Vom Nutzen und Nachteil der Aporie für den Glauben

Vor fünf Jahrzehnten erschien das kleine Buch „Aporie und Glaube“ des Religionsphilosophen Heinz Robert Schlette. Dessen tiefgründige Konzeption notwendiger Aporien würdigt Georg Sans SJ und verweist auf deren anspruchsvolle und unterschätzte Bedeutung.

Die Situation wird vielen bekannt vorkommen: Da hat man sich eine ganze Seminarsitzung lang mit einem schwierigen Text befasst und am Ende bleibt das ungute Gefühl, dass die Sache so, wie der Autor oder die Autorin sich das gedacht hat, nicht aufgeht. Manchmal versuche ich meine Studierenden dann aufzumuntern mit der Feststellung: Einen wirklich guten Text erkennen Sie daran, dass auch nach dem dritten Lesen noch offene Fragen bleiben; einen langweiligen Text hingegen erkennt man daran, dass einem schnell alles klar ist.

… nicht alle Arten von Dunkelheit
führen zu mehr Wahrheit.

Ich bin versucht, hinzuzufügen: Einen schlechten Autor schließlich erkennen wir daran, dass er beteuert, was er sagen wolle, sei dialektisch oder paradox oder aporetisch, und damit die Unklarheit seiner eigenen Ausführungen entschuldigt. Jedenfalls scheint mir die Frage, ob und welche Rolle Aporien oder vermeintliche Widersprüchlichkeiten für das philosophische und theologische Denken spielen, im Hintergrund der derzeitigen Debatte über Wert und Unwert der sogenannten analytischen Theologie zu stehen. Um es pointiert zu sagen: Nicht jede Form der Klarheit ist schon erhellend, und nicht alle Arten von Dunkelheit führen zu mehr Wahrheit.

Wenn der Titel eines 50 Jahre alten, also in der Zeit um meine Geburt entstandenen Buches „Aporie und Glaube“ lautet, öffne ich den Band zögerlich, mit der Frage im Hinterkopf, ob es sich wohl um eine jener unzähligen theologischen Adaptionen Adornos handelt, die versichern, wie schwierig alles ist, und ebenso ermüden wie viele Aufsätze gegenwärtiger analytisch geschulter Denkerinnen und Denker, wenn sie alle interessanten Komplikationen als jenseits ihres thematischen Interesses liegend wegdefinieren.

Eintreten für Vernunft und Freiheit

Heinz Robert Schlettes „Schriften zur Philosophie und Theologie“, so der Untertitel des Buches, haben meine Neugier geweckt, weil der Autor die beschriebene Konstellation selbst zum Thema macht. Zur Diskussion stehe die Alternative: dialektische oder liberale Theologie? Obwohl er einen wachen Sinn für die Grenzen des (Er-) Klärbaren besitzt, tendiert Schlette zu der zweiten Seite, mit ihrem Eintreten für Vernunft und Freiheit (vgl. 10). Worin liegt angesichts dessen die Aporie, mit der Religion und Glaube zurechtkommen müssen?

Erfahrungen mangelnder Eindeutigkeit

Schlette beruft sich auf die Erfahrung, dass die Beschäftigung mit den Grundfragen der Philosophie selbst nach redlichem Bemühen zu keinem eindeutigen Ergebnis führt. Die Erwähnung der metaphysischen Ideen von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit lässt dabei an Kant denken. Doch geht es dem Autor weniger um eine natürliche Dialektik der menschlichen Vernunft als um die chronische Uneinigkeit unter den philosophischen Schulen. Entgegen dem vielfach erweckten Anschein sind es keineswegs immer die besseren Argumente, die zu der Entscheidung für oder gegen diese oder jene philosophische oder weltanschauliche Position führen.

nicht Beliebigkeit oder Willkür.

Diese Notlage des vernünftigen Menschen anzuerkennen, ohne der Skepsis oder dem Zynismus anheimzufallen, nennt Schlette eine aporetische Philosophie. Darin spiegelt sich die langjährige Beschäftigung mit Albert Camus: „Der Sinn der Aporie ist die Entscheidung oder aber die Freiheit, und die Aporie ist zugleich deren transzendentale wie auch geschichtlich-existentielle Bedingung.“ (44) Die aus der Einsicht in die Aporie erwachsende Freiheit hat nichts mit Beliebigkeit oder Willkür zu tun, denn die Annahme der eigenen Unfreiheit wird dem Sinn der Aporie gerade nicht gerecht. Ähnliche Überlegungen spielen übrigens in der gegenwärtigen Debatte um die soul making theodicy eine wichtige Rolle. Sollte Gott gewollt haben, dass wir aus freien Stücken an ihn glauben, kann er uns nicht zugleich zwingende Gründe liefern, die den Unglauben unvernünftig machen.

Triumph des Naturalismus?

Als Bedrohung des Menschlichen sah Schlette damals vor allem den totalisierenden Zugriff von Naturwissenschaft, Technik und Politik auf unser individuelles und gesellschaftliches Leben. Greifbar wurde für ihn die Gefahr in der Methode des Strukturalismus. Mittlerweile ist der Strukturalismus innerhalb der Philosophie und der Kulturwissenschaften längst abgelöst durch Poststrukturalismus und Dekonstruktion. Auf der anderen Seite triumphiert der Naturalismus. Denkt man an die Entwicklung auf den Gebieten der digitalen Medien, der künstlichen Intelligenz oder der Neurowissenschaften, wird man nicht sagen können, dass die Menschheit heute vor geringeren Herausforderungen stünde als vor einem halben Jahrhundert.

Gefahr der Unwahrhaftigkeit vor uns selbst.

In einem bereits 1966 entstandenen Text schreibt Schlette über die „Selbsttäuschung“ als größte nachkonziliare Gefahr. „Man kann sie auch anders nennen: die Gefahr der Unwahrhaftigkeit vor uns selbst, der Selbstüberschätzung, des Stolzes ob des plakativen Reformeifers.“ (307) Der Autor nennt mehrere Hinsichten, in denen die Kirche Gefahr laufe, sich über ihre Reformen selbst zu täuschen. Die erste könnte man überschreiben mit dem Verzicht auf vernünftige Gründe. Die gebetsmühlenartige Wiederholung von Schlagwörtern wie der barmherzigen Liebe Gottes oder der geschwisterlichen Gemeinschaft darf nicht den Blick dafür verstellen, dass irgendwann Argumente fällig werden, warum angesichts dessen, wie wir die Welt erleben und was wir von der Wirklichkeit wissen, der Glaube an einen personalen, den Menschen zugewandten Gott keine Illusion darstellen soll. Was die Geschwisterlichkeit – in dem Buch steht noch der Ausdruck „Brüderlichkeit“ – anbelangt, weist Schlette mit Bedauern darauf hin, dass die Gemeinsamkeit aller Gläubigen in dem Verständnis des priesterlichen und bischöflichen Amtes an ihre Grenzen stößt. Daran dürfte sich seitdem kaum etwas geändert haben.

Zu einfache Form kirchlicher Reform?

Im letzten Kapitel führt Schlette genauer aus, wie er sich weitere Reformen vorstellt. In einer zusehends säkularisierter werdenden Gesellschaft, so sein offenbar ernst gemeinter Vorschlag, müsse sich die „Kirche Christi“ stärker als die „Gruppe Jesu“ begreifen (342). Dass er damit die dem Christentum innewohnenden Spannungen einseitig auflöst und unter das Niveau seines eigenen aporetischen Denkens herabsinkt, scheint dem Autor entgangen zu sein. Das gleiche gilt meines Erachtens für seine Bestimmung des Verhältnisses zwischen Glaube und Religion. Zwar will sich Schlette nicht einfach der Forderung der dialektischen Theologie nach einem religionslosen Christentum anschließen. Aber wo es so etwas wie christliche Religiosität gibt, da handle es sich lediglich um einen „defizienten Modus“ des wahren Glaubens (293).

Verhältnis von christlichem Glauben und christlicher Religiosität

Der Versuch, den christlichen Glauben von der christlichen Religion zu trennen, ist ungefähr so hoffnungslos wie der Versuch einer klaren Unterscheidung zwischen dem Evangelium und der jeweiligen Kultur, in der es gelebt und verkündet wird. Das Christentum besteht nicht aus einem authentischen Kern und einer äußeren Schale –handle es sich bei der letzteren nun um die griechische Metaphysik, um das römische Recht oder um das Menschenbild der europäischen Moderne. Es gibt den christlichen Glauben nur in der konkreten Gestalt gelebter Religiosität.

theologischer Inhalt bleibt mit kirchlicher Macht verbunden

Für die Theologie steht damit der Sinn von Inkarnation zur Debatte. Hier ist die Lage freilich ähnlich aporetisch wie in der Philosophie. Wer meint, nach 2000 Jahren müsste die Theologie genügend Gründe zusammengetragen haben, um anderen die Entscheidung für oder gegen den Glauben abzunehmen, der irrt. Ebenso täuschen sich all diejenigen Gläubigen, die davon ausgehen, ein vernünftiger und gutwilliger Christ könne gar keine von der kirchlichen Lehre abweichenden Ansichten vertreten. Da mit jedem Lehramt notwendigerweise disziplinarische Gewalt verbunden ist, lassen sich die Fragen des (theologischen) Inhalts nicht säuberlich ablösen von dem Problem der (kirchlichen) Macht. Vielleicht eröffnet die Einsicht in den Ursprung dieser Aporie einen Mittelweg zwischen liberaler Skepsis und autoritärem Zynismus.

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Autor: Georg Sans SJ, Professur für Religions- und Subjektphilosophie an der Philosophischen Hochschule München, Eugen-Biser-Stiftungslehrstuhl.

Foto: Davisco / unsplash.com

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