Leserinnenbrief zu „Das Genderdokument der Bildungskongregation“

veritatis Gaudium

Veronika Gräwe zum Artikel „Ex falso quodlibet: Das Genderdokument der Bildungskongregation“ von Maren Behrensen (17. Juni 2019).

Vielen Dank für die gelungene Dekonstruktion des Dokuments der Bildungskongregation, die zeigt, dass das Dokument den Punkt „zuhören“ des Dreischritts „zuhören, argumentieren, vorschlagen“ vorschnell abgehandelt, die Komplexität und den aktuellen Forschungsstand der Geschlechterforschung schlicht ignoriert und vor allem jene Menschen verrät, die als Trans* und Inter* in unseren nach wie vor heteronormativ geprägten Gesellschaften Gewalt erfahren.

Die  Dreifaltigkeits-Ikone des russischen Ikonenmalers Andrei Rublev zeigt drei Personen, die um einen Tisch herum sitzen. Gestern am Dreifaltigkeitssonntag bei der Lektüre des Dokuments der Vatikanischen Bildungskongregation “Male and Female He Created Them:  Towards a path of dialogue on the question of gender theory in education“ wünschte ich mir die Autor*innen des Dokuments hätten sich  mit christlichen und katholischen Genderforscher*innen, Theolog*innen mit Schwerpunkt Gender und mit katholischen LSBTIQ+, die es verdienen nicht nur als Betroffene sondern auch als Expert*innen gehört zu werden, auch an einen Tisch gesetzt und wirklich den Dialog gesucht. Zwar gibt das Dokument vor, den Dialog zu suchen, aber es lässt sich die Frage stellen, ob es diesen mit seiner unterkomplexen, feinbildorientieren Argumentation nicht bereits vor Beginn beendet hat.

Die amerikanische Theologin, Mutter eines Trans*sohnes und Priesterin der Episcopal Church, Tara K. Soughers, bedient sich in ihrem Buch „Beyond A Binary God“ der Dreifaltigkeitsikone um ein nicht binäres Gottesbild zu entwerfen. Die drei abgebildeten Personen seien weder eindeutig als männlich oder weiblich lesbar und ihre Anzahl, drei, stelle Konzepte von Binarität infrage, so Soughers.[1] Warum tut sich eine Religion, welche ein sich jedem Zugriff letztlich entziehendes Konzept wie die Dreifaltigkeit kennt und zwei Personen dieser Dreifaltigkeit weder als ausschließlich männlich noch als ausschließlich weiblich bekennt, so schwer damit, Menschen nicht in binäre, starre Konzepte zu pressen und erlebt Fluidität als Bedrohung.

Das Dokument der Bildungskongregation gibt nicht nur die Ergebnisse der Geschlechterforschung verkürzt und verfälscht wieder, es ignoriert auch, dass christliches Leben und Denken außerhalb eines zweigeschlechtlichen Systems möglich war und ist. Die amerikanische Theologin Megan DeFranza etwa zeigt in ihrem Buch „Sex Difference in Christian Theology“, dass Intersex* Personen nicht als zu korrigierende Abweichung der Schöpfung sondern als Ebenbild Gottes begrüßt werden können. So habe die Bezeichnung „Eunuch“ im jüdischen Kontext des 1. Jahrhunderts sowohl kastrierte Männer als auch Babys mit eineindeutigen Genitalien gemeint und in der christlichen Gesellschaft einen Platz für nicht-binären Menschen markiert.[2] Theolog*innen und viele christliche Menschen und Initiativen zeigen, dass sich weit mehr und weit fruchtbarer „Points of Agreement“ mit der Geschlechterforschung finden lassen, als das Dokument diese benennt. Schade, dass die vatikanische Bildungskongregation sich auf Postmoderne- und Individualismus-Bashing beschränkt, anstatt die eigen plurale und diverse Geschichte und Gegenwart christlichen Denkens und Lebens zu befragen. Schade, dass das Dokument zwar anerkennt, dass Diskriminierung historisch Einfluss in der Kirche hatte, aber nicht benennt wo christliches Denken diese befördert hat. Eine Gravur von Theodor de Bry aus dem Jahr 1594 etwa zeigt, wie der katholische, spanische Kolonialherr Vasco Núñez de Balboa in Panama Two-Spirits (eine indigene Bezeichnung für nicht ausschließlich weibliche oder männliche Menschen) von seinen Hunden töten lässt. Ein Schuldbekenntnis, gerade wo Kirche und christlicher Einfluss im Zuge von Kolonialisierung und Christianisierung das Leben nicht heteronormativ lebender Menschen zerstört und ihnen ihr Existenzrecht abgesprochen haben, ist überfällig. Leider ist ein solches Bewusstsein nicht vorhanden, sondern die Autor*innen des Dokuments sprechen mehrfach von ungerechter Diskriminierung (“unjust discrimination“, §15, § 56, ) und es fragt sich, ob die Autor*innen etwa annehmen, dass es auch gerechte Diskriminierung geben kann? Und auch die Rede von legitimen Ausdrucksweisen von Persönlichkeit (“legitimate expressions of human personhood“, § 16) lässt fragen, was illegitime sind und wer darüber zu entscheiden hat?

Nicht die Absprache von Existenzrecht, sondern die Option für marginalisierte Personengruppen und die ganzheitliche  Förderung der Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen, wären wünschenswerte Ergebnisse katholischer Bildungs- und Erziehungsarbeit. Bedenklich ist hier, dass die Bildungskongregation nicht nur den Stand der Forschung im Bereich Gender ignoriert, sondern auch ignoriert, dass es bereits Forschung gibt, die zeigt, dass der ganzheitliche Ansatz katholischer Schulen und das Ziel der Integration aller Persönlichkeitselement, die auch das aktuelle Dokument wieder als Ziel benennt, bei lesbischen und schwulen Schülern nicht unbedingt aufgehen.[3] Und es ist nicht nur unschlüssig, warum das Dokument operative Eingriffe für Inter*personen vorschlägt und diese für Trans*personen ablehnt, sondern hört man den Erfahrungsberichten vieler Betroffener zu, die als Inter* unter frühen operativen Eingriffen gelitten haben oder sich als Trans* im falschen Körper gefangen fühlen, nicht im Sinne dieser und keine Entscheidung für marginalisierte Gruppen, sondern gegen diese. Der Artikel „Ex falso quodlibet: Das Genderdokument der Bildungskongregation“ zeigt dies sehr gut und zeigt, an wessen Seite die Kirche hier eigentlich stehen müsste.

Und auch, ob das Dokument jenen Menschen, die sich als heterosexuell und cis-geschlechtlich verorten, wirklich einen Dienst erweist, ist fraglich. Das essentialistische Bild, das die Bildungskongregation von Weiblichkeit zeichnet,  (§17, §18) wird nicht nur der Diversität der Lebensrealitäten von Frauen nicht gerecht, sondern hat auch die Tendenz Frauen auf die Rolle der sich für andere Aufopfernden festzuschreiben. Die Fähigkeit Not zu ertragen (“a capacity to endure adversity“, §18) liest sich spätestens dann zynisch, wenn das Festhalten an der Ehe, nicht wie das Dokument behauptet, dem Schutz von Frauen und Kindern dient, sondern diese dazu zwingt Situationen von häuslicher Gewalt zu ertragen.[4] Im Lob der Familie vergessen die Autor*innen des Dokuments leider, dass es für gelungene Elternschaft mehr (oder anderes) braucht, als einen männlichen und einen weiblichen Elternteil. Nicht nur wird verkannt, dass (katholische) Familien auch dysfunktional sein können, auch die Gefahr des sexuellen Missbrauchs innerhalb des katholischen Bildungswesens und Strategien zu dessen Verhinderung werden nicht thematisiert. Stattdessen wird vor dem schädlichen Einfluss von Pornographie und Reizüberflutung gewarnt (“the flood of pornography and the overload of stimuli that can deform sexuality“, § 42). Folgt man der Argumentation der Bildungskongregation, dann befinden sich sowohl Gegner (Genderideolg*innen) als auch Gefahr (Pornographie, Reizüberflutung) außerhalb der Kirche. Katholische Genderforscher*innen oder das lesbische katholische Paar, das seine Kinder im Sinne sexueller und geschlechtlicher Vielfalt erziehen will und für deren Zeugung, anders als das Dokument meint, keine Leihmutter benötigt, stellen für ein solches dualistisches Weltbild folglich eine Überforderung dar und kommen nicht vor.

Der Juni gilt in Erinnerung an den Stonewall-Aufstand von 1969 als Pride Month, ein solches Dokument in diesem Monat zu veröffentlichen, zeugt nicht nur von Unsensibilität gegenüber der Verletzungsgeschichte der LSBTIQ+ Community, sondern auch von Ignoranz gegenüber der Lebensrealität katholischer LSBTIQ+, die sich nicht nur innerhalb der Katholischen Kirche häufig für ihr LSBTIQ+ Sein rechtfertigen müssen, sondern auch innerhalb der LSBTIQ+ Community für ihr katholisch sein. Dabei hätte eine Kirche, welche die Dreifaltigkeit feiert, das Potential, mit Menschen zu feiern, die Ebenbild eines Gottes sind, der sich wie sie letztlich dem Zugriff binärer und heteronormativer Kategorien entzieht.


Veronika Gräwe

[1] Tara K. Soughers, Beyond a Binary God: A Theology for Trans* Allies, New York, 2018.

[2] Megan K. DeFranza, Sex Difference in Christian Theology: Male, Female, and Intersex in the Image of God, Grand Rapids, Michigan, 2015.

[3] Michael. J. Maher: “Gay and Lesbian Students in Catholic High Schools: A Qualitative Study of Alumni Narratives.” In: Journal of Catholic Education, 10 (4), 2007.

[4] Marta Warat etwa zeichnet die anti-feministische Rolle religiöser Diskurse in Polen im Blick auf die Gesetzgebung gegen häusliche Gewalt nach. Marta Warat.: “For the Sake of Family and Religion. Nationalist-Religious Discourse on the Convention on Preventing and Combating Violence Against Women and Domestic Violence.” In: Studia Humanistyczne AGH 15, no. 3, 2016, 105-20.

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