It never ends: Prävention von sexueller Gewalt

Kirchliche Präventionsarbeit bewegt sich im Spannungfeld von Bürokratie, tatsächlicher Prävention und der Utopie völliger Sicherheit. Michael Schüßler reagiert auf die Tagung „Institutionelle Schutzkonzepte“, die am 29. Mai 2017 an der Katholischen Akademie in Stuttgart-Hohenheim stattfand.

Es gab und es gibt sexuelle Gewalt an kirchlichen Orten und Einrichtungen. Nicht nur dort, aber eben auch dort. Um diese Wirklichkeit zu sehen, brauchte es eine öffentliche Skandalisierung und dann Mut zur Wahrheit, auch wenn sie weh tut.

Als eine wichtige Konsequenz widmet sich die Katholische Kirche nun verstärkt auch der Prävention von sexualisierter Gewalt. Doch das ist nicht unumstritten. Freiwillig Engagierte sehen sich unter Generalverdacht, wenn sie Führungszeugnisse beibringen und Erklärungen unterschreiben müssen. Stefan Gärtner hatte auf feinschwarz.net davor gewarnt, dass Prävention nicht auf bürokratische Akte verkürzt werden dürfe.

Prävention nicht auf bürokratische Akte verkürzen.

Genau mit dieser Kritik hat Sabine Hesse, Präventionsbeauftrage der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die Tagung „Institutionelle Schutzkonzepte“ an der Akademie in Hohenheim eröffnet. Wie geht Prävention in der Kirche dann aber anders und womöglich besser? Im Nachgang zu der Tagung lassen sich fünf weiterführende Aspekte herausgreifen.

  1. Was leistet Prävenation – und was nicht?

Prävention hat eine zeitlich heikle Komponente. Schutzkonzepte versprechen, dass durch unser Handeln heute in Zukunft etwas vermieden wird. Garantieren allerdings kann Prävention das nicht. Der Erziehungswissenschaftler Martin Wazlawik meinte, Prävention bedeute sich auf das Unbekannte hin zu wappnen. Man muss auf Fälle und Situationen hin sensibilisieren, die man vorher so gar nicht auf dem Schirm hat. Prävention kann also versuchen Organisationskulturen und personale Haltungen zu verändern, kann Wissen vermitteln und Aufmerksamkeit ermöglichen. Letzte Sicherheit herstellen kann sie nicht. Man muss es so gut es geht versuchen und zugleich vor der Utopie völliger Sicherheit warnen.

Völlig Sicherheit? Ein Utopie.

  1. Prävention und Kirchenentwicklung

Tobias Kläden von KAMP hat in einem Überblick über aktuelle Kirchenentwicklungen Zahlen zur Krise formaler Kirchenbindung präsentiert und in die beiden Bilder von Ruine und Baustelle gebracht. Die kircheninterne Wahrnehmung ist dann ja oft: In den 1970er und 1980er Jahre hat Kirche noch toll funktioniert und man sieht auf damalige Größe und Selbstverständlichkeit. Das stimmt aus der Perspektive engagierter Gemeindemitglieder. Anders sieht es aus, wenn man den Ort wechselt und die Lage aus der Perspektive der Betroffenen von sexueller Gewalt betrachtet. Die 70er und 80er Jahre waren offenbar zugleich auch Hochzeiten von sexueller Gewalt in kirchlichen Organisationen. Das heißt: Offenbar hat eine für die Engagierten (noch) toll funktionierende Kirche gerade nicht präventiv gewirkt, hat die Kirchengestalt in die wir alle einsozialisiert sind an vielen Stellen diese Gewalt weder verhindern können noch sie besprechbar werden lassen.

Die Nostalgie der 70er und 80er Jahre… Hochzeit der Kirche … und der sexuellen Gewalt in ihr.

Was heißt das für aktuelle Verflüssigungsprozesse, für die Baustelle oder Ruine? Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass Kirche als Organisation nicht mehr so funktioniert wie früher. In der Pastoraltheologie beobachtet man Kirche immer weniger nur als Institution und auch nicht mehr nur als Organisation, sondern als Netzwerk von Orten und Beziehungen. Das heißt weniger zentrale Kontrolle, mehr Checks und Balances unterschiedlicher Akteurinnen und Akteure. Netzwerk heißt auch Aussicht auf weniger geschlossene Milieus (zugleich aber auch die Ambivalenz von neuen Seilschaften und homogenen Netzwerken, sagt die Netzwerkforschung: auch die Mafia wird als Netzwerk beschrieben).

Kirche als Netzwerk von Orten und Beziehungen

Dennoch: Vielleicht sind Kirchenentwicklung und Prävention gar keine Konkurrenzunternehmen um knappe Ressourcen. Vielleicht sind die Prozesse selbst, wo sie zur Selbstreflexion anhalten, wo sie eine Vielfalt und die Offenheit pastoraler Orte im Blick haben, selbst Veränderungsprozesse hin zu einer mehr präventiven Funktion pastoraler Strukturen – gerade im mitlaufenden Bewusstsein: It never ends.

  1. Präventionsarbeit nicht weg-, sondern hineinorganisieren!

Die neu eingerichteten diözesanen Präventionsstellen dürften nicht die Rolle übernehmen, die ihnen, wenn ich recht sehe, manchmal subtil nahegelegt wird. Nämlich das Thema aus den anderen kirchlichen Wirklichkeiten an eine Fachstelle auslagern und damit dort auch irgendwie deponieren, entsorgen, in Formularen stillstellen (das war die Kritik von Stefan Gärtner auf feinschwarz.net). Die Fachstellen sind, oder müssten sein: die instutionalisierte Erinnerung an die Verantwortung aller kirchlichen Orte und pastoraler Vollzüge für die Prävention von Übergriffigkeiten und (sexualisierte) Gewalt. Langfristig verheerend und gegenüber den Opfern einfach nicht ausreichend wäre eine handlungsleitende Logik nach dem Motto: Wenn wir nach Außen im rechtlich-bürokratischen und sozialpädagogischen Bereich so viel tun, kann in den pastoralen und dogmatischen Grundlagen alles bleiben wie es war. Doch das kann es nicht.

Kann in den pastoralen und dogmatischen Grundlagen alles bleiben wie es war?
Kann es nicht!

  1. Gewaltanfälligkeit theologischer und pastoraler Konzepte?

Damit stellen sich (selbst)kritische Fragen an die akademische Theologie. Auch hier muss die Selbstreflexion intensiviert werden. Vertreten wir als Theologinnen und Theologen Glaubenskonzepte, die für ihre eigene Gewaltanfälligkeit sensibel sind? Der stärkste Satz der Tagung war wohl, als Martin Wazlawik die Worte eines Regens aus dem Vorgespräch zu einer Fortbildung zitiert hat: „Sprechen sie mit den Seminaristen aber nicht über Sex und Macht, nur über Prävention“.

Sprechen sie mit den Seminaristen aber nicht über Sex und Macht, nur über Prävention.

Als ob es das eine ohne das andere gebe. Es ist eben tatsächlich noch viel zu tun an dieser Stelle. Nur drei Aspekte will ich nennen:

  • Was bedeutet sexuelle Gewalt in der Kirche für das kirchliche Selbstbild? Handelt es sich um Verfehlungen Einzelner? Martin Wazlawik hat deutlich gemacht, dass institutionelle Kontexte, dass Narrative und Symbolstrukturen nicht ausgeblendet werden können. Wo begünstigen pastorale Selbstverständlichkeiten im Amts-, Kirchen- und Gottesverständnis sexualisierte Gewalt?
  • Welche Theologie führt eigentlich zu einer „Überinterpretation von amtlich verliehener Autorität (so die Soziologin Maren Lehmann in einer Caritas-Handreichung)? Was heißt es „in persona Christi“ zu handeln? Der frühere Generalvikar von Würzburg Karl Hillenbrand hat mal davor gewarnt, „sakramentale Vollmacht mit persönlicher Kontrollmacht“ zu verwechseln. Welche Amtsverständnisse und welche Bilder von pastoraler Professionalität sind in der Praxis eigentlich wirksam, werden weitererzählt?
  • Was die Theologie gut kann, ist Einheit denken und ideale Utopien entwerfen. Beides ist für unser Thema wenig hilfreich. Das Einheitsdenken führt zu geschlossenen Milieus, zur Abwertung von Skepsis, Zweifel und Kritik. Und Utopien führen dazu, dass man störende Realitäten ausblenden muss, um die ideale Gemeinde, den idealen Pfarrer oder den idealen Jugendgruppenleiter zu schützen. Gegen Einheitssehnsüchte hilft eine Theologie der Vielfalt und gegen Utopien hilft es, immer wieder die Wirklichkeit in ihrer widersprüchlichen Kompliziertheit theologisch einzublenden.
  1. Keine Angst vor Prävention

Inken Tremel vom DJI hat von „good practice“ in einer Pfarrgemeinde berichtet. Dort wurde mit vielen Beteiligten eine lokale Präventionstrategie entwickelt. Zugleich zeigt sich ein Problem, wenn die Bemühungen um Prävention nicht nur erhöhte Sensibilität, sondern erhöhte Angst erzeugen. Die generelle Absage von Kommunionwochenenden oder die Entscheidung nur noch geschlechtergetrennte Veranstaltungen durchzuführen sind keine Lösungen und sollten nur als situative Etappen auf einem Weg verstanden werden. Problematisch wäre die Linie: Dann vermeiden wir überhaupt alles, was irgendwie sexuell konnotiert ist. Dann wäre Präventionsarbeit unter der Hand Teil des Problems, würde nämlich gegen ihre Absicht dazu beitragen, Sexualität und Macht zu tabuiseren.

Eine realistische Sprache zu finden für Sexualität, für Nähe-Distanz-Probleme und für reale Machtverhältnisse – Utopie oder Heterotopie?

In der Kirche eine realistische Sprache zu finden für Sexualität, für Nähe-Distanz-Probleme und für reale Machtverhältnisse, das würde helfen – aber vielleicht ist auch das schon eine Utopie, also ein Ort, den es nicht gibt. Wo es allerdings passiert wird aus der Utopie eine Heterotopie (Michel Foucault), ein ereignishafter Ort, an dem Kirche in der Welt schon einmal anders und hoffentlich besser funktionieren. Eine Kirche ganz ohne (sexualisierte) Gewalt – von dieser Utopie beginnt sich die Kirche mit den Präventionsbeauftragten jedenfalls zu verabschieden.

Michael Schüßler ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Tübingen und Mitglied der feinschwarz-Redaktion.

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