Muslimische Ehen in Deutschland erforschen

Die Gesellschaft verändert auch die islamische Ehe- und Beziehungspraxis. Mouez Khalfaoui und Debora Müller über ein Forschungsprojekt an der Universität Tübingen.

Welche Rolle spielt die Ehe in unserer modernen Gesellschaft? Welche Rollenbilder innerhalb der Familie und in der Gesellschaft beinhaltet sie? Stimmen die Vorwürfe, dass die traditionelle Ehe eine patriarchale Gesellschaftsvorstellung hervorruft? Wie stehen religiöse und säkulare Eheentwürfe zueinander? Sind sie überhaupt vereinbar? Diese Fragen leiten jede gegenwärtige Debatte bezgl. des Themas, vor allem in Hinblick auf unsere durch Veränderungen geprägte plurale Gesellschaft, in der verschiedene religiöse und soziale Ansichten gelebt werden.

Neue brisante Themen

Dabei sind derzeit insbesondere muslimische Mitbürger im Fokus. Die Flüchtlingswelle von 2015 hat diese Debatte zusätzlich befeuert: Zu vorhandenen Fragen wie bspw., ob durch einen Imam geschlossene Ehen rechtliche Gültigkeit besitzen sollen oder nicht, sind brisante Themen hinzugekommen, z. B. bezüglich der Ehe mit Minderjährigen oder Polygamie.

Um Einblick in die Gedankenwelt von in Deutschland lebenden Muslimen im Hinblick auf ihr Eheverständnis zu erhalten, wurde Anfang dieses Jahres eine Umfrage zu Ehe und Scheidung bei Muslimen entworfen. Diese wurde am Lehrstuhl für Islamisches Recht am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Tübingen entwickelt.

Klassische islamische Ehevorstellungen hinterfragen

Kurz gesagt möchte die Studie klassische islamische Ehevorstellungen hinterfragen. Ziel ist es, Meinungen aus den Reihen unserer muslimischen MitbürgerInnen zu erhalten. Die klassische islamische Ehekonzeption legt viel Wert auf religiöse Faktoren, dadurch wird bspw. eine Ehe mit einem nicht-muslimischen Partner eingeschränkt, gleichgeschlechtliche Ehen werden gar als religiös unzulässig angesehen. Auch die Frage der Polygamie steht im Zentrum der klassischen islamischen Ehekonzeption. Verbunden mit all diesen Elementen ist die Frage der Rollenaufteilung in der Familie, die der Frau die Rolle der Mutter zukommen lässt, dem Mann die des Versorgers. Die klassische islamische Konzeption sieht diese Rollenaufteilung als Garantie für eine ausgeglichene Familie an.

Die genannten Merkmale der klassisch islamischen Ehekonzeption stellen eine Herausforderung sowohl für Muslime weltweit als auch für die hiesige europäische Gesellschaft dar. Lösungen dafür, bzw. Diskussionen zu diesen Themen verlangen eine Forschung, die nicht an Klischees und Stereotypen festhält, sondern die Meinung der Betroffenen untersucht und anhand dessen nach Antworten sucht.

Muslime selbst zur Sprache bringen

Anstatt über Muslime zu reden, bekommen diese selbst die Möglichkeit, sich zu äußern. In der Umfrage können sie anonym ihre Meinung und auch Anliegen zum Ausdruck zu bringen, ohne soziale bzw. gesellschaftliche Konsequenzen befürchten zu müssen.

Nachgefragt werden dabei z. B. die Rolle von Mann und Frau in der Ehe, ob das Bekanntsein mit dem Ehepartner vor der Ehe wichtig ist oder ob die Eheschließung in einer Moschee einen hohen Stellenwert einnimmt. Auch heikle Fragen, wie die der Morgengabe oder der Zustimmung durch einen Vormund der Brautleute werden nicht ausgespart.

Erfasst werden Alter, Geschlecht, Beruf, Familienstand und das Selbstverständnis (Muslim oder nicht) der Befragten. Es wurden 700 Umfragen gedruckt und in Umschlägen mit Rückantwort und Briefmarke versehen, sodass die größte Hürde das Einwerfen in einen Briefkasten ist.

DIE Muslime als homogene Gruppe – ein Trugschluss

Die Umfrage soll möglichst nicht nur in einem islamisch-religiösen Umfeld ausgegeben werden, sondern quer durch alle sozialen und Bildungsschichten verlaufen. Daher wurden Umschläge zwar auch in Moscheen verteilt, aber ebenso an der Universität und an Gäste in einem arabischen Café.

Das Bemühen, die Umfrage bei möglichst unterschiedlichen Zielgruppen durchzuführen, hat folgenden Hintergrund: Muslime in Deutschland werden oft als eine homogene religiöse Gruppe betrachtet, als DIE Muslime. Dies ist allerdings ein Trugschluss, denn es gibt viele verschiedene Gruppierungen (oder auch Einzelpersonen, die sich explizit keiner Gruppierung anschließen möchten) mit sehr unterschiedlichen Ansichten.

Muslim-sein wird individuell gelebt

Die Studie baut auf der Annahme auf, dass Muslim-Sein nicht reduzierbar ist auf eine bestimmte Gruppe, sondern sehr individuell gelebt wird. Daher ist das Konzept breit aufgestellt. Auch die Frage nach dem Selbstverständnis und die Verteilung des Fragebogens an möglichst unterschiedliche Zielgruppen tragen dem Versuch Rechnung, diese innerislamischen Vielfalt darstellbar zu machen.

Insbesondere die Aussagen junger Menschen sind hierbei von großem Interesse, da aus diesen neue Deutungsmöglichkeiten für ein künftiges Konzept von Ehe erschlossen werden können. Zudem wird durch diese Aussagen ersichtlich, wo es einen Bedarf für Diskussionen und Änderungen gibt. Ziel der Umfrage ist also, vorhandene Ehekonzepte zu thematisieren und diese auszuwerten. Die Ergebnisse der Umfrage werden in Kürze erwartet.

Mouez Khalfaoui ist Professor für Islamisches Recht am Zentrum für Islamische Theologie in Tübingen.

Debora Müller ist wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Islamisches Recht in Tübingen.

Bild: Pixabay

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