß nicht, auf welche Art und Weise heute an bayerischen Schulen geflucht wird, aber ich vermute, dass sich das Anliegen des Herrn Stadtpfarrers zumindest in Teilen erfüllt hat: Der fortschreitende Säkularisierungsprozess dürfte von alleine dafür gesorgt haben, dass auch auf meinem alten Schulhof an die Stelle sakraler Bezüge ein breiterer Fundus von anderweitigem kindlichen Geschimpfe getreten ist. Kreuze hängen ja seit dem sogenannten Kruzifix-Beschluss 1995 auch nicht mehr verpflichtend in den Schulen. So weit, so vorbei?

Ministerpräsident Markus Söder macht das Kreuz zur Pflicht.

Mitnichten. Die politisch-theologische Nachricht der letzten Woche lautete: Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder macht das Kreuz zur Pflicht, zumindest im „Eingangsbereich“ einer jeden bayerischen Behörde. Die Botschaft ist… nun ja, nicht ganz klar greifbar: Ja, man stehe zur Religionsfreiheit. Nein, man wolle niemanden diffamieren. Ja, man übe Toleranz gegenüber allen Religionen, positioniere sich aber bewusst zur christlich-jüdischen / zur christlich-humanistischen / zur christlich-jüdisch-abendländischen Kultur. Nein, Symbole des Judentums seien nicht erwünscht. Ja, das Kreuz sei ein religiöses Symbol, gehöre aber zugleich zu den „Grundfesten des Staates“, außerdem stehe es für Toleranz, Nächstenliebe, Respekt, Menschenwürde, zudem für „ideelles Wurzelgeflecht“, Klöster, Werte, religiöse Erziehung. Und übrigens: Warum kritisierten die Kirchen überhaupt diesen Beschluss, warum wollten sie sich nicht „zum Symbol der eigenen Religion dazustellen, statt es kritisch zu hinterfragen“?

Staatlicher Interventionismus hat, wie man weiß, bisher noch kaum einer Religion oder Weltanschauung gut getan.

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Zunächst einmal allgemein: Staatlicher Interventionismus hat, wie man weiß, bisher noch kaum einer Religion oder Weltanschauung gut getan. Vielmehr aber noch: Die Beschwörung eines diffusen abendländisch-baiuwarischen Traditionalismus im Namen des Kreuzes bewirkt das genaue Gegenteil einer Aufwertung des „Christlichen“. Da der Staat sich keiner religiösen Symbole bedienen darf, hat er das Kreuz als ein kulturgeschichtliches Requisit zu betrachten, das mit dem, was gläubige Christen damit verbinden – Lesehinweis: Röm 8,32 – nicht eigentlich etwas zu tun hat. „Musealisierung“ ist ein passendes Wort dafür, Entwertung die Konsequenz. Eine solche leere Hülle darf man sehr wohl kritisch hinterfragen, denn sie hat mit dem „Symbol der eigenen Religion“ nur die äußere Form gemein.

Das Gestrige wird verzweckt, um das Morgen ein wenig heimeliger zu machen.

Das letzte Buch des jüngst verstorbenen Soziologen Zygmunt Bauman trägt den Titel „Retrotopia“. Immer häufiger, so schreibt Bauman, könne man gegenwärtig beobachten, wie anstelle von Visionen einer besseren Zukunft Rückkehrbestrebungen in eine verloren geglaubte, vermeintlich bessere Vergangenheit propagiert würden. Einst habe man dem Kommenden vertraut; heute, da die Zukunft zunehmend unbeherrschbar scheine, erhoffe man sich von der Rückkehr des Vergangenen die Versöhnung von Freiheit und Sicherheit. Das bayerische Kruzifix-Dekret ist ein kleiner Mosaikstein dieses retrotopischen Zeitgeistes: Das Gestrige – das einst in bayerischen Amtsstuben omnipräsente Kreuz – wird verzweckt, um das Morgen ein wenig heimeliger zu machen. Schade nur für Markus Söder, dass auch ein paar Kreuze mehr die bayerischen Grundschüler nicht lehren werden, so zu fluchen wie ihre Großeltern.

Florian Baab, Akademischer Rat a.Z. an der Theologischen Fakultät der Universität Münster

Beitragsbild: Pixabay

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