Der Überwachungsgott und die Überwachungsgesellschaft

Mit Humor und Verstand haben sich Menschen gegen Vorstellungen von Gottes Allwissenheit zur Wehr gesetzt – mit Humor und Verstand lassen sich auch in der Big-Data-Überwachungsgesellschaft Freiheitsspielräume zurückgewinnen, findet Hanna Reichel.

Dem Pfarrer werden immer wieder aus seinem Obstgarten Früchte gestohlen, während er schläft. Erbost stellt er ein Schild auf, auf dem steht: „Gott sieht alles!“ Am nächsten Tag hat trotzdem jemand alle Kirschen abgepflückt – und an die Mahnung des Pfarrers den Kommentar geschrieben: „Aber er petzt nicht!“

Der alte Witz zeigt: Die Vorstellung, dass es jemanden gibt, der alles sieht und alles weiß, ist schon immer zur Regulierung des Verhaltens von Menschen eingesetzt worden. Aber: Menschen haben sich auch immer eine gewisse Freiheit bewahrt, mit solchen bedrohlichen Szenarien gewitzt und mit Humor umzugehen.

So haben die christlichen Mönche der Legende nach die Maultasche als „Herrgottsbscheißerle“ erfunden, damit Gott in der Karzeit nicht erkennt, dass sie doch Fleisch essen. Und manche Muslim_innen brechen Speisegebote, wenn sie im Innern eines Hauses sind: denn durch das Dach hindurch könne Gott sie schließlich nicht sehen.

Das Allwissen der ‚Surveillance Society‘

Zugegeben, solche Anekdoten beschwören heute eher ein Schmunzeln herauf. Einerseits: Wer nimmt schon Gottes allsehendes Auge und die Befolgung göttlicher Gebote so ernst, dass er daraufhin sein Verhalten reguliert? Andererseits: Vielleicht jagt uns heutzutage das göttliche Allwissen auch weniger Furcht ein als das Wissen von NSA, Google oder Facebook.

Soziolog_innen sprechen seit Jahren davon, dass wir inzwischen in einer „surveillance society“ leben, einer Gesellschaft, die in all ihren Subsystemen durch den Gebrauch von Überwachungstechnologien strukturiert ist. Bereits vor 9/11 konnte in Großbritannien im Laufe eines geschäftigen Tages eine Person von 300 verschiedenen Videokameras erfasst werden. Im Zuge des „Kampfes gegen den Terror“ wurden staatliche und geheimdienstliche Überwachungsmaßnahmen nicht nur in den USA, sondern weltweit massiv ausgeweitet – und seit Snowden wissen wir: auch weit jenseits legaler Grenzen. Unsere Internetrecherchen und unsere Äußerungen in Sozialen Netzwerken werden zu Profilen verdichtet und von großen Firmen analysiert und wie eine Ware gehandelt. Kommunikationsdaten und -metadaten verraten mehr über unsere Gewohnheiten, Vorlieben, Beziehungen und sogar Gedanken, als wir uns vorstellen können. Unterstützt durch Internet und Smartphone produzierten wir im letzten Jahr täglich 2,5 Exabyte (2,5 Milliarden Gigabytes!) neue Daten. Mit Big-Data-Anwendungen werden sie im Dienst von Sicherheit und Terrorabwehr, Marktforschung, Werbung oder medizinischer Diagnostik ausgewertet. Glaubt man Big-Data-Advokat_innen wie dem ehemaligen Chefredakteur des Technologie-Magazins Wired, Chris Anderson, so ist es nur eine Frage der Zeit, bis kein Ereignis mehr unverdatet und unregistriert bleibt – das algorithmengestützte Allwissen ist nahe herbeigekommen.

Nichts zu verbergen – nichts zu befürchten?

Gottes Allwissen geht der landläufigen Vorstellung nach mit seiner ausgleichenden Gerechtigkeit Hand in Hand: Er weiß um böse und gute Taten und Gedanken, reagiert mit Zorn und Wohlgefallen, belohnt und bestraft. Politisch pflegen wir das Narrativ, Überwachung diene der Sicherheit der Bevölkerung und dem Schutz vor Terror und Kriminalität, in der Wirtschaft führe sie zu genauer auf die Bedürfnisse der Kund_innen zugeschnittenen Angebote und Lösungen. In der Diskussion um Datensammlungs-Technologien begegnen so auch Rufe nach einem Recht auf Privatsphäre immer wieder dem Argument: „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten.“ Der Einwand lässt tief blicken. Nicht nur verzichtet er schulterzuckend auf ein Menschenrecht, sondern er kriminalisiert geradezu diejenigen, die es verteidigen und stellt sie unter Generalverdacht. Dies spiegelt leider auch eine andere Realität wieder: Personen, die einer Überwachung ihrer Kommunikation zu entgehen versuchen, ziehen gerade dadurch verstärkte Überwachung auf sich. So reicht es etwa aus, dass ich im Internet nach Informationen über das TOR-Netzwerk suche, damit die NSA eine Akte über mich anlegt. Ein Menschenrecht in Anspruch zu nehmen, sollte allerdings nicht weiter begründungsbedürftig und erst recht nicht an sich verdächtig sein.

Die Frage nach der Möglichkeit menschlicher Freiheit

So schwerwiegend die Diskussionen um Datenschutz sind, berühren sie m.E. aber doch nur die Oberfläche. Was schon in theologisch-scholastischen Reflexionen über Gottes Allwissenheit zutraf, gilt auch hier: Es geht gar nicht so sehr um Fragen der Privatsphäre. Es geht vielmehr um die Frage nach der Möglichkeit menschlicher Freiheit. Traditionell-theologisch lautete die Frage: Wenn Gott meine vergangenen und gegenwärtigen, aber auch meine zukünftigen Gedanken und Handlungen kennt, sind sie dann nicht dadurch schon determiniert? Wenn es Allwissenheit gibt, ist dann der freie Wille, die freie Entscheidung, das freie Handeln des Menschen nicht eine Illusion?

Nun sind Überwachungs-Technologien selbstverständlich nur Daten aus der Gegenwart zugänglich, die sich mit fortschreitender Zeit zu umfangreichen Archiven der Vergangenheit ansammeln. Doch das Wissen über die Vergangenheit wirkt auch in diesem Bereich nachweislich festlegend auf die Zukunft – und zwar ganz ohne den Appell an das bewusste Ich, sein Verhalten zu regulieren. Dies beginnt im Kleinen: Wenn Suchmaschinen meine vergangenen Anfragen berücksichtigen, schlagen sie mir daraufhin andere Ergebnisse vor als meinem Büronachbarn bei der wortgleichen Suche. Selbstverständlich habe ich weiterhin die Wahl, worauf ich klicke oder welches Produkt ich kaufe. Aber: Die für mich sichtbare Welt, innerhalb derer ich meine Entscheidung treffe, ist in einer bestimmten Weise vorstrukturiert und hierarchisiert – und das ist eben nicht neutral, sondern berührt die Bedingungen der Möglichkeit meines Wählens.

Sichtbarkeitsregime und Zukunftsmächtigkeit

In der Strafverfolgung ist „Predictive Policing“ ein neuer Daten-basierter Trend, der zukünftige Verbrechen vorhersagen kann, weil Kriminelle zwar nicht immer Spuren hinterlassen, aber in der Auswertung ihres Vorgehens Muster und statistische Wahrscheinlichkeiten erkennbar werden. Wird „Minority Report“ Wirklichkeit? Aktuell werden die Vorhersagen vor allem dazu eingesetzt, Vergehen zu verhindern. Doch jemandem Schuld für eine akkurat vorhergesagte, aber zukünftige – und also (noch) nicht begangene – Tat zuzusprechen, ihn gar aufgrund dessen zu verurteilen, ist für menschliche Gerechtigkeit noch um einiges problematischer, als es schon für die göttliche ist.

Das Sichtbarkeitsregime und die Zukunftsmächtigkeit erstrecken sich nicht nur auf den privatwirtschaftlichen und den kriminologischen, sondern auch den politischen Sektor. Experimente zeigen, dass große Internetkorporationen die Macht haben könnten, den Ausgang demokratischer Wahlen zu beeinflussen. In welcher Reihenfolge und Anzahl Google bei der Suche nach politischen Kandidat_innen „positive“ oder „negative“ Meldungen über sie präsentiert, beeinflusst unmittelbar die Meinungsbildung. Wenn Facebook anzeigt, wie viele Freund_innen nach eigenen Angaben bereits gewählt haben (selbstverständlich nicht, was sie gewählt haben), erhöht das nachweislich die Wahlbeteiligung – würde dieser Mechanismus selektiv gehandhabt, könnten dadurch bestimmte Gruppen und Milieus auch aktiv verstärkt werden.

Das aggregierte Datenwissen ist nicht nur eine Registrierung der Vergangenheit, sondern wirkt also durchaus zukunftsgestaltend, im Großen wie im Kleinen. Dies gilt es zunächst einmal zur Kenntnis zu nehmen und in der Tragweite zu verstehen. Überwachung ist – wie jede Technik – weder an sich „gut“ noch an sich „böse“, aber sie ist auch niemals neutral. Wieder in Begriffen der Gotteslehre gesprochen, geht es bei Allwissenheit also vielleicht weniger um Gericht als um Providenz, weniger um die Erkennung und Bestrafung von Übeltäter_innen als um eine unsichtbare Hintergrundbürokratie, die den Lauf der Welt subtil lenkt. Die Algorithmen bleiben unsichtbar und uneinsehbar. Ihre Macht ist so real wie weitreichend.

Big data ist nicht einfach unser Schicksal, so wie Gott nicht die alles bestimmende Wirklichkeit ist.

In Psalm 139 heißt es von Gottes Allwissen: „Du erforscht mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es, du verstehst meine Gedanken von ferne. … Wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?“ Es ist wahr, dass es in der heutigen Gesellschaft tatsächlich unmöglich ist, sich dem Zugriff von Datensammlungs-Technologien zu entziehen. Auch wer kein Smartphone besitzt und keinen Facebook-Account hat, hinterlässt Milliarden von Datenspuren – neben denen, die seine „Freund_innen“ ganz ohne sein Wissen und seine Einwilligung über ihn oder sie hinterlassen. Dennoch: Big data ist nicht einfach unser Schicksal, so wie Gott nicht die alles bestimmende Wirklichkeit ist.

Im 20. Jahrhundert gab es, insbesondere im Gefolge der „Theologie nach dem Holocaust“, große Kritik an der Lehre von Gottes Allmacht und Allwissenheit, die zu grundlegenden theologischen Revisionen geführt hat. Sollte im 21. Jahrhundert nicht auch Kritik an menschengemachten Techniken und Systemen möglich sein? Aber selbst gegenüber einer göttlichen Allmacht, so haben Theolog_innen schon immer reflektiert, gibt es geschöpfliche Freiheitsspielräume, Ko-Kreativität und Zweit-Verursachung. Sollte nicht auch im Angesicht von digitalen Sachzwängen die Wiedergewinnung von Freiheitsspielräumen möglich sein?

Freiheitsspielräume

Eine solche Freiheit entsteht innerhalb vorgegebener Systeme durch gewitzte Reflexion, Subversion und Humor, wie in den eingangs kolportierten Anekdoten. Sie erfordert eine Auseinandersetzung mit den Realitäten durch Aufklärung und Bildung, um sich zu ihnen verhalten zu können.

Eine solche Freiheit ent-selbstverständlicht politische und ökonomische Narrative und fragt kritisch nach, zunächst: ob sie überhaupt zutreffen. Wollen Menschen in einer Welt leben, in der alle neuen Produkte und Bekanntschaften den alten nur gleichen? Werden durch mehr Überwachung von Kommunikations- und Metakommunikationsdaten wirklich Terroranschläge verhindert? Verbessert Schritte und Kalorien zählen die Gesundheit? Diese und viele andere Annahmen sind empirisch erstaunlich wenig belastbar. Und selbst wenn es stimmte, gilt es immer noch, Güter abzuwägen. Wie viel Privatsphäre „unschuldiger“ Bevölkerungen ist ein gefasster Drogendealer wert? Will ich um meiner Fitness willen zum Kontrollfreak werden? Sollte ich im sozialen Leben nicht auch mit Menschen und Meinungen konfrontiert werden und umgehen lernen, die mir fremd sind?

Eine solche Freiheit organisiert Alternativen, im Kleinen wie im Großen, im Technischen wie im Sozialen. Sie benutzt nicht nur einen Dienst, sondern mehrere – und vergleicht. Sie ist bereit, für Anwendungen andere Dinge statt immer persönliche Daten zu zahlen – etwa einige Sekunden mehr Zeitaufwand oder ein paar Cent finanziellen Aufwand.

mit Verstand und Humor

Eine solche Freiheit fragt nach Verantwortlichkeiten und sucht rechtliche Unterbrechungen ebenso wie künstlerische Störungen. Die Parole „Who is watching the watchmen?“ lässt sich auf vielerlei Weise inszenieren.

Eine solche Freiheit interessiert sich nicht nur für die Menge der Daten, sondern auch für des Wissens Zweck und Art. Sie kultiviert in einer Kultur des misstrauenden Wissenwollens – vielleicht naiv? – die Tugenden zwischenmenschlichen Vertrauens.

Zugegeben, all das ist anstrengend und etwas anderes als convenience, aber so ist das nun mal mit der Ausübung der Freiheit. Edward Snowden hat gesagt: „Arguing that you don’t care about the right to privacy because you have nothing to hide is no different than saying you don’t care about free speech because you have nothing to say.“ Selbst wenn wir meinen, nichts verbrochen und nichts zu sagen zu haben, sollten wir in Betracht ziehen, dass es sich lohnen könnte, Güter wie Privatsphäre und Redefreiheit für die Allgemeinheit zu bewahren.

Bedienen wir uns dafür unseres Verstandes, unseres kreativen Witzes, aber auch unseres Humors.

Hanna Reichel, Dr. theol., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Dogmatik und Religionsphilosophie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Bild: William Reveley (1794): Emblem für Benthams Panopticon / Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 3.0 Unported

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