Niederschwellige Seelsorge: Vom Sakrament der Kaffeetasse

Kaffeetasse

Die Kirchen haben viel von ihrem früheren Vertrauensvorschuss als Ort kompetenter Lebensberatung verspielt. Bruno Fluder berichtet, wie Luzerner Kirchen mit der Zwitscher-Bar ein Café betreiben, in dem SeelsorgerInnen ganz leicht mit belasteten Menschen ins Gespräch kommen.

An einem Montagnachmittag, Ort: Zwitscher-Bar, eine Cafébar im Zentrum von Luzern. Es sitzen verschiedene Grüppchen an den Bistrotischchen. An der Theke ein Mann allein, im Gespräch mit einer Frau vom Service, hier Gastgeberin genannt (eine erste Besonderheit dieses Ortes). Niemand sitzt allein für sich (wohl eine weitere Spezialität), wer allein kommt, setzt sich an den runden Stammtisch in der Raummitte, zu den andern, die schon vorher da waren, und wird gleich ins Gespräch mit einbezogen (in unserer Gesellschaft nochmals etwas Besonders – leider). Aber der eigentliche USP (unique sellig point, oder zu Deutsch: Alleinstellungsmerkmal) findet sich in einer ruhigen Ecke im zweiten Raum: Ein Mann mit nachdenklicher Mine ist mit einer aufmerksam zuhörenden, ruhig wirkenden Frau in ein ernsthaftes Gespräch vertieft. Seelsorge im Café.

Seelsorge in der Cafébar

Die Zwitscher-Bar ist seit sechs Jahren das „Café für Begegnung & Beratung im Herzen Luzerns“. Sie ist eine ökumenische Initiative der beiden Stadtkirchgemeinden Luzerns. Vor gut zehn Jahren realisierten die katholischen und reformierten Verantwortlichen, dass Seelsorge in ihren Pfarreien nur noch wenig genutzt wird. Klingelte früher ein frustrierter Ehemann mit Partnerschaftssorgen oder ein ratloses Elternpaar mit Erziehungsproblemen noch an der Pfarrhaustür, werden heute staatliche Beratungsstellen für viel kompetenter gehalten. Dabei sind viele PastoralassistentInnen und Pfarrpersonen sehr erfahren in der Begleitung von Lebenssinnkrisen. Der Zugang und das Vertrauen zu ihnen ging jedoch in den letzten Jahrzehnten aus unterschiedlichen Gründen verloren.

Auf der Suche nach niederschwelliger Seelsorge

Daher machten sich die Kirchenverantwortlichen in Luzern auf die Suche nach neuen Formen einer niederschwelligen Seelsorge. Sie fragten sich, wie beratungskompetente SeelsorgerInnen mit belasteten Menschen unkompliziert in Beziehung treten können. „Niederschwellig“ wird diese Seelsorge genannt. Dafür muss sie v.a. kostenlos und ohne Terminvereinbarungen erfolgen. Auch die Örtlichkeit des Angebotes hat grossen Einfluss auf ihre Zugänglichkeit. Das klassische Pfarrhaus hat diesbezüglich ausgedient. Eine Projektgruppe besuchte bestehende Angebote wie die Bahnhofs- oder Flughafenseelsorge oder die Sihl-City-Kirche im Einkaufszentrum in Zürichs Süden. Alle drei Seelsorge-Angebote sind verknüpft mit einem interreligiösen Andachtsraum. Doch die Beziehungsaufnahme schien nur wenig offensichtlich. So entschied man sich in Luzern für die Form eines Cafés.

Vielfältige Formen von Beziehungsaufnahme

Zwischen Gast und SeelsorgerIn kann in der Zwitscher-Bar der Kontakt auf unzählige Arten zustande kommen. Der eine kommt an die Theke und bestellt ein Gespräch bei der Gastgeberin, genauso wie er einen Cappuccino bestellt. Giovanna (Name anonymisiert) wird als Stammgast im Vorübergehen begrüsst und nach dem Befinden gefragt – und schon ist klar, dass sie heute was erzählen muss. Ein neuer Gast setzt sich allein an ein Tischchen und als Seelsorger stelle ich mich vor, frage vielleicht, ob es in Ordnung ist, wenn ich mich kurz dazu setze. Noch nie habe ich dabei eine Abfuhr erhalten, aber oft hörte ich schon nach fünf Minuten den Anfang einer ganzen Lebenserzählung. Mit anderen kommt ein Gespräch über den Umweg eines Mühlespiels zustande. Manche Gäste vereinbaren einen Gesprächstermin, telefonisch oder wenn sie mal grad im Haus sind. Klassisch ist der Weg über den „Smalltalk“, der irgendwann übergeht zum „Bigtalk“; wobei der Unterschied zwischen wesentlichem und unwesentlichem Gespräch nicht leicht zu definieren ist. Manchmal setzt eine nebensächlich gestellte Frage einen grossen Reflexionsprozess in Gang, der ein Leben verändert.

Klassisch ist der Weg über den „Smalltalk“, der irgendwann übergeht zum „Bigtalk“.

Immer wieder hilfreich ist die Kaffeetasse zwischen uns. An ihr kann sich halten, wer in einer haltlosen Lebenssituation steckt. Oder sich daran wärmen, wenn das Leben Winterszeiten feiert. Ich nehme einen Schluck aus der Tasse, wenn ich einen Moment Zeit brauche, meine Worte zusammenzusuchen. Kaffee ist Genuss und trägt einen Hauch von Luxus in sich. In der Zwitscher-Bar kann ihn sich jeder leisten, da er hier konkurrenzlos billig ist oder gar gratis als Caffè sospeso: Ein Gast trinkt eine Tasse und bezahlt eine zweite, die später jemand geniessen kann, dem das knappe Budget es eigentlich nicht erlauben würde. Ein Kreidestrich auf der Wandtafel dokumentiert die Grosszügigkeit der Gäste.

An der Kaffeetasse kann sich halten, wer in einer haltlosen Lebenssituation steckt.

Die Kaffeetasse hat für mich an diesem Ort sakramentale Qualität erhalten, da sie für so manche wesentliche und Heil bringende Begegnung steht.

Präsenz

Entscheidend für den Erfolg der Zwitscher-Bar in den letzten sechs Jahren ist die Verlässlichkeit der Präsenz der SeelsorgerInnen. Durchschnittlich finden fünf Beratungsgespräche pro Nachmittag statt. Aktuell leisten neben mir fünf pensionierte Pastoralassistentinnen, Klinikseelsorger und ein Co-Leiter des Careteams seelsorgerliche Freiwilligenarbeit. So wie die freiwilligen GastgeberInnen für einen qualitativ hoch stehenden Kaffee aus der Kolbenmaschine sorgen, so garantieren die GesprächspartnerInnen eine kompetente Beratungsarbeit. Während den wöchentlichen dreiunddreissig Öffnungsstunden des Cafés ist immer jemand präsent mit dem Schild „SeelsorgerIn“. Diese Bezeichnung löst ein grosses Vorschussvertrauen aus. Und selten kommen Gäste mit falschen Erwartungen zum Gespräch. Viele sind in einer Fachberatung wie Psychotherapie, Sozial-, Sucht- oder Gesundheitsberatung. In der Zwitscher-Bar bringen sie jedoch anderes zur Sprache. Im weitesten Sinn geht es um Sinn-Fragen.

„SeelsorgerIn“: Bezeichnung mit Aussicht auf Vorschussvertrauen

Wer häufiger zu Gast ist, weiss, wann welche Person für ein Gespräch zur Verfügung steht. So können auch längerfristige Beratungsbeziehungen entstehen. Andere suchen gezielt das Gespräch mit den verschiedenen SeelsorgerInnen, weil sie mehrere Meinungen hören wollen. Wir sechs SeelsorgerInnen bieten sechs unterschiedliche Zugänge zu den Gästen an, was äusserst wertvoll ist.

Einsamkeit überwinden

Wir stellen der Vereinsamung unsere verschiedenen Gesichter gegenüber. Denn vielfältig sind auch die Gründe, warum Menschen an Werktagen mitten unterm Tag die Zwitscher-Bar aufsuchen. Es sind Arbeitslose darunter, Invalidenrenten-BezügerInnen, verwitwete Pensionierte, AsylantInnen und viele andere mehr, die nicht gerade einer Erwerbsarbeit verpflichtet sind. Und dann sind da noch ganz viele weitere PassantInnen, die mehr oder weniger zufällig hier vorbeikommen und sich eine Kaffeepause gönnen wollen. Gerne suchen sie dafür die freundliche Atmosphäre der Zwitscher-Bar auf, in der man schnell ins Gespräch kommt mit Fremden und Bekannten.

Begnung – und Beratung

„Das Café für Begegnung & Beratung“ – Begegnung steht an erster Stelle, denn mindestens so viel Gutes, wie in den Seelsorgegesprächen geschieht, schenken sich die Gäste untereinander. Zuwendung, Wertschätzung, Treue, Verlässlichkeit, Respekt und vieles mehr wird hier in grosser Menge ausgetauscht.

Urbane Notwendigkeit

Ich bin überzeugt, dass jede mittlere und grössere Stadt das Potenzial, ja die Notwendigkeit für ein solches Seelsorge-Café besitzt. Idealerweise findet sich eine ökumenische Willensbasis zwischen den jeweiligen städtischen Kirchen, um in ein solches modernes Angebot von Präsenz in der Gesellschaft zu investieren. Solche Investitionen werden belohnt. Unsere Erfahrung zeigt, dass das Café viel attraktive Freiwilligenarbeit freisetzt (sowohl für GastgeberInnen wie pensionierte SeelsorgerInnen), wenn eine wertschätzende professionelle Begleitung und Geschäftsführung gegeben ist. Es steht unseren Kirchen gut an, an den sozialen Brennpunkten unserer Gesellschaft verlässlich präsent zu sein und einen feinen Kaffee auszuschenken.


Bruno Fluder ist Geschäftsführer von www.zwitscherbar.ch (Theologe, Non-Profit-Manager, Organisationsberater, bruno.fluder@zwitscherbar.ch)

Bild: Zwitscher-Bar

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