50 Jahre Synode 72 in der Schweiz

50 Jahre Synode 72 Synodendokumente der Bistümer Basel und St. Gallen - Auswahl, Foto: Felix Senn

Während gerade landauf landab in der römisch-katholischen Kirche synodale Prozesse im Gang sind, blicken die Schweizer Katholik*innen auf die vor 50 Jahren eröffnete „Synode 72“ zurück. Von Felix Senn.

Am 23. September 1972, also vor 50 Jahren, wurde in den Schweizer Bistümern die Synode 72 feierlich eröffnet. Dieses Jubiläum zu begehen und jenes kirchliche Grossereignis heute zu erinnern, hat einen doppelten Sinn:
Erstens ist seit einigen Jahren in der römisch-katholischen Kirche der etwas enigmatische Begriff „Synodalität“ in aller Munde; er scheint das ekklesiologische Stichwort der Stunde zu sein.[1] In Deutschland befindet sich der sogenannte „Synodale Weg“ derzeit in einer kritischen Phase. Im Oktober 2021 hat Papst Franziskus in der Kirche einen weltweiten „synodalen Prozess“ eröffnet, der zur Vorbereitung der Bischofssynode im Herbst 2023 dienen soll.
Zweitens belegt die Synode 72 in der Schweiz exemplarisch: Der Spielraum für eine synodale, ja demokratische Beteiligung aller Gläubigen an Entscheidungsprozessen ist bzw. wäre in der katholischen Kirche trotz ihrer strikt hierarchischen Verfassung viel grösser als gemeinhin angenommen. Das zeigt schon die Genese der Synode 72.

Prozess von oben

Dass die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils einer Umsetzung in den Ortskirchen bedurften, war den vom Konzil bewegten Bischöfen bewusst. Die Frage war nur: wie? Bereits ein halbes Jahr nach Abschluss des Konzils, im Mai 1966, äusserte der damalige Churer Bischof Johannes Vonderach die Absicht, dafür im Bistum Chur eine Diözesansynode durchzuführen. Die Idee versandete zunächst und wurde erst fast drei Jahre später vom damaligen Churer Bischofsvikar Alois Sustar – dem späteren Erzbischof von Ljubljana – wieder aufgegriffen. Er kontaktierte seine Amtskollegen Ivo Fürer in St. Gallen und Otto Wüst in Solothurn (beide wurden später Diözesanbischöfe). Im Januar 1969 kam es zu jenem denkwürdigen, fast konspirativen Treffen der drei Bischofsvikare in Zürich.[2] Sie schlugen eine Bischofssynode in den deutschsprachigen Bistümern der Schweiz vor. Sie fanden nicht nur bei den eigenen Bischöfen offene Ohren; Interesse bekundeten auch die Bischöfe in der französischsprachigen Schweiz und im Tessin. Und so kam es bereits am 10. März 1969 zum formellen Beschluss der Schweizerischen Bischofskonferenz, in allen Bistümern parallel eine Synode durchzuführen.

ein gleichsam „von oben“ initiierter und verordneter Prozess der Mitwirkung aller Gläubigen

Schon dieser kurze Blick auf die Entstehung der Synode 72 zeigt: Ganz im Gegensatz zu heute musste damals die Beteiligung der Laien nicht „von unten“, von der Basis des Kirchenvolkes eingefordert und erkämpft werden. Vielmehr war die Synode 72 ein gleichsam „von oben“ initiierter und verordneter Prozess der Mitwirkung aller Gläubigen. Die Nutzung des synodal-demokratischen Spielraums hing also ganz vom Willen der Verantwortlichen in der Kirche ab. Das ist bzw. wäre heute nicht anders.

Ausgefeiltes Wahlprozedere

Eine Statutkommission wurde eingesetzt und ein Rahmenstatut erstellt, das die Synodalen auf 200 pro Diözese festlegte, wobei die Hälfte Laien, die andere Hälfte Priester und Ordensleute – aus Männer- und Frauenorden – sein sollten. Mit dieser Aufteilung waren – für die damalige Zeit bemerkenswert – deutlich unter 50% der Synodalen geweihte Priester. (Im relativ kleinen Bistum St. Gallen wurden die Synodalen auf 120 beschränkt, wovon 60 Laien waren.)

Gäste aus anderen christlichen Kirchen mit beratender Stimme

Um verschiedenen Gruppen und Vereinen die Mitwirkung in der Synode zu ermöglichen, wurde ein ausgeklügelter Verteilschlüssel entwickelt. Dem Bischof stand die Berufung von ca. 10% der Synodalen zu; der Rest wurde gewählt oder von Organisationen delegiert. Priester und Ordensleute wählten ihre VertreterInnen weitgehend selbst. Die katholischen Laien wurden schweizweit in einem einzigartigen demokratischen Wahlverfahren an die Urne gerufen, um Elektoren und Elektorinnen zu wählen, die dann ihrerseits in einer Versammlung die Synodalinnen und Synodalen wählten. Hinzu kamen Gäste aus anderen christlichen Kirchen, die mit beratender Stimme mitreden durften. Dies verlangte in den Diskussionen und Entscheidungsfindungen von vornherein ein ökumenisch sensibles Argumentieren.

Die Schweizer Bischöfe handelten selbstbewusst und eigenverantwortlich.

Bei all dem wagten sich die damaligen Bischöfe durchaus vor in eine kirchenrechtliche Grauzone. Da solche Synoden bisher praktisch ohne Vorbild waren, gab es dafür keine gesamtkirchlichen Regelungen. Diese Lücke nutzten die Schweizer Bischöfe geschickt und handelten selbstbewusst und eigenverantwortlich. Erst mitten in der laufenden Synode, anlässlich eines Zwischenberichts von Ivo Fürer in Rom, wurde diesem vorgehalten, dass die Durchführung einer Landessynode und in der Folge das Synodenstatut einer Genehmigung durch die zuständigen Behörden in Rom bedurft hätten.

Komplexes Verfahren

Die Synode 72 dauerte vom 23. September 1972 bis zum 30. November 1975, erstreckte sich also genau 10 Jahre später praktisch über den gleichen Zeitraum wie das Zweite Vatikanische Konzil (11. Oktober 1962 – 8. Dezember 1965). In diesen gut 3 Jahren fanden 7 diözesane und 6 gesamtschweizerische Sitzungen à 2-4 Tage statt. Gut schweizerisch entschied man sich für ein kooperativ-föderalistisches Modell der Durchführung. Albert Gasser bringt es auf den Punkt: „Die Synode 72 wurde gesamtschweizerisch vorbereitet, in den Diözesen aber eigenständig durchgeführt, allerdings parallel und gleichzeitig und präzis synchron. In allen Bistümern wurden in der gleichen Session und am selben Tag die gleichen Vorlagen behandelt. Am Schluss wurde die Synode überdiözesan zusammengefasst.“[3] Dieses koordinierte Vorgehen ermöglichte eine ausgewogene Abstimmung von bistumseigener Prägung und interdiözesaner Vernetzung, von Bistumsautonomie und gemeinsamen, gesamtschweizerischen Vorstössen.

erstaunlich effizientes Verfahren

Dieses Modell führte zu einem einzigartigen und erstaunlich effizienten Verfahren: Die 12 interdiözesanen Sachkommissionen verfassten je zu ihrem Themenkreis eine Synodenvorlage. Unter Einbezug öffentlicher Reaktionen nahmen die diözesanen Sachkommissionen dazu Stellung und bereinigten die Vorlage. Die jeweilige interdiözesane Sachkommission und die Koordinationskommission der Synode 72 ventilierten, welche Themen gesamtschweizerisch verabschiedet werden konnten. In mehreren Schritten wurden nun in den Synodensessionen Entscheidungen und Empfehlungen auf diözesaner und auf gesamtschweizerischer Ebene diskutiert und verabschiedet. Die verabschiedeten Entscheidungen und Empfehlungen unterlagen jeweils der Genehmigung durch die Diözesanbischöfe.

Sorgfältige Themensetzung

Die Themenfindung begann früh. Noch im Jahr 1969 wurde in allen Bistümern flächendeckend eine Umfrage durchgeführt. Etwa 1,3 Millionen Karten mit einem Fragekatalog wurden verteilt. Katholikinnen und Katholiken sollten ihre Anliegen, Themen und Wünsche für die Synode benennen. Weit über 150‘000 Karten kamen ausgefüllt zurück, darüber hinaus über 10‘000 Briefe. Insgesamt haben sich über 330‘000 Personen vernehmen lassen.

Mit Hilfe des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts in St. Gallen wurden die Antworten sorgfältig evaluiert und daraus ein Katalog von 12 Themen für die Synodenberatungen zusammengestellt. Für die 12 Themen wurden Sachkommissionen auf interdiözesaner Ebene und in jeder Diözese (ebenfalls in einem Wahlverfahren) bestellt. Diese Sachkommissionen bereiteten die Themen für die Synode vor.

für die Lockerung des Zwangszölibats und für die Öffnung des Diakonats für Frauen

Als Brennpunkte zeigten sich in dieser Vernehmlassung Probleme rund um Ehe und Familie sowie Glaubensfragen. Im Laufe der Synodendebatten erhielten aber auch diakonische und sozialpolitische  Fragen sowie ökumenische und kirchenstrukturelle Fragen einen immer grösseren Stellenwert.[4] Konkret setzte sich die Synode 72 beispielsweise ein für eine differenzierte Beurteilung vorehelicher Sexualität und einen sensibleren Umgang mit Geschiedenen Wiederverheirateten (Text 6), für eine grössere Offenheit in Bezug auf die ökumenische Gastfreundschaft in der Eucharistie (Text 5). Die Diakonie wollte sie fördern, indem sie den Pfarreien empfahl, kirchliche Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen anzustellen und ins Seelsorgeteam zu integrieren (Text 8). Politisch setzte sie sich dafür ein, dass in der Schweiz für Militärdienstverweigerer ein ziviler Ersatzdienst geschaffen wird (Text 10), was 1990 geschah. Sie forderte die Bischofskonferenz auf, sich für die Lockerung des Zwangszölibats und für die Öffnung des Diakonats für Frauen stark zu machen. Sie unterstützte Studien zu einer Neubeurteilung der Frage des Priestertums der Frauen (Text 3). Und nicht zuletzt forderte die Synode die Schaffung eines gesamtschweizerischen Pastoralrats, der als pastorales Planungsinstrument der Bischofskonferenz rechtlich ähnlich wie ein diözesaner Seelsorgerat funktionieren sollte (Text 3). Leider wurde diese konkrete Forderung bis heute nicht umgesetzt. Sie ist aktueller denn je.

Nachdenkliches Fazit

Dieser knappe Einblick in Genese und Planung der Synode 72 sowie in formale Verfahrensfragen und das damalige Wahlprozedere zeigt: Was vor 50 Jahren innerhalb der strikt hierarchisch strukturierten katholischen Kirche an synodal-demokratischer Mitbeteiligung aller Gläubigen möglich war und von den Kirchenleitungen und Bischöfen aktiv initiiert und gefördert wurde, verdient auch heute noch allergrössten Respekt und bleibt ein Stachel im Fleisch der Schweizer Kirche. Dies umso mehr, als seither nie mehr nur annähernd eine solche synodal-demokratische Beteiligung aller Gläubigen an kirchlichen Entscheidungsprozessen angestrebt oder gar realisiert wurde. Im Gegenteil: Schon wenige Jahre nach Abschluss der Synode 72 begann im Fahrwasser der allgemeinen kirchlichen Restauration der Wind auch in der Schweizer Kirche nachhaltig zu drehen.

Wo stehen wir heute?

Und wo stehen wir heute? Trotz des derzeit inflationären Gebrauchs des Wortes „Synodalität“ waren wir in der ersten Hälfte der 1970er Jahre bezüglich synodal-demokratischer Beteiligung aller Gläubigen und Ernstnehmen des sensus fidelium in der katholischen Kirche Schweiz weiter, viel weiter als heute. Dass die heutigen Bischöfe und die Schweizerische Bischofskonferenz das 50-Jahr-Jubiläum ihres eigenen Vorzeigeprojektes von damals bisher ohne offizielle Erinnerung verstreichen lassen, ist dafür ein Indiz, das nachdenklich stimmt.[5]

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Text und Bild:
Felix Senn, Dr. theol., freischaffender Theologe und Erwachsenenbildner und Mitglied des Präsidiums des Vereins tagsatzung.ch


[1] Vgl. zur Vertiefung Rafael Luciani, Unterwegs zu einer synodalen Kirche. Impulse aus Lateinamerika, Luzern 2022, sowie Paul M. Zulehner/Peter Neuner/Anna Hennersperger (Hg.), Synodalisierung. Eine Zerreissprobe für die katholische Weltkirche? Expertinnen und Experten aus aller Welt beziehen Stellung, Ostfildern 2022.

[2] Vgl. dazu und zum Folgenden Albert Gasser, Das Kirchenvolk redet mit. Die Synode 72 in der Diözese Chur, Zürich 2005, bes. 23ff.

[3] Gasser, ebd. 25f.

[4] Vgl. die originalen Synodentexte des Bistums Basel unter https://www.bistum-basel.ch/de/Navigation1/Pastoral/Synode-72.html# , des Bistums St. Gallen unter https://www.bistum-stgallen.ch/dokumente/synode-72/.

[5] Eine Initiative „von unten“ musste im Juni 2022 in die Bresche springen: vgl. https://www.tagsatzung.ch/synode22/.

Zum Weiterlesen:

Anstösse aus Lateinamerika zum synodalen Prozess

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