Pfarrer und Poet: Zum Tod von Kurt Marti

Poesie ist nichts Harmloses, sie ist die genaueste und treffendste Beschreibung von Wirklichkeit. Poesie ist das, was durch mich hindurchgegangen und Sprache geworden ist, äußerst subjektiv – und gerade deshalb gültig. Der Pfarrer und Poet Kurt Marti hat dies wie kaum jemand spürbar gemacht. Ein Nachruf von Erich Garhammer.  

Am 31. Januar 1921 in eine Berner Notarsfamilie hineingeboren, wuchs Kurt Marti in einem politisch wachen Milieu auf. Bestimmend für Martis theologischen Ansatz wurden die Basler Jahre 1945/46, in denen er die Vorlesungen und Seminare Karl Barths (1886 – 1968) besuchte.

In den Jahren 1946/47 stand Marti im Dienst der Kriegsgefangenenseelsorge des Ökumenischen Rates in Paris und erfuhr hautnah die Probleme der Nachkriegszeit. Erste seelsorgerliche Gemeindeerfahrungen machte er 1948 im Lernvikariat in Büren an der Aare. Nach der Ordination zum reformierten Pfarrer folgten pastorale Tätigkeiten in den Kirchgemeinden Rohrbach (1948 – 1950), Niederlenz (1950 – 1961) und in der Nydeggemeinde Bern (1961 – 1983). Zu seinen Hauptaufgaben zählten Gottesdienste und Predigten, Taufen, Trauungen und Beerdigungen, dazu Konfirmandenunterricht, Einzelgespräche, Hausbesuche, Kommissions- und administrative Arbeit.

Auf theologischem Gebiet beschäftigten ihn seit den 80er Jahren die lateinamerikanische Befreiungstheologie und die feministische Theologie; beide Strömungen waren für ihn ein Zeichen der Lebendigkeit. Nicht zustande kam seine Berufung auf den Lehrstuhl als Homiletik-Professor. Die staatliche Regierung lehnte ihn aus Angst vor seiner „Linkslastigkeit“ ab, während ihm im Gegenzug die Theologische Fakultät das Ehrendoktorat verlieh. Im Jahre 1983 trat Kurt Marti – 62-jährig – in den Ruhestand, mit der Nebenabsicht, jetzt vermehrt schriftstellerisch tätig zu werden, was sein reiches Opus auch bezeugt.

Rede von Gott

Das Reden von Gott in der Dichtung von Marti ist geprägt von einem präsentischen Sprechen von Gott, vor allem in den sogenannten „leichenreden“. Den Erfahrungshintergrund dafür boten die Bestattungen, die sich in der Berner Stadtpfarrei für Kurt Marti häuften. Er machte die Erfahrung, dass er sich nicht bei jeder Abdankungspredigt persönlich einbringen konnte, andererseits spürte er die Grenzen der liturgischen Sprache mit ihrer Formelhaftigkeit und mit ihren Klischees, die zwar Raum lassen für persönliche Deutungen, aber häufig auch als eine Sammlung leerer Worthülsen empfunden werden und nicht befriedigen. Um dieses Dilemma auszuhalten, erfand Marti die sogenannten „Leichenreden“ (1969). Im Anschluss an ihn besonders bewegende Todesfälle und Bestattungen bearbeitete er die dabei gemachten Erfahrungen und die sich daraus ergebenden Fragen in einem dichterischen Zugriff.

Das Beerdigungsritual in seiner Kirche beginnt immer mit dem Satz: „Gott hat es gefallen“. Gegen dieses umbarmherzige Ritual protestierte Marti literarisch:

dem herrn unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen
dass gustav e. lips
durch einen verkehrsunfall starb

erstens war er zu jung
zweitens seiner frau ein zärtlicher mann
drittens zwei kindern ein lustiger vater
viertens den freunden ein guter freund
fünftens erfüllt von vielen ideen

was soll jetzt ohne ihn werden?
was ist seine frau ohne ihn?
wer spielt mit den kindern?
wer ersetzt einen freund?
wer hat die neuen ideen?

dem herrn unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen
dass einige von euch dachten
es habe ihm solches gefallen

im namen dessen der tote erweckte
im namen des toten der auferstand:
wir protestieren gegen den tod gustav e. lips

(Kurt Marti, Leichenreden, Frankfurt a.M. 1976, 23.)

 

Doch nicht nur vom Tod ist bei ihm die Rede oder vom Leben danach, sondern auch von der Auferstehung vor dem Tod.

Ihr fragt
wie ist die auferstehung der toten?
ich weiß es nicht

ihr fragt
wann ist die auferstehung der toten?
ich weiß es nicht

ihr fragt
gibt’s
eine auferstehung der toten?
ich weiß es nicht

ihr fragt
gibt’s
keine auferstehung der toten?
ich weiß es nicht

ich weiß
nur
wonach ihr nicht fragt:
die auferstehung derer die leben

ich weiß
nur
wozu Er uns ruft:
zur auferstehung heute und jetzt   (Ebd. 25)

 

Spätsätze – Leben im Altenheim

Kurt Marti lebte nach dem Tod seiner Frau in einem Berner Altenheim und ist am 11. Februar 2017 dort gestorben. Das Leben als Witwer macht ihm die Einsamkeit doppelt bewusst: „Seitdem die täglich und nächtlich vertraute Zwiesprache aufgehört hat, schwinden mein Wortschatz und mein Ausdrucksvermögen.“ (Kurt Marti, Heilige Vergänglichkeit. Spätsätze, Stuttgart 2011, 9.)

Sprache und Selbstausdruck, aber auch die geistige Wachheit lassen nach. Es fehlt die vertraute Zwiesprache mit der vertrauten Partnerin. Das Gefühl des Geliebtwerdens war ehedem geradezu vitalisierend. „Ich wurde geliebt, also war ich.“ (11) Aber Marti verbietet sich den Ausweg einer regressiven Zuflucht zu Gott: „Gott ist nie Ersatz, erst recht nicht für die lebenslange Geliebte.“ Der Annahme einer zunehmenden Vergeistigung im Alter kann er ebenfalls nichts abgewinnen. Die Wirklichkeit sieht anders aus: „Nicht doch. Die Beschäftigung mit dem Körper, vor allem mit seinen Defiziten, nimmt unliebsam überhand.“ (16) Gedanken gehen ihm durch den Kopf, wie sich wohl Fühlen und Sprechen Jesu verändert hätten, wenn er ein Greis geworden wäre. „In welche Richtung hätte sich das Denken und Lehren des Nazareners verändert, wenn er neunzig Jahre alt geworden wäre? Müßige Frage, ich weiß.“ (20) Im Alleinsein verändert sich für ihn der Glaube noch mal in einer ganz eigenen Weise: „In den Armen der Geliebten glaubte ich oft, dem großen Geheimnis nahe zu sein.“ (25)

Gott ist nie Ersatz, erst recht nicht für die lebenslange Geliebte.

Die Beziehung zur Geliebten als ein Ausdruck der Gottesnähe ist ihm nun genommen. Eine ganz andere Beziehung wird für ihn stärker – die Beziehung zu Jesus. „Ihm, Jesus, glaube ich Gott.“ (30) Der Glaube an Jesus ist aber gekoppelt mit einer Skepsis gegenüber einem Leben nach dem Tod, ein solcher Glaube erscheint ihm heillos egozentrisch: „Ein Glaube, der auf das eigene Weiterleben nach dem Tod fokussiert ist, bleibt heillos egozentriert.“ (35) Eine Geographie des Jenseits, Ausmalungen dessen, wie es einmal sein könnte, postmortale Vorstellungen verbietet er sich, sie sind ihm verdächtig. „Die Evangelien können nicht genug dafür gerühmt werden, dass sie der Versuchung widerstanden haben, denen, die Jesus vom Tode wieder auferweckte und ihm, dem Auferstandenen selbst, Äußerungen über ein postmortales Jenseits in den Mund zu legen.“ (36)

Immer mehr mutiert für ihn die Jenseitsvorstellung von einem Loslassen von allen Besitzansprüchen Gott gegenüber zu einem sich Fallenlassen in Gott. „Was kommt danach? Oft stelle ich mir vor, mein Ego werde sich alsdann in Gottes Ewigkeit verlieren, vielleicht sogar auflösen. ‚Was immer zu Gott kommt, entfällt sich selbst‘ (Meister Eckart)“ (34)

Die Spätsätze von Kurt Marti sind eine geistliche Lektüre mit Tiefgang, ein spirituelles Viaticum und Vademecum – und weiterhin Theologie und Poesie mit Zeitindex, nämlich eines alten Menschen mit Blick auf Tod und Sterben. Ein Satz in Martis heiliger Vergänglichkeit lautet, er möchte zuletzt das Zeitliche und Vergängliche segnen können. Er hat es gesegnet – auch mit seiner Poesie.

Literatur:

Kurt Marti, Heilige Vergänglichkeit. Spätsätze, Stuttgart 2010.

Zu Kurt Marti: Pierre Bühler; Andreas Mauz (Hrsg.): Grenzverkehr. Beiträge zum Werk Kurt Martis. Wallstein, Göttingen 2016.

Prof. Dr. Erich Garhammer lehrt Pastoraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Würzburg.

Bild: Wolfgang Dirscherl / pixelio.de

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