Verknappung der Zeit oder Zeit in Fülle – Eine Frage der Ökonomie?

Der Regensburger Dogmatiker Erwin Dirscherl geht dem Zeiterleben nach. Anhand der Beschleunigungs-Thesen von Hartmut Rosa sowie der biblischen Zeiterfahrung in der Gottesbegegnung des Mose spürt er Mechanismen nach, dem Zeitdruck zu entkommen.

  1. Ökonomischer Zeitdruck und Unterbrechung

Nicht nur der italienische Philosoph Paul Virilio, auch wir selbst erfahren in unserer Gegenwart eine zunehmende Verknappung und Beschleunigung der Zeit. Der Zeitdruck steigt, nicht nur in der Wirtschaft, auch in den Pflegeberufen, auch in der Ausbildung. Stichworte wie G 8 oder Bolognareform stehen im Bereich der Bildung für dasselbe Phänomen: Immer mehr ist in immer weniger Zeit zu leisten. Wo haben wir noch Zeit, unsere Arbeit in Ruhe zu erledigen, wo haben wir Zeit für das Nicht-Geplante, für unsere Partner/innen und Kinder, für Träume und Phantasien, für Hobbys, für Kunst, Musik oder Sport?

Der Zeitdruck korreliert mit einem Kostendruck, denn Geld ist scheinbar die alles bestimmende Größe unserer Zeit, die sogar  darüber bestimmt, wie viel Zeit uns für uns selber bleibt. Eine Ökonomie, die nach Effizienz und Wirtschaftlichkeit verlangt, prägt unsere Lebenswelten fundamental, die Werbung und eine Flut von Bildern versuchen unsere Bedürfnisse so zu lenken, dass sie der Wirtschaft nutzen. Alles muss reibungslos funktionieren, die Ökonomie bestimmt den Takt unseres Lebens und darüber, ob wir uns Ethik leisten können. Was ist geschehen, wenn nicht der Mensch, sondern die Ökonomie das letzte Maß abgibt und wir uns scheinbar widerstandslos einer Welt überlassen, in der wir mehr die Funktionäre eines universal vernetzten globalisierten Wirtschaftsraumes als eigenverantwortlich handelnde Personen mit je einzigartiger Bedeutung zu sein scheinen?

Gestaltung braucht Zeit, die aber nicht zur Verfügung steht.

Hartmut Rosa, Beschleunigung

Der Soziologe Hartmut Rosa stellt in seiner Arbeit über die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne fest, dass wir keine Zeit haben, obwohl wir sie im Überfluss gewinnen.[1] Das Life-Magazin warnte angesichts immer neuer technologischer Entwicklungen 1964 vor einem massiven Zeitüberfluss, der zu gravierenden psychologischen Problemen führen werde, weil uns Maschinen immer mehr Zeit ersparen.[2] Wie wir wissen kam es anders. Eine ständige Erweiterung des Möglichkeitshorizontes führte zur Angst, Wichtiges zu verpassen. Die Beschleunigung lebensweltlicher Prozesse im Bereich der Informationstechnologie und der Ökonomie führen zu einer Beschleunigung sozialer und kultureller Veränderungsraten und zu dem Druck, auf dem Laufenden zu bleiben. Wer sich eine Auszeit nimmt, bekommt die Veränderungen in seinem Bereich nicht mit und muss entweder das Versäumte aufholen oder er wird im Rückstand bleiben.[3] Besonders heikel ist die Diagnose der Desynchronisation von soziökonomischer sowie wissenschaftlicher und technologischer Entwicklung auf der einen und politischem Gestaltungshandeln und Bildungsprozessen auf der anderen Seite, die zur Beschleunigung gezwungen werden und die Angst, abgehängt zu werden bei vielen forcieren. Gestaltung braucht Zeit, die aber nicht zur Verfügung steht, wenn sofort unter Druck gehandelt werden muss.

Zu Recht spricht Rosa von einer „Umstrukturierung der Wertordnung aus Zeitproblemen“.[4] „Nahezu jede Form der sozialen Anerkennung … steht unter wachsendem zeitlichen Vorbehalt: Liebes- und Freundschaftsbeziehungen geraten unter Kontingenzverdacht, und Leistungen müssen unaufhörlich erneuert und verbessert werden, wenn sie ihre Funktion der Sicherung sozialer Wertschätzung nicht verlieren sollen. Dies mag eine der wesentlichen subjektbezogenen Ursachen der oft konstatierten notorischen Unruhe und der Dominanz jener der Ideologie der Freiheit widersprechenden Rhetorik des ‚Müssens‘ in modernen Gesellschaften sein.“[5] Rosa zitiert Ödön von Horváths Bonmot: „Eigentlich bin ich ganz anders, nur komm‘ ich so selten dazu“, um die Entfremdungserfahrung, keine Zeit mehr für die wichtigen Dinge des Lebens zu haben, humorvoll zur Sprache zu bringen.[6] Aber es bleibt die nüchterne Bilanz, dass die Zeit des Heimisch- und Vertrautwerdens „mit Gefühlen und Lebensstilen ebenso wie mit Bekannten und Freunden, mit Gebrauchs- und Arbeitsgegenständen“ uns durch die Beschleunigung mehr und mehr genommen wird.[7] Ein solcher Zeitdruck muss um des Menschen willen unterbrochen werden.

  1. Menschen unter Druck und die zeiteröffnende Zwiesprache mit Gott: Mose und der Vorübergang Gottes

Mose hat Stress mit seinem Volk und mit Gott. Er steht unter Druck, denn seine Zwiesprache mit Gott und die erste Anfertigung der Bundestafeln am Sinai wurden unterbrochen durch die Geschehnisse im wartenden Volk. Mose ist schon länger weg und das Volk wird unruhig. Aaron bekommt die Situation nicht in den Griff, er lässt sich dazu hinreißen, Götterfiguren aus Gold herzustellen. Gold statt Gott, diese Maxime ist uns nicht unbekannt. Mose steigt vom Berg herunter und zerschmettert die Tafeln des Bundes. Der Krise und der Vernichtung der Sünder folgt die Bitte um Vergebung. Mose bittet für sein Volk, er erinnert Gott an seinen Eid. Er entzieht sich dem Volk, jedoch nicht aus Gleichgültigkeit. Er sucht die Distanz und die erneute Begegnung mit Gott, der den Bund erneuert und die Tafeln neu schreibt.

Die Gegenwart Gottes kann nur im Nachhinein in ihrer Sinnhaftigkeit erfasst und gedeutet werden.

Mose nimmt sich in der Bedrängnis Zeit für sich und für den vertrauensvollen Dialog mit Gott. Er ringt Gott die Zusage ab, dass er mit seinem Volk geht. Und er will Gottes Angesicht sehen. Dies aber wird ihm verwehrt. Mose will die Spannung lösen, dass Gott bei seinem Volk ist als der Entzogene, als der ganz Andere, dessen Gegenwart nicht in sichtbare Präsenz aufgehen kann. Gott kommt Mose entgegen und will seine Herrlichkeit an ihm vorüberziehen lassen. Um ihn zu schützen, stellt er Mose in eine Felsspalte und spricht:

Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich dich in den Felsspalt und halte meine Hand über dich, bis ich vorüber bin. Dann ziehe ich meine Hand zurück und du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht kann niemand schauen.“ (Ex 33,22f)

Ch. Dohmen hat mit rabbinischer Auslegung darauf hingewiesen, dass die Übersetzung „meinen Rücken sehen“ nicht adäquat ist. Vielmehr geht es um eine zeitliche Metapher. Mose wird Gott „im Nachhinein“ sehen, später, d.h. wenn er vorübergegangen ist.[8] Die Gegenwart Gottes kann nicht eins zu eins wahrgenommen werden, sie kann nur im Nachhinein in ihrer Sinnhaftigkeit erfasst und gedeutet werden. Ohne Erinnerung gibt es keine Erkenntnis der Gegenwart. Einer Gegenwart, die so unendlich geöffnet ist, dass sich in ihr sogar der zukunftseröffnende Vorübergang Gottes ereignen kann, der seine Spuren in der Zeit hinterlässt. Gott eröffnet uns den Zeitraum der Wahrnehmung und der Deutung, er lässt uns vertrauensvoll Zeit, um ihn zu entdecken! Der Vorübergang Gottes in der Zeit hinterlässt Spuren, die uns zu deuten aufgegeben sind.

Zeit bedeutet Nähe Gottes, der in Distanz zu uns steht, um uns nahe zu sein.

Was geschehen ist, ist nicht eindeutig. Wir haben unsere Freiheit als Verantwortung zu leben. Was passiert in meinem Leben, welche Spuren hinterlasse ich, welche Spuren hinterlassen Begegnungen mit anderen Menschen und mit Gott in meinem Leben? Das zeigt sich erst im Nachhinein, wenn wir Geschehenes bedenken und zur Sprache bringen. Uns geht es wie Mose. Auch er muss zu den Seinen von einem Gott sprechen, der ihm begegnet, aber nicht einfach verfügbar geworden ist. Das Phänomen einer unverfügbaren Gegenwart konfrontiert mit einer Unsichtbarkeit, die in der Sprache  nicht einfach überspielt werden kann. Kann ich die Bedeutung oder den Sinn eines Geschehens sehen? Oder muss ich diese Dimension erst entdecken und finden in einer Deutung, die sich auf dieses Geschehen bezieht? Das Sehen ist auf ein Hören angewiesen. Mose hört einen sprechenden Gott. Was hört er? Erst durch das Sprechen des Mose kommt Gottes Wort zur Sprache. Erst im menschlichen Zeugnis ergeht Gottes Wort, erreicht es die Zeit und wirkt in ihr. Die Präsenz Gottes liefert sich der Präsenz der Menschen aus.

Das geschieht auch in der Menschwerdung des Wortes Gottes. In der Rede von Jesus Christus als wahrem Gott und wahrem Menschen wird die Spannung zwischen der Immanenz und der Transzendenz Gottes gehalten, sie gibt den Rhythmus der Zeit vor. Zeit bedeutet Nähe Gottes, der in Distanz zu uns steht, um uns nahe zu sein. Die Distanz, der Abstand ist der Zeit-Raum unserer Freiheit und Verantwortung, der gefüllt wird durch das, was zwischen uns geschieht. Mose sucht immer wieder jenen Gott, der ihm seine Nähe verheißen hat, er unterbricht den Druck der Geschehnisse, um Zeit für sich und sein Volk zu gewinnen. Die Zeit, die Mose für sich beansprucht, ist keine egoistische Zeit, sie kommt dem Volk zugute. Sie ist eine Zeit des Vertrautwerdens mit sich, mit Gott und den Anderen. Die Gegenwart und Weisung Gottes erreichen durch Mose die Menschen, weil er sich Gott geöffnet hat, so weit, so grenzenlos, dass der unendliche Gott sich ihm nahen und die Zeit erfüllen konnte. Dies ist eine andere Art von Ökonomie! Die Welt ist das Haus Gottes (oikos), das von seiner Präsenz erfüllt ist und Zeit-Räume für alle eröffnet. Davon spricht schon die Schöpfungsgeschichte.

Aufgabe von Theologie und Kirche, die Mechanismen des Zeitdrucks zu unterbrechen

Theologie und Kirche haben heute die Aufgabe, um der Menschen willen die Mechanismen des Zeitdrucks zu unterbrechen und sich bewusst anzuschauen, was in unserem Alltag passiert, was zu verändern ist, wenn uns bestimmte Vorgänge den Atem zu nehmen drohen und Vertrauen zerstören.  – Unterbrechen, um innezuhalten, zu fragen, nachzudenken, zu handeln, zu verändern, Zeit und Raum für neues Handeln zu gewinnen.[9] Wie will ich die Zeit füllen, für mich und die Anderen? Nehmen wir uns Zeit für diese Frage, die uns in die Offenheit und Weite Gottes führt, der uns die Zeit lässt und sie nicht nimmt!

Anmerkungen:

[1] Vgl. Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne,  Frankfurt/M. 2005, 11.

[2] Vgl. Rosa, 11.

[3] Vgl. Rosa, 14-16.

[4] Rosa, 482.

[5] Rosa, 482.

[6] Vgl. Rosa, 483. Diesen Gedanken hat Udo Lindenberg als Lied umgesetzt.

[7] Rosa, 483.

[8] Vgl. Ch. Dohmen, Exodus 19-40, (HThKAT), Freiburg 2004, 352.

[9] Rosa bezieht sich in seiner Untersuchung auf W. Benjamin (der ja auch Metz inspiriert hat), allerdings hinsichtlich einer „radikalen Revolution“ im Dienst der Re-Synchronisation, der Entschleunigung auf ein „humanverträgliches Maß“ (488f.).

Autor: Dr. Erwin Dirscherl ist Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte in Regensburg.

Beitragsbild: Pixelio.de

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