Pro Pope Francis

Zusammen mit Tomáš Halík hat Paul M. Zulehner eine vielbeachtete internationale Unterschriftenaktion zur Unterstützung von Papst Franziskus gestartet. Hier erklärt er, warum es sich lohnt zu unterschreiben – und wohin das alles noch führen kann.

Es war der Abt von Pannonhalma, Bischof Asztrik Várszegi, der mir als Erster die Frage stelle, ob der Papst eine solche Unterstützung nötig hat. Es sollte so nicht sein, meinte er. Auch Kardinal Christoph Schönborn betonte, dass doch jeder Bischof treu zum Papst stehe, Kardinäle bis aufs rote Blut sogar!

Aber es geht hier nicht um die Papsttreue. Bleibt diese nämlich allgemein gehalten, würde man in Wien sagen: „No na net!“ Obgleich – auch da zögere ich. So, wie mancher ungarische Bischof agiert, scheint ihm bei der Weihe eher die Regierungserklärung des Landes denn das Evangelium aufs Haupt gelegt worden zu sein.

Es geht nicht um den Papst, sondern den Weg der Kirche

Worum es jedoch geht, ist der Weg, den die Kirche unter dem jeweiligen Papst einschlägt. Man kann, um konkreter zu werden, den Weg des Zweiten Vatikanischen Konzils (wieder) entschlossen gehen, oder einen modifiziert anderen einschlagen. Man kann das Gesetz, das die Juden als Thora als ganz heilig ansehen, entweder legalistisch oder im Rahmen des Erbarmens auslegen. Man kann sich vorrangig an die Moralnormen und die Dogmen halten und diese auf die Menschen anwenden (wie „Felsblöcke auf sie werfen“, so Papst Franziskus wörtlich), oder man geht vom Einzelnen aus, der in den Augen Gottes unendlich wertvoll ist, und versucht mit ihm Schritte in Richtung des Evangeliums zu gehen. Dann stellen die einen das Lehramt in die Mitte und andere das Gewissen, ohne dass letztlich niemand auf eines davon verzichtet, weil das Gewissen durch Machtspiele und Interessen verschattet sein kann und weil das Lehramt klerikal verkommen kann.

Nicht gegen, sondern für

Um diese Auseinandersetzung über den Weg der Kirche geht es also konkret. Daher richtet sich die Aktion „ProPopeFrancis“ nicht gegen eine Gruppe von Persönlichkeiten in der Kirche, sondern steht für eine pastorale Kultur, einen Weg, den die Kirche einschlagen möge. Schon Papst Johannes Paul II. hat diesen programmatisch angekündigt, als er Papst wurde: „Der Mensch ist der Weg der Kirche“. Auch er hat in seinem Schreiben über die familiäre Schicksalsgemeinschaft (Familiaris consortio, 1981) darauf gedrungen, den kostbaren Einzelfall zu sehen. Aber in der Durchführung hat den Papst wohl die Moraltheologie, die er vor seiner amtlichen Karriere dozierte, an weiteren pastoralen Schritten gehindert.

Neue Pastoralkultur

Manche stoßen sich vielleicht an diesem halbprofanen Begriff einer „jesuanischen Pastoralkultur“. Der Offene Brief verwendet ihn aber gezielt, weil er deutlich macht, worum es Papst Franziskus geht. Er setzt klare pastorale Akzente und möchte die Kirche in all ihren Teilen und Ebenen für diese gewinnen. Deutlich werden überkommene Akzente verschoben.

Zunächst von der Sünde zur Wunde, genauer, das Verständnis der Sünde vertieft sich. Sünde wird nicht mehr legalistisch simplifiziert, sondern als tiefe Verwundung gesehen, als Selbstverwundung, Verwundung der anderen (z.B. in Beziehungen), Verwundungen der Armen und der Natur.

Nicht Gerichtssaal, sondern Feldlazarett

Deshalb ist unter Papst Franziskus die Kirche nicht mehr ein Gerichtssaal, sondern ein Feldlazarett. Der Beichtstuhl hört dann auf, eine (moralische) Folterkammer zu sein; er wird ein Ort der Heilung. Das signalisiert eine markante und folgenschwere Verschiebung: nämlich vom Moralisieren zum Heilen.

Damit verschiebt der Papst den Akzent auch „vom Gesetz zum Gesicht“. Das Gesetz soll, umfangen vom Erbarmen Gottes, dem einzelnen Menschen als Leuchte und Orientierung dienen, um sein Leben in Richtung auf Heilung, Liebe, Heil – letztlich auf Gott hin ausrichten zu können.

Antonio Spadaro, Mitbruder des Papstes, aus dem Jesuitenorden wie dieser, Chefredakteur der renommierten Zeitschrift La Civiltá Catholica, wurde einmal gefragt, ob der Papst rechts sei oder links, progressiv oder konservativ? Seine Antwort: Diese Alternativen treffen auf den Papst überhaupt nicht zu. Ihm gehe es um eine gänzlich andere Alternative: ob jemand ein Ideologe ist oder ein Hirte. Daher kann der Papst sagen: „Ich träume von einer Kirche als ‚Mutter und Hirtin‘“. Wir haben im Offenen Brief hinzufügt: „Wir teilen diesen Traum“.

Wir teilen diesen Traum

Die Aktion „Pro Pope Francis“ startete am 17.Oktober 2017. Wir, das sind Tomáš Halík von Prag (Religionsphilosoph und Templetonpreisträger 2014) und ich, dachten, eine kleine Aktion! Eine einfache Homepage. Kein Sekretariat, das mach ich selber, sagte ich mir. In wenigen Tagen explodierte die Aktion förmlich. Inzwischen haben über 45000 Menschen den Offenen Brief unterstützt. Darunter sind – neben allen engagierten Christen, denen die Ausrichtung der Kirche ein Anliegen ist – herausragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, wie Wolfgang Thierse (Bundestagspräsident a.D.), László Sólyom (Staatspräsident von Ungarn 2005-2010), Charles Taylor (einer der wichtigsten Moralphilosophen der Welt), Rocco Buttiglione (Europaminister Italiens a.D.), Erhard Busek (Vizekanzler a.D. in Österreich) und der Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken Thomas Sternberg. Dazu gesellten sich Missionarinnen von Taiwan und aus afrikanischen Ländern, Ordensoberinnen und Ordensobere. Einige Bischöfe haben sich eingereiht: Fritz Lobinger und Kevin Dowling von Südafrika, Erwin Kräutler von Xingu in Brasilien, Vaclav Maly von Prag. Und auch der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer.

Offene Mitte der Kirche

Manche haben längst beobachtet, dass kaum Bischöfe unter den Unterzeichnern sind. Das gilt auch für die angefragten Landesbischöfe der Evangelischen Kirche Heinrich Bedford-Strohm und Michael Bünker. Beide ließen mich wissen, wie sehr sie den Papst schätzen und auch unsere Initiative ProPopeFrancis. Aber sie möchten lieber nicht unterschreiben. Dann wurden noch „gute“ Gründe genannt, wie: Es könnte vielleicht dem Papst sogar schaden, wenn die Bischöfe unterzeichnen. Nun gut. Wer kennt schon die „wahren“ Gründe? Was den Bischöfen freilich nicht passieren sollte, ist, sich nicht nur von den Flügeln der Kirche abständig zu halten, sondern nunmehr von deren offenen Mitte. Denn von dort her kommt die Initiative ProPopeFrancis.

Interkontinentales TheologInnen-Netzwerk

Nicht zuletzt unterzeichneten den Offenen Brief aber inzwischen über 800 akademische Theologinnen und Theologen. Und das aus aller Welt. Die Aktion bekundet also weltkirchliche Unterstützung. Die Liste der Namen liest sich wie ein „Who is who“ in der Theologie der katholischen Kirche weltweit: von Tokyo bis Fortalezza und Sao Paolo, von Havard bis Oxford, von Puna bis Warschau (Man kann die Liste selbst einsehen unter www.pro-pope-francis.com ; dort kann man sich auch unter die vielen Unterstützenden eintragen). Ohne es zu beachsichtigen, ist informell ein Interkontinentales Netzwerk von TheologInnen und Theologen entstanden. Tomáš Halík und ich überlegen derzeit, wie wir dieses Geschenk an Theologie und Kirche nützen könnten.

Dezentralisierung der Weltkirche

Vielleicht können die beteiligten Fachleute für ihren Kontinent umreißen, wohin der Weg die Kirche unter Franziskus führen sollte. Das würde zwei Anliegen des Papstes auf theologischer Ebene aufgreifen: Die Dezentralisierung der Weltkirche in kontinentale „Patriarchate“ (ein Begriff, den schon Joseph Ratzinger als Theologe vorgeschlagen hatte) und das, was der Papst in „Evangelii gaudium“ (Die Freude des Evangeliums), also seiner Regierungserklärung, „Inkulturation“ nennt. Dabei ist diese nicht so zu verstehen, dass das Evangelium eben das Mäntelchen einer bestimmten Kultur umgehängt bekommt. Dann tanzen Christen afrikanischer Länder im Gottesdienst und wir sitzen wie in einer Bildungsveranstaltung steif in unseren Bänken. Vielmehr ist „Inkulturation“ (ich sage mit Johann B. Metz lieber „Kulturation“) eher ein wechselseitig befruchtender Vorgang. Das Evangelium fließt in die Kultur und formt deren Menschlichkeit und Solidarität vorab mit den Armgehaltenen der Welt mit. Umgekehrt aber reinigen und vertiefen die Kulturen der Welt das Verständnis des getreulich überlieferten Evangeliums.

Ein Offenes Projekt

Tomáš Halík und ich haben nicht nur einen Offenen Brief verfasst. Auch der Verlauf der Initiative ist immer noch offen. Wir haben einen Prozess in Gang gesetzt, ohne absehen zu können, was aus diesem wird. Ein wenig sind wir dabei in die Schule des Papstes gegangen. Auch er hatte mit der Familiensynode einen für katholische Usancen ergiebigen Prozess in Gang gesetzt, der übrigens lokalkirchlich längst nicht abgeschlossen ist. Manche fragen, wie lange man die Initiative noch durch eine Eintragung auf der Homepage unterstützen kann. Die sichere Antwort lautet: auf jeden Fall jetzt. Vielleicht macht es Sinn, mit dem Ende des Kirchenjahres die Aktion zu beenden, die Homepage zu schließen und das unverhoffte prächtige Ergebnis dem Papst zu überreichen – wie immer das auch geschehen mag. Insgeheim hoffe ich aber, dass die Aktion informell weiterläuft und der Papst sich dauerhaft der Unterstützung der breiten Mitte einer offenen Kirche sicher sein kann.

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Paul M. Zulehner, emeritierter Professor für Pastoraltheologie/Wien.

Bildquelle: www.pro-pope-francis.com

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