Otto Friedrich reagiert auf einen Beitrag von Christian Rutishauser SJ zur Heiligsprechung von Carlo Acutis.
Als jenem Kritiker, von dem das (im Essay von Christian Rutishauser nicht näher ausgewiesene) Zitat stammt, rund um die Verehrung von Carlo Acutis würden antijüdische Legenden weiter „fröhliche Urständ“ feiern (DIE FURCHE, 10.7.2025) und der Analoges auch in anderen Publikationen geäußert hat (Herder Korrespondenz 4/2025; DER STANDARD, 20.4.2025), drängt es mich, zu den Argumentationen des Autors Nachstehendes anzuführen.
- Man muss generell die Art der eucharistischen Frömmigkeit, die in der Verehrung von Carlo Acutis zutage tritt, kritisch hinterfragen. Rutishauser schreibt, der „fromme Computerfreak“ präsentiere „das komplexe Symbolgeschehen und Ereignis der Eucharistiefeier auf einfache Art“. Eigentlich wäre es eine eminent wichtige Aufgabe von Theologie und Pastoral, komplexe Glaubensinhalte auch „auf einfache Art“ zu übersetzen und zu vermitteln. Wenn nun eine vormoderne, vorkonziliare Frömmigkeit, die auf problematische Wundergeschichten aus dem Mittelalter rekurriert, diese Aufgabe besser verstünde als Verkündigung im Geist des II. Vatikanums, dann wäre das eine Bankrotterklärung ebendieser.
- Das Verschweigen der Juden als „Täter“ in den von Acutis gesammelten Hostienschändungs-Legenden „neutralisiert“ den antisemitischen Topos keineswegs und macht daraus schon gar keinen „a-semitischen“, wie Rutishauser argumentiert. Es handelt sich vielmehr um Geschichtsklitterung: Indem man die Juden als Subjekte dieser antijüdischen Verwerfungen verschweigt, raubt man ihnen einmal mehr die eigene Geschichte. Nein, man darf eucharistische Frömmigkeit nicht auf dem Boden derartiger, heute zu Recht als unchristlich verstandener Geschichten aufbauen. Außerdem findet sich in Acutis’ „Liste der Eucharistischen Wunder der Welt“ etwa beim „Wunder von Brüssel“ (1370) ein Foto vom antijüdischen Glasfenster aus der Kathedrale von Brüssel, auf dem Menschen mit „jüdischer“ Physiognomie Hostien mit Messern traktieren. Das soll „a-semitisch“ sein?
- Schließlich findet sich in dem Essay ein christlich-paternalistischer Unterton, etwa wenn Rutishauser schreibt: „Dennoch verletzen die Erzählungen die kollektive, jüdische Erinnerung“, oder indem er christliche Rücksichtnahme auf jüdisches Empfinden und „Dialogkompetenz“ einmahnt. Gerade hier zeigt sich enormes Unverständnis: Denn der christliche Antijudaismus und die Gewalttaten, die daraus erwuchsen, sind kein Problem der Juden; es geht auch nicht in erster Linie darum, allfällige jüdische Empfindlichkeiten in christlicher Geschwisterlichkeit im Blick zu haben. Sondern angefangen bei der Konzilserklärung Nostra Aetate vor 60 Jahren ist JEDER Antijudaismus aus dem christlichen Wahrheitsverständnis heraus – lehramtlich, aber auch theologisch – geächtet. Es muss daher Aufgabe christlicher Verkündigung und Frömmigkeit sein, nie wieder in die Denk- und Glaubensmuster zu verfallen, die etwa in den Hostienschändungs-Legenden sichtbar sind.
Dies alles hätte im Zuge des Heiligsprechungsprozesses von Carlo Acutis aufgearbeitet werden müssen. Das ist nicht geschehen und wird nun auch von einem prominenten Vertreter des christlich-jüdischen Gesprächs wie Christian Rutishauser verharmlost. Das lässt einen doch fassungslos zurück.
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Otto Friedrich,
Religionsjournalist, bis 2024 stv. Chefredakteur der österreichischen Wochenzeitung „DIE FURCHE“.
Beitragsbild: Rainer Bucher


