Staub zu Staub. Überlegungen zum Ascheritus

Johann Pock (Wien) geht Verständnismöglichkeiten des Ascheritus nach. Humus, Humanität und Humilität stehen dabei in einem inneren Zusammenhang – und dies nicht nur sprachgeschichtlich.

Üblicherweise verbinden wir mit dem Aschermittwoch den großen Einschnitt zwischen der ausgelassenen, lustigen Zeit (je nach Region Fasching/Fasnacht/Karneval) und der österlichen Bußzeit. Der Aschermittwoch beendet jäh das bunte Treiben – zum Leidwesen der einen, zur Freude (verbunden mit einem Aufatmen) manch anderer.

Und wir verwenden dabei in den Gottesdiensten die Asche. Das Bestreuen des Hauptes bzw. das Bezeichnen der Stirn mit der Asche, gewonnen aus den verbrannten Palmzweigen des Vorjahres (zumindest im katholischen Ritus), soll die Vergänglichkeit des Menschen deutlich machen. So weit – so klar und „the same procedure as every year“.

Anne Elvey bringt mich mit ihren Überlegungen über die ökologische Krise und unser menschliches Verhältnis zur Schöpfung  zu einem etwas anderen Verständnis des Aschermittwochs, wenn sie schreibt: „In dieser Zeit einer fortdauernden ökologischen Krise liegt unsere menschliche Berufung vielleicht in einer solchen neuen Demut (Humilität) mit allen Anklängen von Erdboden (Humus) und Menschlichkeit (Humanität), die darin mitschwingen.“[1]

Demut gegenüber der Schöpfung

Die Asche als stilisiertes Symbol der Vergänglichkeit gewinnt damit eine neue Tiefe. Es geht damit nicht nur um die persönliche Besinnung; um ein persönliches Fasten; um Vorsätze, sich zu bessern. Neu aufgegangen ist mir durch Elvey, dass es auch um eine Demut gegenüber der Schöpfung geht: Vom Staub genommen zu sein – und zu ihm zurückzukehren. Das bedeutet doch nichts anderes, als sich selbst als kleinen Teil der großen Schöpfung wahrzunehmen – und nicht als die Krone, den Beherrscher, ja sogar den Ausbeuter derselben.

Zumindest der menschliche Körper ist ja geformt aus den Elementen dieser Erde. Er erneuert sich mehrmals im Leben und beeinflusst wesentlich auch den menschlichen Geist. Gen 3,17-19 macht dies deutlich: „Mit Schweiß im Angesicht wirst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden. Von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, und zum Staub musst du zurück“. Gott formt den Adam aus der Adama, den Menschen aus der Erde. Sie gehören zusammen. Ohne die Erde ist der Mensch nicht zu denken.

Humus – „Asche ist wertvoll“

Die Asche wird häufig als Bild der Vergänglichkeit und Wertlosigkeit angesehen (vgl. Gen 18,27; Jes 44,20; Ijob 30,19). Das Bestreuen des Hauptes mit Asche und Staub war (und ist für viele immer noch) Zeichen von Trauer und Buße. Dass Asche Vergänglichkeit bezeichnet, damit kann ich mich anfreunden – jedoch nicht mit der Wertlosigkeit von Asche. Sie ist vielmehr Dünger; sie ist Reinigungsmittel – und sie  besteht aus jenen Mineralien, die die gesamte Erde aufbauen. Interessanter Weise stellt aus chemischer Sicht die Bestimmung der Asche eine Reinheitsprüfung von organischen Substanzen dar (denn die Asche ist das Maß für den Mineralstoffgehalt von Lebewesen). Davon ausgehend ist die Asche nicht Zeichen der Wertlosigkeit, sondern die Reduktion auf die Grundstoffe.

Humanität als Basis des Menschseins

Die Asche ist also bestimmt durch das Fehlen von etwas: Sie ist Reduktion, Zurückführung auf einen Urzustand. Was aber fehlt dann bei der Asche? Der Asche fehlt das Leben, der Geist, die Lebendigkeit; es ist der „Lebensodem“, wie es die biblische Schöpfungserzählung ins Bild bringt. Schöpfungstheologisch gibt es dieses Leben aber nur in Verbindung mit dem Humus, mit der Erde. Wenn ich meinen Geist und das Leben pflegen will, dann kann das nicht gegen die Grundstoffe des Lebens geschehen.

So gesehen führt der Ascheritus den Menschen auf die Frage zurück: Bedenke Mensch, woraus du im Kern bestehst. Bedenke, was deine eigentliche Bestimmung ist. Und auch wenn das materiale Substrat des Menschen dann der Humus (Staub) ist, erschöpft sich das Menschsein nicht darin. Denn Menschsein ist ohne Geist, Vernunft und Gewissen nicht vollständig. So wird die Humanität zur Basis dessen, was in den Menschenrechten formuliert ist: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Geschwisterlichkeit begegnen.“ (Art. 1 der UNO-Menschenrechtscharta)

Humilität – das Wissen darum, dass menschliches Leben Geschenk ist.

Elvey benennt aber die „neue Humilität“ als Herausforderung für die Menschlichkeit angesichts der vorfindbaren Zerstörungen des menschlichen Lebensraums. Gerade das Neigen des Hauptes und das Bezeichnen-Lassen mit der Asche ist ein solches Zeichen von Humilität: das Wissen darum, dass menschliches Leben Geschenk ist, nicht Leistung. Der Ascheritus will den Menschen damit nicht klein und servil machen; ihn versklaven und entmächtigen. Vielmehr zeigt er dem Menschen seine Grenzen auf: Er ist nicht mehr als alle anderen auch – nämlich Staub vom Staub. Zugleich aber hat er Geist – und damit eine Verantwortung füreinander und für die gemeinsamen Lebensgrundlagen.

Anmerkungen:

[1] Anne F. Elvey, Asche und Staub. Vom ökologischen (Nicht-)Sprechen über Gott, in: Concilium 45 (2009, 3), 285-295, 291.

Dr. Johann Pock ist Prof. für Pastoraltheologie und Homiletik in Wien.

Beitragsbild: http://4pg6ytlewbav5wl8.zippykid.netdna-cdn.com/wp-content/uploads/2016/01/f-aschermittwoch.png

Print Friendly