Gegen den Ohnmachtsglauben

Macht und Ohnmacht sind zentrale Begriffe der Religion. Norbert Reck kritisiert die christliche Rede von Ohnmacht, wo sie verhindert, Handlungsspielräume zu nutzen. Er widmet seinen Beitrag Regina Ammicht Quinn zum heutigen 60. Geburtstag.

Das Nachdenken über Macht scheint Christen und Christinnen nicht sonderlich zu interessieren. Das Thema Ohnmacht liegt ihnen schon eher, und zu Opfern und Opfersein fällt ihnen theologisch und auch sonst ungeheuer viel ein. Wie tragisch, so blind am ursprünglichen Kern der christlichen Botschaft vorbeizuschrammen.

Das Thema Ohnmacht liegt Christinnen und Christen offenbar eher als das Nachdenken über Macht.

Natürlich, ohnmächtig kann man sich in diesen Tagen schnell einmal fühlen. Die Stichworte Trump, Putin, Brexit, Klimawandel, Earth Overshoot Day, ertrinkende Flüchtlinge im Mittelmeer, rechtsextreme Gewalt, populistische Bewegungen müssen eigentlich gar nicht mehr erläutert werden – schon greift das Gefühl der Machtlosigkeit um sich: gegenüber Regierungen, die sich eher an Lobbyinteressen als am Gemeinwohl orientieren, gegenüber Konzernen, die Regenwälder in Sojaplantagen verwandeln, gegenüber neuen Wellen von Rassismus, Sexismus und Homophobie, gegenüber dem grassierenden consumismo, der das Räderwerk von Ressourcenverbrauch und Müllproduktion weit über die Grenzen des planetar Erträglichen am Laufen hält.

Gefühl der Machtlosigkeit

Dennoch: Einer Vorstellung sollte man unbedingt widerstehen, der Vorstellung nämlich, dass „die Mächtigen“ die Macht hätten, während „wir“ leider ohnmächtig seien. In unserer Kultur ist diese Vorstellung tief verwurzelt; nicht erst seit der blutigen Niederschlagung der Bauernaufstände durch die Truppen deutscher Fürsten und Bischöfe im frühen 16. Jahrhundert haben wir unsere Untertanenlektion gelernt und sehen uns meist als Opfer, die nichts machen können. Auch diverse Spielarten der Opfertheologie, die das Handeln am liebsten ganz Gott überlassen und Rettung allenfalls im „Kreuzesgehorsam“ Jesu erkennen, spielen der Selbstviktimisierung von Christen und Post-Christen in die Hände. Dass die einen die Macht besäßen und die anderen ohnmächtig seien, ist jedoch historisch nicht haltbar.

Wir sehen uns als hilflose Opfer.
Auch Theologien spielen der Selbstviktimisierung in die Hände.

Macht kann man – unter bestimmten Umständen – ausüben, aber sie lässt sich nicht besitzen. Macht kann so schnell verlorengehen, wie sie gewonnen wurde. Sie wirkt nicht in erster Linie durch Polizeiknüppel und Waffen, sondern durch Diskurse, soziale Normen, Lebensumstände, die uns mit Mächtigen kooperieren lassen, damit wir nicht Entlassung, Verstoßung oder doch Polizeiknüppel, die exemplarisch schon an anderen demonstriert wurden, erleben müssen. „Die Macht wirkt“, wie Michel Foucault in umfangreichen Forschungen gezeigt hat, „durch kleinste Elemente: die Familie, die sexuellen Beziehungen, aber auch: Wohnverhältnisse, Nachbarschaft etc. So weit man auch geht im sozialen Netz, immer findet man die Macht als etwas, das ‚durchläuft‘, das wirkt, das bewirkt. Sie kommt zur Wirkung oder nicht, das heißt, die Macht ist immer eine bestimmte Form augenblickhafter und beständig wiederholter Zusammenstöße innerhalb einer bestimmten Anzahl von Individuen.“[1]

Macht kann man – unter bestimmten Umständen – ausüben, aber sie lässt sich nicht besitzen.

Zu denken, dass bestimmte Personen – Könige, Herrscher, „Blaublütige“ – die Macht sozusagen von Natur aus (oder von Gott verliehen) innehätten, ist dagegen eine uralte mythische Vorstellung – integraler Bestandteil vieler Ohnmachtsdiskurse. Doch natürlich sind die Könige, Kaiser, Diktatoren oder Präsidenten keine anderen Menschen als wir. Was sie mächtig macht, ist, dass wir glauben, sie seien mächtig. Wenn dieser Glaube bröckelt, dann bröckelt auch ihre Macht, und sie stehen als aufgeblasene, lächerliche Figuren vor uns.

Diktatoren, die ihre Herrschaft auf Waffengewalt und Gefängnisse stützen, wissen das viel besser als die meisten von uns. Darum beschäftigen sie Heere von Spitzeln und Denunzianten, die melden sollen, wo sich Opposition regt, wo ihre Macht in Frage gestellt wird. Schon der sich ausbreitende Wunsch, anders zu leben, verändert die Machtkonstellationen. Und davor fürchten sie sich. „Die Macht“, schreibt Foucault, „ist niemals voll und ganz auf einer Seite. So wenig es auf der einen die gibt, die die Macht ‚haben‘, so wenig gibt es auf der anderen jene, die überhaupt keine haben.“[2] Nicht einmal der kleinste Untertan ist ganz ohne Macht. Und wenn die Untertanen aufhören, an das Machtmonopol der Mächtigen zu glauben, gewinnen sie noch mehr Stärke. Das ist nicht harmlos, das kann sehr viel Blut kosten, aber niemand in der Geschichte hat es je vermocht, Macht für immer in den eigenen Händen zu behalten.

Schon der sich ausbreitende Wunsch, anders zu leben, verändert die Machtkonstellationen.

Die Freiheitsgeschichte der Menschheit beginnt in jeder neuen Phase damit, dass die Menschen aufhören, an ihre Ohnmacht zu glauben. Dass sie ihre Macht wiederentdecken.

Man kann es in Deutschland an der AfD sehen. Sie hat übers Jahr viel Macht gewonnen, obwohl sie nicht über Waffen, Polizei oder bedeutende Ämter verfügt. Die etablierten Politiker fürchten sich vor ihr; Demokraten machen sich Sorgen. Da haben einstmals Ohnmächtige sich etwas Macht erobert, und das allein mit Worten. Es ist erstaunlich. Sie haben Diskursmacht erlangt, weil sie den beklagenswerten Zustand der Politik offen ansprechen. Und das gilt, obwohl ihre hasserfüllten Lösungsvorschläge nur die schlechten Instinkte der Menschen wecken und kein einziges unserer Probleme lösen können.

Die Freiheitsgeschichte der Menschheit beginnt immer neu damit, dass die Menschen aufhören, an ihre Ohnmacht zu glauben. Dass sie ihre Macht wiederentdecken.

Dass in Kirche und Theologie darüber kaum gesprochen wird, ist doppelt beklagenswert. Zum einen, weil die Kirchen stumm bleiben bei Fragen, die die Lebensrealität sehr vieler Menschen unmittelbar berühren. Zum anderen auch deshalb, weil dies genau die Fragen sind, mit denen sich die ersten Christen und Christinnen leidenschaftlich auseinandersetzten und die bei der Entstehung der frühchristlichen Bewegung eine wesentliche Rolle spielten.

Wie nämlich zu leben sei in der Zeit der römischen Besatzungsherrschaft, mit täglichen Ohnmachtserfahrungen, mit dem Hunger[3], mit Militärgewalt und willkürlichen Hinrichtungen, und wie gemäß der Tora zu leben sei unter diesen Bedingungen, wie der Wille Gottes zu erfüllen sei – all das beschäftigte die Menschen im Judentum des 1. Jahrhunderts brennend.

Die apokalyptische Botschaft Jesu: Zeit der Befreiung ist jetzt.

Jesus tritt nach dem Zeugnis der Evangelien entschieden dafür ein, sich auch in den schwierigsten Situationen auf keinen Fall irgendwelchen Ohnmachtsgefühlen hinzugeben: Das Reich Gottes, so verkündete er, sei schon angebrochen: das Reich, in dem die Letzten die Ersten sein würden und die nach Gerechtigkeit Hungernden satt werden sollten. Bei Jesus ist das immer eine apokalyptische Botschaft, aber nicht im Sinne eines Katastrophenszenarios; er versteht die Endzeit als Zeit der Befreiung[4], als eine Zeit, in der die Macht des Satans und der Dämonen endgültig gebrochen ist (wiewohl sie noch da sind). Seinen Jüngerinnen und Jüngern sagt er: „Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und Macht über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden“ (Lukas 10,18.19).

Gegen den Ohnmachtsglauben:
„Seht, ich habe euch Macht gegeben.“

Das war die Grunderfahrung, die Jesus vermitteln wollte: die spirituelle Erfahrung, selbst mit Macht ausgestattet zu sein, den Herrschenden nicht mehr ausgeliefert zu sein, nicht mehr an die eigene Ohnmacht glauben zu müssen. Etwas Neues hatte begonnen, man konnte schon anders leben, während noch die Besatzer im Land waren, wenn man sich an den Gott Jesu, den Gott Israels hielt. Man musste nicht mehr wehrloses Opfer sein.

Wenn Jesus im Matthäusevangelium seinen bootfahrenden Jüngern über den See Gennesaret folgt, wird die Macht- und Ohnmachtsfrage sogar ins Zentrum der Christologie gerückt: Gott (oder ein Gottessohn) kann übers Wasser gehen[5], d. h. alle bedrohlichen Mächte bezwingen, und wenn Jesus übers Wasser geht, ist das zunächst eine Aussage über seinen Status. Doch damit nicht genug: Mit einem aufmunternden „Komm!“ fordert er Petrus auf, sich ebenfalls aufs Wasser zu begeben (Mt 14,29). Eine Aufforderung zur Teilhabe an der göttlichen Macht – gegen die Mächte des Chaos. Eine „Demokratisierung“ der göttlichen Privilegien.

Aufforderung zur Teilhabe an der göttlichen Macht

Traditionelle Ausleger reden hier gerne davon, dass man „auf den Herrn schauen“ müsse, um nicht von Gefahren überwältigt zu werden. Aber davon ist im Text nichts zu finden. Petrus bekommt eher Probleme, als er den starken Wind sieht und sich fürchtet. Er beginnt unterzugehen – nicht, weil er Jesus aus den Augen verloren hat, sondern weil er von seiner Angst nicht lassen kann.

Das ist keine Geschichte von der nötigen Fixierung auf den „Herrn“, es ist vielmehr eine Geschichte vom Vertrauen – auf Gott, auf das Leben, auf die Sache der Gerechtigkeit. Eine Geschichte von der nötigen Überwindung der Angst. Eine wesentlich tiefere Geschichte als all das Gefasel von Jesu spezieller Privileg-Macht. Eine Geschichte, die die Menschen an ihre eigenen Kräfte erinnert – da ja die Macht des Satans schon gebrochen ist.

Der Gang über den See: eine Geschichte von der nötigen Überwindung der Angst

Dass Jesus hier vom Satan spricht, also mythologisch argumentiert, ist kein Zufall, sondern faszinierende Klarsicht. Der Glaube an die Macht der herrschenden „Mächte und Gewalten“ ist ja Mythologie, und Jesus entmythisiert hier ihre Macht. Nicht an sie ist zu glauben, sondern an Gott allein. In der Einübung dieses Glaubens an Gott, an sich selbst und an die eigene Würde liegt der tiefste Sinn von Religion. Gemessen daran sind alle anderen „Glaubensartikel“ unbedeutend. Leider lernt man in den Kirchen zu wenig von dem einen und zu viel vom anderen.

Der Ohnmachtsglaube ist die gefährlichste Religion.

Der Ohnmachtsglaube aber ist der hinterlistigste Feind, die gefährlichste vagabundierende Religion, die sich immer wieder auch in den organisierten Religionen einnistet. Ihm zuallererst muss widerstanden werden, wenn wir bestehen wollen.


Norbert Reck, Dr. theol., ist freier Publizist und Übersetzer.
Beitragsbild: Harri Kuokkanen, unsplash.com

 

[1] Michel Foucault, Die Macht und die Norm, in: ders., Short Cuts, Frankfurt 22001, S. 39–55, S. 40. Für umfangreiches Belegmaterial vgl. auch ders., Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt am Main 192014.

[2] Foucault, Die Macht und die Norm, S. 41.

[3] Dazu eindrücklich Luzia Sutter Rehmann, Wut im Bauch. Hunger im Neuen Testament, Gütersloh 2014.

[4] Schon David Flusser wies darauf hin in: Jesus, überarb. Neuausg., Reinbek 32003, S. 96.

[5] Vgl. Psalm 77,20: „Dein Weg ging durch das Meer, und dein Pfad durch große Wasser“; Ijob 9,8: „Er allein breitet den Himmel aus und geht auf den Wogen des Meers.“

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