Vom 24.-26. Oktober 2025 traf Papst Leo XIV. Synodalteams aus allen Kontinenten in Rom. Birgit Mock war als Mitglied der nationalen deutschen Delegation mit dabei. Für feinschwarz.net schildert sie ihre Eindrücke.
Zum Treffen der weltweiten Synodenteams waren 2.000 Vertreter*innen aus der ganzen Welt auf Einladung des Generalsekretärs der Bischofssynode, Kardinal Grech, nach Rom gekommen. Aus Deutschland nahm neben mehreren diözesanen Delegationen eine Delegation der Deutschen Bischofskonferenz mit Mitgliedern des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und weiteren Verantwortlichen teil. Das Treffen der Synodalen war als erster Schritt in der Umsetzungsphase der Weltsynode gedacht. Und wurde verbunden mit der Feier des Heiligen Jahres in Rom unter dem Leitwort „Pilger der Hoffnung“.
Zeichen und Gesten
Relativ zu Beginn stand das „Encounter with the Pope“ – eine Begegnung mit dem Papst. In der Audienzhalle waren 7 Vertreter*innen aus allen Kontinenten auf der Bühne bereit, einen Impuls einzubringen und dem Papst eine Frage zu stellen. Sie saßen an einem breiten Tisch, in dessen Mitte ein freier Platz war. Die Ankunft von Papst Leo wurde erwartet. Viele Gläubige drängten sich im Mittelgang der Stuhlreihen in der Aula, zumeist mit Handy in der Hand, um seinen Weg durch die Halle, die Treppe hoch und auf die Bühne zu verfolgen. Da erschien der Heilige Vater durch eine Seitentür nahezu unbemerkt direkt auf der Bühne und setzte sich.
Schwester Nathalie Becquart, die Untersekretärin des römischen Synodensekretariats der Weltsynode, begrüßte ihn, Papst Leo hörte zu. Dann sprach der afrikanische Vertreter. Papst Leo hörte zu. Erst als die Frage an ihn gerichtet war, äußerte er sich. Es wurde deutlich, dass er sich nicht an sein vorbereitetes Rede-Manuskript hielt, sondern frei sprach, zugewandt und empathisch. Dies mögen kleine Zeichen und Gesten sein, aber sie haben zu Beginn des Treffens besondere Akzente gesetzt.
Die Frauenfrage
In diesem Setting sprach auch die Theologin Klara Csiszar, Universitätsprofessorin der Pastoraltheologie an der Universität Linz und aktuell Dekanin der Fakultät für Theologie. Sie war die europäische Vertreterin und stellte dem Papst die „Frauenfrage“. Ich war anfangs nicht sicher, wie ich seine Antwort bewerten sollte. Es war auffällig, dass er deutlich mehr erklärte als bei allen anderen Fragen.
den bestehenden Schmerz nicht gelöst, aber die Tür offengehalten
Aber die Antwort war aus mehreren Gründen wichtig. Erstens: Papst Leo hatte von mehreren, von Prof. Csiszar eingereichten Fragen die Frauen-Frage ausgewählt und sie nicht umgangen. Er hat zweitens sehr deutlich gemacht, dass die Frauenfrage für ihn kein theologisches Problem, sondern ein kulturelles Thema ist. Drittens hat er bestärkt, dass er sich selbst dafür einsetzen will, dass kulturelle Hemmnisse überwunden werden und dass er das Anliegen von Geschlechtergerechtigkeit in der Gesellschaft angehen möchte. Und viertens bestärkte er die Bedeutung, dass Frauen schon jetzt Verantwortung in unserer Kirche innehaben, wie u.a. Ordensfrauen in Peru, die Taufen und Trauungen vornehmen. Im Rom habe ich öffentlich gesagt und bekräftige es hier: „Seine Antwort hat den bestehenden Schmerz für viele nicht gelöst, aber die Tür offengehalten.“ Wir müssen, so meine Überzeugung, an diesem Thema beharrlich dranbleiben.
Ein politischer Papst
Letztlich haben wir einen sehr politischen Papst erlebt – mit klarem Bekenntnis zu Klimaschutz und Frieden. Papst Leo hat sich sehr pointiert zum Klimaschutz geäußert. Er hat deutlich zu Fragen von Nahost Stellung bezogen – man merkt, dass friedenspolitische und friedensethische Fragen ihm wichtig sind. Er geht politischen Themen nicht aus dem Weg, im Gegenteil, er macht sie stark und macht damit auch deutlich, dass wir als Christ*innen einen politischen Auftrag haben.
In Rom war immer wieder von der Hoffnung zu hören, die uns auch trägt, wenn wir in der Gesellschaft Verantwortung übernehmen. Eine Hoffnung, die uns bestärken kann in den vielen Krisen dieser Welt unsere Stimme zu erheben – für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Diese Kraft finde ich in diesen Tagen unverzichtbar. Wir sind Pilger*innen der Hoffnung.
Umgang mit Spannungen
Später am Tag kam die Synodalen zusammen. Es fanden „Conversations in the Holy Spirit“ statt. Ich saß mit 8 mir bis dahin unbekannten Menschen einer Sprachgruppe (Englisch) im Kreis: von den Philippinen, aus Polen, den USA und Irland: Eine amerikanische Facilitatorin[1] lud uns zur „Conversation in the Spirit“ ein: ein Gebet und Bibelwort zu Beginn, dann Stille, dann eine erste Runde mit persönlichen Erfahrungen zur Synodalität im eigenen Umfeld – „Was beflügelt uns dabei, was macht es schwer?“ – dann ein Einhalt in Stille, um in Resonanz zu gehen, mit dem Gehörten, mit den anderen, mit sich selbst, mit Gott. Dann folgte eine zweite Runde mit Bezug auf die anderen – „Was hat mich inspiriert?“ – dann wieder ein Einhalt, zum Abschluss eine Runde mit einem Abschlusswort von allen und ein Gebet.
ein Einüben von Respekt und Offenheit, eine Entschleunigung
Was hier passiert ist, war aus meiner Sicht mehr als eine Methode. Es war ein Hinhören und Sehen, ein Einüben von Respekt und Offenheit, eine Entschleunigung. Die amerikanische Facilitatorin erzählte, dass, wenn sie diesen Ansatz mit rund 1000 Gläubigen in den USA praktizieren, vor allem die Stille eine wertvolle Intervention ist. Heraus aus dem Alltag und einer immer komplexeren Welt und wieder im Kontakt sein – das sei dort für viele ein besonders wichtiger Moment. Und daran schlössen sich dann zum Teil sehr kontroverse Debatten und Auseinandersetzungen an. Die Erfahrung ist, dass diese nach solchem Beginn letztlich besser, vertrauensvoller und konstruktiver geführt werden können.
Diese Erfahrung nehme ich jetzt auch mit nach Deutschland: Sich mit Respekt zu begegnen, andere Meinungen auszuhalten, sich Zeit zu nehmen, zuzuhören, aber dann auch in wichtigen Fragen zu Entscheidungen kommen. Das haben wir in Rom ein stückweit eingeübt. Und ich glaube, dass dieses Vorgehen ein wichtiger Beitrag unserer Kirche für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft sein kann: Wo die Spannungen im Moment immer größer werden, wo Populismus stark wirkt und Menschen auseinanderzutreiben droht – hier können Christ*innen einen Unterschied machen und dazu beitragen, dass man sich begegnet, miteinander im Gespräch bleibt, konstruktive gemeinsame Lösungen sucht.
Beten, Beraten und Beschlüsse fassen
Auf dem synodalen Weg in Deutschland sind viele systemische Veränderungen überfällig. Einigen gehen die Reformen viel zu schnell. Viele andere haben die große Sorge, dass vor lauten Beten und Beraten zu wenig Beschlüsse gefasst werden. Ich erlebe, dass Beten, Beraten und Beschlüsse fassen sich letztlich gegenseitig bedingen und zusammengehören. Es braucht ein Innehalten und Zuhören und Raum lassen für den Heiligen Geist, um den richtigen Weg zu finden. Und aus einer tiefen Überzeugung für den richtigen Weg folgt ein mutiges Voranschreiten.
Ich verfasse diesen Beitrag am Vorabend des synodalen Ausschusses, der in dieser Woche in Fulda zu seiner fünften Sitzung zusammenkommt. Auf der Tagesordnung steht eine Satzungsvorlage für eine Synodalkonferenz, die Synodalität in Deutschland auf Dauer stellen möchte. Ich hoffe sehr, dass uns in Fulda der Dreischritt aus Beten, Beraten und Beschlussfassung gelingt.
Unity in Diversity, Einheit in Vielfalt
In Rom haben viele Verantwortliche dieses Verständnis von Kirche stark gemacht – allen voran Papst Leo und Kardinal Grech. Meiner Erfahrung nach ermöglicht uns dieser Ansatz, der Herausforderung von Ungleichzeitigkeiten in der Weltkirche zu begegnen. Das ist eine der vielen Spannungen der wir uns als Kirche bewusst stellen müssen.
Ich erlebe mit derzeit großer Beunruhigung (nicht nur rund um das Thema Segensfeiern) wenige aber starke und strategisch gut aufgestellte Kräfte, die versuchen, Keile zu treiben zwischen Laien und Bischöfe in Deutschland, zwischen die Bischöfe untereinander und zwischen die deutschen Bischöfe und Rom.
der Synodale Weg in Deutschland ist kein Sonderweg
Mit den Signalen, die wir in Rom gehört haben, wird dieser Strategie der Wind aus den Segeln genommen. Ich hoffe, dass sie auch in Deutschland zur Ermutigung für einen synodalen Reformweg beitragen. Denn – der Synodale Weg in Deutschland ist kein Sonderweg. Im Gegenteil: Es gibt sehr viele synodale Wege weltweit.
Der Erzbischof von Łódź, Grzegorz Ryś, ging mit seinem Vortrag in Rom sogar noch weiter mit der These: „Unity ist nicht Uniformity.“ Einheit bedeutet nicht Uniformität. „Und wer eine Uniformität anstrebt, versündigt sich.“
Es braucht keine formale Vereinheitlichung. Diese Botschaft ist auch für den Synodalen Weg wichtig. Wenn wir uns in Deutschland auf Reformen verständigen, die wir gemeinsam angehen wollen und Raum für Experimentierräume aufzeigen, die in unterschiedlichen Ausprägungen genutzt werden können, wäre das aus meiner Sicht eine echte Chance.
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Birgit Mock, Naturwissenschaftlerin und Organisationsentwicklerin, ist Geschäftsführerin des Hildegardis-Vereins. Sie ist verheiratet, Mutter und Großmutter. Mock ist Vizepräsidentin des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken (ZdK) und leitet aktuell die Kommission für „Evaluation & Monitoring“ des synodalen Ausschusses (in Doppelspitze mit Bischof Jung).
[1] to facilitate: vereinfachen, ermöglichen, erleichtern. Ein*e Facilitator begleitet Prozesse und eröffnet Gesprächsräume.
Beitragsbild: Birgit Mock


