Valerie und der Priester. Stell Dir vor, Du hast ein Date – und jeder schaut zu…

Gläubiger Er in den besten Jahren sucht junge, religiös nicht sozialisierte Sie für eine zweckmäßige Beziehung auf Zeit. – Beobachtungen von David Friedrich und Janine Irtenkauf zu dem Medienprojekt ‚Valerie und der Priester’.

„Was mache ich hier eigentlich?“[1] – Das Projekt ‚Valerie und der Priester’

‚Valerie und der Priester’ wirbt selbst damit, dass es „zwei Menschen aus verschiedenen Lebensrealitäten einander begegnen lassen [will]: Großstadt- trifft auf Kirchenwelt, Freiheits- auf Traditionsliebe. Eine, die die katholische Kirche für ein verstaubtes Antiquariat hält, trifft einen, der alles für Gott gibt, weil ihm der Glaube so viel gibt.“[2] Um diese Begegnung zu ermöglichen, zieht die 25-jährige Berliner Journalistin Valerie Schönian bis Mai 2017 in regelmäßigen Abständen für einige Wochen nach Münster-Roxel, begleitet den dortigen 38-jährigen Kaplan Franziskus von Boeselager bei dessen Tätigkeiten und veröffentlicht ihre Eindrücke medial auf unterschiedlichen Kanälen wie Youtube, facebook, Twitter oder der eigenen Homepage. Vor allem möchte Valerie Franziskus aber viele Fragen zu dessen Lebensentwurf stellen. Und „der Priester“, der den Blog während des Jahres nicht lesen möchte, um authentisch zu bleiben, sichert der jungen Journalistin auch zu, ihr auf alle Fragen zu antworten.

„One of us“[3]? – Die Faszination des Projekts

Sicherlich ist es genau dieses vermeintliche Aufeinandertreffen von Kirche und Welt, das dem Vorhaben so viel Resonanz beschert: Tageszeitungen wie die Rheinische Post räumen dem Projekt entsprechend Platz auf der Titelseite ein und die facebook-Präsenz von ‚Valerie und der Priester’ wird gegenwärtig von fast 10.000 Personen mit „gefällt mir“ bewertet.[4] Es scheint ein besonderer Reiz zu sein, einem Priester im Alltag ganz genau über die Schulter schauen zu dürfen und ihn dabei auch noch all das zu fragen, was man sich selbst in einem persönlichen Gespräch nie zu fragen trauen würde. Während Valerie in ihrer offenen Art zum einen selbst kritische Themen anspricht und darüber hinaus regelmäßig die User zum eigenen Nachfragen animiert, wirkt auch das Gegenüber, Kaplan Franziskus, sehr nahbar, selbstbewusst und weicht keiner Frage aus. Auf den ersten Blick passt die Mischung: zwei authentisch wirkende, sympathische Menschen aus unterschiedlichen Kontexten treffen aufeinander, leben eine Zeit lang zusammen und tauschen sich in Gesprächen auf gleicher Augenhöhe über ihre jeweilige Lebenswelt aus, ohne sich gegenseitig bekehren zu wollen.

„Sein oder Schein?“ – Irritationen in Bezug auf das Projekt

Doch bald schon bekommt diese dem Nutzer vermittelte, scheinbar ideale Welt erste Risse. Während Franziskus und Valerie nämlich – mal mehr und mal weniger – bodenständig und „hemdsärmelig“ wirken, steht die Art und Weise der medialen Präsentation diesem ersten Eindruck diametral entgegen. Schon an der Homepage wird ersichtlich, wie viel Geld hier für professionelle Fotos und Videos sowie für die Pflege der Internetpräsenz in den sozialen Netzwerken investiert wird. Gekrönt wird alles von dem katholisch-trendigen gelb-weißen Corporate Design, in dem der gesamte Online-Auftritt erstrahlt. Das anfangs noch persönlich wirkende „Date“ zwischen Valerie und dem Priester scheint so immer mehr zur Massenveranstaltung zu werden: Nach außen hin ein Produkt für mehrere tausend Konsumenten und im Hintergrund offensichtlich ein finanziell potenter Geldgeber.

Man braucht nicht lange zu suchen, um herauszufinden, dass es sich bei dem gesamten Projekt nicht, wie zumindest unbewusst suggeriert, um die Idee einer interessierten Journalistin handelt, sondern vielmehr um einen Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentrums für Berufungspastoral. „Nach dem Anlass für diese Kampagne gefragt, gibt der Direktor des Zentrums, Michael Maas, eine ehrliche und einfache Antwort: ‚Wir machen das, weil das Image der Priester besser sein könnte.’“[5] Mit dem Projekt wolle man keine neuen Priester gewinnen, aber doch „Vorurteile abbauen und zeigen, wie spannend der Alltag eines Priesters sein kann.“[6]

Dialog auf Augenhöhe?

In Anbetracht dieser expliziten Zieldefinition ist es aber notwendig zu fragen, ob ein wirklicher Dia(!)-log bzw. eine Begegnung auf Augenhöhe, wie sie in den Artikeln Valeries immer wieder beschworen wird[7], überhaupt möglich ist. Exemplarisch sei hier auf vier sich gegenseitig bedingende Aspekte hingewiesen:

  • Der Titel: ‚Valerie und der Priester’ – ein Name und eine Berufsbezeichnung. Schon hier ist eine gewisse Asymmetrie zu erahnen: Zentral geht es eben nicht um Valerie und Franziskus, sondern um „den Priester“, dessen Wirken auch aufgrund der Vermittlung und Porträtierung durch eine fremde Person einen besonderen Reiz erhält. Von dem Priester als eine Art Gattungsbegriff zu sprechen und vielleicht zu suggerieren, „den Priester“ an sich vorstellen zu wollen, erscheint von der Zielsetzung her verständlich, wird im Einzelfall jedoch kaum gelingen, da auch in dieser „Berufsgruppe“ der einzelne Mensch entscheidend ist, der dieses Amt ausübt. Natürlich kommen daher in dem hiesigen Projekt bei Franziskus individuelle Züge sowie eigene Überzeugungen zum Vorschein. Dabei wirkt „der Priester“ allerdings in seinem Auftreten redlich bemüht, mit [s]einem Glaubenszeugnis […] auf dem Boden des Lehramts [zu] bleibe[n]“[8] und mit keiner Handlung oder Äußerung „Anstoß“ zu erregen. Hier stellt sich durchaus die Frage, ob es nicht auch Priester gibt, die sich trauen, zu bestimmten lehramtlichen Aussagen kritisch Position zu beziehen und so zwar streitbarer, aber vielleicht anschlussfähiger für bestimmte Zielgruppen sind.
  • Das Problem mit der Augenhöhe: Die asymmetrische Ausgangssituation bleibt auch in einigen Blog-Einträgen spürbar. So wirkt Valerie zwar durchweg sympathisch, ist aber scheinbar aufgrund ihres Geschlechts, ihres Alters und ihrer fehlenden religiösen Sozialisation bzw. ihrer nicht vorhandenen theologischen Ausbildung oftmals in die Rolle der manchmal fast schon hilflos und kindlich-naiv Fragenden gedrängt. Franziskus selbst wirkt vor dieser Hintergrundfolie umso überzeugender, sein Wort hat Gewicht. Unterstützt durch verschiedene Features, wie „Das ist Franziskus“ oder „Eure Fragen [an Franziskus] im Video“[9], wird die Person des Priesters auf den Sockel gestellt. Zu selten dreht sich dieses „Frage-Antwort“-Schema um, zu selten scheint auch die „Welt“ etwas der „Kirche“ zu sagen zu haben und zu selten erscheint „die Kirche“ oder „der Priester“ als interessierter Zuhörer und Lernender.
  • Die Ausbildung der Personen: Valerie legt in dem Artikel „Elfriede sei mit dir“[10] slapstickartig dar, wie sie bei einem ihrer ersten Gottesdienstbesuche bei Franziskus den Friedensgruß angeblich für eine Vorstellrunde („Elfriede“ – „Valerie“) hält. Als Einstieg und „vertrauensbildende Maßnahme“ ist diese Geschichte sicher nett, aber dadurch wird auch hier das Bild von einer jungen und naiven Frau gezeichnet, die recht unbedarft an ihre Aufgabe herangeht – Augenhöhe ist das nicht. Selbstverständlich ist bei dem gewählten Format klar, dass es gar nicht erwünscht ist, Valerie plötzlich in einen abgehobenen theologischen Fachdiskurs eintreten zu lassen. Vielleicht sollen gerade durch die etwas naiven Fragen und die scheinbar nicht vorhandene religiöse Sozialisation auch die Anliegen von „außen“ möglichst authentisch formuliert werden. Allerdings muss dann zu fragen erlaubt sein, welches Bild von „außen“ den Auftraggebern dieses Projektes vorschwebte. Sicherlich wäre es auch möglich gewesen, ein Gegenüber für Franziskus zu finden – etwa einer vom Kaliber eines Heribert Prantl –, das ihn aufgrund der eigenen Sozialisation und Ausbildung hätte noch mehr fordern und dadurch dem gesamten Projekt mehr Tiefe hätte verleihen können.

Kritische Perspektive

  • Kritische Perspektive und Entschleunigung: Valerie Schönian macht ihre Sache dennoch ordentlich, stellt viele „richtige“ Fragen, legt den Finger in offene Wunden, wie etwa in „das Frauenthema“[11] und traut sich auch zu schreiben, wenn sie mit einer von Franziskus’ Überzeugungen nicht mitgehen kann. Gelegentlich scheint es aber, dass die Autorin nach der Schilderung eines Streitgespräches zu schnell wieder auf Harmonie bedacht ist und einzelne Artikel so doch zu kitschig enden.[12] Zudem dürften von einer links-liberalen jungen Journalistin, wie Valerie von der Erzdiözese Wien beschrieben wird[13], durchaus auch andere Gewohnheiten von Franziskus, etwa der Flug nach München zur Primiz eines Freundes, kritisch hinterfragt werden. Denn eine Bahnfahrt wäre nicht nur aus Gründen des Umweltschutzes begrüßenswert, sie würde den beiden auch die oftmals gewünschte[14] Entschleunigung ermöglichen und ihnen so die Chance verschaffen, einzelne Themen und Diskussionen wirklich mit den erforderlichen zeitlichen Ressourcen anzugehen. Zeitmangel scheint oft der Grund dafür zu sein, dass ein Gespräch nicht weiter geführt wird und ein Thema bzw. der Dialog nicht vertieft werden kann. Bei vielen Fragen wird nur an der Oberfläche gekratzt und scheinbar lapidare, standardisierte Antworten aus vermeintlich katholischer Perspektive gegeben. Als Leser wünscht man sich hier, gerade im Hinblick auf den weiteren Projektverlauf, mehr Tiefe und Inhalt sowie Antworten, die zum Weiterdenken und Diskutieren anregen – ein hoher Anspruch, der bei einem Projekt dieser Größe und dieses zeitlichen Umfangs aber durchaus gestellt werden kann. Letztlich würde dies auch die Wertschätzung gegenüber einer Journalistin zum Ausdruck bringen, die sich ein Jahr Zeit nimmt, um durchaus wohlwollend den Beruf und die Person des Priesters wie auch die Ansichten der katholischen Kirche kennen und verstehen zu lernen. Wäre es daher nicht angebracht, dass auch Franziskus den Begegnungen mit Valerie mehr Raum gibt und Gespräche nicht nur zwischen Tür und Angel, etwa auf Autofahrten stattfinden, sondern einen wiederkehrenden Platz in dessen Wochenablauf einnehmen?

„You have to win Zweikampf“[15]? – Fragen und Wünsche an das Projekt

Das Konzept von ‚Valerie und der Priester’ soll keinesfalls negativer gesehen werden, als es ist. Der Ansatzpunkt ist höchst interessant – und doch scheinen einige Aspekte noch unklar zu sein. Offen bleibt etwa, an welche Zielgruppe sich das Projekt wenden möchte. Gegenwärtig könnte man den Eindruck gewinnen, dass sich besonders junge, kirchlich sozialisierte Personen davon angesprochen fühlen. Für sie scheint ‚Valerie und der Priester’ einen passenden Mix aus bekannten und befremdlichen Elementen, aus Glaubenszweifeln und Glaubensgewissheiten bereit zu halten.[16] Dennoch bleibt zu fragen, ob es dieses von kirchlicher Seite inszenierte Projekt auch in der „Realität“ geben würde. Würde sich eine religiös nicht sozialisierte Journalistin wirklich so viel Zeit nehmen, um zu versuchen, ein System zu verstehen, das mit der eigenen Lebenswelt scheinbar nichts zu tun hat? Wird hier nicht nur ein Publikum bedient – vielleicht auch, indem durch eben jene Journalistin ein vermeintlicher „Außenkontakt“ konstruiert wird –, das sowieso schon in der Kirche beheimatet ist? Dient das Projekt wirklich dem Dialog zwischen „Welt“ und „Kirche“ oder geht es eher darum, das eigene Image zu verbessern? Und läuft ein solcher Dialog dann nicht Gefahr, als Mittel zum Zweck missbraucht zu werden?

Fraglich bleibt zudem, ob es der richtige Schritt ist, das Priester-Image auf diese Art und Weise medial aufbessern zu wollen. Wenn das notwendig ist, muss im Vorfeld einiges vor Ort falsch gelaufen sein – und wahrscheinlich wäre es dann besser und konsequenter, auch vor Ort die ersten Schritte hin zu einem „Imagewandel“ zu vollziehen – in einem ehrlichen und persönlichen Aufeinandertreffen, bei dem nicht die ganze Welt zusieht.

Relevanz des Glaubens in der heutigen Zeit

Zu wünschen bleibt dem Projekt, dass es sein durchaus vorhandenes kritisches Potential beidseitig zur Entfaltung bringen kann. Sicher ist dies in letzter Konsequenz schwierig, wenn der Geldgeber und Initiator eindeutig einem der beiden im Projekt dargestellten Lebenskontexte zuzuordnen ist, aber Ansätze für eine ehrliche Begegnung sind durch Valeries Nachfragen und Franziskus’ authentisches Leben durchaus vorhanden.

In ‚Valerie und der Priester’ geht es nicht um einen Zweikampf unterschiedlicher Lebensdeutungen, es geht nicht um „gewinnen“ oder „verlieren“. Aber zugleich ist der Diskurs der beiden Protagonisten auch nicht belanglos. Es geht hier um nicht weniger, als um verantwortbares Reden von Gott sowie um die Relevanz des Glaubens in der heutigen Zeit. Hierfür ist es ganz entscheidend, andere Lebensentwürfe aktiv wahrzunehmen und einen aufrichtigen Austausch von Meinungen sowie das anständige Austragen von Konflikten zu ermöglichen. Wenn ‚Valerie und der Priester’ Menschen hierzu ermutigt, dann hätte dieses Experiment wahrlich schon viel erreicht.

David Friedrich und Janine Irtenkauf 

[1] https://valerieundderpriester.de/trailer-valerie-und-der-priester-7ed78878119b#.a5046pwdt (Stand: 03.08.2016).

[2] https://valerieundderpriester.de/valerie-und-der-priester-3e7097132bb2#.amkmzaq76 (Stand: 03.08.2016).

[3] https://www.youtube.com/watch?v=0CdDUJpAe98 (Stand: 04.08.2016).

[4] vgl. https://www.facebook.com/valerieundderpriester/photos_stream (Stand: 03.08.2016).

[5] http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/valerie-und-der-priester (Stand 03.08.2016).

[6] ebd.

[7] vgl. https://valerieundderpriester.de/das-frauenthema-19a1a8e6a57c#.64zov6evs (Stand: 04.08.2016): „Als ‚Valerie und der Priester’ online ging, begegnete ich oft zwei Erwartungen: Katholiken dachten, ich werde am Ende des Jahres zu Gott finden. Freunde von mir dachten, Franziskus hängt das Priesterleben nach diesem Jahr auf jeden Fall an den Nagel.

Beide Seiten sind davon ausgegangen, dass die eigene Realität die überzeugendere ist. Dass also andere diese auch besser fänden, würden sie die erstmal kennenlernen. Ich dachte, dass sie nicht verstanden haben. Bei diesem Projekt geht es nicht um eine Bekehrung von einer der beiden Seiten. Sondern um eine Begegnung.“

[8] http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/valerie-und-der-priester (stand: 06.08.2016).

[9] https://valerieundderpriester.de/nachgehakt-eure-fragen-im-video-5ad6b1ee4652#.dc92heihs (Stand: 04.08.2016).

[10] https://valerieundderpriester.de/elfriede-sei-mit-dir-da0486c6f965#.68552oihb (Stand 03.08.2016).

[11] https://valerieundderpriester.de/ich-bin-nun-mal-eine-frau-88c85ba135bc#.24o1by6hf (Stand: 03.08.2016).

[12] vgl. z.B. den Verweis auf das Lied „Aufstehen, aufeinander zugehen“:https://valerieundderpriester.de/ich-bin-nun-mal-eine-frau-88c85ba135bc#.24o1by6hf (Stand: 03.08.2016).

[13] vgl. https://www.erzdioezese-wien.at/site/home/nachrichten/article/51439.html (Stand: 03.08.2016).

[14] vgl. z.B. https://valerieundderpriester.de/verschieben-wir-das-deb97ce6e91#.h15rx1udo bzw. https://valerieundderpriester.de/ich-bin-nun-mal-eine-frau-88c85ba135bc#.y8hpado0o (Stand: 04.08.2016).

[15] vgl. https://www.amazon.de/You-Have-Win-Zweikampf-Re-Release/dp/B001SW3MFY (Stand: 04.08.2016).

[16] Dieser Eindruck verfestigt sich beispielsweise aufgrund zahlreicher Anmerkungen und Kommentare auf der facebook-Seite von ‚Valerie und der Priester’. Hier bewegt sich die Mehrzahl der Äußerungen zwischen Zustimmung, Ratschlägen für Valerie und durchaus kritischen Anfragen sowohl an Valerie als auch an Franziskus einerseits und an die Institution Kirche andererseits. Größtenteils kann aber an den Inhalten der Beiträge erkannt werden, dass sie überwiegend von kirchlich sozialisierten Personen geschrieben wurden.

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