Spätmoderne Theologie in Triegels Marien-Altar des Naumburger Doms

Michael Triegel_Altar Naumburg_Sacra conversazione_Vorderseite_Foto Galerie Schwind, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Moderne Malerei im Zentrum eines mittelalterlichen Altars löst in Naumburg heftige Diskussionen aus. Ansgar Wucherpfennig geht dem theologischen Programm des Malers Michael Triegel nach.

„Das sind doch keine Heiligen, die sehen ja aus wie wir.“ So erzählt uns der Domprediger Michael Bartsch von einer Reaktion auf den neuen Altar von Michael Triegel, der am 3. Juli im Naumburger Dom eingeweiht wurde. Und er erklärt: „Das trifft den Nagel auf den Kopf.“

Michael Triegels Altarbild hat den Altar vervollständigt, den Lukas Cranach für den Naumburger Dom geschaffen hatte, und dessen Mittelteil von Bilderstürmern 1541 mit Äxten entzweigehauen worden war. Vorher stand im Westchor ein blanker Altar, darum die Stifter- und Säulenfiguren zwischen den hochragenden Fenstern. Michael Triegel hat ein Altarbild geschaffen, das sich hochsensibel in den Dom und das Cranachsche Gerüst einfügt. Als Kunst schreibt es Theologie in die heutige Spätmoderne fort. Der um das Bild entstandene Streit lässt sich nur mit dem Naumburger Nietzsche als „Menschliches, Allzumenschliches“ verstehen, mögen „die freien Geister“ die Oberhand behalten!

Menschen wie du und ich.

Die Heiligen auf Triegels Bild sind tatsächlich wie Menschen wie du und ich. Zum Beispiel Petrus und Paulus: In vielen Kirchen wachen sie monumental über den Eingängen. Triegel hat sie in die Jetzt-Zeit gesetzt. Mit seiner roten Baseballkappe und seinem dichten, grauen Bart wirkt Petrus wie ein Harley-Fahrer. In der Hand hält er einen Schlüssel, der seine schwere Maschine in Gang bringt. Nur das kleine Kreuz deutet an, dass es Petrus‘ Himmelsschlüssel ist.
Neben ihm steht Paulus als ein heutiger jüdischer Rabbiner mit schwarzem Hut, Jacket und einem Buch in der Hand. Den dichten Bart hat er mit Petrus neben ihm gemeinsam. Zum Glück gehen in Deutschland wieder Rabbiner über unsere Straßen, wenn auch oft nicht ohne Gefahr, Triegel bringt einen von ihnen prominent ins Bild. Paulus erscheint bei Triegel nicht als Völkerapostel mit dem Schwert, sondern als nachdenklich staunender jüdischer Weiser. Als Rabbiner und Schriftgelehrter, der Paulus sein Leben lang war, darf er nicht für die Trennung von Judentum und Christentum vereinnahmt werden. Paulus ist vielmehr ein lebendiger Impuls, der Christ:innen bis heute mit Jüd:innen ins Gespräch bringt.

Weil die Sphären des Göttlichen und Menschen sich im Bild durchdringen sollen.

Auch die anderen Figuren auf dem neuen Altarbild im Naumburger Dom sehen aus, als hätte Triegel sie aus seinem Alltag mit dem Pinsel in das ewige Leben hineingeschrieben. Eine seiner Regeln ist: Er malt wirkliche Menschen. Im Interview der ZEIT nennt er seinen Grund: „Weil für mich die Heiligen von dieser Welt sind. Weil die Sphären des Göttlichen und des Menschlichen, des Ewigen und des Irdischen sich im Bild durchdringen sollen. Weil ich die Gottesebenbildlichkeit des Menschen zeigen will, als bleibende Utopie.“
Das Vorbild für Maria in der Mitte des Bildes war seine Tochter, und für Anna, Marias Mutter, rechts hinter ihr, seine Frau. Für Petrus stand ein Obdachloser Pate, den er in Rom auf der Straße getroffen hat. Bei Triegel musste er nicht um Geld betteln, sondern konnte es sich erarbeiten, indem er für ihn Modell stand.

Mensch und Schöpfung appellieren in ihrer Vulnerabilität an Gott.

In der Mitte des Bildes hält Maria den Betrachtenden das Jesuskind entgegen. Es hat nichts Süßliches, auch, dass es etwas Sexuelles habe, weist Triegel zurück. Das nackte Jesuskind zeigt seine Verletztlichkeit. Diesem Kind würde man die Erlösung nicht zutrauen, und gerade das deutet in das theologische Zentrum christlicher Erlösung. Mensch und Schöpfung appellieren in ihrer Vulnerabilität an Gott, sie zu retten, aber eben nicht vorbei an ihren Verletzungen. Gott macht Verletzungen nicht ungeschehen. Gott nimmt uns Menschen mit unseren Verletzungen an: mit denen, die wir von anderen empfangen haben, aber auch mit denen, die wir uns selbst und einander zugefügt haben.

Präsentische Eschatologie

Die Rückseite des Altars zeigt dieses von Gott wieder hergestellte Leben. Drei typisch Triegelsche Schmetterlinge summen sommerlich um den Auferstandenen. Seine Wundmahle, die Nägel, Leichentuch und die Dornenkrone unten in der Predella zeigen, dass sein neues Leben die Verletzungen nicht einfach hinter sich gelassen hat, sondern dass sie geheilt sind und nun im Rückblick auf Gottes Handeln in neuem Licht erscheinen. „Präsentische Eschatologie“, kommentiert der Domprediger, Pfarrer Michael Bartsch. Gottes Lichtstrahlen in das Dunkel von Hier und Jetzt.
Dem Domprediger Michael Bartsch ist wichtig, dass das Projekt ein ökumenisches ist. Es wird auch im Altarbild deutlich: In der Mitte hinter Maria mit dem Kind ist Dietrich Bonhoeffer dargestellt, und Petrus mit seiner Baseballkappe steht rechts am Rand, angenehm im Hintergrund. Der „erste Papst“ und der evangelische Märtyrer-Theologe bilden eine Ökumene der Christusglaubenden über 20 Jahrhunderte hinweg. Für diese Ökumene stehen auch die Frauen, die das Bild vom ersten Eindruck an prägen. Sieben Frauen hat Triegel auf dem Altar gemalt, außerdem drei Engel um Maria und ihr Kind. Die Engel sind keine himmlischen Putten mit Flügeln, sondern hocken oder stehen mit beiden Füßen auf dem Boden, Mädchen oder junge Frauen, fast wie eine Girlsband mit Barockinstrumenten. Die biblische Siebenzahl ist wohl kein Zufall, vielleicht auch die Dreizahl der jungen Frauen nicht: irdisches Spiegelbild der himmlischen Dreifaltigkeit, die Maria down to earth umgibt? In Triegels Bild finde ich einen Satz des Rabbiners Paulus wieder, der eine Magna Charta der Ökumene geworden ist (Gal 3,28): „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht männlich noch weiblich; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ Triegel hat „ein lebensvolles Bild“ gemalt, „das Hoffnung gibt“, so hat er es selber gesagt. Es wäre ein Skandal, wenn es, wie einige nun fordern, wieder aus der Mitte des Westchors verschwinden soll.

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Autor: Ansgar Wucherpfennig SJ, Professor für Exegese des Neuen Testaments an der Theol.-Phil. Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main.

Bild: Ausschnitt Michael Triegel, Altar Naumburg, Sacra conversazione, Vorderseite, Foto: Galerie Schwind,© VG Bild-Kunst, Bonn 2022.

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