„The Ides of March“: Ist moralische Politik möglich?

Wo leben wir eigentlich? Das fragen sich viele beim Blick auf die amerikanische Politik. Gregor Scherzinger beschreibt, weshalb es sich gerade heute lohnt, einen Politthriller George Clooneys von 2011 zu schauen. Oder ist das alles Schnee von gestern…

„Ich bin kein Christ, ich bin kein Atheist, ich bin kein Jude, ich bin kein Muslim, meine Religion, das woran ich glaube, ist bekannt als die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika.”

Mit diesen Worten lässt „The Ides of March. Tage des Verrats” [1] von 2011 den jungen, aufstrebenden Stephen Meyers auftreten, gespielt von Ryan Gosling. Er ist Junior Campaign Manager aus dem Wahlkampfteam von Governor Mike Morris, dem favorisierten Anwärter um die US-Präsidentschaftskandidatur in der demokratischen Partei. Dargestellt wird dieser von George Clooney, der selbst Regie führt. [2] Stephen gibt mit diesen Eingangsworten das Credo wieder, für welches sein Chef im Wahlkampf steht, und von dem auch er selbst überzeugt ist. Mit der Verfassung beschwört dieses Credo ein alle Bürgerinnen und Bürger verbindendes Ethos, welches ein friedliches Zusammenleben trotz unterschiedlicher Weltanschauungen ermöglichen soll. Clooney leiht Morris seine smarte Lässigkeit wie auch das Bild eines aufrichtigen, selbstkritischen Politikers mit klaren moralischen Überzeugungen. „The Ides of March“ war sein zweiter politischer Film und wird gerne als persönliche Verarbeitung seiner eigenen Erwartungen an die Präsidentschaft Obamas verstanden.

„The Ides of March“ entwickelt ein Schauspiel um Macht, welches für das fundamentale Drama der Politik steht.

Doch weshalb sollte es sich gerade heute lohnen, ein von Hollywood vor sechs Jahren verfilmtes Wahlkampfdrama zu studieren; in einer Situation, in der man weltweit versucht, sich über die realen Konsequenzen einer solchen Wahl klar zu werden? „The Ides of March“ entwickelt aus der beschriebenen Ausgangskonstellation ein Schauspiel um Macht, welches für die fundamentale Dramatik politischen Handelns steht, wenn Politik als das notwendige Mittel für ein friedliches Zusammenleben sub conditione humanae verstanden wird.

Es ist die ewige Frage, ob das Telos der Politik in der Verwirklichung von Moral und Gerechtigkeit besteht, oder ob Politik doch als amoralische Lehre der Macht zu begreifen ist; die Frage, ob wir mit politischem Perfektionismus oder Realismus besser unterwegs sind. Der erste Blick auf die Ausgangslage und den Titel des Films mag es anders erscheinen lassen, aber er ist keine Abrechnung mit dem Idealismus. Der Film zeichnet sich dadurch aus, dass er die Tragik beider Positionen und ihre gegenseitige Abhängigkeit plastisch zu Tage treten lässt.

In einem Fernsehinterview legt Morris seine politische Philosophie offen: Die Gesellschaft als Ganze müsse moralischer sein als das Individuum.

Clooney präsentiert dem Filmpublikum die Figur des Mike Morris als einen charismatischen Politiker, bei dem Image und politische Inhalte übereins gehen. Er will das Land „nach vorne” bringen, will gesellschaftliche Brüche heilen, Gerechtigkeit „für alle” schaffen. In einem Fernsehinterview legt Morris seine politische Philosophie offen: Die Gesellschaft als Ganze müsse moralischer sein als das Individuum. Diese moralische Auffassung von Politik scheint sich bei ihm mit den eigenen starken moralischen Prinzipien zu decken. Er hat deutliche Vorstellungen von „roten Linien”, die er nicht überschreiten will. Es lässt sich zwar erahnen, dass Morris dies nicht durchzuhalten vermag, doch dem Zuschauer offenbart sich dies erst später.

Selbstliebe und Nächstenliebe stehen bei Stephen von Beginn weg in einem schillernden Verhältnis.

Bei Stephen, seinem jungen Alter Ego, ist es ebenso. Sicher, er strebt wie Morris nach der Macht, jedoch um der Gerechtigkeit willen. So beteuert er zu Beginn, er mache seine Arbeit um der guten Sache wegen, denn mit Morris habe er „the one”. Er sei ein „Überzeugungstäter”, lässt der Film verlauten. Gleichzeitig hofft er durch seine Arbeit für Morris und dessen politischen Erfolg auf eine eigene Karriere in Washingtons Politikbetrieb. Selbstliebe und Nächstenliebe stehen bei ihm von Beginn weg in einem schillernden Verhältnis. Später wird er eingestehen müssen, die „Politik ist mein Leben”.

Paul ist das Gegenmodell. Er würde wohl auch den Teufel zur Präsidentschaft managen.

Die Kontrastrolle hierzu spielt der dritte im Bunde des Wahlkampfteams, der Senior Campaign Manager Paul Zara (Philip Seymour Hoffman). Ist Stephen „Verstand” und Gesicht der Kampagne, steht Paul für die nötige Erfahrung und den gräulichen Parka mit Kapuze. Dennoch weiss man nichts Privates vom ihm. Wichtig ist ihm, seinen Job tugendhaft zu erledigen. Primäres Ziel ist, den eigenen Kandidaten an die Macht zu bringen. Sein Einsatz für Morris ist nicht bestimmt durch moralische Überzeugungen. Allein die Tugend der Loyalität zählt für ihn. Er würde wohl auch den Teufel zur Präsidentschaft managen.

So steht die Figur des Paul Zara für eine Trennung von Moral und Politik. Gemäss einer solchen amoralischen Auffassung von Politik ist sie keine Funktion der Moral, hat aber die Aufgabe, Überzeugungen zu koordinieren. Pointe des Filmes ist es, dass gerade Paul trotz dieser amoralischen Haltung zum Sympathieträger des Publikums wird. Er ist derjenige des Trios, der sich treu bleibt. Stephen hingegen wird vom Überzeugungstäter zum skrupellosen Machtspieler, dessen Karriere auf Verrat und Erpressung basiert. Er lässt sich ebenso korrumpieren, wie Mike Morris, dessen Glaubwürdigkeit nicht nur durch jede weitere überschrittene rote Linie untergraben wird. Nach Aufklärung über Morris’ Spielchen hinter der Bühne verkommen für den Zuschauer dessen öffentliche Worte zum hohlen Pathos.

Gleichzeitig veranschaulicht der Film anhand dieser beiden Figuren in spannender Dramaturgie die Fallstricke perfektionistischen Denkens in der Politik. Wer in ihr Ideale anstrebt, begibt sich auf moralines Glatteis. Er oder sie vergisst an der eigenen moralischen Position die Unvollkommenheit der eigenen Einsichtsfähigkeit und unterliegt dem selbstreferentiellen Trugschluss, der von der eigenen Moralität auf die Unmoralität der anderen schliesst. Stephen sieht – verblendet durch das Schmeicheln der politischen Gegenpartei – die Falle nicht, in die er gerät. In der Selbstsicherheit von Morris, im Falle des Wahlerfolges Anwalt auch „derer, die mich hassen“ zu sein, ist die paternalistische Gefahr solchen Denkens direkt ausgesprochen.

Erotik als Metapher für Politik – zum Spielball eines anderen werden

Auf den Punkt gebracht wird die Kritik jedoch durch das Element der Erotik, ins Spiel kommend mit der Praktikantin Molly Stearns (Evan Rachel Woods). An ihr deutet der Film die Gefahren perfektionistischer Politik als Tragik der anthropologischen Konstitution von Vernunft und Wille. Wie mit seinen Gegnern im Wahlkampf spielt Stephen mit Molly. Doch offenbaren die Szenen, in denen die beiden anbandeln, bereits ex ante, wie Stephen zum Spielball der anderen wird. Wie er Mollys keckem Einsatz ihrer Attraktivität nicht entweichen kann (und will), so entdeckt er viel zu spät, wie andere sein aufgeladenes Verhältnis zur Politik gegen ihn ausnützten.

Ähnlich verhält es sich mit Morris. Auch er stolpert über die Affäre. Die Tragik zeigt sich nun darin, dass im Augenblick der Entscheidung, ob beide aus der Politik aussteigen sollten, durch ihr lustvolles Verhältnis mit der Politik die Entscheidung fürs Weitermachen vorgezeichnet scheint. Die Kräfte, die der Idealismus anfangs zum Einsatz für die Gerechtigkeit zu bündeln vermag, schlagen um und verursachen letztlich den Verrat. Dass genau Molly, die Personifikation des politischen Eros, schliesslich umkommt, weist auf die selbstzerstörerischen und zukunftsgefährdenden Kräfte im Idealismus.

Die Figur des Paul weist auf die Notwendigkeit einer asketischen Auffassung politischen Handelns hin.

Paul Zara setzt auch auf dieser Ebene den Gegenpunkt. Schon äusserlich möglichst unerotisch gezeichnet, ist nichts über seine Sexualität bekannt. Analog hängt ihm an der Politik nicht viel Persönliches. Er verschwendet keine Träne, als klar wird, dass sein Posten der Intrige zum Opfer fällt. Seinem Prinzip der Loyalität bleibt er auch dann noch treu. Und so regt Clooneys Film mit seiner Figur zur kritischen Reflexion auch gegenwärtigen politischen Denkens an. Sie weist auf die Gefahr der Selbstgerechtigkeit einer moralisierten Politik und die Notwendigkeit einer asketischen Auffassung politischen Handelns hin.

Die Schlussszenen dagegen machen deutlich, dass die Isolation des Privaten eine Illusion sein könnte. Die Privilegierten begraben ihre Tochter.

Allerdings wäre es falsch, den Film als Positionierung für einen puren Pragmatismus zu deuten. Vielmehr unterlässt es Clooney nicht, die Ambivalenzen pragmatistischer Politik aufzudecken, etwa resignativer Zynismus:  Angesichts der potentiell erschreckenden Folgen seines eigenen moralisch enthaltsamen Politisierens bleibt Paul nur der Rückzug ins Private, verbunden mit der Hoffnung, dieses bleibe von diesem Schrecken verschont. Zwar thematisiert der Film nicht, dass dieser Rückzug nur den bereits Privilegierten überhaupt möglich ist. Eingebettet in den Kontext des politischen Establishments kommen diejenigen erst gar nicht in den Blick, welche von den gesellschaftspolitischen Entscheidungen am Unmittelbarsten betroffen sind. Die Schlussszenen dagegen machen deutlich, dass die Isolation des Privaten eine Illusion sein könnte: „The Ides of March“ lässt am Ende die Privilegierten ihre eigene Tochter begraben. Und die Ironie will es, dass auch Paul Zara unter den betroffenen Trauernden ist.

Addendum zur aktuellen Lage…

Der Film inszeniert die Spannung zwischen einer perfektionistischen und einer asketisch-realistischen Idee von Politik. Er kann gedeutet werden als eine an Augustinus orientierte Vermittlung im Sinne des amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr. Dessen christlicher Realismus wurde in den Tagen von US-Wahl und „Transition“ vom scheidenden Präsidenten immer wieder als Ermutigung herbeigezogen: Gesellschaftlicher Fortschritt vollziehe sich nicht geradlinig, sondern „we zig and zag”. [3]

Es gibt keinen weltlichen Frieden ohne Macht, und mit Macht keine Gerechtigkeit.

Ähnlich verdeutlicht Clooneys Film, wie das freiheitliche politische Projekt die Unvereinbarkeit von vollkommener Gerechtigkeit und politischer Macht auszuhalten hat. Eine Politik ohne Gott steht unter der unvermeidlichen Aufspaltung von Gerechtigkeit und Macht. Während in religiöser Perspektive absolute Macht und vollkommene Gerechtigkeit als in Gott koinzidierend gedacht werden können, stehen sie unter säkularen Vorzeichen in einer aporetischen Konfrontation zueinander. [4] Niebuhr brachte dies treffend in der Formel zum Ausdruck: „Es gibt keinen weltlichen Frieden ohne Macht, und mit Macht keine Gerechtigkeit”. „The Ides of March“ spiegelt diese Ausweglosigkeit und kritisiert gleichzeitig den Versuch, ihr durch Sakralisierungen des Politischen zu entkommen.

Angesichts der Ereignisse der ersten Wochen der neuen US-Präsidentschaft stellt sich jedoch die Frage, ob der vom Film vorgeschlagene Deutungsrahmen für das Politische nicht die eine akute Frage ausblendet.

Mit Trump erlangt eine Auffassung von Politik Oberwasser, die ähnlich der Figur von Paul Zara für Machiavellismus steht. Ähnlich wie Zara schätzt Trump den Wert von Loyalität. Allerdings verbindet sich bei Trump diese Amoralität mit einer erotisierten Überhöhung von Macht. Dass trotz Erreichen höchstmöglicher politischer Macht sein Ego weiter ungesättigt nach Bestätigung verlangt, manifestiert den totalitären Charakter von Trumps Narzissmus.

Anders als bei Clooney werden die Helden eine lustvolle Beziehung zu Politik und Gerechtigkeit pflegen.

Richtig gefährlich für das Politische allerdings ist, dass sich diese exzessive Selbstliebe mit Kräften verbündet hat, die die Politik und ihre Institutionen nicht etwa als notwendige Instrumente für den gesellschaftlichen Frieden erachten, sondern angetreten sind, sie zu untergraben. Wie auf dieses Böse von ausserhalb des Systems zu reagieren ist, dazu hat der besprochene Film keine Meinung, zu sehr bewegt er sich im politischen Innenleben. Dagegen wird in den tumulthaften Ereignissen der letzten Wochen realiter ausgehandelt, ob das freiheitliche politische System genug Widerstandsfähigkeit besitzt, um sich selbst zu verteidigen. Es ist auf seinen Erfolg zu hoffen. Anders als bei Clooney und „The Ides of March“ werden die Helden in dieser Geschichte wohl eher unter denjenigen zu finden sein, die eine lustvolle Beziehung zu Politik und Gerechtigkeit pflegen.

 

[1] Den engagierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Seminars Gott.Macht.Politik von Anfang Februar im St. Jakobushaus, der Akademie des Bistums Hildesheim, verdanke ich eine fruchtbare Filmanalyse von „The Ides of March“. Ebenso anregend waren die Diskussionen mit meinem Korreferenten Christian Schramm.

[2] Das Drehbuch basiert auf dem Theaterstück Farragut North von Beau Willimon und dessen Erfahrungen aus der Mitarbeit in verschiedenen Kampagnen. Willimon selbst ist dem Netflix-Publikum inzwischen bekannt als Entwickler der Polit-Serie „House of Cards“.

[3] Reinhold Niebuhr sprach in „The Irony of American History” (1952) von „verschlagenen und unvorhersehbaren“ Pfaden des Fortschritts.

[4] Christoph Schmidt, Die theopolitische Stunde. Zwölf Perspektiven auf das eschatologische Problem der Moderne (Makom Band 6), Wilhelm Fink Verlag München 2009, 9-21.


Dr. Gregor Scherzinger ist theologischer Ethiker. Gegenwärtig arbeitet er an einem Forschungsprojekt am Institut für Sozialethik der Universität Luzern. 

Bild: www. gratisography.com

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