Ist Religion schlecht für Frauen?

Besteht zwischen Frauenrechten und Religion ein Widerspruch und ist daher Religion grundsätzlich schlecht für Frauen? Doris Strahm plädiert dafür genau hinzusehen und zu differenzieren.

Ob Religion schlecht für Frauen sei, fragte die Politologin Anne Jenichen vor einigen Jahren in einem Artikel, in dem sie empirische Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen öffentlichen Religionen und den Menschenrechten der Frau vorstellte.[1] Sie vertrat darin die These, dass nicht Religion an sich ein Problem für die Menschenrechte von Frauen darstellt, sondern die Privilegierung patriarchaler Interpretationen von Religion bzw. die Marginalisierung progressiver Interpretationen. Denn es gibt religiöse Akteur_innen, welche die Menschenrechte von Frauen einzuschränken versuchen, aber auch solche, die sich für deren Respektierung einsetzen. Dies mache deutlich, dass Religion ein dynamisches Konzept ist: Religion kann sowohl Mittel zur Stützung männlich dominierter Machtstrukturen sein als auch ein Mittel, um Macht und überkommene Geschlechterhierarchien herauszufordern.

Religion – ein dynamisches Konzept

Schaut man die aktuellen Entwicklungen an, ist man allerdings geneigt, die von Anne Jenichen eingangs gestellte Frage mit Ja zu beantworten. Weltweit sind in allen Religionsgemeinschaften ultrakonservative und fundamentalistische Bewegungen auf dem Vormarsch.

Im europäischen Kontext sind es zurzeit vor allem die „Anti-Genderisten“, die einen Kampf gegen die „verderbliche Gender-Ideologie“ führen und dabei alles im Visier haben, was in ihren Augen die patriarchale Geschlechterordnung und das christliche Familienmodell in Frage stellt: die sexuellen und reproduktiven Rechte von Frauen, Homosexualität, gleichgeschlechtliche Ehen, Abtreibung, Wandel der sozialen Geschlechterrollen, Patchwork-Familien usw. Die römisch-katholische Kirche ist dabei federführend und hat eine regelrechte Gegenstrategie aufgebaut, um gegen Gender und die sexuellen und reproduktiven Rechte von Frauen vorzugehen.[2]

Begriff „Gender“ umgedeutet

Dazu wurde der Begriff „Gender“, der in den Dokumenten der UN-Weltfrauenkonferenzen verwendet wurde und die sozial erworbenen und kulturell geprägten Geschlechterrollen meint, vom Vatikan zu „Gender-Ideologie“ umgedeutet; es wurde unterstellt, Gender propagiere die völlige Abschaffung der Unterschiede zwischen Mann und Frau, sodass der Mensch letztlich selbst bestimmen könne, welches Geschlecht er annehmen wolle.[3] Selbst Papst Franziskus teilt diese Position. In seinem Lehrschreiben „Amoris Laetitia“ (Nr. 56) von 2016 kritisiert er Gender als Ideologie, die den Unterschied und die natürliche Verwiesenheit von Mann und Frau leugne und die anthropologische Grundlage der Familie aushöhle. In einigen europäischen Ländern hat die römisch-katholische Kirche direkten Einfluss auf die Polarisierung der Gesellschaft in Frauenrechts- und Genderfragen, so z.B. in Spanien, Polen, Frankreich, Italien, Kroatien und der Slowakei.[4] Und auch in der Schweiz mobilisieren katholisch-fundamentalistische Kreise gegen Gender, wie etwa der Churer Bischof Vitus Huonder.

Die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen einschränken

Die politische Stossrichtung der religiösen Fundamentalist_innen und Anti-Genderist_innen liegt darin, die patriarchale Familie sowie patriarchale Geschlechterrollen und Sexualmoral gegen moralische „Verfallserscheinungen“ der Moderne als gottgewollte Ordnung zu verteidigen und die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen einzuschränken. In allen fundamentalistischen und ultrakonservativen Bewegungen ist es stets der Körper der Frau, der dazu dient, die patriarchale Ideologie und die Werte der eigenen Gemeinschaft festzumachen: über die Kontrolle des weiblichen Körpers, seiner Sexualität und reproduktiven Macht.

Auch rechtspopulistische Gruppierungen und Parteien machen Front gegen Gender.

Der aktuelle Kampf gegen Gender und Frauenrechte wird nicht allein von religiösen Kreisen geführt, sondern auch von rechtspopulistischen Gruppierungen und Parteien, die politisch Front gegen Gender machen. In Frankreich mobilisierte die Gruppe „La manif pour tous“ 2012 und 2014 Tausende bei Demos gegen die gleichgeschlechtliche Ehe. In Polen haben rechtskonservative Kreise im Verbund mit der katholischen Kirche im Herbst 2016 versucht, das bereits sehr restriktive Abtreibungsgesetz nochmals zu verschärfen und selbst bei Vergewaltigung Abtreibung zu verbieten. Das Parlament hat dann den Gesetzesentwurf wegen massiver Proteste von Frauen abgelehnt. In Deutschland fordern AfD und Pegida eine Verschärfung des Abtreibungsgesetzes und die exklusive Privilegierung der traditionellen  Familie vor allen anderen Lebensformen. So versucht derzeit eine gefährliche Allianz von christlich-konservativen, fundamentalistischen und rechtspopulistischen bis rechtsradikalen Kreisen unter dem Label „Anti-Genderismus“ eine konservative Geschlechterordnung und sogenannt „christliche Werte“ politisch durchzusetzen.

Religion ist nicht per se schlecht für Frauen.

Doch trotz der aktuellen Dominanz patriarchaler und antifeministischer Kräfte gilt: Religion ist nicht per se schlecht für Frauen. Religiös begründete Ansprüche auf die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen haben viele emanzipatorische Bewegungen, zum Beispiel für Geschlechtergerechtigkeit, Demokratie und Menschenrechte, inspiriert. Es gibt auch in der christlichen Religion viele progressive Strömungen – wie z.B. feministische, befreiungstheologische, postkoloniale und Queer Theologien. Diese legen die christliche Religion emanzipatorisch und geschlechtergerecht aus und zeigen damit, dass sie nicht grundsätzlich als Gegensatz zu Frauen-Menschenrechten gesehen werden muss.

Transformation patriarchaler Auslegungen und Strukturen

Christliche Frauen ergreifen seit Jahren überall auf der Welt die Initiative, um ihre Rechte einzufordern, und haben sich den Zugang zu religiösen Rollen erkämpft, die mit Autorität und Interpretationsmacht ausgestattet sind. Es sind kontextuelle feministische Theologien und Frauennetzwerke entstanden, die sich aktiv an der Interpretation und Gestaltung ihrer Religion beteiligen und eine Transformation patriarchaler Auslegungen und Strukturen herbeiführen wollen. Frauen beziehen sich dabei auf den Impuls zur Gleichstellung, der in der christlichen Religion als Grundintention angelegt ist, der aber in der Geschichte von männlichen (Macht-)Interessen überlagert worden ist. Deshalb und auch vor dem Hintergrund, dass Religion in weiten Teilen der Welt für die Mehrheit der Menschen eine grosse Bedeutung hat, gerade auch für Frauen, gilt es, Fundamentalisten und kirchlichen Anti-Genderist_innen nicht die Deutungshoheit über die „christliche“ Religion und „christliche“ Werte zu überlassen.

Allianzen zwischen säkularen und religiösen Feministinnen

Es wäre wichtig, dass progressive und emanzipatorische Kräfte Allianzen bilden, Gegenwissen und Gegenstrategien formieren gegen die dominanten patriarchalen Diskurse, wie die Religions- und Kulturwissenschaftlerin Ulrike Auga an der Tagung „Menschenrechte auf dem Prüfstand: Frauenrechte zwischen Religion, Kultur und Politik“ vom 4. März 2017 in Luzern postulierte.[5] Nötig wäre z.B. eine „Politik der Gemeinsamkeit“ von säkularen und religiösen Feministinnen, die sich an gemeinsamen Zielen ausrichtet und versucht, einen wirksamen gesellschaftlichen Gegendiskurs aufzubauen. Säkulare Feministinnen müssten sich dazu allerdings der Erkenntnis öffnen, dass Religion nicht per se gleichzusetzen ist mit Fundamentalismus, Frauendiskriminierung und Unaufgeklärtheit, dass also Frauenrechte und Religion durchaus vereinbar sind – und dass es gerade heute gemeinsame Strategien und starke Allianzen zwischen säkularen und religiösen Feministinnen braucht, um Frauenrechte vor Fundamentalismen jeder Couleur zu schützen.

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Doris Strahm, Dr. theol., ist feministische Theologin und Publizistin, Vorstand IG Feministische Theologinnen; Mitgründerin und Vizepräsidentin des Interreligiösen Think-Tank.

Bild: Alice Donovan-Rouse / Unsplash

[1] Anne Jenichen, Ist Religion schlecht für Frauen? Empirische Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen öffentlichen Religionen und den Menschenrechten der Frau, in: Zeitschrift für Menschenrechte, Vol. 5/2011, Nr. 1, 6-20.

[2] Vgl. dazu ausführlich: David Paternotte, Blessing the Crowds. Catholic Mobilisations against Gender in Europe, in: Sabine Hark/Paula-Irene Villa (Hg.), Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen, Bielefeld 2015, 129-147.

[3] Was Gender wirklich meint und weshalb der Begriff auch für kirchliche Kreise wichtig und hilfreich ist, legt die von Theologinnen verfasste Broschüre „Let’s talk about Gender“ in knapper Form dar.

[4] Vgl. Jadranka Rebeka Anić, Anti-Gender Bewegung: Beitrag zur Bewertung eines Phänomens, in: ESWTR Jahrbuch 2016, Vol. 24, Leuven 2016, 21f.

[5] Die Tagung wurde von der IG Feministische Theologinnen, dem Inter­religiösen Think-Tank, der feministisch-theologischen Zeitschrift FAMA und dem RomeroHaus Luzern organisiert. Siehe Tagungsdokumentation.

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