„May the Force be with you!

Aus Anlass des „Star Wars Day“ (May 4th – May the force) begeben sich Simone und Claudia Paganini in weit entfernte Galaxien.

In einem Interview aus dem Jahre 1999, kurz nach dem Erscheinen von Episode I – für Star Wars Laien: das ist der vierte Film der mittlerweile neunteiligen Saga – erklärte George Lucas, der Schöpfer der Star Wars Universums, die große Anziehungskraft der (fiktiven) Star Wars Welt auf das Publikum mit einem Verweis auf die Religion. Er ließ seine Fans außerdem wissen, dass er selbst an die Existenz eines Gottes glaube und außerdem an den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse. „Ich glaube nicht“, so Lucas damals, „dass Star Wars ein religiöser Film ist, aber er nimmt Themen der Religion auf und destilliert sie für die Öffentlichkeit, um zu zeigen, dass es da draußen etwas Größeres gibt.“

Eine Geschichte mit biblischer Dimension

Einige Jahre später bezeichnete sich der Schöpfer von Star Wars als „buddhistischer Methodist“ und gab somit – zumindest indirekt – zu, dass für ihn sowohl die jüdisch-christliche Religion als auch die orientalischen Traditionen eine große Rolle spielten und selbstverständlich auch sein künstlerisches Schaffen beeinflusst haben. Aufmerksame Zuschauer:innen und Kenner:innen der klassischen Trilogie (1977-1983) sowie von Episode I (1999) wussten zur Zeit des Interviews freilich bereits um die religiöse – ja streng genommen biblische – Dimension der mittlerweile zum Kultstatus aufgestiegenen Geschichte rund um Luke Skywalker, Leia, Yoda, Obi Wan Kenobi sowie Darth Vader und Palpatine.

George Lucas und der Held mit tausend Gesichtern

Lucas kam während seiner Studienzeit in Kalifornien mit den Schriften von Joseph Campbell, einem Professor für vergleichende Religionswissenschaft, in Kontakt. Insbesondere sein 1949 erschienenes Buch „The hero with a thousand faces“ („Der Heros in tausend Gestalten“), eine wahre Fundgrube für all jene, die sich für die durchaus erstaunlichen Parallelen zwischen den Gründungsmythen und Sagen der verschiedenen Religionen interessierten, beeinflusste Lucas stark.

Ein universales Erfahrungsmuster
von Mythen und Religionen

Als Quintessenz von Campbells Arbeit könnte die Erkenntnis gelten, dass sich in allen Religionen und Mythen – vom alten Babylon bis in die Gegenwart – ein universales Erfahrungsmuster wiederfindet. Dieses Muster zeigt sich in der Bibel, dem wichtigsten Buch der jüdisch-christlichen Tradition, ebenso wie im Buddhismus, dem Daoismus oder auch dem Islam. George Lucas setzte viele Elemente dieses Musters ein, variierte sie, spielte mit ihnen. Es ist dank ihrer Universalität, dass sich für das aufmerksame Publikum eine ganze Reihe von Parallelen zwischen Star Wars und den bereits genannten Religionen auftut.

Wahrheiten über Menschen und Held*innen, die allgemeingültig sind

Was der Religionswissenschaftler Campbell erkannt und was den Filmemacher Lucas fasziniert hat, war der Gedanke, dass manche Wahrheiten über den Menschen, das Leben und den Kosmos, dass manche Vorstellungen von Held:innen, vorbildhaften Gestalten und Schurken allgemeingültig sind. Das ist aber alles andere als neu. Vielmehr war der erzählerische Rückgriff auf eben solche Motive immer schon ein Garant für Erfolg. Die biblischen Erzählungen folgen exakt diesem Schema und bieten damit seit mehr als zwei Jahrtausenden ein Identifikationspotential für religiöse und nicht-religiöse Menschen.

Die vielen Gesichter der Star Wars Saga

Die Saga von Star Wars ist in den letzten Jahren Objekt unzähliger wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen. Nicht nur die Literatur- und Filmwissenschaften, sondern auch die Soziologie, die Kultur- und Politikwissenschaften, ja selbst Physik und Astronomie haben sich der fiktiven Welt der fernen Galaxie angenommen. Und natürlich kam auch die Theologie in diesem Zusammenhang zum Zug. Das braucht nicht zu überraschen. Denn selbst relativ unbedarfte Beobachter: innen stellen schnell fest, dass Star Wars eine ganze Reihe an religiösen Motiven anzubieten hat. So wurde die Macht immer wieder als göttliche Kraft – wenn nicht gar als Heiliger Geist – gedeutet, aber auch der apokalyptische Kampf zwischen Gut und Böse bietet sich zur theologischen Interpretation an, ebenso die Erwartung eines auserwählten Erlösers, die Hoffnung auf Rettung und Heil, Meditationen, Heilige Bücher und Weisheitssprüche. Schließlich ist auch die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod ein Thema, das aus der Bibel stammen könnte. Natürlich ist die Bibelwissenschaft weder der einzige, noch der privilegierte Zugang, um eine Deutung von Star Wars zu liefern. Sie bietet aber einen möglichen Zugang, denn Bibel und Star Wars haben ganz einfach viel miteinander zu tun.

Ein erbitterter Kampf gegen die
Mächte der Finsternis

So erkennt man – um das nur exemplarisch aufzuzeigen – in der chronologischen Reihenfolge der neun Episoden der Skywalker-Saga unschwer ein Muster, das im Neuen Testament beinahe identisch vorkommt: Ausgehend von der übernatürlichen Geburt eines Kindes, die als Erfüllung einer alten Prophetie gedeutet wird, entwickelt sich ein erbitterter Kampf gegen die Mächte der Finsternis, ein Kampf, der schließlich nicht nur gewonnen werden kann, sondern in der endgültigen Erlösung der neu gegründeten Gemeinschaft gipfelt.

Parallele zur Geburt Jesu

„Es gab keinen Vater, von dem ich weiß. […] Ich habe ihn getragen, ich habe ihn geboren. […] Ich kann nicht erklären, was passiert ist“, antwortet Shmi, die Mutter von Anakin, dem Jedi-Meister Qui-Gon, als er nach dem Vater des neunjährigen Jungen fragt, der eine ungewöhnlich große Nähe zur Macht zeigt und später hinter der Maske von Darth Vader zum großen Bösewicht der Geschichte werden wird. Das Ganze ereignet sich außerdem nicht zufällig in einer Wüste, auf dem Planet Tatooine, am Rande des galaktischen Imperiums – eine unmissverständliche Anspielung auf das kleine Dorf Nazareth an der Peripherie des römischen Reiches. Die Parallelen zur Geburt Jesu in Episode I sind natürlich beabsichtigt. Doch auch die Familiengeschichte der Skywalker, wo im Lauf von drei Generationen und tiefen Zerwürfnissen schließlich doch noch eine Versöhnung möglich wird – und in der die Frauen übrigens nicht nur Zuseherinnen, sondern aktive Gestalterinnen sind –, kann als Aktualisierung der Versöhnungsgeschichte in der Erzelternerzählung der Genesis verstanden werden.

„Wir hatten einander.
So haben wir gewonnen.“

In Episode IX, kurz vor dem letzten, alles entscheidenden Kampf, als die Verzweiflung nach dem Tod von Leia kaum mehr zu ertragen ist, wird das Ende dieser Entwicklung in einem Gespräch zwischen Poe und dem alt gewordenen Lando in den Blick genommen – eine zentrale, jedoch (leider) wenig beachtete Szene, die damit beginnt, dass Poe sich der verstorbenen Leia zuwendet und sagt: «Ich bin noch nicht bereit». Darauf meint der überraschend hinzukommende Lando: «Das waren wir auch nicht. Luke, Han, Leia und ich. Wer ist je bereit?» Poe erwidert: «Wie habt ihr das gemacht? Ein Imperium besiegen mit nahezu nichts?» Und Lando: «Wir hatten einander. So haben wir gewonnen.»
Der finale Sieg der Kinder des Lichts gegen die Mächte der Finsternis ist gewissermaßen die logische Konsequenz aus dieser Haltung. Erlösung kann immer nur in Gemeinschaft erlangt werden, als ekklesia (Kirche) also – um die neutestamentliche Begrifflichkeit zu gebrauchen –, als Gruppe derer, die sich zusammengefunden haben, um ein höheres Ideal zu erreichen. Doch die Parallelen zwischen Bibel und Star Wars gehen noch tiefer.

Die bibeltheologische Perspektive im Star Wars Universum

George Lucas realisierte vor 45 Jahren einen Spielfilm, der in vielfältiger Weise die damalige Filmszene revolutionierte. Inszeniert wurde dabei der ewige Kampf zwischen Licht und Finsternis, bei dem am Ende die Guten triumphieren – ein Szenario also, das man auch aus der jüdisch-christlichen Tradition gut kennt. Im Fall von Star Wars spielt sich das Ganze aber in einer völlig neuen räumlichen Dimension ab: im Weltall.

Von biblischen Motiven regelrecht durchdrungen.

Die Saga der Skywalker-Familie, oder – um mit den Worten von George Lucas selbst zu sprechen – die „Star Wars Space Opera“, entfaltet sich mittlerweile über drei Film-Trilogien, unzählige Publikationen, ein paar Spin-Off-Filme sowie einige Zeichentricken-Serien. Dabei finden nicht nur jene Teile der Erzählung, die apokalyptisch geprägt sind, sondern auch eine ganze Reihe von Figuren ihr Gegenüber im Kontext wie in den Gestalten der Bibel: Von der Erwartung eines Erlösers bis hin zur Selbsthingabe, dank derer andere gerettet werden… Die Welt von Star Wars ist von biblischen Motiven regelrecht durchdrungen.

„überwinde das Böse mit dem Guten“

„Lass dich nicht vom Bösen überwältigen, sondern überwinde das Böse mit dem Guten“ – so könnte man die zentrale Botschaft des Römerbriefes (Röm 12,21) im Neuen Testament zusammenfassen. Zugleich trifft dieser Leitsatz aber auch auf die Star Wars-Saga zu und ist damit eine von vielen biblischen Botschaften, die sich in einer verblüffenden Ähnlichkeit im Star Wars-Universum finden lassen. Während die Gründungsmythen der Bibel schlussendlich – zusammen mit anderen Einflussfaktoren – zum Entstehen einer Religion geführt haben, ist Star Wars heute natürlich „just a movie“. Doch können wir uns dessen so sicher sein? Letztlich ist selbst das bei näherem Betrachten eine Frage von Zeitpunkt und Perspektive. Immerhin war auch die Bibel in ihren Anfangstagen nichts anderes als „just a story“…

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Autor*in:
Claudia Paganini, geb. 1978 in Innsbruck, studierte in Innsbruck und Wien Philosophie und Theologie. Sie lehrt und forscht seit 2021 als Professorin für Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München.
Simone Paganini, geb. 1972 in Italien. Nach Stationen in Florenz, Rom, Innsbruck, Wien und München ist er derzeit Professor für Biblische Theologie an der RWTH-Aachen Universität.
Simone und Claudia haben vor langer Zeit geheiratet und haben drei Kinder. Gemeinsam tanzen und reiten sie und schreiben Bücher. Sie wohnen in Tirol, dem Ort, der dem wunderschönen Planeten Hoth am nächsten kommt.

Foto 1: Graham Holtshausen / unsplash.com

Foto 2: Cover, Herder Verlag

Foto 3: Simone und Claudia Paganini

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