Wo bist du?

Maria Katharina Moser (Wien) stellt anhand der Frage Gottes „Wo bist du“ die Frage nach unserem eigenen Ort in der Geschichte – nicht zuletzt angesichts aktueller politischer Diskussionen zu Flucht und Asyl.

„Adam, wo bist du?“ Diese Frage klingt evangelischen Gottesdienstbesuchern und -besucherinnen dieser Tage im Ohr. Genesis 3, gemeinhin als „Sündenfall“ bekannt, ist der Predigttext am diesjährigen ersten Sonntag in der Passionszeit. Elie Wiesel zitiert diese Erzählung in einer Rede, die er 1985 vor Flüchtlingen aus Zentralamerika und Angehörigen der US-amerikanischen Sancturary-Bewegung[1] und gehalten hat. Er erzählt dazu eine Geschichte von Rabbi Solomon Schneur, Gründer der Lubawitscher Bewegung und selbst ein Mann mit Fluchterfahrung, den man Ende des 18. Jh. ins Gefängnis gesperrt hatte, (weil seine Lehre die Autorität des Zaren untergrabe, so der Vorwurf). Der Gefängniswärter wollte vom Rabbi wissen, wieso Gott den Adam gefragt habe: „Wo bist du?“ Ob es möglich sei, dass Gott nicht wusste, wo Adam war? Und der Rabbi habe geantwortet: „Gott wusste es, Adam nicht.“

Adam weiß nicht, wo er ist.

„Wo bist du?“ fragt Gott den Menschen, der gerade die Fähigkeit erlangt hat, zwischen gut und böse, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Das neu geborene moralische Subjekt scheint verwirrt, desorientiert, orientierungslos. Adam weiß nicht, wo er ist – und zieht sich in die vermeintliche Sicherheit eines Verstecks zurück, duckt sich weg vor der Übernahme der Verantwortung für sein Tun. Aber Gott lässt den Adam nicht aus: „Wo bist du?“

Kennen wir unseren Platz in der Geschichte?

„Wissen wir, wo wir sind?“ fragt Elie Wiesel. „Das heißt, kennen wir unseren Platz in der Geschichte? Wissen wir um unsere Rolle in der Gesellschaft?“[2] Eine Frage, gestellt vor gut 30 Jahren; gestellt in einem Vortrag, in dem es um das Flüchtling-Sein ging; gestellt von einem, der am eigenen Leib erfahren hat, was Flucht bedeutet. Groß scheinen Verwirrung und Orientierungslosigkeit in dieser Frage heute. Welche asylpolitischen Schritte und Maßnahmen sind gut und richtig, welche nicht? Wo bin ich im Gewirr der Meinungen, wo stehe ich in dieser aufgeheizten Debatte?[3]

Die Goldene Regel verlangt, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden will.

Die Bibel gibt uns eine Unterscheidungs- und Entscheidungshilfe an die Hand: die Goldene Regel. „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.“ (Mt 7,12)  Die Goldene Regel verlangt, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden will. Sie ist eine Art „Universalisierungstest“, der fragt: Was würde jeder Mensch vernünftiger Weise wollen? Man versetze sich in die Lage eines Geflüchteten und überlege, was man sich wünschen und erwarten würde. Eigentlich eine recht einfache Frage.

Welchen Regelungen zu Asyl würden wir zustimmen, wenn wir nicht wüssten, ob wir selbst in der Lage eines Geflüchteten sind?

Die Goldene Regel geht zunächst vom Individuum und seinen Bedürfnissen aus. Aber sie ermöglicht den Überstieg auf die sozialethische Ebene. Einen möglichen Denkweg dafür hat der Philosoph John Rawls in seiner Theorie der Gerechtigkeit aufgezeigt: Stellen wir uns vor, wir sind hinter einem „Schleier des Nichtwissens“ – wir wissen nichts über unser Heimatland, unsere Hauptfarbe, unser Geschlecht, unsere Religion, unsere Einkommens- und Vermögenslage, unsere persönlichen Stärken und Schwächen.

Wie würden wir den Zugang zu Rechten, Pflichten, Lebenschancen und sozialen Grundgütern gestalten, wenn wir nicht wüssten, in welcher Lage wir persönlich uns befinden? Konkreter gefragt: Welchen Regelungen zu Asyl würden wir zustimmen, wenn wir nicht wüssten, ob wir selbst in der Lage eines Geflüchteten sind? Diese Testfragen können im Prozess der politischen Willensbildung herangezogen werden. Bürger und Bürgerinnen können sie an verschiedene Vorschläge seitens der Politik herantragen und überlegen, ob sie der vorgeschlagenen Maßnahme zustimmen sollen oder nicht.

Österreichs regierenden Politikern selbst fällt dieser einfache Gedankengang schwer. Sie ersinnen eine Verschärfung des Fremdenrechts nach der anderen. Aktuell stehen AsylwerberInnen mit rechtskräftig negativem Bescheid im Mittelpunkt. Die dieser Tage beschlossene Fremdenrechtsnovelle sieht vor, dass ihnen die Grundversorgung gestrichen wird und sie bei Verbleib im Lande mit Strafen von bis zu 15.000 Euro oder sechs Wochen Haft belegt werden. Sie sollen auch in so genannten „Rückkehrzentren“, die noch eingerichtet werden müssen, interniert werden können.

Stellen wir uns vor, wir wissen nicht, ob wir selbst in der Lage sind, einen Asylantrag gestellt und einen negativen Bescheid bekommen zu haben, aber nicht ausreisen zu können, weil es kein Rückführungsabkommen mit unserem Heimatland gibt und wir keine Papiere haben – würden wir diesen Maßnahmen zustimmen?

Diese Politik fördert gerade ein Klima, in dem Rechtspopulismus und Rechtsnationalismus blühen und gedeihen.

Wobei: Man muss den Politikern, die solches beschließen, gar nicht Empathielosigkeit unterstellen. Sie zeigen sich ja beseelt von der Idee, mit solchen Maßnahmen auf die – angebliche – Stimmung in der Bevölkerung zu reagieren und den Vormarsch der Rechtspopulisten und Rechtsnationalen bremsen zu können. Allein, das ist eine grobe Fehleinschätzung. Denn diese Politik fördert gerade ein Klima, in dem Rechtspopulismus und Rechtsnationalismus blühen und gedeihen. Die Grundversorgung zu streichen, drängt die Betroffenen in Obdachlosigkeit, Elend, Ausbeutung am Schwarzmarkt und Kriminalität – mit unabsehbaren Folgen für das Gemeinwohl. Menschen mit negativem Asylbescheid, die nicht ausreisen (können), mit Haft zu belegen, signalisiert: von ihnen geht Gefahr aus. Diese Maßnahmen drehen weiter an der Schraube der Illegalisierung Geflüchteter. Elie Wiesel hat vor über 30 Jahren darauf hingewiesen, dass Menschen illegalisiert werden – und nicht illegal sind: „Ihr, die so genannten illegalen Ausländer, solltet wissen, daß kein Mensch ‚illegal’ ist. Das ist ein Widerspruch in sich. Menschen können schön sein oder noch schöner, sie können gerecht sein oder ungerecht. Aber illegal? Wie kann ein Mensch illegal sein?“[4]

Adam, wo bist du? Unser Platz in der Geschichte und unsere Rolle in der Gesellschaft lässt sich an der Entfernung messen, die wir zwischen uns und Menschen auf der Flucht schaffen – durch asylpolitische Maßnahmen, die zum einen das gesellschaftliche Klima prägen und zum anderen handfeste Folgen haben – für alle.

Anmerkungen: 

[1] Die sanctuary-Bewegung hat in den 1980iger Jahren Menschen auf der Flucht aus Mittelamerika in die USA unterstützt und ihnen in Kirchen und Gemeinden Unterkunft, Verpflegung und Rechtsberatung geboten. Zum Höhepunkt der Bewegung erklärten sich 500 u.a. römisch-katholische, lutherische, presbyterianische, methodistische und jüdische Gemeinden zu Zufluchtsstätten.

[2] Wiesel, Elie, Der Flüchtling, in: Just, Wolf-Dieter (Hg.), Asyl von unten. Kirchenasyl und ziviler Ungehorsam, Reinbeck bei Hamburg 1993, 14-21.

[3] Ethische Orientierung zu Flucht und Asyl bietet das neue „Argumenatrium“ des Instituts für öffentliche Theologie und Ethik der Diakonie. Es greift ethische Versatzstücke aus der Debatte auf, ordnet sie ein, zeigt, welche Positionen vertreten werden und wie sie argumentieren und bietet so eine Grundlage, auf der sich LeserInnen ihre eigene begründete Meinung bilden können. Es ist abrufbar unter: https://diakonie.at/ethik

[4] Wiesel, Flüchtling,18.

Autorin: Maria Katharina Moser ist evangelische Pfarrerin in Wien-Simmering und wissenschaftliche Referentin am Institut für öffentliche Theologie und Ethik der Diakonie.

Bild: Lukas Cranach der Ältere, Das Paradies, 1530, Kunstsammlung Dresden.

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