Wahrheit und Versöhnung in Südafrika

Die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika hatte vor 20 Jahren die Aufgabe, die während der Apartheid begangene Schuld aufzuklären. Dadurch sollte ein Versöhnungsprozess angestoßen werden. Doch noch immer stellen sich dabei große Herausforderungen an die Gesellschaft, berichtet Marita Anna Wagner aus Pretoria.

„Echte Versöhnung ist nicht billig. Sie hat Gott den Tod seines eigenen Sohnes abverlangt“, sagte der emeritierte Theologieprofessor Piet Meiring bei einem Gastvortrag an der theologischen Fakultät der University of Pretoria Anfang September 2017.

Versöhnung verlangt viel!

Mit dieser Aussage bezog er sich auf die Arbeit der sogenannten Wahrheits- und Versöhnungskommission. Diese legte am 29. Oktober 1998 Nelson Mandela als dem ersten demokratisch gewählten Präsidenten ihren Abschlussbericht vor. Piet Meiring war neben Desmond Tutu Teil dieser Kommission. Sie war 1996 mit dem Ziel gegründet worden, die während der Apartheid begangenen Gewaltverbrechen aufzudecken. Dazu wurden knapp 30.000 Menschen vorgeladen. Sie alle waren Opfer von schweren Menschenrechtsverletzungen. Aber auch die Täter erhielten die Möglichkeit, vor dem Gremium zu sprechen. Denn nach Ansicht Nelson Mandelas mussten nicht nur Unterdrückte sondern auch Unterdrücker von ihrem Leiden befreit werden. Durch die Einrichtung der Kommission wurde somit ein Raum geschaffen, wo Täter und Opfer einander von Angesicht zu Angesicht begegnen konnten. Dies setzte voraus, dass beide Seiten dazu bereit waren.

Drei Kommissionen

für unterschiedliche Gruppen

Die Wahrheits- und Versöhnungskommission bestand aus drei Unterkommissionen, die unterschiedliche Zuständigkeiten hatten: Die Kommission für Menschenrechtsverletzungen hörte die Apartheidopfer an, deren Berichte live im südafrikanischen Fernsehen übertragen wurden. Die Amnestiekommission war für die Erteilung von Amnestie für diejenigen Täter verantwortlich, die vor der Kommission ein umfassendes und ehrliches Schuldeingeständnis ablegten. Das Reparations- und Rehabilitationskommitee verfasste schließlich die Vorschläge für die neue Regierung, inwiefern Reparationen und Entschädigungen an die Opfer entrichtet werden könnten.

Überraschend starke Präsenz

theologischer Kompetenz

Ungewöhnlich war, dass die Kommission überwiegend aus Theologen bestand, was teilweise äußerst kritisch angesehen wurde. Gerade die Politiker und Juristen in der Kommission wollten diesen Prozess der Aufarbeitung säkular gestalten. Desmond Tutu, der auch während der Anhörungen immer durch seine Kleidung als Kleriker erkennbar war, erwiderte daraufhin: „Mandela wusste, dass er mich als anglikanischen Priester in diese Kommission wählt.“ Jede Sitzung eröffnete und beschloss er deshalb mit einem Gebet oder Hymnus. „Die Audienz im Saal wurde zu einer Gemeinde“, kommentierte Meiring dieses Vorgehen.

Theologen wie Meiring und Tutu betonen immer wieder die herausragende Bedeutung einer sogenannten „remembering theology“, einer sich erinnernden Theologie. Mit Hinblick auf den erfahrenen Schmerz und die durch die strikte Rassentrennung verursachten Repressalien während der Apartheid brauchte es ihrer Ansicht nach eine Wahrheits- und Versöhnungskommission.

„Die Menschen mussten die Möglichkeit erhalten, ihre Geschichte erzählen und mit der Öffentlichkeit teilen zu können. Ihnen nicht zuzuhören wäre eine weitere und endgültige Beleidigung der Opfer gewesen“, erläuterte Meiring. Man könne nicht die Augen vor der eigenen Vergangenheit verschließen.

Bonhoeffers Konzept der teuren Gnade

In Anlehnung an Dietrich Bonhoeffer und sein theologisches Konzept von der billigen versus teuren Gnade Gottes formulierte er deshalb: „Versöhnung ist kein billiges Unterfangen, es kostet uns viel. Als weiße Südafrikaner können wir keine Versöhnung fordern, ohne einen Preis für das begangene Unrecht zahlen zu wollen. Versöhnung kann es nicht ohne Gerechtigkeit geben. Wir müssen uns den noch immer bestehenden gesellschaftlichen Ungleichheiten stellen.“

Für Meiring setzt Versöhnung die Bereitschaft voraus, dass sich alle Seiten verletzbar machen. Erst dann könne ein gemeinsamer Heilungsprozess einsetzen.

Mit der Einberufung der Kommission begann somit die Suche um die Wahrheit sowie die individuelle und kollektive Rolle innerhalb der südafrikanischen Geschichte. Die Frage dabei war jedoch, wie man, nachdem man die Wahrheit offengelegt hatte, weiter verfahren wollte. Wie sollte und konnte der folgende Versöhnungsprozess aussehen? Was hatte man grundsätzlich unter Versöhnung zu verstehen? Desmond Tutu als Vorsitzender der Kommission verwies dabei auf eine Bibelstelle (2 Kor 5,18) und den Dienst der Versöhnung, der SüdafrikanerInnen als Christen aufgetragen sei (knapp 90% der SüdafrikanerInnen sind Christen).

Der populistische Ruf nach

dem Schlussstrich

Es stellte sich heraus, dass dieses Unterfangen weitaus komplexer war als man dies zunächst angenommen hatte. Viele Menschen, vor allem weiße Südafrikaner, wollten nach dem Prinzip „Vergeben und Vergessen“ verfahren. Sie wollten die Vergangenheit hinter sich lassen, ohne zunächst die Wunden zu verheilen. Gerade die Juristen und Politiker der Kommission gaben sich mit einer Minimaldefinition von Versöhnung zufrieden. Sie sahen sie schon erreicht, wenn das gegenseitige Töten ein Ende fand. Es war somit schwer, einen echten Dialog zwischen Schwarz und Weiß zu erzielen, wenn sich ein Großteil der einen Seite dem verschloss.

Andere kritisierten, dass die Arbeit der Kommission nicht weit genug reiche, noch immer viele Opfer ungehört blieben. Das größte Problem bestand für sie vor allem darin, dass die Kommission den Tätern Amnestie gewährte. Ihrer Ansicht nach konnte die Wahrheit unmöglich für Freiheit verkauft werden, der gegenseitige Hass saß zu tief, man hatte eine vergeltende anstelle einer restaurativen Gerechtigkeit vor Augen.

Die Kirchen sind abgetaucht.

„Wo sind die Kirchen?“, fragt Piet Meiring deshalb. Seiner Ansicht nach seien die Kirchen seit der Beendigung der Apartheid verstummt. Die Kirche befände sich jedoch in einer besonders privilegierten Position, da die Menschen ihr vertrauen.

Frank Chikane als ehemaliger Anti-Apartheid Kämpfer und Präsident des Südafrikanischen Kirchenrates ist der Meinung: „Mandela hat uns geholfen die Brücke zur Versöhnung zu schlagen, aber nun ist es an der Zeit, dass jeder und jede einzelne von uns Verantwortung übernimmt. Reparationszahlungen allein können nicht den Schmerz wiedergutmachen, den die Menschen erlitten haben. Was noch immer fehlt ist wirtschaftliche Gerechtigkeit.“ Seiner Ansicht nach brauche es dafür eine neue, überarbeitete Version einer Wahrheits- und Versöhnungskommission.

Korruption als die zentrale Herausforderung

Dies zeigt sich auch anhand des derzeit größten Korruptionsskandals seit dem Ende der Apartheid, in den Staatspräsident Jacob Zuma verwickelt ist.

Die Wahrheits- und Versöhnungskommission hat ihre Tätigkeit bereits vor 19 Jahren eingestellt. Dennoch ringt Südafrika noch heute um Gerechtigkeit und Chancengleichheit.

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Marita Anna Wagner studiert in Frankfurt a. M. an der Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen Theologie und verbringt derzeit einen Studienaufenthalt in Süd-Afrika.

Foto: Belle Maluf / unsplash.com

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