Hans-Joachim Sander nimmt das erste Interview von Papst Leo XIV. zum Anlass, die Erwartungen und Anforderungen an das Pontifikat zu betrachten.
Die Kirche, das ist ein Schiff. Im Neuen Geistlichen Lied haben wir es ebenso hymnisch wie inbrünstig besungen: „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit. Das Ziel, das ihm die Richtung weist, heißt Gottes Ewigkeit. Das Schiff, es fährt vom Sturm bedroht durch Angst, Not und Gefahr, Verzweiflung, Hoffnung, Kampf und Sieg; so fährt es Jahr um Jahr.“ Gut, das Lied hat einen protestantischen Ursprung, der Konstanzer Martin Gotthard Schneider (1930-2017) hat es 1963 komponiert. Aber seine Herkunft war ökumenisch im hochfliegenden Aufbruch zur globalisierten Welt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, bei der die großen Kirchen des Christentums unbedingt und im Sinne der größeren Gerechtigkeit von Anfang an dabei sein wollten. Sie konnten es auch, das Zweite Vaticanum ist der katholische Beleg dafür, die Ökumenische Versammlung zu Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung ein protestantischer.
Der Weltbürger sollte das doch jetzt können, das Vorangehen zum Besseren.
Eigentlich gehört auch der gegenwärtige Papst zur Generation des Aufbruchs, die die Welt besser machen wollte mit dem Glauben. Schließlich gehört dieser Glaube doch zum Besten, was die Menschheit so als Erbe für alle weiteren Zeiten erreicht und angesammelt hat. Es wäre doch aberwitzig, würden seine höheren Werten bloß hymnisch dafür verwendet werden, die tieferen Abgründe einer zerklüfteten Welt mit gottesfrohem Hochgemut zu übertönen. Ausgebessert gehören die inhumanen Klüfte mit Entschiedenheit und zwar alle. Ausgeglichen gehört die zersetzende Gier der Profite mit Gerechtigkeit und zwar für jedes ihrer Opfer.
Und schließlich ausgebaut gehören im Meer der Gleichgültigkeit die vielen zarten kleinen Inseln des Miteinander und zwar zum großen Gemeinschaftsraum für alle. Das war ein bestärkendes Glaubensprogramm, das hörte sich nicht nur gut an, sobald man davon hörte. Das war auch gut und es konnte eigentlich nur noch besser werden. Jedenfalls hielt es niemanden ab, es mit dem Besseren und eigentlich sogar mit dem Besten zu versuchen, was sie und er für alle anderen zu bieten hatte mit dem, woran die Christen glauben. Im Gegenteil, habt keine Scheu, packt es an und geht voran in dieser Welt, sie braucht das, sie will das auch und es wird ihr gut tun. Das war die große Ermächtigung.
Als ‚Weltbürger‘ wurde Leo XIV. schon mal bezeichnet in den ersten hundert Tagen, als noch niemand so richtig wusste, was das nun für ein Pontifex werden würde. Da schwang Erwartung mit und auch die Enttäuschungen darüber, was seine Vorgänger aufgeboten hatten – immer schief schon in ihren Ansagen, schummerig vor lauter Heuchelei und schräg mit irre geleiteten Zeichen. Der Weltbürger sollte das doch jetzt können, das Vorangehen zum Besseren. Was das Bessere ist, weiß man ja gerade nicht so richtig in den harten Machtkämpfen heute, und zwar weil alle möglichen unsäglichen Gestalten es so genau wissen, dass sie es allen anderen ständig und doch letztlich bloß zum eigenen Vorteil um die Ohren schlagen.
Leo, geh voran und wir trauen dir.
Aber dieser Leo, bei dem kann das anders werden. Der ist frisch, spielt Tennis, kleidet sich ordentlich, ein Amerikaner von der eindeutig besseren Seite der USA, ein ‚everybody’s darling‘ wie schon auf allen seinen Karriereschritten davor. Leo, geh voran und wir trauen dir. So riefen die Sehnsüchte des Katholischen es in den noch dunklen Raum eines Pontifikats, das ja dann doch irgendwann den Vorhang ziehen musste, was es im Drama der Gegenwart auf seiner päpstlichen Bühne aufzuführen beabsichtigte.
Ob dieser Leo selbst wusste, was er zu inszenieren hatte, als er gewählt wurde, darf man ernsthaft bezweifeln. Die derart Sturm bedrohte Kirche zu leiten kann einen schon in diesen Zeiten schnappatmig machen. Das will sicher gut überlegt sein. So nahm man es auch fast kritiklos hin, dass sein Vorgänger als erstes nach Lampedusa reiste, dieser Leo aber lieber nach Castel Gandolfo. Die waren dort froh, dass jetzt endlich nicht mehr nur Touristen kamen. Viel gebracht haben die klareren Lüfte um das Kastell nicht für die stickigen Palaststuben am Petersplatz.
„Vom Sturm bedroht durch Angst, Not und Gefahr, Verzweiflung“ bleibt das Kirchenschiff, und zwar tatsächlich jetzt noch mehr „Jahr um Jahr“. Der Missbrauch geht nicht weg mit den Priestertätern, die abtreten; da kommen mehr als erträglich neue hinzu. Und schon gar nicht geht der Skandal weg mit den Unschuldsvermutungen, die Leo XIV. jetzt so bemüht nach vorne schiebt, weil er hinter ihnen versteckt die tiefste Krise seiner Kirche seit der Reformation offenbar auszusitzen gedenkt. Egal wie lang sein Pontifikat dann wird, das wird ihm nicht gelingen.
Hinter Leos gelüfteten Vorhang ist nichts gekommen von „Hoffnung, Kampf und Sieg“.
Mit dem sexuellen und spirituellen Missbrauch lodert zu viel unter dem heißen Stuhl seiner Heiligkeit. Einen Feuerlöscher hat er da oben nicht, dafür müsste er absteigen. Die Diversität bei Sex und Gender geht auch nicht weg, weil die Diskriminierung von denen, die von denen mit der Schöpfungsordnung und ihrer pianischen Fixierung auf Sex als anders, unbequem, selbstsüchtig abgestempelt werden, halsstarrig in der Kirche bleibt. Queere Menschen verlangen ihren vollen Anteil an wertschätzender Gerechtigkeit, der ihnen nicht gegeben wird. Und schon gar nicht wird das ausgeglichen von einem bemüht päpstlichen und synodal verklärten „Bitte Bitte! Kein Streit! Ausgleichender Ausgleich!“ Und vom Warten auf Godot, das jetzt schon wieder den Frauen als das einzige Serienangebot im weihevollen Stream der päpstlichen Mediathek steht, reden wir besser gar nicht. Die Frauen schauen sich die neue Staffel sicher nicht an im grottigen Wartesaal der Kirche. Sie werden nur aufstehen, um zu gehen. Sie haben auch wirklich Besseres zu tun und werden Besseres finden.
Hinter Leos gelüfteten Vorhang ist nichts gekommen von „Hoffnung, Kampf und Sieg“ wie in der Zuversicht des Geistlichen Lieds. Das Kirchenschiff schlingert, und zwar nicht einfach weiter, sondern immer mehr. Und vom Hafen hat es gerade erst abgelegt. Dieser Papst erweist sich als Leichtmatrose auf seiner Kommandobrücke. Da steht kein Steuer mehr. Das haben sie vor, während und nach dem Konklave in irgendwelche Unterdecks geschleppt. Und dort greifen jetzt viele in das Steuerrad, denen man besser keine Seele anvertraut. Sie wäre schon verkauft, ehe das Kirchenschiff auf hoher See dann gekentert sein wird.
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Hans-Joachim Sander ist pensionierter Professor für Dogmatik an der Universität Salzburg.
Foto: © PLUS/S. Haigermoser
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