Vom Hören des Todes

In diesem Jahr feiert Arvo Pärt seinen 80. Geburtstag. Für manche scheint Pärt auf Taizé für Klassik-Fans hinauszulaufen. Vielen ist seine reduzierte Klangästhetik zum Lebenselixier geworden. Den in England lebenden Theologen, Religionswissenschaftler und Manager Martin Ott hat sie zu einer Miniatur über das Altern und den Tod inspiriert. Die Redaktion empfiehlt zur Lektüre Arvo Pärts „Für Alina“. (Martin Ott)

Die Lebensmitte war erreicht. Nun sind wir auf dem Weg nach unten. Vielen ist der kurze Moment, in dem die Richtung sich geändert hat, gar nicht bewusst gewesen. Bergabwärts kann man die Aussicht genießen. Manches geht leichter, ist weniger beschwerlich; die Nachmittagssonne vergoldet Aussicht und Rückblick. Wahrnehmen und Sehen gelingen zudem besser im Schweigen. Das Wort, das man vernimmt, wird wichtiger als das Wort, das man selbst spricht oder schreibt. Auf dem Weg nach oben haben wir die Welt verändern wollen; auf dem Weg nach unten ist wieder Zeit, sie zu verstehen.

Im Blick auf das Ende sollten wir uns mit Bruder Tod anfreunden.

Im Blick auf das Ende sollten wir uns mit Bruder Tod anfreunden. Er meldet sich ohne Worte, kennt keine Sprache. Die kleinen Tode (das Scheitern von und in Beziehungen, die kleinen Tode jedes Mal wenn wir lieben (la petite mort, wie ihn die Franzosen nennen), das Zerplatzen von Lebensplänen, Leid und Tod anderer Menschen, die nachlassende Gesundheit, usw.) haben uns gelehrt und gezwungen, seine Dunkelheit und Dialoglosigkeit zu akzeptieren, Worte für Wirklichkeit nicht zu finden; unseren kleinen Tode hatten uns die Einübung in die Sprachlosigkeit verordnet. Und doch: Auf einer nicht-sprachlichen Ebene werden andere Sensoren wach: wir ahnen das Ende, wir hören in eine dunkelnde Stille, lauschen in ein Jenseits von Sprache. Gibt es in uns eine sinnliche Resonanz des Todes? Kündigt sich Bruder Tod durch Klänge, durch die Musik an?

Mehr als in Sprache und Bilderfahrung entsteht und vergeht das musikalische Erleben im Augenblick, ist vergangen im Moment, in dem es uns berührt, ist der Vergänglichkeit so ähnlich. Wer den „Introitus“ in Mozarts Requiem, Bruckners „Christus factus est” oder Arvo Pärts „Für Alina“ hört, – um nur einige Beispiele zu nennen – stößt in jenen Hör- und Erfahrungsbereich vor. Und weil wir ins Ungesagte und Unfassbare hineinhören, und auch Theologie immer vom Unsagbaren und Unfassbaren sprechen will, könnte man die Musik die Theologie fürs Alter und fürs Altern nennen. In ihr hören wir, was uns die Sprache nicht mehr mitteilen kann.

Auch die Sprache benötigt Stille, aber in der Musik verleiht sie Tiefe und Kontinuität

Aus dem Verschmelzen von Ei und Samen sind wir einst im Leib unserer Mutter aus dem Nichts entstanden. Noch lange bevor wir sehen, sprechen und verstehen konnten, hat uns der Ur-Rhythmus des Herzschlags der Mutter willkommen geheißen und in die Welt der Klänge, der Musik und schließlich der Sprache initiiert. So wie wir einst aus dem Dunkel unseres Anfangs in den Rhythmus des Lebens fanden, so verlieren sich nun unsere eigenen Töne wieder im All eines Universums, dessen Anfang und Ende wir so wenig verstehen wie unser eigenes Leben. Unser letzter Ton und unser letzter Rhythmus wird unser Herzschlag sein. Und dann Stille. In der Musik erschließt sich ihre Bedeutung. Die Pause gibt den bisherigen Tönen Gewicht, bereitet auf den nächsten Einsatz vor. Auch die Sprache benötigt Stille, aber in der Musik verleiht sie Tiefe und Kontinuität. Willkommen Stille, Willkommen Musik, Willkommen Bruder Tod.

(„Für Alina“ von Arvo Pärt z.B. hier.)

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