„Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit seine Seele nach Geld.“ (Karl Marx) – Theologie als götzenkritische Analyse des Kapitalismus

Kann die Theologie in der Auseinandersetzung mit der Ökonomie eine bedeutsame Rolle spielen? Jan-Hendrik Herbst geht mit Walter Benjamin auf die Spurensuche und rät im Umgang mit dem Kapitalismus zur Religionskritik.

Die Relevanz der Theologie im Konzert der Wissenschaften ist marginal, vor allem wenn es darum geht sozioökonomische Entwicklungen zu deuten. Die Theologie ist „heute bekanntlich klein und häßlich und darf sich ohnehin nicht blicken lassen“ (W. Benjamin). Wenn Theolog*innen dann im Stile der Ghostbusters überall unsichtbare religiöse Strukturen entdecken, um sich mit ihrer Expertise in den öffentlichen Diskurs einbringen zu können, scheint dies psychologisch erklärbar als Kompensation des Relevanzverlustes. Wenig überraschend ist dann, dass Benjamins These „im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken“ gerade im theologischen Bereich populär ist. Dass diese substanziell gehaltvoll vertreten werden kann – gerade von säkularen Denker*innen –, möchte ich mit diesem Beitrag nachweisen. Zentrales Anliegen ist es, ein neu akzentuiertes Verständnis von Benjamins Fragment „Kapitalismus als Religion“ zu gewinnen, dem Kulminationspunkt der Debatte. Dies soll durch eine Relecture seiner Argumentation über Marx’ Terminologie gelingen. Zu diesen Überlegungen bietet die prophetische Kritik der Befreiungstheologie einen Zugang, die Götzenkritik als ureigenes Anliegen der Theologie revitalisiert. Götzenkritik entlarvt ein angebetetes Absolutum als menschengemacht und zugleich nützlich, um gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse zu rechtfertigen. Götzenkritik entzaubert den Kult, der reale Auswirkungen auf die Gesellschaft hat. Kritisiert wird eine Prioritätenverschiebung: der Mensch wird dem scheinbaren Absolutum untergeordnet.

Benjamins These, dass „im Kapitalismus eine Religion zu erblicken“ sei, ist gerade im theologischen Bereich populär.

Bereits 1921 stellte Walter Benjamin die These auf, dass im Kapitalismus eine Religion zu erblicken sei, nicht im Weber’schen Sinn als religiös bedingtes Gebilde, sondern vielmehr als religiöses Gebilde an sich. Bei der These vom „Kapitalismus als Religion“ könnte man im Zuge der strukturalistischen Sprachtheorie von der Identifizierung zweier leerer Signifikanten miteinander sprechen. Sowohl Kapitalismus als auch Religion sind zwei sehr abstrakte Termini, denen (fast) kein Vorstellungsbild entspricht. Zuvorderst gilt es, die Bedeutung der beiden Begriffe zu spezifizieren, um solche Leerformeln zu vermeiden. Benjamin versteht den Kapitalismus nicht substantialistisch als Religion, denn dessen Gott ist weder sichtbar noch transzendent. Er geht von einem funktionalistischen Religionsbegriff aus: Der Kapitalismus funktioniert analog zu einer Religion. In Benjamins Worten dient der Kapitalismus „essentiell derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die sogenannten Religionen Antwort gaben“ und erfüllt gesellschaftlich die Funktion einer Religion. An dieser Stelle kann eine Nähe zu sozialpsychologischen Religionsvorstellungen konstatiert werden, wie etwa Erich Fromm sie in „Psychoanalyse und Religion“ vertritt: Religion ist ein kollektiver Deutungshorizont und Orientierungsrahmen in der Wirklichkeit. Der Kapitalismus hat zwar keine Dogmatik und Theologie, aber ein Ethos, das des dauerhaften Wachstums. Neben dem versteckten Gott schreibt Benjamin dem Kapitalismus drei weitere Charakteristika zu: Benjamin sieht im Kapitalismus eine reine Kultreligion (1), der Kult ist permanent (2) und verschuldend (3). Diese eigentümlich anmutende Bestimmung vermag vorerst wenig zu erklären, erst vor dem Hintergrund von Benjamins Kapitalismusverständnis wird sie verständlicher.

Die Begriffe „Kapitalismus“ und „Religion“ sind zu klären.

Benjamin versteht unter Kapitalismus die Art der Produktionsweise, wie Marx sie in seinem Werk „Das Kapital“ entfaltet – auch wenn sein Marxismus recht unorthodox ist. Kapitalismus ist die geschichtliche Produktionsform, in der Waren dadurch produziert werden, dass doppelt freie Lohnarbeiter*innen an Produktionsmitteln, die sich im privaten Besitz befinden, ihre Arbeitskraft verausgaben. Die Waren werden auf Märkten getauscht und Geld verwandelt sich zu Kapital, dessen Zweck die Akkumulation ist. Pointiert bedeutet Kapitalismus für Benjamin also die Herrschaft des Kapitals. Während Geld zuvorderst ein Tauschmittel ist, wird Geld als Kapital zum Selbstzweck. Was ist nun aber Kapital genau, wie entsteht es und was hat es mit Benjamins These zu tun?

Benjamin: das Kapital als ungereifte und verdrängte Gottheit

Die ungereifte und verdrängte Gottheit, von der Benjamin mit Blick auf den Kapitalismus spricht, ist eben dieses Kapital, das den hermeneutischen Schlüssel für das Verständnis des Kapitalismus als permanenter und verschuldender Kultreligion darstellt. Marx versteht unter Kapital eine Bewegung, einen Prozess der Zirkulation von Werten, dessen häufigste Erscheinungsform G – W – G‘ ist: Geld (G) wird gegen Waren (W) eingetauscht, die gegen einen neuen, höheren Geldbetrag (G‘) die Besitzer*innen wechseln. Im Gegensatz zum Prozess W – G – W, in dem das Geld als Tauschmittel fungiert, wird die Vermehrung von Geld im Kapitalismus zum Selbstzweck. Kapital ist also Geld, das zum Zwecke der Vermehrung genutzt wird.

Zur Erklärung ist eine kurze Darstellung des Marx’schen Argumentationsganges nötig. Marx geht bei seiner Analyse von der Ware aus. Eine Ware besitzt einen Gebrauchswert und einen Tauschwert. Der Gebrauchswert stellt den individuellen Nutzen der Ware dar, der natürlich für jede Person anders und damit nicht vergleichbar ist. Im Tauschwert dagegen wird Ungleiches kommensurabel, Äpfel können gegen Birnen getauscht werden. Der Tauschwert repräsentiert den Wert der Ware, der nach Marx durch die durchschnittliche gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt wird. Dieser Wert ist das tertium comparationis. Geld lässt sich im Kapitalismus nun – analog zur Ware – zweifach bestimmen. Zum einen ist Geld ein Tauschmittel, zum anderen aber auch ein Maßstab für den in den Waren materialisierten Wert. Diese beiden Aspekte des Geldes stehen in einem spannungsvollen Verhältnis und führen letztlich zur Entstehung vom Kapital. Zum einen wird es in einer Gesellschaft des Warentausches nötig, Geld zu akkumulieren, weil ein zeitliches Problem der Koordination von Kauf und Verkauf auftritt. Zwischen Kauf und Verkauf kann es durchaus eine Zeitspanne geben, die es zu überbrücken gilt. Damit entstehen Verhältnisse zwischen Gläubigern und Schuldnern, für die das Geld auf einmal den Schlusspunkt der Zirkulation bildet, weil die Ware bereits vorher aus dem Kreislauf ausgetreten ist. Da Geld nicht nur Tauschmittel, sondern gleichzeitig auch der allgemeine Repräsentant gesellschaftlicher Werte ist, können diese in Form des Geldes privat angeeignet werden. Die Steigerung der Geldmacht wird zum Ziel des Prozesses, zu dem der Widerspruch aus quantitativer Beschränktheit der Gebrauchswerte und qualitativer Schrankenlosigkeit gesellschaftlicher Geld-Macht führt. Hier erkennt man das Ethos grenzenlosen Wachstums, das im Prinzip der Konkurrenz seinen Katalysator findet.

Geld: nicht nur Tauschmittel, sondern gleichzeitig der allgemeine Repräsentant gesellschaftlicher Werte

Im Rahmen des Marx’schen Denkhorizonts kann nun Benjamins These erklärt werden. Das Kapital stellt den Gott des Kapitalismus dar, weil es Selbstzweck und Lebensprinzip der Produktions- wie Tauschverhältnisse ist. Das Kapital ist das Absolutum, der Dreh- und Angelpunkt aller kollektiven Handlungen, zudem das Ziel aller individuellen Begierde. Das Kapital ist ein Prozess, Produktion und Tausch dessen Vollzug, der von Benjamin als Kult erkannt wird, weil er als Handlung der Gottheit dient (1). Das Ritual, immer neues Geld in die Zirkulationssphäre zu pumpen, um jedes Mal mehr Geld zu erhalten, gleicht einer Zeremonie, die ihre Opfer fordert: Es ist Mord – wie Jean Ziegler klarmacht – wenn jedes Jahr mehrere zehn Millionen Menschen an Hunger sterben, obwohl die Weltwirtschaft problemlos zwölf Milliarden ernähren könnte. Dieser (Opfer-)Kult ist permanent, weil das Kapital als dessen Gottheit nur im Prozess existiert (2). Das Geld muss seinen Wert im dauerhaften Austausch manifestieren und erst im Zirkulationsprozess realisiert sich der Wert toter Arbeit, wie der von Maschinen, der permanent in Waren vergegenständlicht werden muss. Der Kult darf also nie aufhören, die Konkurrenz schläft nicht, Zeit ist Geld. Und verschuldend ist der Kult – ohne hier die Freud’schen Bezüge Benjamins einfließen zu lassen –, weil erst das Schuldner-Gläubiger-Verhältnis den Prozess des Kapitals ins Rollen bringt und immer weiter verstärkt. Die Investitionen von heute sind zwar die Gewinne von morgen, aber auch die Schulden von heute.

Kapital als Gott: Der Kult darf nie aufhören

Theologie als Rede vom Gott des Lebens und den Götzen des Todes hat ihrem Auftrag zu genügen und diese religiösen, die idolatrischen Züge des Kapitalismus zu entlarven, um seine Herrschaftsverhältnisse zu delegitimieren. Die Kritik gilt einer Religion, die – so Benjamin – nicht mehr die Reform des Seins, sondern dessen Zertrümmerung ist. Man muss nicht den Marx’schen Analysen zustimmen, um einen Umschlag der Prioritäten erkennen zu können: Es wird nicht für den Menschen produziert, der Gebrauchswert ist sekundär und der Mensch hat dem Kapital zu dienen. Dies bringt Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Evangelii Gaudium“ auf den Punkt:
„Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht.“

Theologie kann ihre Relevanz aufweisen.

Mit Blick auf die Zwecke, die sich Individuen, Unternehmen oder Staaten in kapitalistischen Gesellschaften setzen, ist eine solche Verlagerung schwer zu leugnen: Es geht um eine Steigerung des Werts, um Profitmaximierung. Damit kann das Kapital als im Kult angebetetes Absolutum entlarvt werden. Es ist menschengemacht und dient der Rechtfertigung bestehender Herrschaftsverhältnisse – „es gibt keine Alternative“. Theologie kann ihre Relevanz aufweisen, wenn sie einen solchen Kult und seine realen Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Verhältnisse entzaubert und für ein Primat des Menschen als Gottes Geschöpf eintritt.

Jan-Hendrik Herbst

Bild: I_vista / pixelio.de

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