Lachende Bärchen und tote Schweine. Über Ernährung und christliche Tierethik

Die Würde des Menschen wird von der christlichen Ethik hochgehalten. Doch wie steht es um die Tiere? Cornelia Mügge fragt nach.

Viele Eltern kennen das Problem: Das liebe Kind isst schlecht und braucht eine besondere Motivation, um sich auf eine Erweiterung seines Speiseplans einzulassen. Ein hilfreicher Trick dafür sind Verpackungen mit lachenden Figuren und Tieren, oder direkt entsprechend geformte Lebensmittel. Besonders beliebt scheint dabei Leberwurst in Bärchenform zu sein. Und ein Klassiker ist sicher die Gesichtswurst. Diese vermeintlich niedlichen Wurstprodukte hatte ich seit meiner Kindheit verdrängt – bis sie neulich bei meinen Bekannten auf dem Tisch standen. Ich musste mich fragen, ob auch ich meine Tochter zukünftig auf diese Weise zum Essen motivieren möchte.

Um die Karten gleich auf den Tisch zu legen: Nein, das möchte ich nicht. Und das nicht nur, weil ich selbst aus ethischen Gründen Vegetarierin bin und sie prinzipiell von Fleisch und Wurst fern halten werde – was wahrscheinlich auch fast unmöglich wäre. Speziell diese Form der Verniedlichung des toten Schweins scheint mir aber ethisch besonders problematisch. Das möchte ich hier begründen: 

Tiere verdienen Respekt

Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass (nicht-menschliche) Tiere [1] unseren Respekt verdienen. Und dass sie in unserem Handeln berücksichtigt werden müssen. Und zwar nicht nur als unsere Nutztiere, deren Lage wir ein wenig verbessern sollten, sondern als in sich wertvolle Lebewesen mit ethisch relevanten Interessen. [2] Dafür gibt es eine Reihe guter Gründe.

Erfreulicherweise nehmen sich in den letzten Jahren zunehmend auch deutschsprachige theologische Ethiker und Ethikerinnen der Aufgabe an, in Vorträgen, Tagungen und Publikationen solche Gründe aus spezifisch theologischer Sicht herauszuarbeiten. Zu nennen sind hier beispielsweise der Mitbegründer des Instituts für Theologische Zoologie, Rainer Hagencord, sowie Kurt Remele, der erst vor wenigen Monaten „Eine neue christliche Tierethik“ vorgelegt hat. [3] Ihre Argumentationen zeigen, wie sich allgemein philosophische Argumente mit spezifisch theologischen Momenten verquicken lassen.

Haben Tiere auch Würde?

Eine zentrale Rolle kommt dabei dem Argument von der Würde der Tiere zu. Dieses wird auch philosophisch gern verwendet, bleibt dort aber oft im Vagen. Theologisch kann es aufgefüllt und greifbarer gemacht werden mit dem Schöpfungsgedanken: Tieren kommt eine Würde zu, weil sie ebenso wie der Mensch Geschöpfe Gottes sind, die „einen eigenen Wert und eine innige Beziehung zum Schöpfer und somit einen eigenen unverwechselbaren Ort im Gesamt der Schöpfung“ haben. [4] Kritisch zu berücksichtigen ist in diesem Zusammenhang freilich nicht nur der so genannte Herrschaftsauftrag, sondern auch die spezifische Gottebenbildlichkeit des Menschen, denn beide haben wirkungsgeschichtlich viel dazu beigetragen, Tiere in ethischen Erwägungen auszuklammern. Um die Schöpfungsgeschichte für tierethische Argumente nutzen zu können, bemühen sich TierethikerInnen, diese Konzepte kritisch aufzuarbeiten, historisch zu kontextualisieren und neu zu interpretieren.

Tiere können leiden

Darüber hinaus berufen sich viele theologische TierethikerInnen auf das so genannte pathozentrische Argument, wonach Tiere moralisch berücksichtigt werden müssen, weil sie empfindungsfähig sind und leiden können. Hier kann man nun den Herrschaftsauftrag entsprechend umdeuten: Der Mensch ist zu einem verantwortungsvollen Handeln gegenüber der Schöpfung aufgerufen – und dazu gehört sicher nicht, Leiden zu verursachen, sondern dieses möglichst zu verringern. Einen willkommenen Bezugspunkt für diese Überlegung bietet nicht zuletzt die „Umweltenzyklika“ Laudato Si, in der Papst Franziskus die Grausamkeit gegenüber Tieren und deren „nutzlosen“ Tod und Leiden anprangert und ein Umdenken fordert.

Trotzdem – sind dies schon genug Gründe dafür, dass man als Christ und Christin vegetarisch oder vegan leben sollte? Viele TierethikerInnen ziehen aus ihren Überlegungen tatsächlich diesen Schluss – zumindest für sich persönlich und zumindest als Zielperspektive. Hagencord beispielsweise ernährt sich vegetarisch, Remele vegan. Letzterer spricht mehr noch von einem vegetarisch-veganen Imperativ. Dieser sei die notwendige Konsequenz, wenn man wirklich Verantwortung für die Schöpfung tragen und Tiere respektieren will. Dass die Menschen in der Bibel – und nicht zuletzt vermutlich auch Jesus – Fleisch gegessen haben, legitimiere nicht den Fleischkonsum heute, da dies im historischen Kontext zu sehen sei. Unter den heutigen Umständen verlange die christliche Botschaft, auch für Tiere als Schwache und Notleidende einzutreten. Was in letzter Konsequenz eben bedeute, sie (soweit möglich) nicht zu töten. [5]

Zugleich ist die Forderung nach einer fleischlosen Lebensweise sowohl bei Remele als auch bei Hagencord aber keine strikte. Vielmehr stellen beide in Rechnung, dass für die meisten Menschen heute das Essen von Fleisch so selbstverständlich ist, dass es für sie desto schwieriger ist, einem Imperativ des Fleischverzichts zu folgen, je strikter er formuliert und je vorwurfsvoller er vorgetragen wird. Vegetarische oder vegane Ernährung lasse sich nicht so einfach verordnen. Man müsse daher stattdessen auf eine allmähliche Annäherung und kleine Veränderungen setzen, was insbesondere erfordert, tierethisch zu informieren und zu bilden.

Kann man vegane Ernährung verordnen?

Diese Überlegung erscheint mir äusserst plausibel, ein Zugeständnis gewissermassen an die Schwäche des Menschen und ein pragmatisch-realistisches Abwägen zielführender Massnahmen. Das heisst nicht (und darf nicht heissen), den Zielimperativ aus den Augen zu verlieren oder zu verwässern. Aber er muss auf sensible Weise eingeführt und vorgetragen werden. Konkret geht es dann letztlich um zweierlei: Den vegetarischen (oder gar veganen) Imperativ vorzuleben. [6] Und immer wieder und auf verschiedene Weise die Gelegenheit zu nutzen, ein Bewusstsein für die ethische Dimension des Fleischkonsums zu schaffen – um damit der Neigung zum Verdrängen, Wegschieben und Herunterspielen entgegenzuwirken.

Und hier sind wir nun wieder bei der Gesichts- und Bärchenleberwurst: Diese Produkte stellen ein besonders perfides Beispiel dafür dar, wie ein solches Bewusstsein unterlaufen und die Wegschiebetaktik unterstützt wird. Die lachende Figur verdrängt jeden Gedanken an die Vorgeschichte dieses Lebensmittels – an das vermutlich leidvolle Leben und Sterben eines Tieres; an die Instrumentalisierung seines Lebens bloß wegen eines menschlichen Genusswunsches[7]; und letztlich daran, dass dieses Tier ebenfalls ein Geschöpf Gottes war, für das wir Verantwortung tragen. Auch wenn man die Bedeutung solcher Produkte sicher nicht überbewerten sollte, sind sie ethisch einfach äußerst zweifelhaft.

Bei meiner Tochter werde ich es jedenfalls so machen: Ich lebe ihr den Vegetarismus vor, schreibe ihn ihr aber nicht vor. Sie soll probieren dürfen und ich werde ihr auch nicht bei jedem Stück Wurst oder Fleisch ein Foto von einem leidenden Schwein vorhalten. Aber ich werde sie doch immer wieder auf den Zusammenhang zwischen den niedlichen Schweinchen, Schäfchen und Kälbchen und dem Schnitzel oder der Leberwurst aufmerksam machen. Und ich werde ihr ganz sicher keine Gesichtswurst auf den Tisch stellen, es sei denn sie wäre vom Seitan- oder Tofuschwein.

 

[1] Viele TierethikerInnen betonen, dass schon die Rede von „Tieren“ und „Menschen“ eine für die ethische Berücksichtigung zu starke Differenz ausdrücke. Um stattdessen die Kontinuität deutlich zu machen, sprechen sie von menschlichen und nicht-menschlichen Tieren. Vgl. z.B. Schmitz, Friederike (2014): Tierethik – eine Einführung, In: Dies.: Tierethik, Frankfurt (Main), 13-73.

[2] Vgl. die in tierethischen Diskussionen häufig vorgenommene Unterscheidung zwischen Tierschutz- und Tierrechtspositionen, auch dazu z.B. Schmitz 2014.

[3] Remele, Kurt (2016): Die Würde des Tieres ist unantastbar. Eine neue christliche Tierethik, Kevelaer.

[4] Hagencord, Rainer (2011): Die Würde der Tiere. Eine religiöse Wertschätzung, Gütersloh, 90.

[5] Remele Kap. II.3.

[6] Anton Rotzetter, neben Hagencord Mitgründer des Instituts für Theologische Zoologie, führt dies sogar weiter. Er fordert, dass sich religiöse Gemeinschaften einer vegetarischen Ernährung verpflichten sollten, wenn sie heute eine prophetische Rolle spielen wollen: http://www.aktion-kirche-und-tiere.ch/zukunft/referat_rotzetter.pdf

[7] Die Frage, inwiefern Fleisch für die Gesundheit wichtig ist, klammere ich aus, weil es genügend Studien gibt, die zeigen, dass Fleisch nicht für eine gesunde Ernährung notwendig ist.

Die Theologin und Philosophin Dr. des. Cornelia Mügge ist Wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Allgemeine Moraltheologie an der Universität Fribourg/CH. 

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